Kant – Putin, Unzensurix: Von der Schrecklichkeit der eiskalten Pflicht

FPÖ Unzensuriert Putin Unzensurix Kant - Von der schrecklichen PflichtWenn Vladimir Putin das Haus von Immanuel Kant renovieren läßt, wenn Unzensurix von FPÖ unzensuriert ein Loblieb auf Immanuel Kant schreibt, dann ist es Zeit für ein langes Zitat, Zeit für den ganzen Essay von Miguel de Unamuno, von einem Mann, den Faschisten und Faschistinnen in die Verbannung schickten.

Zuvor aber noch der letzte Absatz von Unzensurix, der wieder einmal tief blicken läßt:

„Wladimir Putin bezahlt es selber
Dies dürfte Präsident Wladimir Putin, der wohl die Bedeutung Kants für die abendländische Zivilisation begreift, ziemlich gegen den Strich gegangen sein. Denn er ordnete an, dass das Gebäude für 46,3 Millionen Rubel (mehr als 650.000 Euro) restauriert werden soll. Das Geld wir allerdings nicht dem russischen Steuerzahler umgehängt, sondern aus seiner persönlichen Präsidentenreserve bereitgestellt.“

„Aus seiner persönlichen Präsidentenreserve“ … Na, wer diesen Strumpf wohl aufgefüllt hat und weiter auffüllt? Wer als Unzensurix schreibt, ist nach wie vor nicht bekannt, aber durchaus einer Recherche wert …

Woher Unzensurix seine Informationen nimmt und mehr oder weniger abschreibt? Von Sputnik Deutschland, wie anhand der Verlinkung in seinem Kommentar festgestellt werden kann … Die Website der FPÖ verbreitet also auch putinsche Propaganda …

Und eines noch.

Daß gerade Herwig Seidelmann in seinem Kommentar dazu auch den sogenannten kategorischen Imperativ listet, läßt ebenfalls tief blicken … Seidelmann, der weiß, wie ein Bundespräsident sein sollte

Wenn also FPÖ unzensuriert und Vladimir Putin sich auf Immanuel Kant besinnen, ist es Zeit in Erinnerung zu rufen, was Unamuno einst schrieb, noch vor dem Nazi-Krieg, denn dieses Morden erlebte Unamuno nicht mehr.

 

Miguel de Unamuno

Juni 1916

Die Pflicht und die Pflichten

Ein nordamerikanischer Professor, Mr. John Dewey, sagt in einem Büchlein über deutsche Philosophie und Politik (German Philosophy and Politics) im Bezug auf die Ethik von Kant, daß „die Heilsbotschaft einer Pflicht, jeden Inhalts bar, dazu beschaffen war,  solche besonderen Pflichten, wie die bestehende nationale Ordnung sie vorschreiben mochte, zu sanktionieren und zu idealisieren“. Und er schreibt „Duty“ in Großbuchstaben, die Kantsche, rein formale und sinnentleerte Pflicht, die des kategorischen Imperativs, und „duty“ in Kleinbuchstaben, die tatsächlichen und konkreten Pflichten, wie die der Bergpredigt im Evangelium oder wie die Preußischen Militärvorschriften. Und Mr. Dewey fährt fort: „der Pflichtsinn muß seinen Gehalt irgendwoher nehmen … Konkret gesprochen: Was der Staat befiehlt, ist die gemäße äußere Erfüllung eines rein inneren Pflichtsinns.“ „Das bedeutet, daß der kategorische Imperativ, da er etwas rein Formales ist, mit Materie aufgefüllt werden muß, und diese wird von den Autoritäten des Staates beigesteuert. In letzter Konsequenz heißt es also, daß die Pflicht das ist, was der Staat befiehlt. Wenn der Staat etwa befiehlt, man habe Greise, Frauen, Kinder und unbewaffnete Männer von einem Zeppelin oder einem Unterseeboot aus zu töten, so ist es eine Pflicht – eine patriotische Pflicht, nehme ich an –, sie zu töten. Und so hört es auf, ein Gemetzel zu sein. Oder es ist, wenn man will, ein Kantsches Gemetzel, kategorisch oder formal.“ (Das mit dem Gemetzel ist ein Euphemismus.)

„Doch wenn wir“, sagt er, „nicht dieses unerschütterliche Kriterium einer kategorischen Pflicht in Großbuchstaben suchen, die formal und vor allen ihren Konkretisierungen existiert, worauf sollen wir dann unsere kleingeschriebenen Pflichten gründen, die empirischen und materiellen?“ Wir müssen vermeiden, in die Kasuistik zu verfallen. „Wir sind uns schon darüber einig geworden, daß der ethische Empirismus den oberflächlichen Engländern überlassen bleiben soll, die unverbesserliche Pragmatiker sind und nicht weniger unverbesserliche Gefühlsmenschen. Sie waren es, die mit Adam Smith die Ethik auf die Sympathie begründen wollten; die mit Bentham versuchten, die Gefühle zu gewichten und zu messen, und die mit Stuart Mill den Militarismus anprangerten. Nichts als Oberflächlichkeit und Mangel an philosophischem Sinn. Oder höchstens verschwindend kleiner philosophischer Sinn.“

Sollen wir zum Beispiel als Kriterium unserer Handlungen die Förderung des Glücks heranziehen? Weit gefehlt! Wir wissen doch, daß es Leute gibt, die sehr ernsthaft die Ansicht vertreten, der Mensch habe kein Recht auf Glück. Er hat kein Recht …, hat kein Recht …; was bedeutet das eigentlich, Recht oder kein Recht auf etwas zu haben?

