Kurz vor den Nachrichten über die Morde in Hanau noch bewegte Bilder mit Operettengesang vom Opernball

„Damit trug die musikalische Sprache der Wiener Operette ebenso zu einem ‚falschen Bewusstsein‘ bei, zu einer Scheinwelt, die weder mit der sozio- kulturellen noch mit der sozio-politischen Realität in voller Übereinstimmung war, wie auch die märchenhafte Thematisierung der literarischen Sujets einer eher wirklichkeitsfremden Einschätzung Vorschub leistete. Es entstanden Klischees, die zuweilen bis in die Gegenwart der gesellschaftichen Zusammenhänge erhalten geblieben sind.“

Um die Nachrichten nicht zu versäumen, wurde am 20. Februar 20 der Apparat zu früh eingeschaltet. In den Nachrichten dann wurde von den Morden in Hanau berichtet, begangen von einem Mann, der offensichtlich ebenfalls der Mode erlegen ist, Morde mit Manifesten vorzubereiten.

Davor aber muß ein Lied angehört werden, eines von Emmerich Kálmán, aus der Operette „Die Csárdásfürstin“, die bekannt ist auch als „The Gypsy Princess“, „La Princesse Tzigane“ …

Davor muß also ein Lied aus der „Zigeunerprinzessin“ angehört werden, mit bewegten Bildern aus der Wiener Staatsoper angesehen werden, die Menschen zeigen, ergriffen, rührselig dem Liede lauschen, die Menschen zeigen, von denen gesagt werden könnte, sie repräsentieren die sogenannte ehrenfeine Gesellschaft in Österreich, von der sogenannten Staatsspitze je nach Standplatz abwärts oder aufwärts …

Und unweigerlich fällt zu diesem Liede und zu diesen Theatergesellschaftsbildern die Arbeit „So elend und so treu“ zur Wiener Operette ein, aus der das an den Beginn des Kapitels gestellte Zitat entnommen ist.

Unweigerlich kommt dabei in den Sinn die bevorstehende Premiere des „Zigeunerbarons“ in der Volksoper und eine Schallplattenhülle von „Emerich Kalman, Richard Wagner“ aus dem Jahre 1952, wohl deshalb, weil die Darstellung der „Zigeuner“ auf diesem Cover so sehr der Darstellung gleicht, die für die Aufführung in 2020 in der Volksoper frisch gezeichnet wurde, kein Unterschied zu erkennen, als wären seit dem keine 68 Jahre vergangen … es sind in Österreich keine 68 …

Wie gut Wagner und Wiener Operette zueinander passen, der eine wie der andere so frei von — und deren tönenden Worte geliebt von …

Nach den Nachrichten über die Morde in Hanau wurde in „So elend und so treu“ gleich nachgelesen, was zur „Zigeunerprinzessin“ geschrieben wurde, und dabei blitzen immer wieder die bewegten Bilder des Opernballs 20 …

„Ebenso geschieht es in jeder einzelnen der in dieser Arbeit behandelten Operetten des Werkkanons. Ob man nun die rassige Zigeunerin Frasquita von Franz Lehár und den Librettisten Alfred Maria Willner und Heinz Reichert auf der Bühne tanzen sieht oder den schmachtenden Tassilo in der Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán, Julius Brammer und Alfred Grünwald ‚Komm Zigan, spiel mir was vor‘ singen hört – sobald bei einer Wiener Operette von ‚Zigeunern‘ gesprochen wird, kann man davon ausgehen, dass es sicher nicht um real existierende Romgruppen im Gesamtstaat geht, sondern dass vielmehr ‚Zigeuner‘ dargestellt werden: das stereotype Fremdbild einer ethnischen Minderheit, dass im Bewusstsein der europäischen Mehrheitsgesellschaft seit dem 15. Jahrhundert basierend auf Vorurteilen und Ablehnung gegen eine Marginalgruppe gewachsen ist. Das Konstrukt ‚Zigeuner‘ prägt eine Vielzahl von Operetten. In unmittelbarer Weise natürlich in Stücken wie dem Zigeunerbaron oder dem Zigeunerprimas (Musik von Emmerich Kálmán, Libretto von Fritz Grünbaum und Julius Wilhelm), Csáky, wo das betreffende Wort ‚Zigeuner‘ schon im Titel präsent ist, aber auch in Operetten wie der Csárdásfürstin (Kálmán/Leo Stein und Bela Jenbach), wo die ‚Zigeuner‘ nur zitiert werden und sogenannte ‚Zigeunermusik‘ in die Komposition einfließt. Es erscheint also logisch zu fragen, welche besondere Position die Romgruppen in der österreichischen Gesellschaft einnahmen, sodass in der Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ‚Anschluss‘ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 in continuo Operetten produziert wurden, in denen das Zigeunerstereotyp auf der Bühne behandelt wurde. Ob die Operette generell nur Klischees und Stereotype von allen ihren Protagonisten zeigt, scheint dabei nebensächlich, da in Hinsicht auf die Romgruppen zusätzlich ein rassistischer Aspekt augenscheinlich wird. Die Darstellung von ‚Zigeunern‘ und ‚Zigeunerkultur‘ als Betrachtungsgegenstand überwiegt an Immanenz gegenüber der Klischeedarstellung beispielsweise eines Gefängniswärters Frosch in der ‚Fledermaus‘, den man z.B. als das stereotype Abbild eines alkoholkranken österreichischen Beamten verstehen kann. Selbstverständlich sind ein Verständnis des Massenkulturphänomens ‚Operette‘, sowie auch die Erörterung der Ursprünge und Ausbildung von Zigeunerstereotypen unerlässlich bei der Beschäftigung mit der Frage nach der Konstruktion und Funktion von Zigeunerstereotypen in der Wiener Operette.

