Blut- und Bodenrecht für Verbrechen

Auch ohne Verbrechen sind die ständigen Rufe nach Abschiebungen zu vernehmen, auch in Österreich, und in Österreich besonders von einer Parlamentspartei, die wieder mal Regierungspartei, wenn auch nur für kurz …

Und wenn dann ein mehrfaches Gewaltverbrechen an einem Mädchen geschieht, das für die junge Frau tödlich endet, wie vor kurzem in Wien, wird dieses tödliche Gewaltverbrechen zu Lautsprecherboxen, damit der Ruf nach Abschiebungen das ganze Land bestrahlt, überall im Land von allen gehört wird, kein Mensch mehr diesen Ruf nach Abschiebungen überhören kann, ein jeder Mensch diesem Ruf nach Abschiebungen unaufhörlich ausgesetzt ist, damit alle in diesen Ruf nach Abschiebungen einstimmen.

Und das hat seine Wirkung.

Diesem Ruf nach Abschiebungen entziehen sich nicht einmal mehr Menschen, nicht einmal mehr Parteien, nicht einmal mehr Medien, nicht einmal mehr Organisationen – von denen bislang gedacht werden konnte, sie seien gegen solche Rufe nach Abschiebungen immun –, weil es ihnen nun genauso als gerechtfertigtes Gebot der Stunde im Angesicht eines Gewaltverbrechens erscheint, weil es ihnen ebenfalls eine legitime Antwort auf ein Gewaltverbrechen sein will, als wären sie alle Parteigänger vor allem der auch für kurz Regierungspartei, als wären sie alle Parteigängerinnen einer Gesinnung, die sie sonst weit von sich weisen.

Und sie sehen dabei in ihren Forderungen nach Abschiebungen nichts Verwerfliches. Das gesamte Denken geschrumpft einzig auf die Frage, Abschiebungen oder nicht Abschiebungen, in Reaktion auf ein Gewaltverbrechen. Und nun sind im Land Menschen für Abschiebungen, unabhängig davon, in welcher Weltanschauung sie sich sonst sonnen, in vollkommener Gleichgültigkeit gegen ihre Weltanschauung. Sie alle, an deren Spitze voran die für kurz gewesene Regierungspartei, rechnen es sich hoch an, Abschiebungen zu fordern, weil es ihnen um den Schutz von Menschen geht, rechnen es sich hoch an, mit einer Stimme kritisch zu fragen, warum die Abschiebungen nicht schon längst durchgeführt wurden, rechnen es sich hoch an, nun zu beklagen, daß es erst zu einem solchen Gewaltverbrechen kommen mußte, das alle darin eint in der Überzeugung, Gewaltverbrechen können nur durch rechtzeitig konsequente Abschiebungen verhindert werden, rechnen es sich hoch an, nun Verantwortliche im Staat zu suchen, die durch verabsäumte Abschiebungen erst die Möglichkeiten schaffen für derartige Gewaltverbrechen …

Aber im Angesicht derartiger Gewaltverbrechen ist die Frage von Abschiebungen, nicht nur eine falsche Frage, sondern eine gänzlich unnötige Frage, und es sind Abschiebungen je keine Antwort auf derartige Gewaltverbrechen.

Wie wird jetzt geklagt, wären die Täter, und es sind junge Männer, nur früher schon abgeschoben worden, das Mädchen wäre noch am Leben, das Mädchen hätte nicht diese Qualen erleiden müssen, zugefügt von Männern. Das wird nun auch von Menschen vorgebracht, die es sich sonst hoch anrechnen, international zu fühlen, global zu denken, die Weltgemeinschaft ihr Anliegen und ihre Sorge. Aber im Angesicht eines derartigen Gewaltverbrechens fallen sie auf das Nationalistischste zurück, das besagt, wenn Verbrechen nicht verhindert werden können, so dürfen Verbrechen nur von Einheimischen an Einheimischen begangen werden, keinesfalls von Fremden an Einheimischen, so hat es in jedem Land auf dieser Welt zu sein.

Auch bei Verbrechen (scelus) hat also ungeachtet der jeweiligen Weltanschauung das Abstammungsprinzip (ius sanguinis) bedingungslos zu gelten, das Blut- und Bodenrecht, Verbrechen nur im eigenen Land nur gegen die eigenen …

Es kümmert sie nicht, was die Täter, und es sind Männer, in dem Land, in das sie abgeschoben worden wären, dort getan hätten, dort verbrochen hätten. Nach ihrer Abschiebung in ihr sogenanntes Herkunftsland hätten sie dasselbe Gewaltverbrechen begehen können, auf dieselbe Weise ein Mädchen qualvoll zu Tode bringen können, aber es wäre ein Mädchen aus ihrem Herkunftsland, wie sie dort eine Einheimische. Und die Welt in Österreich wäre dann ganz und gar in Ordnung. Der qualvolle Tod eines Mädchens – um ihm einen Namen zu geben: Leonie Afghan – hätte es wohl nicht zu einer Notiz in einer hiesigen Zeitung gebracht, und wenn doch, dann würden Menschen in Österreich es sich verkneifen zu sagen, wie barbarisch es doch in diesen Ländern … What ever happend to Leonie Afghan, ist auch für Menschen in Österreich, die sonst alle Weltbelange sorgenvoll in ihrem Fokus haben, ihr ganzes Mitgefühl gehört, nicht eine einzige Überlegung …

Vielleicht aber ist Trost und wohl auch Beruhigung des Gewissens den sonst dem Nationalen gar so widersprechenden Menschen in Österreich, daß, wären die fremden Täter, und es sind Männer, die dieses tödliche Gewaltverbrechen an einer hier Einheimischen in Österreich begangen haben, nur viel früher schon, ehe sie dieses Gewaltverbrechen verüben konnten, abgeschoben worden, sie hätten dieses Gewaltverbrechen in ihrem Herkunftsland, das für sie – so der österreichische Weltblick – der einzig legitime Ort ist, um Verbrechen zu begehen, gar nicht verüben können, sie hätten Leonie Afghan nicht qualvoll töten können, weil sie selbst vorher schon Opfer hätten werden können, präventiv hart bestraft werden können, in ihrem Herkunftsland, in dem kein Mensch vor Gewalt, vor mannigfachen Repressalien sicher ist, in dem jederzeit Menschen nicht nur schwer verletzt, sondern getötet werden können.

In Österreich „Abschiebehelfer“ anzuwerben, ist so gesehen, eine tatsächliche Überwerbung …

Es muß in Österreich nicht aufgerufen werden, daß „dein Land dich braucht“, gerade im Angesicht eines derartigen Gewaltverbrechens, stellen sich Mensch, unabhängig von ihrer Weltanschauung, gleichgültig gegen ihre Weltanschauung, die sie sich hoch anrechnen, freiwillig zum Gebrauch in den Dienst des Landes, auf mannigfache Weise, die einen mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, die anderen mit …