Doch während die einen, die mit dem kategorischen Imperativ, dem Menschen sein Recht auf Glück streitig machen, kommen andere und sagen ihm, er habe das Recht auf Leben. Das mit dem Recht auf Leben verstehe ich erst recht nicht. Was soll das bedeuten, Recht auf Leben zu haben? Ein Freund sagte mir, da der Mensch geboren werde, um zu leben, habe er das Recht auf Leben, und ich fragte ihn, indem ich die dialektische Mühle im Vakuum kreisen ließ, ob er geboren werde, um zu leben, oder ob er nicht lebe, weil er geboren wurde. Denn mit demselben Recht, mit dem er mir sagte, wir würden geboren, um zu leben, könnte ich ihm erwidern, daß wir geboren würden, um glücklich zu sein. Worauf er mir mit Verachtung entgegnete, letzteres sei ein katechistischer, das heißt, kindischer und alberner Begriff, denn nur dem Katechismus falle es ein, zu behaupten, der Mensch komme auf die Welt, um Gott in diesem Leben zu dienen und sich dann im ewigen Leben Seiner zu erfreuen. „Das ist doch nur Hedonismus!“, endete er entschlossen und sah mich an, als wollte er sagen: Na, was sagst du jetzt?

Die Beförderung des Glückes als Maßstab unserer Handlungen zu nehmen, ist etwas, was, wie ich meine, vielen Entsetzen einflößt. Vor allem denjenigen, die der Kultur ihren Kult erwiesen. Das ist Hedonismus oder Utilitarismus und nicht Sache eines Volkes, das etwas auf sich hält. Eines Volkes, sage ich, nicht eines Menschen.

Sehr richtig sagt der oben erwähnte Mr. Dewey, „Menschen, die bekennen, da sie bei der Prüfung einer Handlung keine Rücksicht auf Glück nehmen, haben eine leidige Art, nach ihrem Prinzip zu leben, denn sie machen andere unglücklich“. Und so ist es.

Obwohl es vielleicht angebracht ist zu sagen, daß sie vom Glück eine höhere, reinere, vor allem reinere, Anschauung haben. Denn so wie es eine reine Vernunft, einen reinen Willen, eine reine Intuition, eine reine Materie gibt, etc. etc. … (diese drei Punkte sollen eine unendliche Zahl von Etceteras verkörpern, wie in einem periodischen Dezimalbruch, auch er: rein), muß es auch ein reines Glück geben. Und was ist das reine Glück? Oh, auf dieser Vorstellung von Reinheit beruht ja der springende Punkt! Denn sobald jemand das reine Glück anvisiert – so, in Großbuchstaben, wie die PFLICHT –, kann er mit dem ruhigsten Gewissen die kleinen Glücke in Grund und Boden treten, das kleingeschriebene Glück, das Glück von diesem und von jenem und von diesem dritten. Das einzige, was zählt, ist das großgeschriebene oder reine GLÜCK, das ideale, das des MENSCHEN, ebenfalls großgeschrieben und rein, das des BEGRIFFS des MENSCHEN, mit dem die Logik des letzten großen Kantianers, des Juden Cohen, ihre Krönung und Überhöhung erfährt. Angesichts des BEGRIFFS des MENSCHEN – beide großgeschrieben und rein –, das heißt aber, angesichts des BEGRIFFS-MENSCHEN, muß sich nicht nur jede einzelne von uns, diesen elenden kleingeschriebenen und unreinen Menschen aus Fleisch und Blut, opfern, sondern muß jeder von uns auch die übrigen opfern. Wenn’s nottut, auch, indem wir sie umbringen. Dafür ist ja der Krieg da, welcher die höchste Liturgie im Kult an die REINHEIT und an den BEGRIFF darstellt. Denn solange man nur rein, diszipliniert, aus der großgeschriebenen PFLICHT heraus tötet, befindet man sich bereits außerhalb dieser lächerlichen Kleinigkeiten wie etwa der des fünften Gebotes des Gesetzes Gottes. Denn diese Gebote schreiben ja nur kleingeschriebene Pflichten vor.

Die Sache mit dem höchsten Glück kannten schon unsere entferntesten – ach, gar nicht so weit entfernten! – Vorfahren, die die Inquisition schufen, die mit dem Kreuz am Degenknauf auszogen, Leiber zu töten, um Seelen zu retten. Das waren edle Vorläufer von Kant … Hatten wir denn nicht festgestellt, daß Spanien das Land der Vorläufer ist? Vorläufer von Descartes, Vorläufer von Kant, Vorläufer des Preußenkaisers …

Diese edlen Spanier waren also Vorläufer von Kant, die dem kategorischen Imperativ gehorchten, fremde Seelen zu retten, der geheiligten großgeschriebenen PFLICHT, Ketzer zu töten.

