Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht

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Es gibt wieder einmal Aufregungen um Sebastian Kurz, dem zur Zeit zum zweiten Mal gewährt wird, den Bundeskanzler zu geben. Auf den Inhalt dieser letzten Aussage aus der letzten Juli-Woche ’21 sind viele bereits eingegangen.

Auf einen Inhalt aber einzugehen, der kein Inhalt ist, sollte nach so vielem inhaltslosen Gerede, nach dem ganzen von ihm bekannten, um ein Wittgestein-Wort zu verwenden, Geschwefel gar nicht mehr eingegangen werden.

Wenngleich auch zu diesem Geschwefel einiges vorgebracht werden könnte. Etwa, daß eine Bundeskanzlerin, die in der unabhängigen Justiz einen Grundpfeiler des Staates sieht, es richtig im Kopf haben sollte, wie viele Staatsanwaltschaften es in Österreich insgesamt tatsächlich gibt.

Richtig im Kopf des zurzeitigen Bundeskanzlers ist es etwa auch nicht, daß die „katholische Kirche früher niemals hinterfragt“ worden sei. Die katholische Kirche wird seit Jahrhunderten hinterfragt, dermaßen hinterfragt, daß es beispielsweise bereits im 16. Jahrhundert gar zur Gründung einer weiteren Kirche wegen der Hinterfragung der katholischen Kirche gekommen ist.

Etwa, daß die beste Idee der ÖVP einzig Anzeigen

Nicht nur seit Jahrhunderten wird die Kirche hinterfragt, auch seit Jahrhunderten wird Macht hinterfragt. Shakespeare, der vor 405 Jahren starb, etwa hat sich ausführlich damit beschäftigt. Worüber Stephen Greenblatt ein aufschlußreiches Buch schrieb: „Der Tyrann – Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert“ …

Was uns Shakespeare über Trump, Putin und Co. verrät – Wie kann es sein, dass eine Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, einen Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist? William Shakespeare hat sich in seinen Dramen immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und vom Aufstieg der Tyrannen, von ihrer Herrschaft und ihrem Niedergang erzählt. „Eine fesselnde Anatoie des Machtmissbrauchs“

Selbstverständlich reicht Sebastian Kurz nicht an die „Tyrannen“ von William Shakespeare heran, es wäre auch eine Überbewertung, zu meinen, er könnte im „Co.“ von „Trump, Putin und Co.“ enthalten sein.

Auch wenn in dem Buch von Stephen Greenblatt viel von den „Tyrannen“ erzählt wird, soll nach so vielen Jahrhunderten der Machtkunde das Hauptaugenmerk nicht mehr auf die „Tyrannen“ selbst gerichtet sein, sondern einzig auf jene, die die Tyrannei ermöglichen. Dem gibt auch Greenblatt breiten Raum, wie es bereits die Titel von Kapiteln bekunden: „Ermöglicher“, „Die Anstifter“, „Aufhaltsamer Aufstieg“, „Fall und Wiederaufstieg“, „Verborgene Perspektiven“ …

Ein paar Sätze aus diesem Buch von Stephen Greenblatt sagen es deutlicher und unmißverständlich, worauf auch in Österreich zu achten ist, in seiner Anfälligkeit:

Ein solches Unheil war für Shakespeare ohne einen weiten Kreis von Mittätern nicht denkbar. Seine Dramen erkunden die psychischen Mechanismen, die eine ganze Nation dazu bewegen, ihre Ideale und sogar ihr Eigeninteresse aufzugeben. Wie kann es sein, so fragte er, dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung kennt, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht um die Wahrheit schert? Unter welchen Umständen wirken Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstoßend, sondern attraktiv, ja, erregen sogar glühende Bewunderung? Warum geben sonst stolze Menschen ihre Selbstachtung auf und unterwerfen sich der Unverfrorenheit des Tyrannen, seiner Überzeugung, ungestraft sagen und tun zu können, was er will, seiner spektakulären Schamlosigkeit?

Shakespeare stellte wiederholt den tragischen Preis dieser Unterwerfung dar – die moralische Korrumpierung, die ungeheure Vergeudung von Ressourcen […]

Der Ausgangspunkt ist die Schwäche im Zentrum des Reichs.

