Vom Vorteil, gestorben zu sein

Ob es notwendig ist, erst geboren werden zu müssen, um dann wahrhaftig vom Nachteil, geboren worden zu sein, berichten zu können, ist eine Frage – wer diesem Luxus frönen will, möge sich selbst antworten – mit nur ungewissen Antworten. Gewiß ist aber eines, es wäre von Vorteil gewesen, vor diesem letzten Dienstag gestorben zu sein. Um nicht mehr dieser ausufernden Berichterstattung über einen Flugzeugabsturz in den französischen Alpen ausgesetzt zu sein.

Menschgemäß ist nichts gegen eine angemessene Berichterstattung zu sagen. Aber diese ausufernde ist unerträglich. Sogar in Österreich, in einem Land, das weder direkt noch indirekt irgend etwas mit diesem Absturz zu tun hat, seit Tagen Aufmacher darüber, Sondersendungen im Fernsehen darüber und so weiter und so fort.

Verdrängte Aufmacher des WestensDiese Berichterstattung ist deshalb so unerträglich, weil sie wieder einmal daran erinnert, worüber nicht in diesem überbordenden Ausmaß  berichtet wird, obgleich es dringend geboten … Über die Hungertoten in der Welt, über die Ermordeten in allen Kriegen, die es jetzt gibt. Allein in Syrien an die 200.000 Tote in den letzten vier Jahren … Millionen von Flüchtlingen …. Was alles könnte noch aufgezählt werden, was für Schrecklichkeiten ständig auf der Welt zugelassen werden, worüber es keine Sondersendungen, keine Aufmacher über Tage gibt, die keine Staatsspitzen dazu veranlassen, etwa sofort an die Küsten Europas zu fahren, um die Ertrunkenen zu betrauern, ihre Angehörigen und Freunde herzlich zum Kommen einzuladen und alles dafür vorbereiten zu lassen … Keine Aufmacher mit einem WARUM? in Riesenlettern also zu den fortwährenden und strukturell bedingten Schrecklichkeiten – warum? Es wäre ein zum Handeln verpflichtendes Warum, während das Warum zu einem Unfall zu nichts verpflichtet, vor allem zu keiner Handlungsantwort. Der Unfall ist geschehen, dieser wird sich so nicht wiederholen. Soher ist dieses mediale Warum bloß ein Warum als Aufforderung zur apathischen Betroffenheit. Es ist ein systemerhaltendes Warum, das darüber hinaus die kollektive Lüge nährt, Mitgefühl zu haben, sehr wohl betroffen sein zu können, zur Solidarität fähig zu sein, aber Mitgefühl, Betroffenheit und Solidarität bei einem einmaligen Ereignis kostet nichts, verlangt kein Handeln, fordert keinen einzigen Menschen, seinen Teil zur Veränderung der systemischen Schrecklichkeiten beizutragen. Dieses mediale Warum ist eine massenhaft verabreichte Ruhigstellungsdroge mit der zusätzlichen angenehmen Nebenwirkung, sich menschlich fühlen zu können in einer strukturell unmenschlich zugerichteten und mitgetragenen Welt …

In einer Welt, die nicht in ihrer Gesamtheit gesehen werden will. Denn. Die Schrecklichkeiten ohne tagelange Aufmacher, ohne Sondersendungen, ohne Warum geschehen in einer Welt, die in Europa nicht als weltzugehörig klassifiziert wird, obgleich in derselben Minute – so paradox das ist – mit Stolz die Globalisierung zelebriert wird. Aber die Trauer, das Mitgefühl, die Solidarität gilt am Ende in Europa nur den sogenannten eigenen Menschen. Am Schluß bleibt der europäische Mensch ein Alpendorfmensch, gerade noch fähig und das zumeist auch nur unter größter Mühe zur Anteilnahme mit den Menschen aus dem Nachbaralpendorf, im aktuellen Fall also reicht es in Österreich bis Frankreich und bis Deutschland … Dabei würde eine tatsächliche Globalisierung zur weltweiten Anteilnahme und Solidarität verpflichten, nicht nur mit den Menschen aus den nächstgelegenen Alpendörfern.

Eine weitere Unerträglichkeit im Zusammenhang mit diesem Absturz ist es, plötzlich kann schnell gehandelt werden, ganz rasch gehandelt werden. Wenn es um Tote aus dem sogenannten Westen geht, kann gehandelt werden, ohne zu zögern. Denn. Nun wird rasch geregelt, daß kein Pilot (gibt es eigentlich Pilotinnen?) hinkünftig mehr allein im Cockpit sein darf, um zu verhindern, daß wieder ein derartiger Selbstmord …

Damit einhergeht noch eine weitere Unerträglichkeit der Berichterstattung. Diese Terrorgeilheit im sogenannten Westen, dieser Terror-Fetisch. Sofort mußte breit spekuliert werden, ob es nicht ein Terroranschlag war. Während es nun bereits ziemlich klar sein darf, daß ein Mann aus Deutschland sich für einen grausamen Selbstmord entschieden hat, will nicht aufgehört werden mit den Vermutungen, ob es nicht doch einen terroristischen … Es entbehrt nicht der Ironie, daß der Terror-Fetisch dem Selbstmörder es im Grunde erst ermöglichte, einen solchen Selbstmord durchzuführen, das Flugzeug zum Absturz zu bringen, weil es dem zweiten Piloten nicht möglich war, wieder in das Cockpit zu gelangen, aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen, die nach 9/11 getroffen wurden, um ein Eindringen in das Cockpit unmöglich zu machen. Der zweite Pilot konnte nur, das ist die Komödie in der Tragödie, hilflos gegen die gepanzerte Tür, die vor Terroristen und Terorristinnen schützen sollte, schlagen, während sein Copilot allein im Cockpit …

Der richtige Zeitpunkt macht einen Vorteil erst zu einem wirklichen Vorteil. Vor dem letzten Dienstag gestorben zu sein, wäre soher kein tatsächlicher Vorteil gewesen. Vor 9/11 gestorben zu sein, das wäre ein wirklicher Vorteil gewesen. Denn. Damals gab es u.v.a.m. sogar in Österreich ganztägige Sondersendungen im Fernsehen, daß schon befürchtet wurde, die Sondersendungen werden mindestens bis zum Jahresende, also über Monate fortgeführt … Vieles hätte seit damals nicht mehr gelesen und gesehen werden müssen. Das wäre der Vorteil, schon gestorben zu sein. Das Warten auf eine andere Berichterstattung hätte vor über einem Jahrzehnt bereits ein Ende gehabt.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s