War es denn nicht Kant, der mit dem ewigen Frieden, der da sagte, wenn die Menschheit als Ganzes im Begriffe wäre unterzugehen, und es gäbe einen vom Gericht zum Tode Verurteilten, so müßte man ihn noch vor dem allgemeinen Untergang hinrichten? Ja, so sprach der gestrenge Mann, der kein Mitleid kannte. Und dann gab es Schüler von ihm, die sogar vom Recht auf Strafe sprachen.

Das Recht auf Strafe! Das ist allerdings wahrlich rein! Es bedeutet, daß ein zum Tode Verurteilter das Recht darauf hat, daß man ihn henkt oder erschießt oder guillotiniert. Denn das ist es, was ihm der Priester sagen kann, der ihm mit dem Kreuz in der Hand beisteht, damit er gut sterben kann: „Glücklich du, mein Sohn, der du reuevoll stirbst, nachdem du deine Sünden bekannt hast, reumütig, bußfertig und losgesprochen, da du die Gewißheit hast, endlich die ewige GLÜCKSELIGKEIT zu erlangen! Und dank dieses Todes werden dir viele Jahre Fegefeuer erlassen werden! Was wäre geschehen, mein Sohn, wenn man dich begnadigt und deines Rechtes auf die Todesstrafe beraubt hätte, auf diese exemplarische Strafe, mit der du zum Wohl der öffentlichen Sicherheit beiträgst? Nun, es hätte geschehen können, daß du wieder in Todsünde verfallen wärest und daß dich der Tod ereilt hätte, während du noch in ihr lebtest. Was dann? Was für ein Glück, das dir nun zuteil wird, mein Sohn!“ Und wenn man sich dies wohl überlegt, versteht man die Reichweite der Sache mit dem Recht auf Strafe.

Wie? Hält etwa irgendein Leser diese Reflexionen für unangebracht, findet er sie gar makaber? Nun, das ist darauf zurückzuführen, kann ich ihm versichern, daß es ihm an Reinheit des Verständnisses mangelt. Das heißt, es geht ihm philosophischer Geist ab. Denn so wie Pascal zwischen dem geometrischen – oder mathematischen – Geist und dem Geist intuitiven Erfassens – l’esprit de Finesse – unterscheidet, so gibt es auch den philosophischen Geist, das heißt, den der Reinheit. Denn die reine Vernunft, Organ des philosophischen Geistes, ist es, welche die reinen Dinge, d.h. die reinen Ideen, versteht und handhabt. Denn ein reines Ding ist nichts als eine Idee. Oder besser gesagt, ist nichts weniger als eine Idee. Auch diese großgeschriebene PFLLCHT ist nichts als …, d.h. nichts weniger als eine Idee oder ein Begriff. Dewegen ist sie schrecklich!

Gibt es denn etwas Schrecklicheres als eine Idee? Der Leser hat wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn man von einem sagt, eine Idee habe sich ihm in den Kopf gesetzt. Was in der Mehrzahl der Fälle nichts anderes bedeutet, als den Kopf in eine Idee zu versetzen. Und ein Mensch, der darauf verfällt, einer dieser Ideenmenschen, ist schrecklich. Das sind die Menschen des wildesten, des kalten Fanatismus. Der wiederum ist der disziplinierte und gehorsame Fanatismus.

Denn es gibt tatsächlich das, was wir kalte Leidenschaft nennen könnten. Ja sogar eiskalte. Und eine dieser kalten Leidenschaften ist die der großgeschriebenen PFLICHT.

Gott möge uns dagegen unreine, unphilosophische, sentimentale, anekdotische und nicht kategorische Menschen geben, mit denen wir Umgang haben können, mitleidige und nicht gerechte, Träumer, Sorglose, wenn man will, wenig bis gar nicht diszipliniert im absurden militärischen Sinn der Disziplin, aber wirklich diszipliniert im anderen Sinn, im Sinne der Disziplin des discipulus, des Jüngers, der von Herzen und aus eigenem Antrieb die Meisterschaft – des Meisters – fühlt, denn die wahre Disziplin oder discipulina erfordert Meisterschaft und nicht Autorität. Gott möge uns Menschen mit einem feinen Gespür für ihre Pflichten, jedoch keinerlei Verständnis für die großgeschriebene PFLICHT schenken. Und aus der Philosophielosigkeit dieser Menschen und der Unreinheit ihrer Seelen wird eine lebendigere Philosophie erstehen, eine Philosophie, die keinen Platz hat im System logischer Begriffe.

Glaubst Du nicht, Leser, daß uns der Krieg, zusammen mit dem Frieden, ein wenig davon wird bringen können?

Ein Gedanke zu „Kant – Putin, Unzensurix: Von der Schrecklichkeit der eiskalten Pflicht

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