Kaunertalisierung Österreichs I

a) Bundespräsidentinwahl in Österreich oder b) Dorfmeisterwahl in Kaunertal?

Wenn in der letztsonntäglichen Erniedrigungssendung alle sieben Bewerber anwesend gewesen wären, hätte statt des Abprüfens der Verfassung, das ein Abstrafen der anwesenden sechs Bewerber war, die Frage gestellt werden können, ob die Bewerber wissen, für welches Amt sie kandidieren, es hätten ihnen zwei Ämter als Antwort vorgegeben werden können:

a) für das Amt der Bundespräsidentin in Österreich
oder
b) für das Amt des Dorfmeisters in Kaunertal.

Sechs Bewerber hätten sich wohl für die Antwort a) entschieden. Für den siebenten Bewerber wäre es wohl nicht so leicht gewesen, sich zu entscheiden, welche Antwort denn wirklich die richtige —

Vor allem deshalb, weil zu frisch noch für ihn die Erinnerung an seinen Wahlkampfauftakt im Museumsquartier, in das er einzieht, genauer, wo er in einen Raum, in einen kleinen Saal des Museumsquartiers, mit Blasmusik, einer trachtigen Abordnung eines Vereins hinter einer Fahne einhergehend, die nicht die österreichische Flagge ist, sondern, darf angenommen werden, irgendeine Vereinsfahne aus Kaunertal, so zieht der siebente Bewerber also am Freitag, 9. September 2022, ein in sein berglerisches Kaunertal, während draußen, außerhalb des kleinen Saals, die Menschen noch meinen, sich auf den Straßen einer Großstadt zu befinden, laufen sie, das für den siebenten Bewerber keine „Utopie“, sondern ihm Wirklichkeit: über Stock und Stein …

Für welche Antwort er sich letztendlich in der letztsonntäglichen Sendung entschieden hätte, wird nie zu erfahren sein – er war ja nicht da.

Kaunertalisierung Österreichs

Statt Kaunertalisierung Österreichs könnte auch Verprovinzialisierung Österreichs geschrieben werden. Aber wie städtisch schnitte Provinzialisierung in einem Vergleich zwischen Kaunertalisierung und Provinzialisierung ab. Seltsam dabei ist, der siebente Bewerber spricht, auch diesmal, vom Höhersteigen, vom Hoch hinauf in die Berge, während es doch immer nur hinunter, tiefer und tiefer hinunter —

Der siebente Bewerber sieht sich, so legen es Bilder im gezeigten Werbespot nahe, ganz oben, über allem, wie der „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich. Über das Sehen, die Vorwegnahme des Kommenden, der Innovationen anhand des Wanderers über den Nebelmeer hat László F. Földény den Essay „Der Maler und der Wanderer“ geschrieben. Was hätte Földény über einen männlichen Kandidaten als Wanderer unten, weit unten im Tal geschreiben? Nichts? Über das Starren in die felsigen Wände? Über die Ausblickslosigkeit, die Aussichtslosigkeit im diesigen Tal? Földény wird diesen Essay nie schreiben, das kann verstanden werden, wenn es auch dauert, da er auch in einem solchen Essay mit Einsichten aufwarten würde, die wieder zum Besten gehörten, das zur Lektüre angeboten wird.

Wenn schon ein Buch angesprochen ist, darf das nicht unerwähnt bleiben. Am Sonntag hat einer der sechs Bewerber Alexander Kluge zitiert. Alexander Kluge wird von einem Bewerber, der in der Provinz lebt, zitiert und beweist damit, Provinz ist nicht Kaunertal.

Und wen zitiert, plakatiert der siebente Bewerber? Jemanden mit ein paar noch Zeilen, und das nur, weil diese gesetzlich vorgeschrieben sind, sie nicht vergessen zu dürfen. Das ist mehr als Provinz, das ist Kaunertal.

Untrennbar verbunden sind mit Büchern die Sprachen – Schriftsprachen. In welche Sprache verfällt der siebente Bewerber immer öfter, so auch an diesem letzten Freitag im kleinen kaunertalerischen Saal? In eine Sprache, die aufzuschreiben nur ein Mensch vermag, der im Kaunertalerischen lebt, und wahrscheinlich auch einer Generation angehören muß, die diese Sprache wenigstens noch versteht, wenigstens zum Teil sprechen kann, wenn auch nicht unbedingt schreiben — Deshalb wohl gibt der siebente Bewerber am letzten Freitag im kleinen kaunertalerischen Saal auch gleich Unterricht in dieser seiner Lautsprache, die für ihn, den siebenten Bewerber, schlicht wie kurz eine „Sprache ist“, für andere ist sie einfach ein Dialekt …