Der mordende Hilflose in der Wüste

ISIS - der hilflose Mörder

Der mordende Hilflose in der Wüste.

Es soll nicht das Bild von James Foley in Erinnerung bleiben, wie er neben seinem Mörder kniet, das den Mörder mächtig erscheinen läßt. Der Mörder ist ein Mörder, jedoch nicht mächtig, sondern hilflos. Aber das wurde übersehen, übergangen – im hysterischen Starren auf ISIS, das bereits solche Ausmaße annimmt, zu vergessen, wer und was ISIS ist, wofür diese Abkürzung steht.¹ Und es wurden die Bilder von diesem Mord durch Medien und auf den diversen Plattformen im Internet verbreitet, zum Zweck der zweifachen Propaganda, einmal für die beabsichtigte Propaganda für den Kampf gegen ISIS und einmal als unbeabsichtigte Propaganda für ISIS². Menschgemäß fanden die Bilder auch Verbreitung aus Erschütterung über diesen grausamen Mord, ehrliche Erschütterung, wohl aber auch aus … Kein ermordeter Mensch darf noch dadurch derart erniedrigt werden, daß die letzten Bilder von ihm als Lebender die seiner Mörder und Mörderinnen sind, einzig aufgenommen dafür, mit seiner vorgeführten Demütigung und seiner Aussetzung der größten Angst, die ein Mensch je zu ertragen hat, zu wissen, in wenigen Augenblicken nicht mehr am Leben zu sein, eine vermeintliche Stärke, Macht zu demonstrieren, mit seiner Ermordung eine vermeintliche Hilflosigkeit der von ISIS als von ihr zu bekämpfende Ausgesuchte vorzuführen.

Wenn nämlich aus dem Bild der kniende James Foley entfernt wird, was ist dann noch zu sehen? Was bleibt dann noch von der ISIS-Propaganda? Nichts. Eine Wüste, ein Mann in der Wüste, ein hilfloser Mann mit kraftlos baumelnden Armen, mit hängenden und also schlappen Schultern, ein hilfloser Mann in der Wüste. Sonst nichts. Ein hilfloser Mensch mit hängendem Kopf und hängenden Augenlidern in der Wüste.

Nichts Großartiges also. Nichts Attraktives also. Nichts Verlockendes, um für ISIS zu morden, oder auch, für ISIS zu sterben. Vielleicht wußte der Mörder von James Foley das nur zu genau, in der Sekunde, als er sich derart hilflos zeigte, daß er schon ein von ISIS Verlassener ist, daß er nur ein Spielball ist, aus Großbritannien angereist, um seinem tatsächlichen oder eingebildeten Spielball-Dasein zu entgehen, in die Wüste gelockt, um weiter ein Spielballdasein zu führen, und all die Morde, die er möglicherweise davor schon begangen hat, all die Morde die er noch möglicherweise begehen wird, werden ihm kein anderes Dasein bringen und ermöglichen, als das eines Spielballs, bis er selbst in der Wüste seinen Tod finden wird, keinen großen Tod, keinen heldenhaften Tod, einen namenlosen Tod, den Tod eines Mörders, den Tod eines Mißbrauchten und schließlich Verbrauchten, es wird ihm einfach ohne das geringste Aufsehen die Luft ausgelassen werden, und mit seinem letzten Atemzug wird er bereits in die Grube des Vergessens geworfen sein, oder, er lebt weiter, er überlebt, muß damit weiterüberleben, ein Mörder zu sein, alleingelassen, von ISIS verlassen, von ISIS einfach entlassen, hinausgeworfen. Und wohin dann? Wohin es ihm dann auch verschlagen mag, er wird bleiben, was er war, ein Spielball.