Wie sind Zigeunerstereotype in der europäischen Majorität entstanden und welche Transformation haben sie erfahren, bis sie schließlich im 19. und 20. Jahrhundert zum Gegenstand des Genres Operette wurden? Wie wurden sie eigens für diese passend gemacht? Vereinfacht ausgedrückt beschreibt dies das Spannungsfeld, in welchem sich die Thesen dieser Arbeit bewegen. Die Analyse der Stereotype, die in den jeweiligen Operetten des Werkkanons sowohl in musikalischer als auch in dramaturgischer Hinsicht relevant sind, ist dabei ebenso wegweisend wie die Auseinandersetzung mit der Funktion und den sich daraus ergebenden Folgen der stereotypen Darstellung von Romgruppen im Operetten-Theater. Gerade die Operette muss als ‚Kind ihrer Zeit‘ verstanden werden, weshalb es naheliegend ist, parallel zur Betrachtung der Ausgestaltung des Zigeunerstereotyps auf der Bühne auch einem soziologischen Aspekt Raum zu geben und die Position von Romgruppen in der Gesellschaft der Doppelmonarchie näher zu untersuchen. Hierbei kann von der Frage ausgegangen werden, warum es für die Mehrheitsgesellschaft interessant gewesen sein könnte, in diesem volksnahen Genre überhaupt einen Fokus auf das Stereotyp ‚Zigeuner‘ zu setzen. Wenn man den ‚Zigeuner‘ als persona non grata des Vielvölkerstaates begreift, scheint es berechtigt, sich zu überlegen, warum der ‚Outcast‘ zum Gegenstand einer kommerziellen Unterhaltungsindustrie wurde, was die Operette zu Zeiten ihrer Hochkonjunktur ja de facto war. Aus dieser Überlegung erschließt sich recht geradlinig, warum nicht ein authentisches Bild der Marginalgruppe, sondern ein verzerrtes und verkitschtes Klischeebild, ein ‚Zigeunerbild‘ präsentiert wurde. Die Missstände, in denen die Romgruppen teilweise bzw. überwiegend lebten, wurden ebenso außer Acht gelassen wie die Tatsache, dass die meisten Romgruppen zur Zeit der Entstehung der hier kanonisierten Operetten schon fast zur Gänze sesshaft und an die Mehrheitsgesellschaft angegliedert waren und nicht im sprichwörtlich gewordenen ‚grünen Wagen‘ durch die Lande zogen. Die Realität war aber nicht umfassend publikumstauglich, und deshalb wurde sie für die Operettenbühne entsprechend beschönigt. Davon ausgehend lässt die schon angesprochene Tendenz zur Couleur locale, die in der Kunst der Romantik immer wieder als Folie für die eigene Gesellschaft diente, eine Art ‚Zigeuner-Mode‘ denkbar werden, die sowohl musikalisch als auch dramaturgisch den Geschmack des Publikums rund um das Fin de siécle traf.

Bei genauerer Betrachtung scheint dies allerdings eine zu einfache Antwort auf die Frage, warum der ‚Zigeuner‘ überhaupt in der Operette auftaucht. Die Art und Weise, wie in Handlung und Komposition mit ‚Zigeunerischem‘ verfahren wird, lässt vielmehr darauf schließen, dass die Zigeunerstereotype in der Gesellschaft so obligat waren, dass sie nicht zuletzt vom Publikum der Wiener Operette für bare Münze genommen wurden. Die Funktion des Zigeunerstereotyps mag also, in Ansätzen und sehr vereinfacht formuliert, Ausdruck einer gewissen Mode oder vielmehr einem großösterreichischen Eskapismus entsprechen; seine Konstruktion hingegen ist mehr als eine Mode: sie ist das Produkt einer jahrhundertelangen Ausgrenzung und Verfolgung von Romgruppen durch die Mehrheitsgesellschaft in Europa, die in der Wiener Operette weiterlebt.

Die akribische Konstruktion des Zigeunerstereotyps, die in der Mehrheitsgesellschaft über Jahrhunderte hinweg stattfand, ist also conditio sine qua non für die Funktion, die diesem in der Operette zukommt. Es geht hier nicht in erster Linie darum, den Konflikt zwischen zwei differierenden Gesellschaftsformen darzustellen, wie das etwa in stereotypisierenden Operetten wie beispielsweise dem Land des Lächelns (Lehár/Herzer, Löhner-Beda, Léon) oder der Blume von Hawaii (Ábráham/Flödes, Grünwald, Löhner-Beda) der Fall sein mag. Bei den Wiener Operetten, die in irgendeiner Weise ‚Zigeuner‘ zitieren oder darstellen, ist davon auszugehen, dass das Stereotyp ein gewichtiger Teil des Gedankenguts der Gesellschaft war, in der sie entstanden sind.

Von Rassismus zu sprechen, bedeutet hier sowohl den Sozialchauvinismus der österreichischen Majorität im 19. und frühen 20. Jahrhundert mitzudenken als auch eine lange Kette von Stereotypenbildung miteinzubeziehen. Die Konstruktion des Zigeunerstereotyps in der Wiener Operette ist ergo nur die ‚Spitze des Eisbergs‘, ein Zeuge davon, dass noch in der Moderne immer wieder unreflektiert auf Stereotype zurückgegriffen wird, die in der Gesellschaft seit mehreren Jahrhunderten bestehen. Dass diese Stereotype nicht hinterfragt wurden und sich über die Zeit ihres Bestehens nur geringfügig verändert haben, lässt die Lücke zwischen der dargestellten und der tatsächlichen Realität zur Entstehungszeit der Wiener Operetten immens werden. Interessant wird diese Tatsache, wenn man sich des Charakters der Operette bewusst wird, die als ein Genre zu verstehen ist, dass sich dezidiert mit gesellschaftlichen Belangen und Problemen ihrer Zeit auseinandersetzt.

Ein Beispiel: In der Csárdásfürstin, die ihre Premiere 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg erlebte, wird sowohl eben dieser Weltkrieg und die Haltung der Gesellschaft zum Krieg, die Rolle der modernen, sich emanzipierenden Frau als auch die Borniertheit der österreichischen Aristokratie in der untergehenden Habsburgmonarchie thematisiert. Brandaktuelle Themen also, mit denen sich das Publikum täglich auseinandersetzte. Gleichzeitig wird der ‚Zigeuner‘ dargestellt, wie es ihn, wenn überhaupt je, 1915 sicher nicht gegeben hat: als höriger Musikant, der in einer Art zufriedener Abhängigkeit zur Mehrheitsgesellschaft aufspielt und diese mit einem ‚Feuercsárdás‘ auf andere Gedanken bringt. Der Csárdás, das Aufspielen für den ‚Gadzo‘ (das Romanes-Wort für den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft), die Stilisierung zum käuflichen Dienstleister – all dies sind Auswüchse des tradierten Zigeunerstereotyps.“

Zwei Zigeuner im Land des Matriarchats

„Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen.“ 

Das ist aus der Stellungnahme der Dramaturgie und Direktion Meyer der Volksoper zu ihrer braven Inhaltsangabe, mit der sie versuchen zu erklären, wann sie Anführungszeichen verwenden, wann sie keine Anführungszeichen verwenden.

Was es mit dem besonderen Verwenden von Anführungszeichen und von keinen Anführungszeichen auf sich hat, das wurde in einem Kapitel bereits ausführlich dargelegt.

