Vom vergangenen Jahrhundert

Vor einer Woche sagte Wolfgang am Oe-Tisch, die Meinung von Sebastian Kurz werde gerne gehört, von den Milliardärinnen in Amerika …

Milliardäre haben, das ist hinlänglich bekannt, so ihre Spleens, ihre überspannten Ideen, ihre Marotten, ihre Ticks. Und diese lassen sie sich stets etwas kosten, viel kosten, sehr viel kosten, für ihre Fimmel lassen sie sich nie lumpen, nichts ist ihnen je für ihre Schrullen zu teuer. Mit Billigem speisen sie sich nie ab.

So kann es leicht verstanden werden, daß sie Sebastian Kurz zu ihrem Treffen einluden. Sie, die Milliardärinnen, hätten für ihr Pausenprogramm einen hauptberuflichen Alleinunterhalter einladen können. Eine hauptberufliche Komödiantin einzuladen, das hätten sie unter zu billig verbucht. Für ihr Pausenlachprogramm muß es schon etwas Besonderes sein, die sich selbst als etwas ganz Besonderes deklarieren. Deshalb ist es nur zu verständlich, daß sie sich einen Bundeskanzler haben einfliegen lassen, der ihnen den Pausenunterhalter macht.

Sie sollen sich in den Pausen bei Kaviar, Lachs und Coca Cola köstlich amüsiert haben, über die Meinungswitze, so soll der Titel seines Programms sein, herzhaft gelacht haben über die Meinungswitze des Bundeskanzlers.

Besonders diese sollen hervorragend angekommen sein:

Der Landeshauptmann und ich sind da einer Meinung, wir sind da an der Seite der Bevölkerung. Das Projekt ist schon lange geplant, es ist schon lange versprochen, und es muß auch durchgeführt werden.

Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass unser Weg zurück in die Steinzeit sein sollte. Ich halte weder etwas von der ständigen Politik des erhobenen Zeigefingers noch von Fantasien, dass man irgendwie leben könnte wie im vergangenen Jahrhundert.

Nachdem er für diese Meinung derart viele Lacher geerntet hat, auch Spontanapplaus, draußen im Foyer, scheint er sich dazu entschlossen zu haben, diese Meinungen unbedingt in sein Programm aufzunehmen und nach seiner Rückkehr nach Österreich mit diesem um diese Meinungen erweiterten Programm auf Tour zu gehen, es auch, so erdig ist er sich in seinem Verständnis, auch vor dem Volke zu spielen.

Diese Meinungen sollen die Höhepunkte seines Programms werden, es soll bereits für die nächsten Auftritte geplant sein, nach der Probe in Bregenz, diese Meinungen besonders ansagen zu lassen, von Peter L. Eppinger, der an einer Ankündigung bereits feilen soll. An einer Ankündigung in der Art:

Mit seinem Programm Meinungswitze feierte Sebastian Kurz einen großen Erfolg in Amerika. Und besonders die Meinungen, die er ihnen gleich zum Besten geben wird, riß Milliardäre von ihren Stühlen, sie mußten sich vor lauter Lachen ihre Bäuche halten. Auch Sie werden nicht wissen, sollen Sie sich ihre Bäuche vor Lachen halten oder klatschen …

Die Probe in Bregenz fiel noch sachlich aus, aber die Ankündigung wurde auch noch nicht von Peter L. Eppinger zelebriert …

Von Kanzler Kurz kommt aber dazu am Rande der Eröffnung der Bregenzer Festspiele ein Konter. Die S 18 werde jedenfalls kommen.

Und dann sein Auftritt mit seiner Meinung, der Landeshauptmann und ich …, und seiner Nichtmeinung, daß unser Weg

Peter L. Eppinger soll in einer ersten Probe im Bregenzer Wald bewundernd gesagt haben, das mache die Qualität eines Programms aus, auf die Tradition des Witzeerzählens aufzubauen, das Programm mit Witzen und Nichtwitzen zu durchmischen, aber um die Ankündigung glaubwürdig bringen zu können, bitte er um Aufklärung, er verstehe, deshalb sei er wohl nur Ansager und nicht Unterhalter vorne an der Rampe, nicht ganz, den Witz und den Nichtwitz der Meinungen

Der Unterhalter soll der Bitte sogleich entsprochen haben, und die Bewunderung des Ansagers für den Unterhalter, die bisher schon eine so hohe war, daß eine Steigerung nicht mehr für möglich gehalten wurde, stieg ob der Erklärung des Unterhalters ins Unermeßliche, das Ansehen des Unterhalters beim Ansager erreichte die höchste zu erreichende Stufe des Ansehens.

Einfach wie kurz war die Ausführungen zu seinen Meinungen. Der Landeshauptmann und er seien einer Meinung, sie seien an der Seite der Bevölkerung – und das ist der garantierte Brüller – , weil sie, die Bevölkerung, das Projekt schon lange geplant hätten, weil sie, die Bevölkerung, es schon lange versprochen hätten, und damit sie, die Bevölkerung, es auch durchführen muß können, seien sie, der Landeshauptmann und er da jetzt an der Seite der Bevölkerung …

Und bei der Nichtmeinung, daß der Weg zurück in die Steinzeit sein sollte, sind die garantierten Lacher der Verweis auf das vergangene Jahrhundert.

Das vergangene Jahrhundert war das 20. Jahrhundert. Das vergangene 20. Jahrhundert ist eben genau das Jahrhundert, in dem all das total begann, was im 21. Jahrhundert u.v.a.m. zum Klimawandel – die totale Technisierung, der totale Abbau natürlicher Ressourcen, die totale Plünderung der Erde, die totale Verplastizierung der Erde, die totale Mobilisierung, die totale Zurückdrängung des öffentlichen Verkehrs etwa durch Einstellungen von Bahnstrecken, durch ausgedünnte Busfahrpläne, der totale Ausbau von Autobahnen, Schnellstraßen, die Wandlung zur total industralisierten Wegwerfgesellschaft und so weiter und so fort und so weiter …

Das mache die garantierten Lacherfolge dieses Programms auch seiner Nichtmeinung aus, die Meinung zu sein, es soll kein zurück in die Steinzeit geben, in die Steinzeit des totalen Unwissens und der totalen Gleichgültigkeit im vergangenen 20. Jahrhundert über die katastrophalen Auswirkungen menschlichen Handelns durch Wirtschaft, Technik und Massenkonsum auf die Erde.

Und so – das sei doch zum Schießen komisch – nichts von der Fantasie gehalten werden kann, dass irgendwie noch gelebt werden kann, wie im vergangenen Jahrhundert, von der Fantasie nichts gehalten werden kann, irgendwie noch leben zu können, wie in der ökologischen Steinzeit des 20. Jahrhunderts.

Als Peter L. Eppinger die gedankliche Komplexität der Meinungen so einfach wie kurz erklärt war, soll er, der Ansager, tief bewegt und beeindruckt die bregenzerische Waldluft einatmend, sogleich ins Phantasieren gekommen sein, wie deren Wirkung noch gesteigert werden könnte, er sehe ein multimediales Spektakel vor sich, wenn, so soll einer seiner Vorschläge gewesen sein, während des Vorbringens der Meinung über das 20. Jahrhundert zum Zeichen des Respekts der höchsten Instanz aus dem Schöpfungsgewölk der auf den Unterhalter zeigende ausgestreckte Finger …

Übrigens, Butzbach, Utzbach, Gaspoltshofen sollen die ersten Stationen der Tournee des Unterhalters dann mit Ansager …