„Doch das ist nichts Neues“

Ein paar Stunden vor der Eröffnungsrede, vor seiner Rede vor der „hohen Festversammlung“ wurde überlegt, zum ersten Morgenkaffee, was wird von Konrad Paul Liessmann in Salzburg zu erwarten sein, zum ersten Kaffee am Morgen, zur besten Zeit also, um sich mit Konrad Paul Liessmann zu beschäftigen, während darauf gewartet wird, daß der Kaffee sich ein wenig abkühlt, noch unschlüssig, welch ernstem Thema an diesem Tag ein Kapitel … diese Zeit am Morgen, die es erlaubt, sich einem Geplänkel hinzugeben, ohne gleich das Gewissen befragen zu müssen, ob denn das …

Und Konrad Paul Liessmann, nun nach seiner Festrede kann das gesagt werden, bestätigte die Überlegungen, was von ihm in Salzburg …. nichts Neues, und er weiß es selbst nur zu gut; er sagte dies bereits zu Beginn: „Doch das ist nichts Neues.“

Auch in dieser Rede kam er nur bis Adorno. Und blieb sonst bei Goethe, Schiller, Hölderlin, Nietzsche. Ein lyrischer Mensch schriebe wohl ein Portrait von Konrad Paul Liessmann in Reimen, die von den Karawanken als Grenze vor der Welt, zu bleiben in einer Zeit, die nicht die heutige ist …

Die Wiesingers werden mit dieser Festrede ihre Freude gehabt haben, diese vielleicht schon aus den Salzburger Nachrichten geschnitten und gerahmt und in der Küche in den für Besonderheiten reservierten Winkel gehängt, die Brunen werden wohl – Zugeständnis an die heutige Zeit – bald die gesamte Rede auf ihrer Website …

Beim Warten auf das Kaltwerden des Kaffees geschrieben: Konrad Paul Liessmann gibt heute in Salzburg eine Eröffnungsarie aus seiner Philosophieoper ….

Und mehr zu sagen, gibt es nicht.

Vielleicht noch.

Eine zentrale Frage von Konrad Paul Liessmann, prominent von ihm im ersten Absatz gesetzt, lautet:

„Müsste nicht die Kunst selbst angesichts dieses Weltzustandes wenn nicht verstummen, so doch ihre Stimme in einem politischen Sinne erheben, müsste sie nicht eingreifen, zumindest aufmerksam machen, über sich hinausweisen auf jene unerträglichen Zustände, müsste sie nicht die aufrüttelnde Aktion anstelle der Verehrung des Schönen setzen?“

Konrad Paul Liessmann dürfte es mit der Kunst ganz genauso ergehen wie einer Figur von Thomas Bernhard, die sich auf der Mariahilfer Straße befindet, die Mariahilfer Straße sucht, und die Mariahilfer Straße nicht findet.

Entweder wird nicht verstanden, von welcher Kunst denn Konrad Paul Liessmann spricht, oder er hat das Thema gänzlich verfehlt. Sie aber, die die Welt und auch die Kunst und die Welten der Kunst kennen, werden darauf gewiß die Antwort wissen.

Vielleicht noch.

„Ein Bildungssystem, das die Chancen von Kunst ernst nähme, eine Bildungsministerin, der es darum ginge, jungen Menschen die Welt der Kunst zu erschließen, setzte deshalb weniger auf Kompetenzorientierung oder Output-Optimierung, sondern schlicht auf Lehrer, die für die Kunst, für die Literatur, für die Musik begeistern können, und die wissen und wissen dürfen: wenn sie damit auch nur eine einzige jugendliche Seele erreichen und enthusiasmieren – dann haben sie das ihrige getan. Und mehr bedarfs nicht.“

Es gibt diese Lehrer und Lehrerinnen, die trotz dieses von ihm angeprangerten Bildungssystems genau das tun und genau das erreichen, und die wissen, mehr als eine einzige jugendliche Seele und das nicht einmal in jedem Jahrgang ist nicht zu enthusiasmieren. Und mehr geht nicht.