Auch das wurde bereits in einem Kapitel angesprochen, mit ihrer Stellungnahme lüftet die Direktion Meyer ein großes Geheimnis. Strauß und Schnitzer waren Zigeuner. Es muß Zigeuner nicht in Anführungszeichen gesetzt werden, weil ja, so die Direktion Meyer, „nicht von einer Fremdbezeichnung“ gesprochen werden, da doch die Zigeuner Schnitzer und Strauß in ihrem Tonwerk selber diesen „Begriff“ verwenden.

Weil aber auch die österreichische Bundestheater-Holding diese brave Inhaltsangabe der Direktion Meyer verbreitet, ist doch ein weiterer Blick auf diese Inhaltsangabe zu werfen. Diesmal aber nicht auf die „Anführungszeichen“.

„Die Uraufführung des ‚Zigeunerbaron‘ 1885 bescherte Johann Strauß zu Lebzeiten den größten Bühnenerfolg . Eine sumpfige Landschaft irgendwo im habsburgisch-verwalteten Banat rund um das Jahr 1740. Der Vielvölkerstaat vereint hier Großbauern und Lebenskünstler: im Gutshof den Schweinezüchter Zsupán, daneben eine Gruppe von Zigeunern unter dem Matriarchat der alten Czipra. Als der in der Fremde aufgewachsene Sándor Bárinkay in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehrt, fordert er die ihm zustehenden Güter ein, erklärt sich jedoch gleichzeitig als williger Heiratskandidat: Ein willkommener Eidam für Zsupán. Doch ein Schlitzohr übertrumpft das noch größere und man kommt zu keiner Einigung. Die schöne und selbstbewusste Saffi wendet das Blatt, Bárinkay wird zum Baron der Zigeuner erklärt und die Liebe fügt alles zum Guten. Wäre da nicht der ‚lange Arm der Monarchie‘, der mittels Graf Homonay im Banat Soldaten für einen bevorstehenden Krieg anwirbt …“

Auch dazu gibt es bereits ein Kapitel, welche Rolle „Zigeuner“ in der Operette zu spielen haben, damit sie keine Rolle vor den Theatern spielen, wofür sie in den Operettenhäusern weiter gebraucht werden, sie weiter in Dienst sein dürfen, damit sie vor den Häusern weiter …

Die Inhaltsangabe scheint brav die Kriterien einer Inhaltsangabe zu erfüllen, wie sie in der Schule gelehrt werden. Knapp und sachlich soll die Sprache sein, verzichtet soll werden auf die eigene Meinung, keine sprachlichen Ausschmückungen …

Nun, erfüllt das die Inhaltsangabe? Mehr als das.

„Gruppe von Zigeunern unter dem Matriarchat der alten Czipra“ — — „Matriarchat“ …

Es ist wahrlich eine Inhaltsangabe der Aufklärung. Eine durch das Werk der zwei Zigeuner durch und durch gedeckte Definition des Matriarchats …

Schlagen Sie nach bei Liefhold …

„Czipra, die ‚alte Zigeunerin‘, wird schon in der ersten Szene von Ottokar als ‚alte Hexe‘ eingeführt. Der Zusammenhang, der hier zwischen Zigeunerfrau und schwarzer Magie hergestellt wird, erscheint so beiläufig, als sei es eine allgemein Tatsache, dass alte Zigeunerinnen notwendig Hexen sein müssen.“

„Czipra ihrerseits, spricht einen Aspekt des Zigeunerstereotyps an, das geschlechtsspezifisch die Zigeunerfrau betrifft: ‚Als Jugend Wang‘ und Aug erfrischt, / warb man um Czipra minniglich, / doch nun Zeit den Reiz verwischt / nennt man die alte Hexe mich.‘ Hierbei handelt es sich um die von der Mehrheitsgesellschaft evozierte Annahme, dass die junge Zigeunerin, überaus attraktiv, erotisch und anziehend, schneller als andere Frauen zu einem hässlichen alten Weib würde. Gerade zu diesem Aspekt konnten Beobachtungen gemacht werden, dass in der Literatur die schöne junge ‚Zigeunerin‘ gehäuft in Begleitung einer hexenhaften alten Zigeunerin auftritt: Die erotische junge Frau wird an die Vergänglichkeit und das Alter erinnert. Es wird aufgezeigt, was die schöne ‚Zigeunerin‘ zwangsläufig werden wird: eine hässliche Hexe, vor der man sich in Acht nehmen muss.‘ Für die Rollenkonstellation Czipra / Saffi ist dies natürlich ebenfalls sehr interessant, da im Zigeunerbaron die oben beschriebene stereotype Tradition fortgesetzt wird und der jungen Heldin die alte ‚Mutter‘ zur Seite steht, die durch ihre Charakterisierung als Hexe ihre ‚Tochter‘, die ebenfalls offenbar mit hellseherischen Fähigkeiten begabt ist, in gewisser Weise spiegelt.“

„Czipra kann als Paradebeispiel der stereotypen alten Zigeunerin gelesen werden. Sie vereint in sich sowohl das Stereotyp der Zigeunerfrau als Hexe, das der Wahrsagerei und Schatzgräberei und, wie später noch aufzuzeigen ist, das des Kindsraubs.“

„Abgesehen davon, dass der Drudenfuß ein weiterer Verweis auf Czipras Hexenkünste ist, wird hier außerdem der Analphabetismus thematisiert. Wenn man bedenkt, dass ‚im Ausgang des 18. Jahrhunderts […] Schriftlichkeit die entscheidende Zivilisationsschwelle‘ ist, wird verständlich, warum die Zigeunerin in der Operette nur einen ‚Drudenfuß‘ malen kann. Sie wird damit gleichsam als unzivilisierte Wilde gezeichnet, die abseits der normierten Schriftlichkeit lebt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch der Schweinefürst Zsupán nicht schreiben kann. Ob dieser sich seinen Platz in der bürgerlich-zivilisierten Gesellschaft durch seinen Reichtum angeeignet hat, oder ob er vielmehr als Nicht – Zigeuner von vorne herein seinen Zivilisierungsgrad nicht über den Alphabetismus beweisen muss, wäre hier zu überlegen. Der Analphabetismus ist Czipra und Zsupán gemeinsam, trotzdem wird sie zur unzivilisierten Zigeunerin, weil sie nicht schreiben kann, und dafür vom Chor mit einem satten ‚Ein Drudenfuß! Hahahaha!‘ verlacht, während Zsupán im Schweinehändler-Couplet (Nr. 3, ‚Ja, das Schreiben und das Lesen, / Ist nie mein Fach gewesen‘) mit seinem Defizit sogar noch kokettiert. Hier zeigt sich der Gegensatz zwischen den als Naturmenschen stereotypisierten Zigeunern und den Kulturmenschen der Mehrheitsgesellschaft.“