Bei der Schilderung der Strategie des aufstrebenden Tyrannen erkannte Shakespeare unter den Grundbesitzern seiner Zeit eine große Verachtung für die Massen und für die Demokratie als praktikable politische Möglichkeit. Populismus mag wie eine Annäherung an die Besitzlosen aussehen, ist aber in Wirklichkeit eine Form zynischer Ausbeutung. Der skrupellose Führer hat kein echtes Interesse daran, das Los der Armen zu verbessern. Ja, er verachtet sie, hasst ihren Geruch, fürchtet, sie könnten Krankheiten übertragen, und hält sie für launsich, blöde, wertlos und entbehrlich. Aber erkennt die Möglichkeit, sie für seine Ambitionen einzuspannen.

Er verfügt über eine groteske Anspruchshaltung und hat nie einen Zweifel daran, dass er tun kann, was er will. Er brüllt gern Befehle und sieht, wie seine Untergebenen sie hastig ausführen. Er erwartet unbedingte Loyalität, ist aber unfähig zur Dankbarkeit. Die Gefühle anderer bedeuten ihm nichts. Das Gesetz ist ihm nicht nur gleichgültig, er hasst es, und es bereitet ihm Vergnügen, es zu brechen.

Das Gemeinwohl ist etwas, vom den nur Verlierer reden. Er redet lieber vom Gewinnen.

Er liebt es, andere zu demütigen und zu quälen. Leicht reizbar, schlägt er nach jedem, der ihm in den Weg kommt. Es gefällt ihm zu sehen, wie sich jemand windet, zittert oder vor Schmerz zusammenzuckt. Er hat ein Talent dafür, Schwächen zu erkennen, und versteht es, Spott und Beleidigung auszuteilen. Diese Fähigkeiten ziehen Anhänger an, die dieselbe grausame Freude empfinden, auch wenn sie nicht seine Meisterschaft darin erreichen. Obwohl sie wissen, dass er gefährlich ist, helfen sie ihm, sein Ziel zu erreichen, nämlich den Besitz der höchsten Macht.

Sein Zynismus, seine Grausamkeit und Doppelzüngigkeit sind kein Geheimnis, es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er sich bessern könnte, und keinen Grund zu glauben, er könne das Land je wirksam regieren. Die Frage, die das Stück nun untersucht, ist, wie ein solcher Mensch tatsächlich auf den Thron geraten konnte. Shakespeare deutet an, dass diese Leistung vom verhängnisvollen Zusammenspiel unterschiedlicher, aber gleichermaßen selbstzerstörerischer Reaktionen der Menschen abhing, die ihn umgaben. In der Summe haben diese Reaktionen das kollektive Versagen eines ganzen Landes zur Folge.

Und ebenso virtuos verstehen sie sich darauf, gerade die richtige Mischung aus Freundlichkeit und Bedrohlichkeit zu vermitteln, die nötig ist, um sich die Mitarbeit wie dem Lord Mayor zu sichern. Doch es ist keinesfalls sicher, dass die Vorstellung irgendjemanden täuscht. Kurz nach dem Gespräch mit dem Bürgermeister hat Shakespeare eine sehr knappe – nur vierzehn Zeilen lange – Szene eingefügt, in der ein namenloser Schreiber über ein juristisches Dokument murrt, das er gerade kopiert hat. „Wer ist so blöd/Und sieht nicht diese plumpe Machenschaft?/Doch wer so dreist und sagt, daß er sie sieht?“, fragt der Schreiber.

Wie wir gesehen haben, dachte Shakespeare sein Leben lang darüber nach, wie Gemeinschaften sich auflösten. Gesegnet mit einer präzisen Kenntnis des menschlichen Charakters und einer rhetorischen Begabung, um die ihn jeder Demagoge beneidet hätte, beschrieb er die Art von Mensch, die in unruhigen Zeiten aufsteigt, an die niedersten Instinkte appelliert und aus den tiefsten Ängsten der Zeitgenossen schöpft. Eine durch Parteiengezank entzweite Gesellschaft ist für ihn besonders anfällig für Populismus. Dazu gibt es immer Anstifter, die den Ehrgeiz des Tyrannen entfachen, und Ermöglicher, die zwar die Gefahren sehen, die damit verbunden sind, aber meinen, sie könnten den Tyrannen kontrollieren und von seinem Angriff auf die etablierten Institutionen profitieren.

Wiederholt schilderte der Dramatiker das Chaos, das entsteht, wenn Tyrannen, die im Allgemeinen kein administratives Talent und keine Vision für erfolgreichen Wandel besitzen, tatsächlich an die Macht kommen. In seiner Vorstellung besaßen selbst vergleichsweise intakte und stabile Gesellschaften nur wenige Mittel, um sich einer mitleid- wie skrupellosen Figur zu erwehren; ebenso unfähig sind sie, mit legitimen Herrschern umzugehen, die Anzeichen von irrationalem Verhalten zeigen.

