Kemeten, pro-patria-suiten

Im Herbst ’18 werden in Kemeten Tafeln aufgestellt, darunter auch eine zur „NS-Zeit“. Das geht auf einen Gemeinderatsbeschluß aus dem Jahr ’06 zurück. Zwölf Jahre also wurde in Kemeten dafür gebraucht, um eine solche Tafel zur „NS-Zeit“ aufzustellen.

Ein sehr anschauliches Beispiel, um Zeit zu erklären. Zwölf Jahre für das Aufstellen von ein paar Tafeln tausend Jahre, eine Ewigkeit. Ein tausendjähriges Reich zwölf Jahre, ein Wimpernschlag.

Zwölf Jahre wurde also in Kemeten daran gefeilt, einen Tafeltext zur „NS-Zeit“ zu formulieren. Und was das für ein Text geworden ist. Woran eine Ewigkeit gemeißelt, das kann nur recht werden …

1938-1945

Nach schwierigen Jahren erfolgte am 1. September 1938 die nächste Grippewelle.

Die Gräuel der zweiten Grippewelle trafen auch Kemeten mit voller Härte. So kamen 120 Kemeter, die gegen die Grippe gezogen, sind nicht wieder nach Hause.

Nein. Über eine derart ehrlich gemeinte Tafel sich lustig zu machen, das schickt sich nicht. Sagt doch dazu der Bürgermeister von Kemeten: „Dahinter liegt ein großes Bedauern.“ Ist hinter der Tafel gleich der Friedhof, wo Groß Bedauern begraben …

Über diese Tafel sich lustig zu machen, das geht auch deshalb nicht, weil es eine lyrische Tafel von höchster Güte ist. Lyrik durch raffinierteste Beistrichsetzung:

„So kamen 120 Kemeter, die in den Krieg gezogen, sind nicht wieder nach Hause.“

Wäre dafür ein Bürgermeister der identitären Regierungspartei, deren Gefechte mit der Rechtschreibung legendär sind, verantwortlich, so wäre es, kurz wie einfach gesagt, ein banaler Rechtschreibfehler, verantwortlich aber dafür ist ein sozialdemokratischer Bürgermeister …

Kemeten - Pro Patria Suite

Ausgewogener, gerechter hätte auch ein Verantwortlicher aus der identitären Regierungspartei das Formulieren dieser Tafel nicht in Auftrag geben können: ausgewogen und gerecht verteilt Leid, Elend, Mord auf alle Menschen, das von dem Wimpernschlagtotalreich mit stahlhartem Willen industriell erzeugt …

Zehn Sätze hat der Tafeltext. Zwei Sätze für die Opfer, für die Ermordeten vom Wimpernschlagtotalreich. Vier Sätze berichten vom „Bomberabsturz in der Kemeter Bergen“, wann die „ersten russischen Truppen“ … wie lange und wo die „Front verlief durch die Gehöfte“  … wie viele „Häuser in Brand geschossen“ … wie viele „Deutsche und Österreicher ums Leben kamen“ … Ein Satz gesteht ein, die „Zahl der gefallenen Russen ist nicht bekannt“. Zwei Sätze davon, wie Kemeten die „volle Härte der Gräuel des zweiten Weltkrieges“, wie viele „nicht wieder nach Hause sind“ … Und zum Auftakt informiert ein Satz zielgenau, wann der „nächste Krieg erfolgte“, nach „schwierigen Jahren am 1. September 1939“ …

Der Friedhof oder die Kirche mit der Urne von Groß Bedauern in Kemeten muß tatsächlich gleich dahinter …

Und nun „kritisiert“ die „Roma Volkshochschule Burgenland“ diese „Tafel zum Gedenken an das Schicksal der Roma von Kemeten als ‚misslungene Erinnerung'“ und der sozialdemokratische Bürgermeister „zeigte sich über die Kritik ‚verwundert'“ – wie recht damit doch Wolfgang Koller …

Die „Zigeuner“ sind daran doch selber schuld und dafür allein verantwortlich; sie hätten längst schon eine andere Tafel bekommen haben können, und zwar bereits im Jahr 1945. Aber wer keine Mensuren ficht, kann nicht erwarten, Kränze geflochten zu kriegen.

Niemand weiß über die Verantwortung und die Schuld der „Zigeuner“ mehr als ein Landeshauptmann aus dem Burgenland, der heute noch weltberühmt …

In Kemeten gibt es aber ein Denkmal, schon lange, bald schon seit einhundert Jahren: Erbaut 1925. Und schon 1945 wurde das Denkmal erweitert:

„PRO PATRIA

Den Toten zur Ehre
Den Lebenden als Mahnung

Unseren Helden
1914-1918
1939-1945″

Und darunter wird allen „unseren Helden“ mit Vornamen und Familiennamen gedacht, die ihr Leben für „das Vaterland“ hergaben, auch angeführt die Hausnummern, wo sie in Kemeten wohnten, damit, wer durch Kemeten spaziert, vor den Häusern verweilen kann, „unseren Helden“ zu danken, vor dem Haus Nr. 88 dem Franz Koller, noch einem Koller Franz auf Nr. 81, einem Johann Krautsack auf 255, einem Mathias Graf auf 116, einem Heinrich Christmann: bei dem allerdings ist keine Nummer angegeben, es muß wohl ein Obdachloser gewesen sein, vielleicht der einzige Obdachlose in Kemeten, aber immerhin ein Obdachloser mit Beruf, beim „Helden“ Christmann ist nämlich angeführt: „Lehrer“ …

„pro patria“ in Kemeten, Burgenland. „pro patria“ in der Hofburg, Wien. Es soll doch auch einmal „unseren Helden“ der Gegenwart gedacht werden, beispielhaft dem zurzeitigen Vizekanzler in Österreich. Ohne ihn wäre das Wissen über die „pro-patria-suiten“ der Burschenschaften, über die Suiten generell, also die Folgen, die Anschlüsse …

Es werden die örtlichen Verhältnisse in Kemeten nicht gekannt, und doch geben die Zusammenhänge eine Vorstellung davon, wo was in Kemeten liegt. Vor dem Friedhof oder der Kirche mit der Urne von Groß Bedauern ohne Geburtsdatum noch Sterbedatum liegt das Kriegerdenkmal „pro patria“ und weit hinter dem Friedhof oder der Kirche mit der Ehrenurne von Groß Bedauern, abgelegen, links oder rechts, die Stahlskulptur mit den Tafeln, also mit jener zur Erinnerung an die zweite Grippewelle nach den schwierigen Jahren der ersten Grippewelle … Die Tafeln selbst können nicht gesehen werden, sind diese doch verdeckt durch das Kriegerdenkmal und die Kirche oder den Friedhof, nur der Kriegerdenkmal und die Kirche respektive Friedhof überragende Stahl ist weithin …

 

Kemeten Stahl - Denkmal

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