„Der Zigeunerbaron“ in der Volksoper wird wahrlich eine umjubelte Premiere der Aufklärung gewesen sein, mehr noch, die modernste Aufklärung überhaupt, ist sie doch nicht nur eine schriftliche, sondern auch eine grafische und animierte …

Ein Minister außer Dienst wird vielleicht aus dem Steiermärkischen zur Premiere voller Freude angereist sein, um mit seinem Kulturmenschen sein Leiblied inbrünstig mitgesungen zu haben …

„Der Kulturmensch Zsupán kann beruhigt singen, dass „das Schreiben und das Lesen“ für ihn nicht von Bedeutung ist und behält trotzdem seinen Status als zivilisierter Mensch, während das ‚Naturkind‘ Czipra ihrer Unfähigkeit wegen verlacht wird und ihr Drudenfuß wird zum Wegweiser aus der Gemeinschaft der zivilisierten Kulturmenschen.“

Frage an Radio Strandbad

„Nach 2 Unabhängigen Expertenkreisen zu #Antisemitismus, setzt die deutsche Bundesregierung 2019 eine Expertenkommission zu #Antiziganismus ein. @sebastiankurz, übernimmt auch Österreich eine Vorreiterrolle zur Bekämpfung von Antiziganismus? @EU2018AT“

Diese Frage stellte der Zentralrat deutscher Sinti und Roma am 27. November 18.

Zu einer Zeit also, als die österreichische Regierung eine Regierung der Jagdfliegerfreunde war, er, Kurz, das beste Einvernehmen hatte mit den Kameraderie aus dem Bündnis mit dem Roma-Frage-Innenministers.

Es gibt keine Antwort von Radio Burgenland.

Aber eine solche Frage Sebastian Kurz zu stellen, ist wie eine Frage an — — in einem anderen Land wäre es eine Frage beispielsweise an Radio Eriwan, in Österreich an Radio Strandbad

Frage an Radio Strandbad:
„Ist es wahr, daß Österreich eine Vorreiterrolle übernimmt?“
Antwort:
„Im Prinzip ja. Wenn es ein Pferd gibt.“

Selbstverständlich übernimmt ein von Sebastian Kurz geführtes Österreich eine „Vorreiterrolle“, auch in der Bekämpfung des Antiziganismus.

Und es ist eine Vorreiterrolle, die weit über eine Vorreiterrolle hinausgeht. Denn. Es wird dermaßen vorgereitet, daß „Antiziganismus“ nicht mehr gesagt und geschrieben werden muß, wie das aktuelle Programm der nunmehr kurzigen Regierung belegt.

Richtungsweisend in dieser Hinsicht auch, wie die kurzige Regierung überhaupt richtungsweisend ist, vor siebzehn Jahren …

Abraham a Sancta Clara: "Zigeuner seynd des Judä Iscarioths nahe Brüder und Anverwandte"

„Dergleichen Lumpen-Gesind auch die Zigeuner seynd, welche nicht ohne großen Schaden und Diebstahl alle Länder ausreisen mit dem gedichten Vorwand, als kommen sie aus Egypten, und müssen 7 Jahr lang hin und her wandern zu einer Buß, weilen sie der seligsten Jungfrauen Mariä mit ihrem göttlichen Kind, als sie in Egypten geflohen, einmal die Herberg geweigert haben. Es ist aber solches ein lauteres Gedicht und bloße Schalkheit; dann diese Leut haben das Egpytenland ihr Lebenlang nie gesehen, sondern ist ein solches zusamm gerottes Lottersgesind von allerlei müssigen Leuten, welche denen armen Bauers-Leuten mehresten Theils sehr überlästig, mit Klauben und Rauben ihren Unterhalt suchen, und mit ihrem Wahrsagen den einfältigen Pöbel bethören. Wessenthalben gar wohl die Satzungen Kaisers Caroli V. zu Augsburg auf dem Reichstag Anno 1549 geboten, daß man dergleichen Müssiggeher in Deutschland auf keine Weis‘ gedulden solle. Diese und alle Müssiggeher ins gemein seynd des Judä Iscarioths des Erz-Schelm nahe Brüder und Anverwandte.“

„Du aber erbarmest dich seiner nit, sondern zählest ihn noch unter die liederlichsten Zigeuner-Bursch, als sey er ein Ordinari-Landbettler und wisse gar stattlich die Leut auf der Straße, wann sie allein gehen, zu schröpfen.“

„Was für ein Elend ist es, wann einer wie ein ausgezogener Frosch im Bett liegt, wenn er krumme Finger machet, wie ein Schuster-Kneip wenn ihm die Backen schlampen wie die Schrotbeutel, wenn er die Arm ganz saftlos, kraftlos, haftlos hangen läßt, wenn er wie Duck-Enten mit dem Kopf wacklet, wenn er sich zusammenkrümmt wie ein Taschenmesser, wenns ihm im Bauch schneidet, als hätte er junge Feder-Fechter darin, wenn er den ganzen Tag pfeift wie ein Erd-Zeisel, wenn er ganze Nächt‘ jugetzt wie ein junger Wolf, wenn er sich mit Lumpen und Fetzen einfätschet wie die Zigeuner-Kinder, wenn ihm die Gall in alle Glieder marschiret, ja endlich die blühende Jahr‘ der unverhoffte Tod abschneidet: wer ist daran schuldig, als allein der unbändige Zorn?“

So weit und weiter reicht die Vorgeschichte zurück, die, kurz ist es her, der österreichische Bundespräsident zu bedenken empfahl, wobei gefragt werden könnte, ob er tatsächlich so weit in die Vorgeschichte zu gehen …

So lange wirkt Geschichte nach. Sie wirkte etwa auf die Nationalsozialistinnen, die beim Morden keinen Unterschied machten zwischen „Juden und Zigeuner“, die nur eines gesinnungsheiß begehrten, ein „juden- und zigeunerfreies“ —- schon für Abraham a Sancta Clara waren sie „Brüder und Anverwandte“ …

In der Predigtliteratur „Judas, der Erzschelm“ von Johann Ulrich Megerle, der dann Clara genannt wurde, kommen immer wieder die „Zigeuner“ vor, wie oben beispielhaft zitiert, auf eine Art, nun, wer kennt nicht diese Ergüsse, diese Ausgüsse über Menschen aus seiner Gegenwart, aus ihrem modernen 21. Jahrhundert.

