Kornblumenerlaß wegen antiösterreichischer Umtriebe

Als ob es erst heute im Morgengrauen gewesen wäre, so gegenwärtig ist die Erzählung des Urgroßvaters über die Kornblume, die er einst seinen Urenkeln zum Aufwachen vortrug:

Zum Linzer Kornblumenerlaß

In unserem lieben Oesterreich bedarf noch so manches der Klärung. Eines dürfte genügen. So herrscht eine gar köstliche Verwirrung im klerikalen Lager. Während ein Teil — ich verweise auf die christlich-deutschen Turnvereine — sich mit den schwarz-rot-goldenen Farben schmückt „Gut Heil!“ schreit und sich bis zur „Wacht am Rhein“ versteigt oder — man denke an die schwarzen Stemmklubs Vorarlbergs — sogar einem alldeutschen Verbande der Deutschen Turnerschaft angehört, wüten andere, die offenbar nach den alten Instruktionen vorgehen noch immer gegen die deutschen Schutzvereine, die nach ihrer Meinung nur die „Los von Rom“-Bewegung fördern, rufen die Polizei zu Hilfe wenn bei festlichen Anlässen aus deutschen Kehlen die „Wacht am Rhein“ ertönt und schreien vernadernd: „Hoch- und Vaterlandsverrat!“ wenn sie das deutsche Dreifarb oder sonstige deutsche Abzeichen erblicken. Angesichts solcher geradezu unhaltbarer Zustände ist es wohl hoch an der Zeit, daß die Führer — die Hirten — allgemein gültige Weisungen hinausgeben, damit der Wirrwar in der Schafherde nicht noch größer werde und nicht etwa ein einfach Schwarzer einen schwarz-rot-goldenen Schwarzen des Hochverrates bezichtige oder am Ende gar — und das wäre das Aergste — die Sache Roms schaden leide. Einem schwarzen Heißsporn älterer Richtung ist jedenfalls auch der Statthalter von Oberösterreich, der auch Vorsitzender des Landesschulrates aufgesessen, als er den „Kornblumenerlaß“ hinausgab. Am Linzer Turn- und Spielfeste das unter regster Anteilnahme der Bevölkerung am 5. Juni stattfand, turnten nämlich auch Schüler mit, die Kornblumen trugen. Selbstverständlich nahm daran niemand Anstoß und es waren Landesschulinspektoren, BezirksschuIinspektoren, Regierungsräte, Statthaltereiräte, Schulräte, Schuldirektoren und Offiziere anwesend! Jeder fand Gefallen an dem frisch-fröhlichen Treiben der Jugend. Da kam der Erlaß des Statthalters an die Direktion des Linzer Staatsgymnasiums, worin ausgeführt wurde daß der Umstand, daß Schüler des Gymnasiums mit Kornblumen geschmückt erschienen seien, allgemeine Entrüstung hervorgerufen habe, daß dies ein Zeichen antidynastischer Gesinnung sei und aufs schärfste mißbilligt werden müßte. Natürlich ließen sich die Nationalen Oberösterreichs dies nicht gefallen. Der deutsche Volksbund für Oberösterreich richtete ein von unserem wackeren Turngenossen, den Landtagsabgeordneten Joses Helletzgruber und Franz Langoth gezeichnetes Protestschreiben an den Statthalter, in dem es heißt: „Der deutsche Volksbund für Oberösterreich als größte Bereinigung aller deutsch und freiheitlich fühlenden Männer Oberösterreichs glaubt ein Recht zu haben, in dieser Angelegenheit volle Wahrheit zu fordern und erwartet umso mehr, daß Eure Exzellenz die gewünschte Aufklärung geben werden, als die Nichterfüllung dieses Ansuchens und die damit zugestandene Richtigkeit der erwähnten Verfügung seitens des Präsidiums des Landesschulrates mit vollem Rechte die „allgemeine Entrüstung“ aller deutschen Bewohner des Landes Oberösterreich hervorrufen würde.“ Auch der Linzer Gemeinderat nahm zu dem Erlasse Stellung. Ja die Sitzung vom 17. 6. in der die nationalen Gemeinderäte mit Kornblumen im Knopfloche erschienen waren, stellte Gemeinderat Melichar eine scharfe Anfrage an den Bürgermeister Dr. Dinghofer, der sich bereit erklärte wegen Zurücknahme des Erlasses vorstellig zu werden. Die Wirkung blieb nicht aus. Der Erlaß wurde in seinen Hauptpunkten zurückgezogen. Es ist nun auch zu erwarten, daß die klerikalen Führer ihrem Anhange neben den schwarz-rot-goldenen Farben auch das Tragen der Kornblume gestatten werden. Und damit dürfte die harmlose Blume ihre staatsgefährliche Eigenschaft eingebüßt haben.

