Eine zu unterzeichnende Charta

Trauet den Weißen nicht,
ihr Bewohner des Ufers!
In den Zeiten unsrer Väter
landeten die Weißen auf dieser Insel.
Man sagte zu ihnen: da ist das Land,
eure Frauen mögen es bauen;
seid gerecht, seid gut,
und werdet unsere Brüder.

Die Weißen versprachen, und dennoch
warfen sie Schanzen auf.
Eine drohende Festung erhob sich;
der Donner ward in eherne Schlünde gesperrt;
ihre Priester wollten uns
einen Gott geben, den wir nicht kennen;
sie sprachen endlich
von Gehorsam und Sklaverei.
Eher der Tod!
Lang und schrecklich war das Gemetzel;
aber trotz den Donnern, die ausströmten,
die ganze Heere zermalmten,
wurden sie alle vernichtet.
Trauet den Weißen nicht!

Neue, stärkere und zahlreichere Tyrannen
haben wir ihre Fahne am Ufer pflanzen gesehn.
Der Himmel hat für uns gefochten.
Regengüsse, Ungewitter und vergiftete Winde
sandt‘ er über sie, sie sind nicht mehr,
und wir leben und leben frei.
Trauet den Weißen nicht,
ihr Bewohner des Ufers.

Mit diesem Lied beginnt das Buch „Traut den Weißen nicht“ von Alain Badiou.

Mit einem Gedicht läßt Alain Badiou sein Buch auch enden, beinahe.

Wir, die wir keinen festen Wohnsitz haben
wir, die wir unser Zuhause überall
aufschlagen, wo wir sind
wir, die wir unsere Heimatstädte verlassen haben
wir, die wir von Ort zu Ort herumziehen
wir, die wir ein Leben auf Wanderschaft führen

Wir, die wir aus der gelben Erde stammen
wir, die wir, um zu leben
die gelbe Erde verraten haben
wir, die wir in der Stadt kämpfen
unseren Schweiß und unsere Jugend Tropfen um Tropfen opfern
oft als Fremde ausgeschlossen

Wir, die wir uns nach Osten
und Westen zerstreuen
wir, die wir in der Stadt leben,
aber die man noch „Bauern“ nennt
wir, die nach Hause zurückkehren,
finden, dass uns nichts mehr vertraut ist
wir, die wir zwei Dinge zugleich machen können
da wir in der Mitte festsitzen
wir, die wir verlassen sind
und die also inmitten des Frühjahrs im ersten Mondmonat so schnell wie möglich einer nach dem anderen in den Süden aufbrechen

Und wer sind wir genau?
Wer genau sind wir?

Wir, Arbeiter,
wir, die wir durch alle Jahreszeiten
hindurch arbeiten
wir, die wir Zugvögeln ähneln,
die alles verloren haben

Wir sind „lahme Enten“.

Mit diesem Gedicht von Xin You endet beinahe das Buch von Alain Badiou. Knapp davor zitiert Alain Badiou aus einem Gedicht von Guo Jinniu.

„Kleiner weißer Schmetterling, Tränen fließen“
Im Süden bricht jemand die Tür eines Mietzimmers auf.
Guter Gott! Sie kommen, um die Befristete
Aufenthaltsgenehmigung zu kontrollieren.

Im Anschluß daran schreibt Alain Badiou.

Sie sehen, wie mit einer Art hartnäckiger Nüchternheit die Vermischung von zwei grundlegenden Fragen dichterisch verarbeitet wird, die überall auf der Welt mit den Bewegungen der nomadischen Proletarier verbunden sind: die Frage der Reise und die Frage der Papiere. Für den nomadischen Proletarier stellt sich immer und überall die Papierfrage, die ihn nicht loslässt, das, was Jacques Rancière zu Recht den „Papierkram der Armen“ nennt: Passvisum, unterschiedliche Zertifikate, Behördenvorladungen, befristete Aufenthaltsgenehmigungen, Abschiebungsbeschlüsse, Bestätigungen des Alters, des Geschlechts, der Herkunft, des Bildungsniveaus, der Sprachkenntnisse und so weiter.

Sie wissen längst, worum es in diesem Buch geht. Es geht um — nein, das Wort wird nicht ausgeschrieben, auch das steht im Buch, warum dieses Wort, das verletzt, nicht gesagt werden soll.

Das Lied am Anfang des Buches: 1783 von Évariste de Parny geschrieben, von Ravel vertont, schreibt Alain Badiou. „Trauet den Weißen nicht!“ … Das ist kein Aufruf aus der Gegenwart also, sondern eine sehr alte , eine ganz alte, uralte Feststellung. Und übersetzt wurde dieses Lied von Johann Gottfried von Herder, von ihm in seine Sammlung „Stimmen der Völker in Liedern. Volkslieder. Zwei Teile 1778/79“ aufgenommen. Es ist die Übersetzung von Herder, in seinen deutschen Worten der Ausruf und Aufruf „Trauet den Weißen nicht!“ — —

Wie anders wird Herder sonst begegnet, etwa in Österreich, wenn am Pool liegend

Sie wissen es längst schon. Es kann empfohlen werden, es zu lesen, das gesamte Buch zu lesen. Nehmen Sie es auf in ihre Sammlung des Wissens, wenn Sie darüber sprechen wollen, dessen „schlechtes Wort“ hier nicht geschrieben wird.