So lange wirkt Vergangenes, das vergangen gemeint, nach, bleibt Vergangenes Gegenwart, und es wird auch sehr viel dafür getan, daß es Gegenwart bleibt, das Vergangene, etwa die Predigten von Clara, mit denen er sich verging. Wie viele Jahre beispielsweise wurden vom österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Predigten des Clara im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ausgestrahlt? Es waren etliche Jahre. Wohl ein Jahrzehnt in etwa, an Feiertagen, an christlichen Feiertagen, zur höchsten Erbauung und Erhebung des in Nächstenliebe ertränkten Christenvolkes. Vorgetragen mit Furor von Romuald Pekny, von einer Kanzel herab hinunter in die Zimmer mit Latexwohnlandschaft und beleuchteter Jesus-Christus-Schneekugel …

So viel wird dafür getan, daß Vergangenes aus der Vergangenheit weiter wirkt, Gegenwart bleibt, zum Vergehen in der Gegenwart, zum Versteigen in der Gegenwart. Straßenbezeichnungen gehören dazu, Denkmäler, Tonwerke

Und alles greift stets ineinander, um das Vergangene weiterzurollen, durch die Gegenwart zu ziehen. Hans Schwathe etwa schuf das Denkmal für Clara, er schuf aber auch ein Denkmal für den sogenannten Turnvater, für den ebenfalls „Juden und Zigeuner“ …

Strauß-Schnitzer – Ihre Dienste werden noch gebraucht

Es hat sich die Direktion von Robert Meyer und die Dramaturgie der Volksoper zu Wien bemüßigt, eine Stellungnahme auf ihre Website zu stellen, warum sie wann und wann nicht Zigeuner in Anführungszeichen setzen.

Eine Stellungnahme, zu der im Grunde nur der Hinweis etwa auf die Arbeit „So elend und so treu …“ über die Wiener Operette von Liefhold genügt, um diese volksoperetterliche Stellungnahme als das zu bestimmen, was sie ist, bloß ein Rettungsversuch der Eigenwahrnehmung als ach so aufgeklärte …

Liefhold hat in seiner Analyse auch des „Zigeunerbarons“ im Grunde bereits alles ausgeführt, und vor allem offengelegt, warum gerade „Der Zigeunerbaron“ nicht zu retten ist. Denn. Mit jeder seiner Aufführungen wird weiter ein Bild von den Menschen verbreitet, die von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft nach wie vor brutal wie kurz als „Zigeuner“ bezeichnet werden,

Einige Anmerkungen sind zu dieser volksoperetterlichen Stellungnahme dennoch unumgänglich.

1

Die Stellungnahme der Volksoper ist das Libretto des „Zigeunerbarons“ in musikloser Prosa.

2

Die Direktion der Volksoper eröffnet ihre Stellungnahme mit dem Couplet:

„Im Bereich des Musiktheaters stößt man bemerkenswerterweise immer wieder auf Sujets und Themen, welche die Kultur der Sinti und Roma thematisieren oder zitieren.“

Hierzu reicht ein Satz von Liefhold:

„Zeitgleich feierten die Väter der Wiener Operetten bedeutende Erfolge mit dem Zigeunerbaron, dem Zigeunerprimas, der Gräfin Mariza oder Frasquita. Auf der Bühne erschien dem Publikum ein anderer Zigeuner als vor dem Theater.“

3

„Alleine die Tatsache, dass wir dieses Werk, welches immerhin ein Meilenstein der Wiener Operette ist, auf den Spielplan gesetzt haben, könnte Irritationen hervorrufen – das war der Direktion der Volksoper und allen künstlerisch Verantwortlichen der Produktion von vornherein bewusst. Denn es ist allgemein bekannt: Die Volksgruppe der Sinti und Roma selbst lehnt die Fremdbezeichnung ‚Zigeuner‘ wegen stigmatisierender und rassistischer Konnotationen größtenteils ab. Auch gesamtgesellschaftlich hat sich deren Eigenbezeichnung – zum Glück! – im Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt.“

Ach, wie großzügig, auf sie zu hören, ach, was für ein Glück, daß es im heutigen Sprachgebrauch weitgehend zur Durchsetzung kam von: „Alles Zigeuner“ …

Oh, und wie viele „Meilensteine“ in der Geschichte … Einen setzte beispielsweise auch Joseph Maria Theresia Habsburg. Mit dem Meilenstein „ethnische Eliminierung“. Einen auch der Mann aus dem Burgenland mit seiner „Zigeunerfrage“, die er und seine Kameradinnen an einem von der Vorsehung für sie erwählten Ort … Gerade in Österreich vulgo Portschyland sollte nicht die „Volksgruppe der Sinti und Roma die Bezeichnung ‚Zigeuner‘ ablehnen, sondern jene, die mit dieser Bezeichnung das Land von den Menschen vor dem Theater …

Und wenn es die Menschen vor dem Theater nicht mehr gibt, dann kann im Theater die Weihefeier von Humanismus und Aufklärung prachtvoller denn je zelebriert werden, können die Figuren mit Zuversicht und höchstem Vertrauen ihr Leben in die besten und umsichtigsten Hände

4

„Mit der Entscheidung, Johann Strauß‘ fantastischer Musik, die er für seine späte Operette Der Zigeunerbaron geschrieben hat, eine Bühne zu bieten, ging für uns und für das gesamte Kreativteam der Produktion selbstverständlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sinti und Roma einher. Aus dieser Reflexion und zahlreichen internen Gesprächen zum Thema resultierend haben wir uns zu folgendem Umgang mit dem Begriff ‚Zigeuner‘ im Zuge der Neuproduktion des Zigeunerbarons entschieden: Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen. In allen anderen – kommentierenden oder weiterführenden – Texten verwenden wir den Begriff jedoch selbstverständlich unter Anführungszeichen gesetzt.“

Die „Zigeuner“, so die volksoperetterliche Dramaturgie, würden selbst ihre Bezeichnung auf den Lippen tragen, also kann nicht von einer Fremdbezeichnung gesprochen werden. Was für komische Menschen das doch sind, die „Zigeuner“. Geben sie sich selbst die Bezeichnung „Zigeuner“, also eine Eigenbezeichnung, und nun lehnen sie größtenteils die Eigenbezeichnung als Fremdbezeichnung ab. Würden Strauß und Schnitzer heute noch leben, diese elend treuen Zigeuner, sie würden mit Rückgrat und Stolz verkünden, sie seien Zigeuner, wie es etwa schon Martin Luther tat, dieser aufrechte und schöpferfürchtige Führer der Zigeunerinnen