Nach Großbritannien wird er wohl nicht zurück können, wenn das mit ISIS wieder vorbei ist. Denn. Es kann nur das Gefängnis sein, in das er zurückkehren kann. Und wenn er doch zurückkehrt, vielleicht hat er dann im Gefängnis Aussicht auf die Straße, auf der die Kolonne der Staatsgäste vorbeifahren wird, herzlich und mit höchsten Ehren empfangen, die Staatsgäste, die einmal ISIS finanzierten, für die er mordete. Oder, vielleicht wird es ihm erlaubt werden, sich die Fußballweltmeisterschaft in Katar anzusehen, und wird jene, die einmal ISIS finanzierten und unterstützten, diktatorisch großzügig gewähren ließen, im herzlichen und fußballberauschten Zusammensein mit hohen und den höchsten Regierungsvertreterinnen und Regierungsmitgliedern aus aller Welt erblicken, wie sie sich alle bei Toren jubelnd in die Arme …

Vielleicht wird er im Gefängnis sogar Sendungen von sogenannten ausländischen Fernsehstationen sehen dürfen und bis an sein Lebensende glauben, weil er nicht fragt, weil er je nie nachfragte, je nie hinterfragte, der ORF sei ein saudi-arabischer Fernsehsender, weil er einen Bericht eines Tages sehen könnte über den Besuch des Königs in Österreich, wo ihm zu seiner Lobpreisung und Huldigung ein Zentrum errichtet wurde, das gar so viel für den interreligiösen Dialog …

Wahrscheinlich aber weiß er nicht, wer ISIS finanziert und unterstützt, wem nie all die Morde angelastet werden, die er für sie begangen hat, für die er gestorben ist, oder, für die er irgendwann im Gefängnis sitzen wird. Ein Spielball weiß das nicht, ein Ball ist nur zum Treten da. Und wenn der Ball durch einen Tritt fliegt, glaubt der Ball, und das ist die Tragik, er fliegt, weil er fliegen will. Vielleicht aber ist ihm das klar geworden, in dieser Sekunde, als er so hilflos da stand, in der Wüste, daß es bloß heiße Luft ist, was ihm Verheißungsvolles versprochen wurde und er sich selber vorsprach und versprach, wenn er für ISIS in die Wüste geht, er bloß in der absoluten Wüste angekommen ist, in der nichts gedeiht, in der nichts erblüht, schon gar nicht sein Leben, in der bloß eines wächst, um mit Nietzsche zu sprechen, nur die Wüste …

Für den zum Mörder gewordenen Hilflosen in der Wüste ist es zu spät, aber es ist nicht zu spät, es all jenen zu sagen, die aus Europa jetzt noch in die Wüste wollen, um die in ihnen verborgene Wüste hinter sich zu lassen, sie, die Illusions- und Reisewilligen, nicht allein zu lassen, ihnen zu zeigen, wie auch sie dereinst verhöhnt werden, als Tote, als Verurteilte in Gefängnissen, wenn das mit ISIS wieder vorbei sein wird, und die, die ISIS finanzierten und unterstützten, in Europa mit Militärparaden …

ISIS¹ Es wird nicht nur vergessen, sondern es setzen sich Menschen und Unternehmen bereits Vorwürfen aus, wenn sie ISIS verwenden. Aber wenn das mit ISIS wieder vorbei sein wird, wird, vielleicht noch, ein Eintrag überbleiben: ISIS war für sehr kurze Zeit auch ein Akronym für einen Organisierten Glauben, deren Göttin aber nicht, wie nach dem Namen zu meinen gewesen wäre, eine aus der ägyptischen Mythologie war.

² Inzwischen kommt noch eine zweite Abkürzung zur Verwendung: „IS“. Eine Abkürzung, die für „Islamischer Staat“ stehen soll. Aber es ist absurd und vollkommen realitätsfern, eine Abkürzung zu verwenden für einen Staat, den es nicht gibt. Und es wäre bloß das Nähren von Illusionen, es könnte je einen solchen Staat geben, aber vor allem, ein gefährliches Irrleiten von Menschen, die meinen bereits jetzt in einen Staat zu reisen, während sie doch nur in die Wüste reisen, um dann ebenso mordend hilflos …

9 Gedanken zu „Der mordende Hilflose in der Wüste

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