Das, so war Urgroßvater Helge – im Morgengrauen weckte er seine Urenkelkinder auf, um ihnen aus der Geschichte zu erzählen. Er erzählte ihnen nie Märchen zum Einschlafen. Das ging auch nicht. Weil. Wenn sie schlafen gingen, schlief Helge immer schon recht tief. Seine Zeit war das Morgengrauen. Und das wollte er mit seinen Urenkeln teilen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Das sagte Helge nicht. Er hatte Achtung vor ihnen. Und er wußte um die Klugheit seiner Urenkeln. Sie hätten es ihm auch nicht geglaubt, daß die Menschen aus seinen Erzählungen aus der Geschichte noch leben könnten. Jene etwa aus seiner Geschichte der Kornblume, der eine staatsgefährliche Eigenschaft zugeschrieben wurde, die zum Zeitpunkt der urgroßväterlichen Erzählung so alt sein müßten, wie kein Mensch alt werden kann. Aber Helge ermunterte sie, ihn zu fragen, wenn sie etwas nicht verstanden, weshalb er zum Beispiel „antiösterreichischer Gesinnung“ sagt, wenn es doch „antidynastischer Gesinnung“ heißt. Hierzu muß erklärt werden, daß Helge zuerst stets in eigenen Worten erzählte und dann seinen Erben auftrug, es nachzulesen. Das war für Urgroßvater eine Art von Selbstprüfung, ob er sich auf sein Gedächtnis noch verlassen konnte. Die Fragen der Kinder beantwortete er zumeist wieder mit einer Erzählung aus der Geschichte.

Über die Kornblume wurde 1909 sogar im Reichsrat debattiert, nachdem antiösterreichisch gesinnte Gymnasiasten bei einem Linzer Sportfest die gefiederte blaue Ackerblume öffentlich getragen und damit den Zorn der Unterrichtsbehörden heraufbeschworen hatten.

Die Geschichte nach 1909, fügte Helge erklärend hinzu, bewies wohl, daß es nicht nur eine „antidynastische“, sondern eine tatsächliche „antiösterreichische Gesinnung“ sei der deutsch und freiheitlich fühlenden Männer – so gegenwärtig war dem Urgroßvater die Vergangenheit, daß er stets im Präsens von ihr sprach.

Helge hätte seine Geschichtserzählungen durchaus schließen können mit dem Satz: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Nicht nur in Märchen leben Menschen in alle Ewigkeit weiter, sondern auch in der Geschichte, wie seine Nachfahren wissen. Mag etwa der damalige Bürgermeister von Linz lange schon für sich selbst tot sein, aber er lebt. Und er geht immer noch dort ein und aus, wie es seiner Reputation angemessen ist. Freilich heißt der Reichsrat nicht mehr Reichsrat, es ist auch nicht mehr das ungeliebte Gebäude eines Kaisers, aber es ist immer noch ein Präsident, der den Bürgermeister, der späterhin auch einmal Präsident war, zu sich ruft – Ehre und Treue, wem Ehre und Treue gebührt, zwischen Präsidenten …

Jede von Helge erzählte Geschichte endete mit dem eindringlichen Appell an seine Nachfahren, der Presse nicht zu glauben, die Presse nicht zu lesen, sondern einzig die „Deutsche Wacht“, in der unzensuriert die Wahrheit und nichts als die Wahrheit geschrieben werde. Und dann las er stets zur Erbauung und zur Gesinnungsfestigung seiner Nachfahren etwas aus der Rubrik „Vermischtes“ vor:

(Jüdische Provisionsreisende ) In der letzten Zeit ereignen sich viele Fälle, wo jüdische Provisionsreisende bei ihrem Besuche ein Handtuch und eine Serviette um je 16 Heller zum Kaufe antragen unter der Bedingung, wenn die Kunde auch ein größeres Stück Leinwand abnehme. Natürlich gehen viele auf den Leim, kaufen die Leinwand um 1 K. bis l K. 20 H. den Meter, obwohl diese höchstens 50 H. an Wert besitzt und erhalten dann eine Anzahl Handtücher und Servietten das Stück zu 16 H. in dem Bewußtsein, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, bedenken aber nicht, daß sie das ganze um wenigstens 30 v. H . überzahlt haben. Vor solchen Reisenden wird besonders gewarnt!

So war Urgroßvater Helge. In Erinnerung auch sein Ritual. Ehe er in seinen Papieren und Büchern stöberte, um sie seinen Erben zum Lesen aufzubereiten, lehnte er stets seine zwei Stöcke an die Wand mit der Zierleiste Schwarz-Rot-Gold. Auch noch in den Jahren, als er ihnen im Morgengrauen nichts mehr erzählen konnte, weil er in völliger geistiger Finsternis seine Tage zubrachte, war diese Zierleiste ihm weiter ungemein wichtig, war diese ihm so etwas wie seine Erweckungsleiste, damit er wenigstens einmal im Jahr noch zu Bewußtsein kommen, erwachen konnte, wenn auch stets für eine bloße Minute, um gerade einmal einen einzigen Auftrag erteilen zu können, die Zierleiste mit einem frischen Anstrich zu versehen.

Kornblume - staatsgefährliche Eigenschaft

 

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