Verwachsen, aber mit einem einzigen Mund

Ein Raumpfleger findet im Papierkorb einer Redaktion ein zusammengeknülltes und also zum Wegwerfen bestimmtes Blatt Papier. Offensichtlich einen Artikel. Einen viel zu lang geratenen Artikel. Fast alle Sätze sind durchgestrichen. Nur ganz wenige Sätze sind nicht dem Streichen zum Opfer gefallen. Der Raumpfleger nimmt diesen radikal zusammengestrichenen Artikel mit. Er will diesen seiner Tochter als Beispiel zeigen, wie erfahrene Journalistinnen ihre Artikel bearbeiten, ehe diese in Druck gehen. Er will den radikal gekürzten Artikel seiner Tochter geben, die sich bei ihrem Vater stets darüber beklagt, daß ihr Professor sie immer schelte, ihre Artikel würden ihr immer viel zu lang geraten, es gelänge ihr nicht, das Wesentliche herauszuarbeiten, es gelänge ihr nicht, ihre Artikel auf das Entscheidende zu beschränken. Deshalb will der Raumpfleger, dessen Tochter Publizistik studiert, den radikal gekürzten Artikel zeigen, damit sie sieht, wie erfahrene Journalistinnen ihre Artikel so lange bearbeiten, bis nur noch das Entscheidende und das Wesentliche …

Der Raumpfleger streicht das zusammengeknüllte Blatt mit dem radikal gekürzten Artikel glatt, er schreibt die nicht durchgestrichenen Sätze fein säuberlich ab, und da er kein Blatt Papier hat, schreibt er die übriggebliebenen Sätze auf die Seite des 10. Mai 19 in seinen Kalender. Zuerst will er seiner Tochter das Blatt mit dem radikal zusammengestrichenen Artikel zeigen, und dann das Ergebnis, den endgültigen und also auf das Entscheidende und auf das Wesentliche beschränkten Artikel.

Gleich nach der Begrüßung beginnt seine Tochter zu erzählen, wieder einmal, auch heute habe der Professor ihr vorgehalten, ihr Artikel sei wieder viel zu lang, er könne das Wesentliche, das Entscheidende aus ihrem Artikel nicht sofort herauslesen

Der Raumpfleger hört ihr zu, wie immer, aber er nickt nur, gibt ihr nicht das Blatt mit dem radikal gekürzten Artikel, zeigt ihr nicht sein Kalenderblatt mit der von ihm fein säuberlich abgeschriebenen Essenz des auch einem erfahrenen Journalisten in ersten Entwürfen viel zu lang geratenen Artikels:

Die Thesen von Kurzens Tingel-Tangel-Leiter
Strache zum Antifaschismus
Es ist die Ära der Denkwerkstätten. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) richtete einen Thinktank ein. Dafür abgestellt wurde ein Dienstposten, der mit Heinz-Christian Strache besetzt wurde. Die antifaschistische Plattform Stoppt die Rechten hat nun zu Strache recherchiert und einige bemerkenswerte Informationen herausgefunden. Strache weiter, dass die Frage erlaubt sein muss, ob „der neue Faschismus nicht auch wie ein falscher Prophet unter dem Deckmantel des ‚Antifaschismus‘ daherkommen könnte“.

Später, beim Zubereiten des Abendessens wirft der Raumpfleger mit den Kartoffelschalen auch den radikal gekürzten Artikel weg. Das Kalenderblatt mit seiner fein säuberlichen Abschrift freilich wirft er nicht weg, ist auf dem doch auch notiert, wie viele Stunden er an diesem Tag gearbeitet hat. Das muß er sich merken, das braucht er ja noch, für die Abrechnung.

Beim Essen dann fragt der Raumpfleger seine Tochter, die er immer fragt, wenn ihm etwas seltsam, unerklärlich vorkommt, warum denn wer eine Denkstatt zusätzlich dafür brauche, dafür ein Dienstposten geschaffen werde müsse, nur um das ohnehin Eigengesagte noch einmal gesagt zu bekommen, das komme ihm vor, als wären sie verwachsen, mit vielen Händen, mit vielen Beinen, mit vielen Rümpfen, aber mit einem einzigen Mund …

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