Dennoch ein paar Zitate aus dem Buch. Von Alain Badiou zu Frankreich geschrieben, aber so zutreffend auf viele Länder, beispielsweise auf Österreich …

Die nationalistische und faschistoide Thematik des Fremden als Bedrohung, für die Identität zeigt sich rege wie in den 1930er-Jahren. Man nicht davor zurück, die Situation als die einer Invasion unserer zivilisierten Länder durch Horden darzustellen, durch Horden von […], zum Beispiel durch Horden von „Roma“. Die moslemische Religion wird als eine barbarische Gefahr angesehen. Man schließt die Arbeiterheime, man unterstellt die Jugend der Vorstadtviertel einer polizeilichen Kontrolle, man macht Delogierungen zur Norm, die Erlangung eines Aufenthaltstitels wird zu einem Kreuzweg, man lässt Tausende der sogenannten […] im Mittelmeer ertrinken, man beschließt neue ruchlose Gesetze, die es auch noch auf die Bekleidungs- und Ernährungsgewohnheiten der Betroffenen abgesehen haben.

[D]en Vorwand liefert, handelt es sich um eine Art Verdauung des Elends derer, die aufgebrochen sind wegen der vermeintlichen „Werte“ – Gastfreundlichkeit und Demokratie – der Länder, in die sie gehen.

Der Ausgangspunkt, den jeder kennt, ohne dass man die Konsequenzen daraus zieht, lässt sich so formulieren: Im kapitalistischen Universum, das das Schicksal der Menschheit bestimmt, ist der Maßstab die Produktion von was auch immer die ganze Erde, die ganze Welt.

Das Buch mit seinen gerade einmal fünfzig Seiten endet mit einem Aufruf:

Die nomadischen Proletarier fordern uns durch die Stimme der Dichtung dazu auf, diese Charta zu unterzeichnen. Ihr universalistischer Schwung ist überzeugend und sie könnte noch lange in uns nachwirken. Vor allem in uns, denn diese Deklaration endet, indem sie die absolute Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit darlegt, das Ertrinken, die massenhaften Festnahmen, die Verbote, den Papierkram der Armen sowie jegliche Ausgrenzung aufgrund von Herkunft oder Status und die erbärmlichen und schändlichen Versuche, sie zu begründen, nicht länger hinzunehmen. Hier die fünf letzten Artikel dieser feierlichen Dichter-Erklärung:

9. Die Dichter erklären, dass eine nationale oder supranationale Verfassung, die keine Vorkehrungen für die Aufnahme von Menschen bereithält, die eintreffen, durchreisen und an unsere Hilfe appellieren, ebenfalls gegen den Grundsatz der Sicherheit für alle verstößt.

10. Die Dichter klären, dass dem Flüchtenden, Asylsuchenden, […] in Not, dem freiwillig Ausgereisten oder poetisch Vertriebenen, der an einem Ort der Welt auftaucht, nicht nur ein Gesicht und ein Herz, sondern alle Gesichter und alle Herzen zugewandt sein sollten. Denn er kommt aus den Tiefen der Menschheitsgeschichte zu uns, er ist das absolute Symbol für die menschliche Würde.

11. Die Dichter erklären, dass auf unserem Planeten kein Mensch jemals mehr ein fremdes Land betreten soll – alle Länder sollen ihm Heimat werden – und dass er auch nicht am Rand der Gesellschaft bleiben muss, denn jeder wird ihn willkommen heißen. Weil diese Gemeinschaft die Diversität auf der Welt schätzt, wird sie es ihm selbst überlassen, welches kulturelle Gepäck und Handwerkszeuge er für sich wählt.

12. Die Dichter erklären, dass unabhängig von den Umständen, unter denen ein Kind auf die Welt kommt, es seiner Kindheit nicht beraubt werden darf. Die Kindheit ist Blut von unserem Blut, sie ist das Salz der Erde, der Boden, auf dem wir alle stehen. Daher ist ein Kind überall zu Hause wie der Windhauch, das reinigende Gewitter, es hat alle Rechte und ist Staatsbürger von vorneherein.

13. Die Dichter erklären, dass das gesamte Mittelmeer zu einem Denkmal für die Menschen wird. die in ihm den Tod fanden, dass sich über seine Ufer ein Torbogen spannt, offen für den Wind und die kleinsten Lichter, dass auf ihm für alle sichtbar das Wort WILLKOMMEN prangt, in allen Sprachen, in allen Liedern, und dass dieses Wort für die Ethik des Zusammenlebens auf der Welt steht.