„Der blonde Neger“ in „Giovannis Zimmer“

Nun ist in diesem Jahr in einer Neuübersetzung der Roman „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin erschienen.

In den Buchbesprechungen wird stets nur davon geschrieben, Baldwin beschreibe die Liebe zwischen „zwei weißen Männern“. Freilich die dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG aus München läßt bereits mit ihrem Klappentext

„Baldwin brach mit ‚Giovannis Zimmer‘ 1956 gleich zwei eherne Tabus: Als schwarzer Schriftsteller schrieb er über die Liebe zwischen zwei Männern, zwei weißen Männern.“

keine andere Deutung in Rezensionen zu, als eben die, Baldwin beschreibe „zwei weiße Männer“ …

Giovanni ist ein Italiener. Was von ihm erzählt wird, auch von seiner Zeit in Italien, verleitet nicht dazu, über seine Hautfarbe zu spekulieren. Die Haut wird „weiß“ sein, so „weiß“ die Haut des „weißen Mannes“ eben „weiß“ ist.

David ist ein Amerikaner. David ist der zweite „weiße Mann“. Jedenfalls nach dem Klappentext und nach den diesem darein folgenden Buchbesprechungen.

Und was im Roman deutet denn darauf hin, daß er, David, tatsächlich ein „weißer Mann“ ist?

„My blond hair gleams.“

„Meine blonden Haare glänzen.“ Von seinem blond glänzenden Haar ist bereits im ersten Absatz auf der ersten Seite des Romans zu lesen. Und wessen Haar „blond glänzt“, kann, auch 2020, nach wie vor nur ein „weißer Mann“ sein.

Vielleicht muß er gar kein „weißer Mann“ sein. Nur weil sein Haar „blond glänzt“, muß er nicht zwingend ein „weißer Mann sein“.

Bereits 1923 schrieb Joseph Roth für die „Neue Berliner Zeitung“: „Der blonde Neger Guilleaume“.

„Guilleaume“ wird der „blonde Neger“ von Joseph Roth genannt und „Guillaume“ nennt James Baldwin seine Figur, die neben David mit seinem blond glänzenden Haar, Giovanni, Hella und Jacques eine sehr wesentliche Person in diesem Roman ist, und vielleicht, wenn an ihr Schicksal in diesem Roman gedacht wird …

Tatsächlich aber muß eingestanden werden, es ist nicht wirklich von Interesse, welche Hautfarben die Menschen im Roman von James Baldwin haben. Ein jeder Mensch, der diesen Roman liest, und dabei ein wenig unaufmerksam ist, und etwa „blond“ überliest, ist ein glücklicher Mensch zu nennen. Denn er entgeht der Falle, darüber, auch darüber noch nachzudenken, ob die Hautfarben der Figuren eine Bewandtnis haben, oder diese keine haben. Er erspart sich das Geschwefel über … auch von einem seit Kurzem einen Minister gebenden Mann in Österreich …

Wenn aber an das Geschwefel über Hautfarben gedacht wird, dieses nach wie vor gesellschaftsfähige und nach wie vor recht hoch wählbare Geschwefel, auch in Österreich, muß einfach der gesamte Text von Joseph Roth zitiert werden, den er vor bald einhundert Jahren in einer Zeitung veröffentlichte, und was ihm, Roth, damals zu Hitler einfiel, kann bald einhundert Jahre später zu vielen einfallen, kurz gesagt:

„Und nach einer Viertelstunde sah ich, daß dieser Neger nicht nur weit mehr wußte als Hitler aus dem Negerstamm der Oberösterreicher […]“

Kurz ist die Zeit, die gebraucht wird, um den gesamten Text von Joseph Roth zu lesen, darum soll dieser auch in seiner Gesamtheit hier wiedergegeben werden. Wie wird doch behauptet, der Mensch sei das Lebewesen der Geschwindigkeit. Nun, was das anbelangt, bis zum Wissen von Roth zu gelangen, das er vor bald einhundert Jahren bereits hatte, ist der „weiße Neger“, wo immer er wohnt, ob in München oder in Mittelberg, langsamer als eine Schnecke, die noch dazu körperlich beeinträchtigt ist, genügend Schleim abzusondern, um ihre Geschwindigkeit im gesunden Zustand zu erreichen.

