Stadt in Tracht

Maria Fekter als Finanzministerin wollte also lediglich, wie es in ihrer Stellungnahme heißtmahnende Worte gegen Feindbilder und Hetze finden

Was sie damit tatsächlich gefunden hat, ist die Zeit weit vor dem Holocaust, die 1920er Jahre, in denen so zu sprechen christschwarzer Brauch gewesen sein wird, als noch nicht die letzte und also barbarische Konsequenz … daß es im Holocaust enden wird, und in den 1920er Jahren wird es wohl auch sehr viele noch gegeben haben, die zur Reinwaschung der Habsburgerschen Geschichtsverfälschung betrieben.

Werner Faymann als Bundeskanzler findet seine Forderung nach einer besonderen Sorgfalt in der Wahl der Worte als Reaktion auf die zweifache fekterische Geschichtsverfälschung als ausreichend an und damit sich als Zeitgenosse von Maria Fekter in den 1920er Jahren.

Maria Fekter und Werner Faymann sind aber nicht alleine in den 1920er Jahren angekommen. Es scheint, Österreich kehrt insgesamt mit jedem Tag mehr und mehr in die 1920er Jahre zurück, in die Zeit als Hugo Bettauer den Roman Stadt ohne Juden schrieb, von dem unvergeßlich bleiben wird, daß es in Wien nach der Vertreibung der Juden nur noch eine Mode gab: nämlich die Tracht.

Fast drei Jahrzehnte war es nicht unangenehm in Wien zu wohnen, nicht an jeder Ecke waren gleich Passantinnen und Passanten in Tracht anzutreffen. Und heute, 2011, also 1920 in Österreich, reichen zwei Minuten in der Innenstadt vor die Haustüre zu treten aus, um die erste Krachlederne …

Fast drei Jahrzehnte war es angenehm in das Kaffeehaus Prückel zu gehen, ohne Zeitungen extremster nationalistischer … Nun ist es bereits soweit, daß zuerst drei Exemplare der Zur Zeit auf die Seite geräumt werden müssen, um zu anderen und nicht unbedingt österreichischen Zeitungen greifen zu können. Es ist nicht in Erinnerung, daß Maria Fekter mahnende Worte zu dieser freiheitlichen …

Hugo Bettauer würde seinem Roman heute, womit das tatsächliche Jahr 2011 gemeint ist, nur einen anderen Titel geben müssen, also einen, der sich nicht nur auf die Juden bezieht, sondern auf alle, die in Österreich unerwünscht sind, um einen aktuellen Roman für 2011 abzuliefern, vielleicht einfach Stadt in Tracht

PS Möglicherweise werden Sie sich fragen, hatte Hugo Bettauer reale Vorbilder für sein politisches Personal im Roman, die die Juden vertrieben. Ja, es waren christschwarze Politiker, über die einiges zu erfahren ist in „Wien und die jüdische Erfahrung“, herausgegeben von Frank Stern und Barbara Eichinger, Böhlau-Verlag, zum Beispiel über Leopold Kunschak, von dem Michael Spindelegger so lebendig sprechen kann, als träfen sie einander sonntäglich nach dem Kirchgang beim Karl-Lueger-Denkmal vor dem Kaffeehaus Prückel …

PPS Wie hätte gerade der Autor von Stadt ohne Juden  nach 1945 dem Umgang mit den national-sozialistischen Massenverbrechen in Österreich kommentiert, den Aufstieg von Leopold Kunschak zum ersten Nationalratspräsidenten der II. Republik? Seine Kommentare, vielleicht sogar Romane, wären wohl förderlich gewesen, aber Hugo Bettauer hatte nicht die Chance dazu, denn er wurde 1925 von Otto Rothstock ermordet … Von Hugo Bettauer müßte soher die ÖVP in ihren Räumlichkeiten ein Bild aufhängen, um, wenn sie eines Jahres wenigstens in 2011 angekommen sein wird, daran zu erinnern, wer, um dieses obszöne Reklamieren des ersten Opfers zu bemühen, Engelbert Dollfuß war es nicht.

5 Gedanken zu „Stadt in Tracht

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