20. April

Auf einer Konzernplattform läßt sich wer mit Namen Roy Trabucon am 19. April 2026 nicht die Pflichtkür nehmen, dem Österreicher zu seinem 137. Geburtstag zu gratulieren, und zum Zeitpunkt des Lesens dieser Glückwunsche am 20. April 2026 haben bereits 1.313 Menschen das mit einem „Herz“ gewürdigt.

Roy Trabucon peppt die Glückwünsche mit einem Filmbeitrag aus 1944 auf, in dem u. a. berichtet wird, es hätte ein „Sinfonieorchester“ dem Österreicher ein Ständchen

der Dirigent ist Hans Knappertsbusch

Am 19. und 20. April 1944 dirigiert Herbert Karajan in Paris zum Geburstag auf.

Und dazu von Roy Trabucon auch am 19. April 2026 ebenfalls mit einem Video aufgepeppt, zu sehen: eine Masse in einer Messe, ein Padre, Lichtorgel, Entzückung:

Por la mañana café
Por la tarde oración
Por la noche Dios
Con su protección.

Viva Cristo Rey
Me voy a misa.

Und am 16. April 2026 von Roy Trabucon zur Einstimmung „Erika“, aufgelegt von einem DJ mit der Bartmode des Österreichers „Adolfo Hitler“ — „Erika“, ein Marschlied des NSDAP-Mitglieds Herm Niels … 728 Menschen haben das bis zum 20. April mit einem „Herz“ gewürdigt. Wie Geschichte zu schreiben ist, weiß Roy Trabucon am 18. April 2026 zu wiederholen, was Roy Trabucon bereits am 6. November 2025 wußte:

Das Dritte Reich war wirklich eine echte, potente Europäische Union. Deshalb schlossen sich Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten mit der kommunistischen Sowjetunion zusammen, um gegen Adolf Hitler und den Nationalsozialismus vorzugehen.

Das ist doch eine Meinung, die gerade in Österreich als eine positive Meinung über die Vergangenheit aufgenommen werden müßte, in dem Personen in politischen Ämtern der Umdeutung der Geschichte zugetan

Das sind u. v. a. m. wohl Meinungen, also auch die von Roy Trabucon, deren Freiheit zu verteidigen gilt, wie es gerade jene jetzt tun, deren Eintreten der Meinungsfreiheit

Es wird bereits offensichtlich geworden sein, daß Roy Trabucon nicht von Belang ist, aber wenn so viele Menschen Derartiges mit einem „Herz“ würdigen, wenn so viele Menschen sich mit einem „Herz“ den Glückwünschen an den Österreicher anschließen, auf einer derartigen Konzernplattform, dann kann es, einfach wie kurz gesagt, nicht ignoriert werden.

Hinzu kommt noch eine aktuelle Biographie über Herbert Karajan, zu der die „Jüdische Allgemeine“ am 13. Februar 2026 schreibt:

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

Aus den Briefwechseln gehe etwa hervor, dass Karajan nie große Euphorie für Adolf Hitler gezeigt habe. Einen gemeinsamen Empfang mit Hitler habe er in einem Brief an seine erste Frau Elmy als Pflicht bezeichnet, der er nachkommen müsse. Hitler habe auf der anderen Seite, wie auch der für Kultur zuständige Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, Karajan nicht sonderlich geschätzt, weswegen sich die Karriere des Dirigenten im NS-Staat ab 1942 »eindeutig auf dem Abstieg« befunden habe, erklärt Wolffsohn.

Wolffsohn hat im Auftrag der Karajan-Stiftung eine neue Biografie über den Dirigenten verfasst, die dessen Verstrickung in den NS-Apparat untersuchen soll. Als Basis dienten dabei vor allem Karajans private Briefwechsel mit seiner ersten Frau Elmy und seiner zweiten Frau Anita. Das Buch mit dem Titel »Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus« erscheint kommenden Montag.

Eine Biographie „im Auftrag der Karajan-Stiftung“ —

Johnannes Peter Senk hat die Ausführungen von Oliver Rathkolb am 19. Februar 2026 in den „Salzburger Nachrichten“ noch nicht lesen können, und hätte er seine „Analyse“ für die „Jüdische Allgemeine“ erst nach dem 19. Februar und nicht bereits am 13. Februar 2026 geschrieben, diese seine „Analyse“ wäre womöglich anders ausgefallen …

Es ist eine ver­tane Chance, man merkt den Schnell­schuss mit pro­fes­sio­nel­lem PR-Getöse. In sei­nen zen­tra­len The­sen kehrt er zurück zum Start. Er ist 1933 in Salz­burg und Ulm der NSDAP bei­ge­tre­ten, dann hat er sich mehr­mals umge­mel­det, auch 1935. 1938 hat ihm die Orts­gruppe Köln/Aachen um ein Mit­glieds­buch ange­sucht, da ist das Durch­ein­an­der auf­ge­poppt, und man hat in Salz­burg rück­ge­fragt. Wenn Michael Wolff­sohn nun aus all dem einen De-facto-Bei­tritt 1935 kon­stru­iert (zum Antritt als Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor in Aachen, Anm.), dann offen­bar nur, um die These zu festi­gen, Kara­jan sei nur for­ma­ler Nazi gewe­sen. Aber das wider­spricht den Akten.