5

„Zudem setzt auch Peter Lunds Inszenierung ein Statement und lässt die beiden Protagonistinnen der ‚Zigeuner‘ einige Sätze auf Romani, der Sprache der Sinti und Roma, sprechen.“

Clint Eastwood soll sich sehr darüber ärgern, Peter Lund nicht für seinen Film „Letters of Iwo Jima“ engagiert zu haben. Denn. Mit Peter Lund wäre es ein Meilenstein der Filmgeschichte geworden. Lund hätte die Japaner einige Sätze auf japanisch sprechen lassen. Er soll ausgerufen haben: Was für ein genialer Einfall, gepaart mit genialischer Großzügigkeit! Eastwood soll heute noch darunter leiden, seinen Film vollkommen aus japanischer Sicht und vollkommen in japanischer Sprache …

6

„Als Theatermenschen sind auch wir den Idealen von Humanismus und Aufklärung verpflichtet, und daher sind Johann Strauß‘ Operette Der Zigeunerbaron sowie die darin auftretenden Figuren bei uns in besten, höchst umsichtigen Händen.“

Das wird die Menschen vor dem Theater freuen zu hören

7

Was für eine

umsichtige Bebilderung des „Zigeunerbarons“ … Idylle der Wirklichkeit, gemütlich am Lagerfeuer, der Mann fiedelt, die Frau mit einem Kind, vielleicht das Pflegekind Saffi, das „kein Zigeuner“ ist, das grasende Pferd, ein Planwagen, ein brutzelndes Huhn … glückliche und zufriedene Menschen, denn sie wissen, sie sind im Hause der besten und umsichtigsten …

„Der Zigeunerbaron“ hat ja viel auch mit Ungarn zu tun, nicht nur, weil das Libretto von einem Mann aus Ungarn, also von Schnitzer, daß es wundert, warum die Operette noch keinen anderen Titel bekommen hat, das fällt dazu noch ein, mit Blick auf das Huhn auf dem Spieß … also statt „Der Zigeunerbaron“ könnte die Operette mit einem in Ungarn verwendeten Synonym auch „Baron der Hühnerdiebe“ …

8

Clint Eastwood soll von der Strauß‘ Musik derart begeistert sein, daß er sich dazu entschlossen haben soll, aus der Operette „Der Zigeunerbaron“ einen Film zu machen. Das Libretto von Schnitzer habe er, wird erzählt, gleich gehäckselt und die Librettoschnitzel in den Altpapiereimer … Er wolle vom „Baron der Hühnerdiebe“ lediglich die Komposition von Strauß für seinen Musikfilm nehmen. Er habe eine Drehbuchautorin beauftragt, ihm zu dieser Musik ein ganz neue und gänzlich andere Geschichte zu schreiben, es soll ein Film weder in deutscher noch englischer Sprache werden.

Als möglichen Titel für den Film mit der Musik von Johann Strauß soll er vorgeschlagen haben, der dann freilich, wie immer dieser lauten wird, in die Originalfilmsprache zu übersetzen wäre:

„Your services are still needed“ …

Der Arbeitstitel sei ihm, soll er auf eine Frage der Drehbuchautorin geantwortet haben, eingefallen sein, als er den Titel „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ …

Die Drehbuchautorin, überhaupt das gesamte Kreativteam der Produktion soll Clint Eastwood verpflichtet haben, hierfür soll er eine Anregung der Dramaturgie der Volksoper zu Wien aufgenommen haben, zur intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte der …

Bajuwaren in Österreich

Franz Fuchs, der Führer der Bajuwarinnen, hat als Wiedergänger von Tobias Maria Theresia Portschy vor fünfundzwanzig Jahren es ein weiteres Mal versucht, das Land „zigeunerfrei“ …

Der Bajuwarenführer wollte das aber gleich durch Mord — es mußte in seinem Leben noch passieren … wohl aus dem Wissen, daß er den diesen Auftrag nicht wie ein Vater aus einem Adelsgeschlecht an seine Söhne und Töchter vererben kann, das durch Ausscheidung entsprechender Gesetze eine Ewigkeit für ethnische Auslöschungen Zeit hat.

So blieb ihm keine andere Wahl, als sich die „Bajuwaren-Brigade“ zum Vorbild zu nehmen, ihr Wiedergänger, auch ihr Wiedergänger zu werden.

„Der Gau Salzburg ist somit mit Ausnahme weniger noch anwesender Zigeuner nunmehr zigeunerfrei. Soweit noch Zigeuner hier sind (etwa 20) handelt es sich um Zigeunerfamilien, die schon seit vielen Jahren entweder in der Gauhauptstadt oder in einzelnen Orten im Gau Salzburg ansässig sind und sich einigermaßen sozial angepasst haben, zum Teil sind sie auch mit Deutschblütigen verheiratet. Hinsichtlich dieser restlichen Zigeuner sind vom Reichssicherheitshauptamt noch besondere Maßnahmen vorgesehen. i. A. (Huber) SS-Obersturmführer und Kriminalkommissär“

Bei diesem Huber wird es wohl um Max Huber handeln, geboren in München. Es gibt auch einen Franz Josef Huber, ebenfalls geboren in München: Leiter der Geheimen Staatspolizei sowie Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in den Reichsgauen Wien, Niederdonau und Oberdonau und SS-Obersturmbannführer.

Die Gestapo-Schaft aus München ist bekannt als „Bajuwaren-Brigade“ …

Die Hubers haben in dem in Gaue aufgeteilten Österreich barbarisch gewütet, gemordet …

Franz Josef Huber starb in München, am 30. Jänner 1975, bis zu seiner Pensionierung führte er das wohl stille und unauffällige Leben eines Buchhalters in einer Firma für Büromaschinen …

Max Huber und seine Ehefrau starben am 6. Mai 1945 durch Selbstmord. Franz Fuchs starb am 26. Februar 2000 durch Selbstmord in der Ausstellungsstadt.

