Lobe war genau der Pädagoge, der uns gefehlt hatte.

„Er erkannte unseren wirklichen Wert, auf einen Blick. Er wusste, mit wem er es zu tun hatte, und schenkte uns sein Vertrauen. Er setzte durch, dass die polizeiliche Überwachung aus der Schule entfernt wurde.“

Menschgemäß ist es Unsinn, zu sagen, es kann über ein Buch nicht gesprochen, weil dessen Inhalt unerträglich, unaushaltbar, nicht zu verkraften ist, wie behauptet wurde.

Wenn die Menschen, vor allem Kinder, in ihrem Leben das Geschilderte täglich auszuhalten haben, jede Nacht zu ertragen haben, ihre Weltwirklichkeit zu verkraften haben, dann ist das Lesen von solch Geschildertem und vor allem das Sprechen über solch Geschildertes eine …

Es muß aber das Geschilderte, das nicht auszuhalten ist, das nicht zu ertragen ist, das nicht zu verkraften ist, nicht nacherzählt werden, wie es in Besprechungen dieses Buch passierte. In solchen Besprechungen geben die Menschen, die solche Besprechungen schreiben, mehr über sich preis, als über das besprochene Buch selbst, durch ihre Auswahl, was sie wert befinden, nachzuerzählen. Das Wesentliche dabei verschweigen, die Stellen im Buch, die Wege aufzeigen, wie gegen dieses Elend vorgegangen werden kann, wie Menschen, diesem Elend entrinnen können, das absolut nicht erwähnenswert finden, wohl deshalb, weil sie, ohne das sich selbst eingestehen zu können, meinen, diese Menschen haben dort zu bleiben, wo sie sind, da sie, wie beispielhaft in einer Buchbesprechung es zu lesen ist, „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“ sind. Der Rezensent, es ist ein Mann, der Rezensent wagt das, so fein ist seine Meinung von sich selbst, nicht in eigenen Worten zu schreiben, sondern maskiert es mit einem Zitat, läßt Karl Marx für sich marschieren.

Und wie gerade dieser Rezensent das Unwesentlichste in seiner Buchbesprechung hervorhebt, dafür darf das Beispiel des Schuldirektors Lobe herangezogen werden.

Der Buchbesprecher meint, die Beziehung zwischen Lobe und Calaferte, der in seinem Buch selbst eine Figur mit seinem eigenen Namen ist, ist „die einzige wirkliche Liebesgeschichte“ in diesem Buch.

„Der halbwüchsige Louis trifft bei seinem Schuldirektor, einem kriegsversehrten Lebemann mit Vorliebe für Kneipenschlägereien, instinktiv auf Verständnis. Es ist dies die einzige wirkliche Liebesgeschichte in einem Buch, das man künftig in einem Atemzug mit Célines Tod auf Kredit oder Jean Genets Miracle de la Rose wird nennen müssen.“

Eine Liebesgeschichte, nein – eine Freundschaft, ja … eine Freundschaft zwischen Calaferte und Lobe, von allem getragen, was eine Freundschaft kennzeichnet, auszeichnet.

Das Verständnis, das Lobe den jungen Menschen in der Schule entgegenbringt, ist kein instinktives Verständnis. Er weiß, was zu tun ist, und Lobe handelt. Für die jungen Menschen. Und die jungen Menschen erkennen sofort, was ihnen bislang fehlte.

„Lobe war genau der Pädagoge, der uns gefehlt hatte. Er erkannte unseren wirklichen Wert, auf einen Blick. Er wusste, mit wem er es zu tun hatte, und schenkte uns sein Vertrauen. Er setzte durch, dass die polizeiliche Überwachung aus der Schule entfernt wurde. Vor seiner Ankunft wurde unser Kommen und Gehen von zwei Wachleuten mit Argusaugen kontrolliert. Lobe verpflichtete sich, die Überwachung selbst zu übernehmen. Damit hatte er bei uns einen dicken Stein im Brett. Wir waren ihm sofort dankbar dafür. Mit dem würden wir auskommen können. Er stand auf unserer Seite, dieser Einarmige mit dem geriffelten Monokel, in dem sich die Lichter verfingen.“

„Als wir von der Schule abgingen, waren wir halbwegs annehmbare Jungs, die es, gestützt auf ihren Willen, mit dem Leben aufnehmen konnten, ohne systematisch zu Vorbestraften zu werden. Lobe hatte getan, was er konnte, und hätten wir nicht ihn gehabt, um uns ein wenig Verstand beizubringen, frage ich mich ernsthaft, was wohl insgesamt aus uns geworden wäre.“

„In einer Wohnung, die in Büchern versank. Vor dieser Flut von Bänden ist mir offenbar geworden, was ein Buch, was das Lesen sein sollte. Er war es, der mir das erste Buch lieh, das kein Schulbuch war: Widerlegung der Bibel.“

Vielleicht ist auch Neid dabei, daß der Buchbesprecher Lobe in seiner Besprechung auf Instinkte und Kneipenschlägereien reduziert, die Beziehung zwischen Lobe und Calaferte zur einzigen wirklichen Liebesgeschichte verkitscht. Weil der Buchbesprecher in seiner Jugend keine Pädagogin hatte, keinen Pädagogen wie Lobe, der ihm offenbarte, was ein Buch, was das Lesen

Es gibt Wege heraus, auch aus dem Elend, es gibt Veränderungen, Verbesserungen. Davon erzählt dieses Buch ebenfalls. Von der Wichtigkeit der Pädagogik. Davon aber berichtet der Buchbesprecher nichts. Das verschweigt der Buchbesprecher. Geradeso, als müsste es in Lagern auf ewig so bleiben, als dürfte es für Menschen in Lagern kein Entkommen, kein Entrinnen geben. Für sie keine Aussicht auf ein gutes Leben.