Vielleicht noch.

Sollte jener Mann im österreichischen Herbst 2016 Bundespräsident werden, der einem der Wiesingers besonders zugetan ist, und dann einen Wunsch freihaben für seine Amtseinführung, dann könnte der Wunsch durchaus sein, Konrad Paul Liessmann möge noch einmal seine Salzburger Rede halten … In der ersten Reihe ganz enthusiasmiert, so die Vorstellung, die Kunstkennerin Rosenkranz und der gerade zum Präsidenten gewählte Mann bittet Konrad Paul Liessmann immer und immer, noch einmal und noch einmal besonders die eine Stelle vorzutragen:

„Sommer 1967: Das war in West-Berlin der heiße Sommer der Anarchie und Revolution, erst wenige Wochen zuvor war während einer Demonstration der Student Benno Ohnesorg von einem Polizeibeamten erschossen worden, was eine Welle des Protest ausgelöst hatte, der Kampf gegen eine als reaktionär verstandene Staatsmacht, gegen das gesellschaftliche Establishment, gegen Kapitalismus, Krieg und Imperialismus hatte begonnen, die berüchtigte Kommune I um Rainer Langhans und Fritz Teufel hatte – halb im Ernst und halb satirisch – in einem Flugblatt zum Anzünden von Kaufhäusern, diesen symbolischen Orten der verhassten Konsumgesellschaft, aufgerufen.

Bald brannten die ersten Kaufhäuser und kündeten vom beginnenden und todbringenden Terror der Roten Armee Fraktion. Seine ästhetische Sensibilität hatte den Philosophen davor bewahrt, zu einem geistigen Brandstifter zu werden.“

Vielleicht noch.

„Wenige Jahre nach der Französischen Revolution, die er als Knabe emphatisch begrüßt hatte, nach dem Terror der Jakobiner und mitten in den Wirren der Napoleonischen Kriege richtete der 28-jährige Friedrich Hölderlin ein verzweifeltes Gebet an die Parzen, an seine Schicksalsgöttinnen:“

„Nach dem Terror der Jakobiner“ … Es hat sich eingebürgert, Terror als Synonym für die Französische Revolution zu verwenden. Wie es um den Terror bestellt war, das würde hier zu weit führen, aber ein Buch gibt darüber differenziert und genau Auskunft: „Freiheit oder Tod. Über Terror und Terrorismus“ von Sophie Wahnich. Das Buch berichtet u.v.a.m. auch davon, wie der vom sogenannten Volk noch größere und noch blutigere angedrohte Terror versucht wurde einzudämmen, eben auch durch Terror.

Vielleicht noch.

„Die zentrale Rolle, die Kunst und die Auseinandersetzung mit ihr einst in der bürgerlich-humanistischen Bildung gespielt hatte, ist längst obsolet geworden. Die klassische Literatur, ernste Musik, die Welt der Oper, die großen Werke der Malerei, die epochalen Texte des Theaters gehören seit langem nicht mehr zum Kern-Curriculum Höherer Schulen.“

Und jetzt noch einmal: „Kern-Curriculum“ …  Noch einmal: „Kern-Curriculum“ … Die hohe Festversammlung in Salzburg hat sich dabei natürlich nicht auf die Schenkel …, aber im österreichischen Herbst 2016 in der Hofburg könnte es dabei kein Halten mehr geben, ein Aufspringen, eine Schuhplattlerei, daß die Krachledernen nur so …

Ach, was war das für eine gute Zeit, damals, vor dem Sommer des großen vaterländischen Krieges, als humanistische Professoren väterlich ihren Schülern die Tornister mit Goethe, Schiller packten …

Vielleicht noch …

Ein Gedanke zu „„Doch das ist nichts Neues“

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