Sebastian Kurz als „Tyrannen“ vorzustellen, wäre nicht nur eine Überbewertung seiner Person, sondern schlicht wie kurz gesagt, eine Dummheit. Aber die Mechanismen, über die Greenblatt schreibt, ausgehend von den literarischen Tyrannen des William Shakespeare, treffen auch auf Österreich zu, in dem Sebastian Kurz Bundeskanzler zurzeitig ist, auch wenn er selbst, so lieblich wie er anzuschauen ist — in Hinkunft wird es, wenn er äh und ähm trällert, wohl nicht zu vermeiden sein, daß hierzu vor dem inneren Auge ein Vögelchen gesehen wird, ein flycatcher, familia tyrannidae

Deshalb sollte es ab dieser letzten Aussage des Seb. Kurz gar nicht mehr darauf gehört werden, was er sagt, sondern sofort mit dem ersten Konsonanten, den er ausspricht, laut aufgesagt werden „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“, um nicht mehr hören zu müssen, was er sagt, dessen Inhalt ohnehin stets bloß äh – ähm … Deshalb sollte es ab dieser letzten Aussage des Seb. Kurz gar nicht mehr von den Wörtern berichtet werden, die er zwischen äh bis ähm hineinstopft, sondern nur noch medial informiert werden, zum Beispiel, der zurzeitige Bundeskanzler in Österreich habe ein Interview gegeben, in dem er, so wie er es richtig im Kopf habe, „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“ aufgesagt habe …

Deshalb ein letztes Mal noch die Wörter, die ihm in der letzten Juli-Woche ’21 als Überbrückungswörter eingefallen sind, um seinen Äh-und-Ähm-Inhalt …

Interviewer: […] mit dem einem Hinweis, daß die politischen Angriffe auf Staatsanwälte kritisiert wurde, also im Nachgang von Untersuchungen. Gemeint ist damit wahrscheinlich die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Fühlen Sie sich angesprochen?

Sebastian Kurz: Wenn Sie mir die Fragen stellen, dann fühle ich mich immer angesprochen, bin ja bei Ihnen zu Gast im Interview und ich kann gern eine Antwort dazu geben. Ich bin, äh, der festen Überzeugung, daß eine unabhängige Justiz wichtig ist, ähm, bin der festen Überzeugung, daß das ein Grundpfeiler, ähm, unseres Staates ist, äh, und daher habe ich auch nie pauschal, äh, die Justiz kritisiert. Wir haben, wenn ich’s richtig im Kopfe hab, glaube ich, 17 Staatsanwaltschaften in Österreich, wir haben, äh, äh, andere Teile der Justiz, wie die Richterschaft und viele andere Gruppen, die niemals kritisiert worden sind, aber ich glaub‘, es muß schon möglich sein, daß, äh, die Arbeit von Einzelpersonen kritisch hinterfragt werden darf. Ähm. Es gab eine Institution, die ist früher niemals hinterfragt worden, das ist die katholische Kirche. Als es Mißbrauchsfälle gegeben hat, haben einige sogar versucht, es zu vertuschen, und es war am Anfang, ja, nicht gerne gesehen, wenn es öffentlich Kritik an der Kirche gab. Ich glaub, daß das der Kirche nicht gutgetan hat. Ich glaub, keine Institution sollte sakrosankt sein und jeder sollte in Ruhe seiner Arbeit nachgehen können, aber wenn sich jemand etwas zuschulden kommen laßt, dann ist es auch, äh, legitim, das anzusprechen. Und ich glaube, daß wir schon, ähm, im Bereich, äh, ähm, der WKStA hier einige, ähm, auch, ja, äh, Problemfelder, äh, gesehen haben in der letzten Zeit, immer wieder das Öffentlichwerden von, von, von Fällen, die eigentlich vor Gericht behandelt werden sollten, ähm, es gibt sehr sehr viele Anschuldigungen, die medial in den Raum gestellt werden, die sich dann im Nachhinein alle als falsch herausstellen, ähm, das ist, glaube ich, alles andere als gut für unser System und insbesondere, daß in der Politik jetzt mehr und mehr mit Anzeigen gearbeitet wird. Daß es nicht mehr darum geht, einen Wettbewerb der besten Ideen zu haben, sondern einen Wettbewerb der besten Anzeigen. Das ist etwas, das ich ablehne, und, ähm, ja, das werde ich auch weiterhin öffentlich sagen, ob’s jetzt jemanden paßt oder nicht.