„Salzburg, den 5. April 1943
An den Gauleiter und Reichsstatthalter des Reichsgaues Salzburg in Salzburg
Betrifft: Zigeunerlager Salzburg.
Bezug: Frühere Vorgänge.
Auf Grund des Erlasses des Reichssicherheitshauptamtes Berlin vom 26. I. 43 – Tgb. Nr. V A 2 Nr. 48/43 –g– wurden die Zigeuner und Zigeunermischlinge des Zigeunerlagers Salzburg am 1. und 3. April 43 zum grösseren Teile in das Konzentrationslager Auschwitz, der Rest in das Zigeunerlager Lackenbach (N.D.) überstellt.
Das Zigeunerlager Salzburg wurde gleichzeitig aufgehoben, womit auch die Vermittlung von Zigeunern in den Arbeitseinsatz entfällt.“

Ach, wie kann Österreich gerühmt werden, wie kann der Präsident hintreten, vor jeden Mann und vor jede Frau, seinen Teil nicht bloß zu denken, sondern auch zu reden, wie anders es in Österreich geworden ist, helles vorbildhaftes Beispiel eine Tafel zum Bedenken in Burgenland: Zigeuner und Zigeunerlager in Anführungszeichen zu schreiben, so weit schon reich die Entwicklung in Österreich, in dem ein anderer Präsident erst vor kurzem mahnte, die Vorgeschichte zu bedenken, wie es zur Bajuwaren-Brigade … Und eines Tages, stellen Sie sich vor, eines Tages wird, vielleicht wird es eine Präsidentin sein, die eines Tages, stellen Sie sich das vor, sagen wird, es ist, was wird das für ein Jahrhundertentwicklungsprung in Österreich sein, wenn eines Tages, stellen Sie sich das vor, das gesagt werden wird, es ist die Nachgeschichte …

1740

„Eine sumpfige Landschaft […] 1740 […] eine Gruppe von Zigeunern unter […] Wäre da nicht der ‚lange Arm der Monarchie‘, der […] Soldaten […] anwirbt …“

Das ist aus dem Werbetext der Volksoper für die bevorstehende Premiere der Operette „Der Zigeunerbaron“ von dem wienerischen Silvesterhergott am 29. Februar 2020 …

Die Volksoper wirbt für die Operette und zugleich, da sie „Zigeuner“ nicht in Anführungszeichen setzt, scheint ihr dieses Wort ein ganz selbstverständlich zu verwendendes, ein gänzlich unbedenkliches Wort zu sein. Hingegen kann die Volksoper sogar dort Anführungszeichen setzen, wo sie nicht vonnöten – „der lange Arm …“ Wie viele Variationen gibt es davon? Der lange Arm des Gesetzes. Der lange Arm der Stasi. Der lange Arm des Staates … stets ohne Anführungszeichen, sogar den langen Arm der Monarchie werden Sie in vielen Texten finden, gänzlich ohne Anführungszeichen. Über das Verwenden von und über das Nicht-Verwenden von Anführungszeichen kein weiteres Wort mehr, es wurde bereits im Kapitel über das größte Operettenhaus des Landes ausgeführt, was davon und was daran …

Vor kurzem hat der österreichische Bundespräsident davon gesprochen, es müsse auch die Vorgeschichte bedacht werden, wie es … nun, mit den bevorstehenden Aufführungen vom „Zigeunerbaron“, der zeitlich 1740 angesiedelt ist, ist es eine gute Gelegenheit, in diesen Teil der Vorgeschichte zu gehen, der mit Maria Theresia Habsburg 1740 beginnt, von ihr und schließlich von ihrem Sohn Josef fortgesetzt, und zugleich erzählt diese habsburgische Vorgeschichte davon, was der „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß nicht erzählt, aber was den Vorurteilsgeladenen, den Vergangenheitsverklärenden gefällt, bis zum heutigen Tag gefällt … es ist wohl nicht von ungefähr, daß Operette und Opportunismus mit den gleichen zwei Buchstaben beginnen.

Mit der Aufklärung war im 18. Jahrhundert das ethnologische Interesse am Menschen im Allgemeinen und am Mitmenschen im Besonderen auf politischer
wie auch auf wissenschaftlicher Ebene in den Fokus der Betrachtung gerückt. Das „Interesse an der Ethnokultur“ der Romgruppen ist in der Aufklärung jedoch kein naives, neugieriges Interesse am Fremden oder Anderen, sondern vielmehr von den aufklärerischen Gedanken der Nutzbarmachung des Menschen durchdrungen. Man „entdeckt […] die ‚Zigeuner‘ als wertvolles Menschenmaterial, dass dem Staat gewonnen werden soll.“

Kurz ist es her, daß das Wort „Menschenmaterial“ in einem Kapitel Erwähnung fand, und wenig überraschend, ausgesprochen von einer Habsburg, allerdings nicht im 18., sondern im 20. Jahrhundert, nach ihrem im sicheren und warmen Heim dirigierten Krieg von 1914 bis 1918 …

Die Zigeuner werden zum Nutzobjekt für die nach den Regeln der Logik und Vernunft angestrebte Optimierung der physiokratischen und agrarökonomischen Wirtschaftskonzepte, denn „Ländereien, die in ihrer natürlichen Eigenschaft ganz hervorragend sind, können ohne entsprechende Arbeitskraft keine Nation bereichern“. Damit werden die Zigeuner als bisher ungenutzte Ressource erkannt und man beginnt etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, diese Ressource auszubeuten. „Umerziehung und Missionierung, Zwangsarbeit und
Seßhaftmachung sind folgerichtig die Stichworte dieses neuen Diskurses über die ‚Zigeunerfrage‘.“

Neben Preußen, Hessen-Nassau und Württemberg, die in unterschiedlichem Ausmaß eine Zwangsassimilation der Zigeuner vorantreiben, greift vor allem in Österreich ein solcher Versuch der Zwangsintegration von Zigeunern während der Regierungszeit Maria Theresias (1740-1780) und Josephs II. (1765-1790). In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, hielt die österreichische Politik unter Josef I. (1705-1711) und Karl VI. (1711-1740) an den Leopoldinischen Erlässen von 1688 und 1689 fest, nach denen alle Zigeuner als vogelfrei erklärt und bei Ergreifung sofort zu exekutieren waren.

