Katechot – „Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen“

Wer sich für das Thielsche in Europa im allgemeinen und in Österreich im besonderen begeistert, ist nicht das Überraschbare, sondern das Erwartbare, und vielleicht wird in einem weiteren Kapitel —

Was für ein Gewehr gilt, das im ersten Akt eines Stücks an der Wand hängt, es muß mit diesem spätestens im letzten Akt geschossen werden, sollte wohl auch gelten, wenn in einer Passage eines Romans steht, es werde in einem weiteren Kapitel

In diesem Fall, in diesem besonderen Fall jedoch ganz und gar nicht. Das Thielsche respektive das Duginsche ist zu vergessen, für die Geschichte nicht relevant, ebenso die, die generell in der Welt und so auch in Österreich sich dafür begeistern.

Denn. Zu viel schon wird über diese geschrieben, zu viel schon wird über diese gesprochen, viel zu groß schon ist die Beschäftigung mit ihnen, zu sehr schon wird diesen die Hoheit über den Verlauf der Geschichte der Menschen eingeräumt, ihnen die Geschicke der Menschen überlassen, ihnen, die nichts zu bieten haben, außer ihren Bezug auf das gepredigte Geschwefel eines Mannes, der vor rund 1966 Jahren gestorben ist, das dieser für so wichtig hielt, es in Briefen zu verbreiten, wobei darüber hinaus es nicht einmal gesichert ist, ob denn alle Briefe von ihm selbst sind, wobei es allerdings belanglos ist, von wem tatsächlich das verbreitete Geschwefel ist — Geschwefel bleibt Geschwefel.

Was allerdings seit zweitausend Jahren und wohl noch mehr Jahrtausenden wahr ist, steht in einem der vor zweitausend Jahren verbreiteten Briefe, die Bedienungsanleitung zur Verführung, und an dieser Bedienungsanleitung hat sich seither nichts geändert:

Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise.

Don’t let anyone deceive you in any way.

Bis zum heutigen Tag herauf gehen Verführerinnnen nach dieser Bedienungsanleitung vor, beschwören Verführer alle, in keinerlei Weise von niemandem sich verführen zu lassen, und mit diesem in den Anfang gestellten eindringlichen Aufruf zur Warnung, verbunden zumeist mit unausweichlich dazugehörenden Beschuldigungen von Dritten, sie würden verführen, setzen sie ihre Verführung in Gang …

Aber nicht nur im Verführungsbrief nach Thessaloniki vor rund zweitausend Jahren die geschickte Ablenkung des Verführers, sondern auch im Epheserverführungsbrief

Lasst euch von niemandem verführen, der euch durch sein leeres Geschwätz einreden will, dass dies alles harmlos sei. Darum macht mit solchen Leuten nicht gemeinsame Sache!

Let no one deceive you with empty words. Therefore do not be partners with them!

die geschickte Ableugnung, etwas durch leeres Geschwätz einreden zu wollen, die geschickte Einladung, mit den Verführerinnen gemeinsame Sache zu machen, das geschickte Ködern, Partnerinnen der Verführer zu werden — vor zweitausend Jahren wie heutigentags …

In „Katechon – Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“ von Volker Weiss kommen sie ohnehin auch und wieder vor, die, von denen in einem Kapitel geschrieben wird, es werde von ihnen in einem weiteren Kapitel … aber von ihnen ist nichts mehr zu erzählen, was relevant wäre, von ihnen ist nichts mehr zu erzählen, geradeso, als wären sie relevant, die nicht relevant sind, die auf einen Gemeinschaftsnamen beispielsweise

Die Krahs oder

Die Benoists oder

Die Compacts oder

Die Schmittens

Die Lichtmesz‘ oder

Die Köppels oder

Die Weissmanns oder

getauft werden könnten —

all die Strippen …

Es wäre zu viel Anerkennung, sie nach irgendeinem Strippennamen zu benennen, sie würden es wohl zu ihrer Ehre stolz recht mißverstehen, für all diese Strippen gibt es aber durchaus einen einfachen wie kurzen Gesinnungsnamen, der später im Kapitel …

Das Einzige, was noch zu ihnen einfällt, ist ein Titel eines italienischen Films, der sofort dazu einfällt, wenn Volker Weiss einen italienischen Philosophen erwähnt,

Giorgio Agamben hat in seiner Deutung des Katechon darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem „eschatologischen Drama“ nicht um einem Kampf zweier Akteure handelt, sondern dass bei Paulus eigentlich eine Auseinandersetzung zwischen drei Kontrahenten stattfindet, dem „Katechon“, dem „Messias“ und dem „Gesetzlosen“.1 Gerade letztere Position ließe sich heute besser auf die allgegenwärtigen Disrupteure anwenden als die des Aufhalters.

dazu fällt sofort der Titel des Films von Ettore Scola ein:

Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen — Brutti, sporchi e cattivi — Ugly, dirty and bad

Ein Film über Menschen, die in einem Slum ihr nach eigengezimmerten Gesetzen gesetzloses Leben — und nicht anders ist der Film, der gegenwärtig über diese abläuft, deren Kragen auch sonntags weiß in ihren goldkitschigen Behausungen im geistigen Slum …

Dieser Film ist anzuhalten, aus dem Programm zu nehmen. Aufzuhalten ist deren Schmutz, aufzuhalten ist ihr Häßliches, aufzuhalten ist ihr Gemeines, dem nicht weiter Wichtigkeit und Bedeutung beizumessen, und das kann nicht dadurch geschehen, sie weiter in den Mittelpunkt mit ihrem Geschwefel von vor zweitausend Jahren zu rücken, sondern dadurch, die Geschicke und die Geschichte durch eigene Hervorbringungen selbst zu bestimmen, voranzubringen, sie in den Ecken ihrer Geistesslums stehenzulassen, wo sie sich selbst gegenseitig allein zuhören können … Dafür aber können durchaus Anleihen aus der Vergangenheit zur Anpassung für Gegenwart und Zukunft genommen werden, jedoch nicht aus vor zweitausend Jahren verbreiteten arabesken Briefen, sondern beispielsweise was vor rund 120 Jahren von Rudolf Diesel verfaßt wurde, zur Verbesserung der Menschen Lebenswelt …