Parteipolitikdenkmal

Oliver Rathkolb ist also in dieser Juli-Woche des Jahres ’20 an den Ort seiner Tafel zurückgekehrt.

Seiner Tafel, die ungenügend ist. Ungenügend, weil sie nicht ebenfalls über Josef Müllner aufklärt, den Bildhauer des KL-Denkmals.

Es darf, um es zu wiederholen, in Debatten über Denkmäler nicht nur darum gehen, wer dargestellt ist, sondern auch und endlich, besonders wohl im Fall vom KL-Denkmal, wer es geschaffen hat. Es wäre vielleicht interessant zu erfahren, wie es Oliver Rathkolb argumentierte könnte, dieses Denkmal von einem dem Nationalsozialismus dienenden Künstler unbedingt erhaltenswürdig zu finden …

Er, Oliver Rathkolb, wäre dafür, Denkmäler sollten durch verschiedenste Interventionen, sei es das künstlerischer oder inhaltlicher Art, ins 21. Jahrhundert gesetzt werden.

Nun, mit seiner Tafel hätte er das KL-Denkmal auf inhaltliche Art bereits in das 21. Jahrhundert setzen können …

Und was die künstlerische Art anbelangt. Nun, wer soll das tun? Vielleicht jener, der die „Badende“ auf der Mölker Bastei …

Und in welcher künstlerischen Art? In der künstlerischen Nachfolge etwa von Müllner?

Im Grunde ist der Erhalt eines Denkmal, wie des KL-Denkmals, durch diese heilige Allianz von Antisemitismus und Nationalsozialismus, das es repräsentiert durch den Dargestellten mit seinem Antisemitismus und zusätzlich durch den Schöpfer des Denkmals mit seinem Dienst am Nationalsozialismus, nicht zu argumentieren.

Darüber hinaus verkörpert dieses Denkmal nicht nur die Allianz von Antisemitismus und Nationalsozialismus, sondern die Dreifaltigkeit von Antisemitismus, Nationalsozialismus und Parteipolitik. Auch das wird in der Debatte um Denkmäler, besonders im Fall vom KL-Denkmal, vollkommen vernachlässigt, der Grund, weshalb dieses Denkmal je errichtet worden ist.

„Als nach Luegers Tod alsbald die Absicht unter seinen zahlreichen Anhängern lebendig wurde, dem toten Bürgermeister ein gewaltiges Denkmal zu setzen, da vermählte sich diesem an sich schönen Gedanken der Pietät sogleich ein hässlicher Nebengedanke: demonstrativ die Bedeutung des Dahingegangenen aller Welt, besonders aber seinen Gegnern, vor die Augen zu führen, sozusagen ins Gesicht zu schleudern. Nicht so sehr dem Manne, dessen Name das Denkmal einst tragen sollte, galt es, ein Monument zu bauen, sondern vor allem ein Zeugnis für die Macht und das Ansehen jener politischen Partei abzulegen, als deren Repräsentant der Verstorbene – mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt – gegolten hatte. Und indem man solcherart statt eines Erinnerungsdenkmals ein Demonstrationsdenkmal zu errichten beschloss, vergriff man sich von allen Anfang im Massstab.“

Ein „Demonstrationsdenkmal“, also ein Parteipolitikdenkmal.

„Gründungsmitglieder waren u. a. Kardinal Piffl, Nationalrat Leopold Kunschak …“

Kunschak, der „österreichische Streicher“, ein Mann der in dieser nun türkis getupften schwarzen Partei auch heutzutage nach wie vor …

Das KL-Denkmal, einfach wie kurz gesagt, ein Parteipolitikdenkmal, wie es allenthalben errichtet und irgendwann wieder entsorgt wird, nicht aber in Österreich, auch über einhundert Jahre später steht dieses Parteipolitikdenkmal in Österreich, und über einhundert Jahre später wird in Österreich wieder ein Parteipolitikdenkmal errichtet, ebenfalls in Wien: die „Badende“ …

In einhundert Jahren noch zu leben, also im Jahr 2120, wäre beinahe wünschenswert, nur um zu erfahren, wie dann eine Zeithistorikerin über das Denkmal „Badende“ urteilen würde, ob sie sich auch für den Erhalt der „Badenden“ aussprechen würde, was sie auf eine zum Parteipolitdenkmal (Landmark to the party polit…) zusätzlich aufgestellte Tafel schreiben würde, ob sie etwas verschweigen würde …

Aber vielleicht gibt es in einhundert Jahren in Österreich, sogar in Österreich keine Debatte mehr Parteipolitikdenkmäler, weil diese einfach irgendwann nach einer gewissen Zeit ohne Aufregung, ohne Debatte, wieder entsorgt wurden, sogar in Österreich, schneller entsorgt, als daß diese errichtet …