„Alle Zigeuner als vogelfrei erklärt und bei Ergreifung sofort zu exekutieren waren.“

Unter Maria Theresia gab es in der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts die „ersten staatlichen Versuche, Zigeuner in den Gesellschafts- und Wirtschaftsverband der Untertanen zwangsweise zu integrieren, sie zu assimilieren und als Steuerzahler für den Staat nutzbar zu machen.“ Zunächst wurden die Romgruppen per Erlass von 1758 dazu gezwungen, sich niederzulassen. Es wurde ihnen der Besitz von Kutschen und Pferden untersagt, um das Herumziehen zu unterbinden. Land, Saatgut und Baumaterial wurden ihnen mit der Absicht zugeteilt, sie an einem festen Ort zu konzentrieren. Der Militärdienst wurde ebenso wie die Lehre eines Handwerks für sogenannte „Zigeunerknaben“ verpflichtend. Im Gegenzug dazu wurde die Ausübung der ambulanten Berufe der Zigeuner (Kesselflicker, Schmiede, Pferdehändler etc.) untersagt. Mit der Zigeunerregulative von 1761 folgt Maria Theresia dem spanischen Vorbild des 17. Jahrhunderts und untersagt den Gebrauch des Wortes „Zigeuner“. Als Ersatz wird die Bezeichnung „‘Neubauern‘ oder ‚NeuUngarn‘“ verordnet um damit „die Fremdartigkeit aus der Welt [zu] schaffen“. 1767 wurden die Zigeuner der jeweiligen örtlichen Gerichtsbarkeit unterstellt (die bis dahin den jeweiligen Woiwoden, den Stammesfürsten der Romgruppen, oblag). Die Regulative von 1773 war schließlich die juristische Umsetzung des in der Aufklärung entstehenden Rassegedankens und des „von der breiten Öffentlichkeit diskutierten Kausalzusammenhangs zwischen Rasse und Kultur“: Die Ehe unter Zigeunern wurde untersagt, dafür die Vermischung von Zigeunern mit Nichtzigeunern staatlich gefördert. Gleichzeitig sollten alle Zigeunerkinder älter als fünf Jahre ihren Eltern weggenommen und „christlichen Mitbürgern zur Erziehung übergeben werden“. Die Absicht dieser rigiden Maßnahmen war deutlich: die Fortpflanzung der „zigeunerische Rasse“ sollte unterbunden werden
und ihre Angehörigen in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, sodass es irgendwann keine „genetischen Zigeuner“ mehr gäbe.

„An die Stelle der in den anderen deutschen Ländern noch üblichen Stigmatisierungen, Leibesstrafen und Landesverweisungen tritt unter Maria Theresia der Versuch, die Zigeuner als ethnische Gruppe mit Gewalt zu assimilieren und ihren Fortbestand zu verhindern.“ Kaiser Joseph II. führte in seiner Regierungszeit die Assimilierungspolitik Maria Theresias weiter und verschärfte sie noch durch die Zigeunerregulative von 1783, in der unter andrem das Sprechen von Romanes, der „Zigeunersprache“, verboten wurde und die Zigeuner zwangsweise die Sprache und Tracht der Gegend anzunehmen hatten, in der sie als „Neusiedler“ sesshaft gemacht wurden. Ebenso gab es Bestrebungen, sie verpflichtend der christlichen Religion nahezubringen, und ihre traditionellen Erwerbsquellen wurden immer umfassender unterbunden, sodass sie den für sie vorgesehenen agrarischen Beschäftigungen nachzugehen hatten. „Das Regulativ vollzieht faktisch die Nichtanerkennung der Zigeuner als eigenständiges Volk.“ Im aufklärerischen Absolutismus wird ergo die ethnische Eliminierung der Zigeunerstämme als oberste Prämisse der Zigeunerpolitik angesetzt. Der Zwangsassimilation folgt im Jahrhundert jedoch keine Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Zwar hat man die Zigeuner weitestgehend dem Leben der ländlichen Bevölkerung angepasst, trotzdem akzeptiert man sie nicht als Teil der Gesellschaft. Eine Eingliederung passiert nur auf kultureller Ebene über die Repräsentation, und zwar einer Repräsentation die nur im Sinne des „Darstellen-von“ etwas zu verstehen ist, nicht aber im Sinne des „Sprechens-für“ etwas oder jemanden. So werden Zigeuner in jeglicher Kunstrichtung zitiert und verhandelt, der Zugang zu der kulturellen Identität, welche diese Kunstwerke hervorbringt, bleibt ihnen jedoch verwehrt. Der Subjektstatus wird ihnen nicht zuerkannt in einer Epoche, die sich natur- und geisteswissenschaftlich mit dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ befasst und darauf ausgerichtet ist, den Menschen als vernünftiges, eigenständiges Individuum zu begreifen. Und die gleichzeitige Verwertung der Zigeunerstereotype für Kunst und Kultur tragen zur weiteren Ausgrenzung bei. „Während also an höchster Stelle daran gedacht wurde, die Zigeuner im Sinne des aufgeklärten Absolutismus in die Gesellschaft zu integrieren, war eben diese Gesellschaft nicht bereit, in den Zigeunern etwas anderes zu sehen, als es Vorurteile und Aberglaube ihr zutrugen“.

Es war 1761 kein hehres Ansinnen von Maria Theresia Habsburg, das Wort „Zigeuner zu untersagen“. 259 Jahre später aber könnte es wenigstens so weit gebracht worden sein, dieses Wort nur noch unter Anführungszeichen …

„Die Absicht dieser rigiden Maßnahmen war deutlich: die Fortpflanzung der ‚zigeunerische Rasse‘ sollte unterbunden werden und ihre Angehörigen in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, sodass es irgendwann keine ‚genetischen Zigeuner‘ … Im aufklärerischen Absolutismus wird ergo die ethnische Eliminierung der Zigeunerstämme als oberste Prämisse der Zigeunerpolitik angesetzt.“

Der lange Arm der Mutter, „Ahnherrin der Integration in Österreich“, wie es in einem Kapitel ohne Bezug auf Apfelstrudelmitschlagmelodien heißt, mit dem helfenden Ärmchen des Sohns …

Und ein Wiedergänger von ihr wollte wohl nichts anders mit seiner Denkschrift, ihr und ihrem Sohn eine Gedenkschrift widmen, ihnen ein braver, pflichterfüllter Untertan sein, der mit seiner präidentitären Partei es noch einmal angehen wollte, die „ethnische Eliminierung“, mit den technischen Möglichkeiten seiner Zeit, und dann wieder ein Wiedergänger vor 25 Jahren und kein Ende der Wiedergängerinnen, ein Wiedergänger von diesem habsburgischen Untertanen stellte auch wieder die Frage nach – kurz, sehr kurz ist das her …

Ein nun pensionierter Bischof, um etwas Positives an den Schluß zu stellen, hat doch zur Hälfte einbekannt, daß sein Kirchengründer gefehlt hat, immerhin, so weit reichte auch bei ihm nicht die Entwicklung, einzubekennen, daß sein Kirchengründer auch gegen die Menschen eine grausame Haltung einnahm, mit deren Bezeichnung ohne Anführungszeichen die Volksoper im 21. Jahrhundert wirbt, aber sie, die Volksoper, wird es bestimmt nicht verstanden wissen wollen, als „die gleichzeitige Verwertung der Zigeunerstereotype für Kunst und Kultur“, die „zur weiteren Ausgrenzung bei[tragen].“