Von einem Buchbesprecher, der in seinem ersten Absatz bereits Karl Marx bemüht, könnte anderes erwartet werden, als das wohlige Nacherzählen von Grausamkeiten, als das Verkitschen, als das Mißverstehen, als das Miesverstehen …

Traurig, daß der Buchbesprecher nicht weiß, in seinem hohen Alter noch nicht weiß, was eine Liebesgeschichte wirklich

Tatsächlich nicht auszuhalten, tatsächlich nicht zu ertragen, tatsächlich nicht zu verkraften, sind derartige Buchbesprechungen.

Und wie so oft auch diesmal, das Glück, von solchen Buchbesprechungen erst später, durch Zufall, lange nach der Lektüre der miesbesprochenen Bücher erfahren zu haben.

Karl Marx, also ein Mensch des 19. Jahrhunderts hätte das Buch bereits leichthin verstanden, als ein Buch, das Möglichkeiten von Veränderungen, von Verbesserungen konkret aufzeigt, hin zu einem guten Leben. Ein gutes Leben, das der Buchbesprecher den Menschen in derartigen Lagern nicht zugesteht, weil sie für ihn, auch wenn er dafür Worte eines anderen mißbraucht, Abfall, Auswurf, Abhub sind, die es nicht verdienen, aus dem Elend herauszukommen, deshalb von ihm verschwiegen werden muß, daß es auch für sie Perspektiven gibt, nicht nur, aber auch mit starker Unterstützung durch Pädagogik. Durch eine Pädagogik aber, die nicht eine der „zärtlichen Sprache der Fäuste“ ist.

Calaferte selbst ist dafür der herausragendste Beispielgeber, mit seinem Glück, im richtigen Moment einen Pädagogen wie Lobe an seiner Seite gehabt zu haben. Die pädagogische Unterstützung darf aber kein Glück sein, sonst bleibt es bei Einzelfällen, die es schaffen, dem Elend zu entrinnen. Sie, die pädagogische Unterstützung, muß strukturell und breitest verankert sein.

Es gibt in dem Buch tatsächlich eine „wirkliche Liebesgeschichte“. Aber Calaferte ist keine Pilcher, und es muß Nachsicht mit dem Buchbesprecher geübt werden, diese wirkliche Liebesgeschichte nicht erlesen zu haben.

„Der letzte Satz dieses Buches, ein Satz der Liebe, ist für ihn geschrieben und für eine Frau, über die ich nicht gesprochen haben werde. Sie allein wird es wissen. Sie und ich. Und ich allein habe sie geliebt. Nicht wahr, G…“

Dieser Satz ist geschrieben für die geliebte Frau und für Schborn. Schborn ist für den Buchbesprecher ein „schöner Name“. Calaferte versteht nicht Liebesgeschichten wie Danella etwa zu schreiben, damit der Buchbesprecher eine solche auch sofort als eine erkennen kann, aber er, Calaferte, versteht es, von Liebe zu schreiben, auch von der Liebe in solchen Lagern, von der Liebe im Elend.

„Trotz seines gesunden Menschenverstandes, seiner Sicht der Dinge, seiner Schlauheit und seiner Vorliebe für das Abstrakte fehlte es Schborn an wirklicher Logik. Er war ein intuitiver Mensch. Ein Dichter. Einer, der die Welt zusammensetzt und auseinandernimmt, um sie von neuem und besser zusammenzusetzen. Später entdeckte ich in der Stadt, als wir zusammen wie eh und je ein entsetzlich unbequemes und heruntergekommenes Zimmer bewohnten, was mein Kamerad war. Ein erstaunlicher Kerl. Ein Herz voll von Mut. Ein Herz voll von Liebe. Dieser unbefriedigten Liebe, um die sich niemand in der Zone scherte. Hinter seinem grausamen Auftreten erwies sich Schborn als über die Maßen rein, er strebte nach dem Leben und der Liebe, die er nicht kannte. Der letzte Satz dieses Buches, ein Satz der Liebe, ist für ihn geschrieben und für eine Frau …“

Der Buchbesprecher soll auch ein Schriftsteller sein. Seine Buchbesprechungen sind Empfehlung genug, je kein Buch von ihm aufzuschlagen.

„Es begann am Arsch der Welt.“ Zitiert der Buchbesprecher den ersten Satz des Buches von Calaferte gleich zu Beginn seiner Besprechung.

Es soll mit dem letzten Satz des Buches der Abgesang auf einen Buchbesprecher das Kapitel geschlossen werden.

„Selbst meine Gespenster weigern sich, mir zu folgen, und in der Luft schwingt nur eine unmenschliche Musik zur Begleitung der Tränen, während ich für einen toten Kameraden und ein Mädchen, das ich liebe, einen wunderbaren Gesang der Liebe anstimmen möchte …“