Der blonde Neger Guilleaume

Jenen blonden Neger, den Widerspruch seiner selbst, das lebendige Dementi der schwarzen Schmach, den deutlichen Neger mit den blauen Augen, kurz eine Dinter-Gestalt, sprach ich auf der Fahrt von Wiesbaden nach Koblenz. Es saßen viele gute Burger im Zug, und in der Ecke am Fenster saß der Neger. Sagte ich Neger? Der Mann hatte aufgeworfene Lippen, schöne weiße Zähne, starke Backenknochen, aber veilchenblaue Augen und blondes gekrauseltes Haar. Alle im Coupé sahen auf den Neger. Er trug die französische Uniform und las ein Buch. Es war ein deutsches Buch. Schließlich konnte ein dicker Herr, ein Allerweltskerl, ein Reisender, hilfreicher Mann, der jedem mit ungewünschtem Rat beiseite stand und das Kursbuch auswendig kannte, seine Neugier nicht bezähmen. Er neigte sich liebevoll zu dem blonden Neger hinüber und fragte: »Was lesen Sie für ein Buch?« Der Neger sagte: »Von Sven Elvestad, ein gewöhnlicher Kriminalroman.« Also seine Überlegenheit dem Frager gegenüber erweisend, welcher keine Ahnung hatte von Sven Elvestad und dem nach der ganzen Konstruktion anzusehen war, daß er Kriminalromane nicht gewöhnlich finden konnte.

Nun war eine Verbindung hergestellt, und der Neger begann zu sprechen. Er sprach deutsch. Ein fließendes Deutsch mit einer tiefen, klangvollen, angenehmen Stimme. Vier Monate war er schon in Europa. Er kannte große deutsche Städte wie Köln, Frankfurt am Main, Hannover, Koblenz, Düsseldorf. Er fühlte sich sehr wohl in Deutschland. Man wunderte sich allgemein über das blonde Haar. Als er für einen Augenblick hinausging, sagte der dicke Allerweltsherr zu seinem Nachbarn: »Fragen Sie ihn doch, warum er blond ist. « Aber als der Neger wieder da war, fragte ihn niemand.

Wir stiegen zusammen in Koblenz aus. Das Coupé hatte er mit einem freundlichen süddeutschen Gruß verlassen. Er sagte: »Grüß Gott.« Ein Grüßsigott-Neger. Eine herrliche Mischung, fast rein arisch. In Koblenz am Bahnhof erregte er Aufsehen. Er war groß, breitschultrig, hochhüftig, ein prachtvoller Mensch. Vor dem Gepäckschalter warteten wir beisammen eine Weile. Er mußte einen schweren Koffer abgeben. Ich ließ ihm den Vortritt. Er lehnte ab. Wir stritten fünf Minuten darum, wer von uns beiden den Koffer abgeben sollte. Es wuchs sich langsam zu einer schwarzen Schmach heraus. Schließlich kamen wir in ein vertrautes Gespräch, und der blonde Neger erzählte: Er heißt Guilleaume. Er heißt nicht nur Guilleaume, er heißt auch Thiele. Er heißt also Wilhelm Thiele und ist ein Sergeant und gehört der Okkupationsarmee an und ist sozusagen ein Feind Deutschlands.

Ein Neger und blond und blauäugig, aus lauter Gegensätzen zusammengesetzt. Ein politisches, ein ethnologisches Paradox. Sein Vater war ein Fremdenlegionär, seine Mutter eine Schwarze. Vom Vater hat er also das blonde Haar, seine Muttersprache ist Deutsch. Seine Mutter lebte eine Zeitlang in München und war Stenotypistin in einem großen Bankgeschäft. Er blieb indessen bei seinen Großeltern. Er ist nicht nur ein Deutscher, er ist ein Süddeutscher. Gelegentlich sagt er »nit«. Wie es ihm zumute ist in Deutschland, als »Feind«, fragte ich ihn. Er habe sich sehr gefreut, sagte er, als er nach Deutschland kam. Unter seinen Kameraden halte er Vorträge. Er lese ihnen manchmal aus Goethe vor. Sein Lieblingsdichter ist Lenau. Und nach einer Viertelstunde sah ich, daß dieser Neger nicht nur weit mehr wußte als Hitler aus dem Negerstamm der Oberösterreicher, sondern sogar, daß er eine intuitiv tiefere Verbundenheit mit dem deutschen Wesen besaß als zum Beispiel ein Professor von Freytagh-Loringhoven oder Rothe; daß dieser Neger Guilleaume in der Reinheit seiner Seele weit über der angeblichen Rassereinheit Dinters stand und daß er der blauen Augen und der blonden Haare gar nicht bedurft hatte, um ein Deutscher zu sein. Er wohnte in einem kleinen Bauernhaus in der Nähe von Koblenz, und ich war bei ihm am Nachmittag. Er spielte Geige. Dabei sah ich, daß er schlank war und große Hände und Finger hatte. Ich sah das Bild seines Vaters, eines Mannes mit blondem aufgezwirbeltem Schnurrbart. Dieser Mann war in Frankreichs Diensten gestorben. Und dann sah ich das Bild eines jungen Mädchens aus München, die die Braut des Negers werden soll. Nachher, natürlich, wenn alles zu Ende ist. Ich fürchte, es wird noch lange nicht alles zu Ende sein, zumindest nicht in München, wo die weißen Neger wohnen und wo man bestimmt nicht die Braut eines französischen blonden deutschen Schwarzen sein darf, ohne von Hakenkreuzlern gepeinigt zu werden.
Joseph Roth, Neue Berliner Zeitung –
12-Uhr-Blatt, 28. 12. 1923