Zum Wis­sens­stand von 1945/46. Das Buch liest sich so, als wäre Michael Wolff­sohn Her­bert von Kara­jans Anwalt im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren. Das wich­tig­ste Ent­la­stung­s­ar­gu­ment soll offen­bar sein: Kara­jan sei ein unpo­li­ti­sches Genie und ein For­mal-Nazi gewe­sen. Er sei – nach angeb­lich unbe­deu­ten­den Salz­bur­ger und Ulmer Kar­tei­kar­ten aus 1933 – nur aus Kar­rie­re­grün­den 1935 der NSDAP bei­ge­tre­ten.

Das stimmt. Aller­dings hat ihn die öster­rei­chi­sche Staats­an­walt­schaft spä­ter trotz­dem als Ille­ga­len ein­ge­stuft, weil er in der Zeit des öster­rei­chi­schen Ver­bots Mit­glied (in Deutsch­land, Anm.) gewe­sen ist. Kara­jan selbst hat die Geschichte vom Bei­tritt 1935 in die Welt gesetzt, obwohl es nicht nötig gewe­sen wäre, noch ein­mal der NSDAP bei­zu­tre­ten. Damit bezweckte er, nicht als Gesin­nungs­nazi, son­dern als rei­ner Kar­rie­re­nazi zu gel­ten, der ohne Bei­tritt den Job in Aachen nicht bekom­men hätte. Das ist eine Erfin­dung Kara­jans, die seine Fans nach­ge­be­tet haben. Wolff­sohn hat sie über­nom­men und rei­tet dar­auf herum, weil sonst sein Argu­ment für den Kar­rie­re­nazi zusam­men­brä­che.

Weil es im Kon­nex zu sehen ist zu den Anzei­chen von Anti­se­mi­tis­mus in Her­bert von Kara­jans Ver­hal­ten. Da ist das Zitat aus dem Brief vom Juni 1934 an seine Eltern, dass er nicht an der Wie­ner Volks­o­per diri­gie­ren wolle, weil „das gesamte Palä­stina dort gesam­melt sein“werde. Wolff­sohn tut das als „Feld-, Wald- und Wie­sen­zi­tat“ab. Das ist degou­tant und empö­rend! Das ist ein klar anti­se­mi­ti­scher Code! Das ist grup­pen­be­zo­gene Men­schen­feind­lich­keit! Die­ser nach Wolff­sohn dis­kri­mi­na­to­ri­sche Anti­se­mi­tis­mus ist ein Treib­satz der NSDAP.

Wo der junge Kara­jan poli­tisch gestan­den ist, zeigt seine Mit­glied­schaft bei der Rugia in Salz­burg, einer schla­gen­den Mit­tel­schü­ler­ver­bin­dung. Die war damals anti­se­mi­tisch, sie hatte einen Arier-Para­gra­fen. Es durf­ten also keine Juden bei­tre­ten. Und Mar­cel Prawy hat ein­mal das Stu­dien­buch von der Uni­ver­si­tät Wien prä­sen­tiert, in das sich Kara­jan als „Deutsch Arier“ein­ge­tra­gen hatte. Das haben nur Hard­co­re­Deutschna­tio­nale gemacht. Wolff­sohn zitiert das zwar, aber ord­net das nicht ein und springt zu einem ande­ren Thema – wie ein Ver­tei­di­ger, der bestimmte Dinge nicht sehen will. Als Kara­jan 1933 der NSDAP bei­trat, war er also in deren Ideo­lo­gie durch­aus gefe­stigt.

Das waren mit­tel­bar alle, allein auf­grund der Tat­sa­che, dass viele Künst­ler und Diri­gen­ten jüdi­scher Her­kunft ver­trie­ben wur­den und deren Stel­len frei waren. Da ist er keine Aus­nahme. Wer in einem tota­li­tären Regime Teil der Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie wird, hat das in Kauf genom­men. In die­sem Sinne war er – mit Erfol­gen wie in Paris – ein Sta­bi­li­sa­tor der deut­schen Besat­zung.

Unab­hän­gig ja, aber pro­vo­kant. In zen­tra­len The­sen liegt er [Wolffsohn] dane­ben, weil er unter ande­rem nicht bereit ist, die wis­sen­schaft­li­che Arbeit ande­rer zu wür­di­gen, obwohl er sich vor sei­nem Kara­jan­Pro­jekt noch nie mit Musik in der NSZeit befasst hat. Mich stört, wie er andere Auto­ren oder die Salz­bur­ger Stra­ßen­na­men-Kom­mis­sion abqua­li­fi­ziert.

Es, die Wolffsohn-Biographie, erinnert an ein kürzlich erst in Spanien erschienenes Buch, das von einem weiteren Dirigenten weiß, „kein überzeugter Nazi war, sondern Karriere und Fortkommen im Blick hatte“ …