Volksabstimmungen

Vielleicht ist gar nicht die Fahrt durch Sachsen-Anhalt und Thüringen dafür verantwortlich, von Schuld daran will nicht gesprochen werden, daß das Torhaus in Molfsee in der Sekunde das Torhaus Auschwitz erinnerte, sondern eine Postkarte in der Ausstellung im Freilichtmuseum Molfsee, das Plakat, das mehrheitlich Männer und wenige Frauen mit ausgestreckten Armen zum kühnen Drei-Finger-Gruß und ebenfalls einen alten, übergroßen Mann mit erhobenen Arm zum Drei-Finger-Gruß ihnen voran zeigt und darunter der Aufruf:

Seit 1000 Jahren sind wir Schleswiger
Wir wollen Schleswiger bleiben
darum stimmen wir deutsch.

Alexander Eckener schuf für die Volksabstimmung in Schleswig von 1920 diesen Aufruf mit dem Drei-Finger-Gruß, vertrieben als Plakat und als Postkarte, und auch Paul Haase schuf Propagandaplakate und Postkarten:

Wir wollen Deutsch sein
Wie unsere Väter waren.


Ich bin
Deutsch

Was der Deutsche gesät
soll das der Däne ernten?

Diese Volksabstimmung von 1920 erinnerte in der Sekunde die Inschrift am Kirchturm in Villach und

die Volksabstimmung von 1920 in Kärnten, Österreich, und an das,

was in einem Reiseführer aus 2021 von DuMont zu lesen ist, zu einem künstlerischen Nationalsozialistischen Kärntens:

Auf dessen Wänden hat Suitbert Lobisser ein Fries mit Szenen aus den schwierigen Jahren vor der Volksabstimmung von 1920 hinterlassen –

Mit dem lobisserischen Fries zur Volksabstimmung wurde vor fünf Jahren zum Fest „100 Jahre Kärntner Volksabstimung“ geladen, ein Mädchen durfte ein Gedicht vortragen, vom dem Herzogstuhl, dessen Verfasser nicht genannt ward, und es will gar nicht nachgeforscht werden, wer diesem Gedichtetem Verfasserin …

Chorleiter: Ja, wir sind nun bei der Jugend angelangt.
Und die Lindis, Alissa wird uns ein Gedicht zu
Kärnten aufsagen. Bitte sehr.

Tochter: Kärntner Treue

Wo die Karawanken stehn
Aufgebaut von Gottes Hand
Kämpften treue Kärntner einst
Für ein freies Heimatland
Für ein ungeteiltes Land
Uns die Heimat zu erhalten
Und befrein von Schmach und Not

Haben sie gekämpft, geschworn
Kärnten treu bis in den Tod

Heimat Heimat Kärntnerland
Land der Lieder Berge Seen
Doch der Heimat Quell ist dort
Wo der Liebe Fahnen wehn

Unsrer Liebe Fahnen wehn
Möge die Quelle nie versiegn
Mahnen uns in Fried und Not
Und uns die Hand der Bruder gebn
Kärnten treu bis in den Tod

Wenn von Österreich aus nach Molfsee kommend braucht nicht lange nachzudenken,

warum unweigerlich zum Torhaus im Freilichtmuseum sofort das Torhaus Auschwitz einfällt,

und auch der Drei-Finger-Gruß auf dem Plakat, auf der Postkarte ist es nicht,

erinnert der Drei-Finger-Gruß doch augenblicklick wieder an das gesinnungsgemäße Personal in Österreich,

etwa an den Mann, der zum Vizekanzler, dessen Partei einst in eig’ner Gesinnungswahrnehmung die „wahre Pegida“, gemacht und angelobt wurde,

der niemals zum Vizekanzler gemacht hätte werden dürfen, niemals als Vizekanzler angelobt hätte werden dürfen, und das nicht nur wegen der kühn gespreizten Dreifinger

Kurz, recht kurz dauerte seine Vizeschaft, wie bei einem Manne von solcher Gesinnung nicht anders zu erwarten, und das war schon klar, ehe dieser Mann, kurz wie einfach gesagt, zu dem gemacht und angelobt wurde

Nun ist dieser Vizeschafter wieder dort, wo er immer hätte bleiben sollen: in irgendeinem Grätzel, in dem er als Bezirksrat auf sich etwas einbilden kann … Andere jedoch, die ihn damals verteidigten, als er vergeblich versuchte wegzureden,

was es mit seinen gezeigten drei Fingern auf sich hat, sind immer noch nicht dort, wo er jetzt seit langem schon wieder ist, sondern —

Dieser aus Deutschland importierte und dort verbotene Neo-Nazi-Gruß war das Erkennungszeichen der österreichischen Neo-Nazi-Szene. In Österreich ist er laut Innenministerium nach der derzeitigen Rechtsprechung nicht strafbar (in Deutschland allerdings verboten). Für die beiden FPÖ-Generalsekretäre Herbert Kickl und Harald Vilimsky ist dieser Gruß „burschenschaftliche Tradition“.

Die FPÖ lief Freitag vorsorglich gegen ÖSTERREICH Amok – und verwickelte sich in immer mehr Widersprüche. Zunächst beschimpften die beiden FPÖ-Generalsekretäre Kickl und Vilimsky ÖSTERREICH sozusagen „präventiv“ als „hochgradig unseriös“. Als dann ab 15 Uhr der Inhalt der ÖSTERREICH-Fotos bekannt wurde, behaupteten die FPÖ-Generalsekretäre, ohne das Foto überhaupt gesehen zu haben, es handle sich dabei „um jenen Gruß, der seit 1961 von den Südtiroler Freiheitskämpfern verwendet wurde“.

18, vor achtzehn Jahren war das zu lesen, und einer von diesen zwei Herren

wäre 2025 beinahe in Österreich zum Bundeskanzler gemacht worden, beinahe als Kanzler angelobt worden,

hätte dieser nicht selbst seinen Traum, die Volkskanz’l zu erklimmen, zerstört.