Es ist Zeit

„Es ist Zeit.“

Zurzeit gibt es kein Vorbeikommen an diesem Spruch. „Es ist Zeit.“ Wo sonst als auf Plakaten kann ein derartig leerer Spruch stehen. Von wem sonst als von Sebastian Kurz kann dieser plakatiert werden.

Ein Spruch, den  jeder Mensch in seinem Leben oft und oft gehört und wohl schon verstanden hat, als er ihn selbst noch gar nicht sprechen konnte. Zum ersten Mal von seinen Eltern, dann für Jahre wiederholt. Daran wird sich wohl auch Sebastian Kurz erinnern. An dieses „Es ist Zeit.“ Am Morgen, wenn er vielleicht verträumt, aber auf jeden Fall verschlafen im Vorzimmer hockt, nicht und nicht es schafft, in die Schuhe zu kommen. „Es ist Zeit.“ Das eine Mal als liebevolle Aufforderung, sich endlich anzuziehen, um doch pünktlich in die Schule zu kommen, das andere Mal genervt und bedrohlich ihm entgegengeschleudert, um endlich aus dem Haus zu kommen. Späterhin vielleicht als elterliche Ermahnung, daß es Zeit sei, endlich zum Beispiel das Studium abzuschließen, oder, wenn das seine Fähigkeiten übersteigt, Bundeskanzler zu werden.

Sebastian Kurz hat für sich darauf die Antwort gefunden: Bundeskanzler werden zu wollen, dafür also ist es Zeit. Und das ist die einzige Antwort von ihm auf das „Es ist Zeit.“ Auf seinen Plakaten, auf denen menschgemäß diese Antwort nicht mitgeschrieben steht. Diese einzige Antwort, die Kurz geben kann, es sei Zeit für ihn, Bundeskanzler zu werden.

So klug ist Sebastian Kurz, nicht zu plakatieren:

„Es ist Zeit. Für mich. Bundeskanzler zu werden.“

Das weiß er, mit solch einem ehrlichen Plakat, mit solch einem wirklich Antwort gebenden Plakat würde er bei den Menschen nicht landen können; sie würden vielleicht sagen, nebenbei anmerken, wie schön zu sehen, daß auch heute noch junge Menschen etwas werden wollen, Ehrgeiz haben, etwas aus ihrem Leben machen wollen, aber es ist nicht „unsre Sach'“ …

Vielleicht hat es Sebastian Kurz auch nur über, die elterliche Ermahnungen, es sei Zeit, etwas zu werden, und er mag nicht einmal mehr einsilbig, wie eben auch erwachsene Kinder noch immer einsilbig gegen ihre Eltern sind, wenn es um ihre eigene Zukunft geht, darauf etwas … und so plakatiert er zur Beruhigung seiner Eltern ihr „Es ist Zeit.“ Und seine Eltern verstehen das Plakat richtig, als seine Antwort für sie allein. Ein Code zwischen Eltern und Kind. Gerade die Kommunikation zwischen Kind und Eltern, überhaupt die Kommunikation in Familien läuft sehr verschlüsselt ab, für Außenstehende rätselhaft und also je nicht zu verstehen.

Es ist Zeit

Es gibt weitere Plakate.

Auf denen wird Sebastian Kurz beinahe gesprächig.

„Die eigenen Werte wahren: Es ist Zeit.“ Hohleres zu verkünden, beinahe eine Unmöglichkeit. Nicht wenige werden es als Bedrohung ansehen: „Die eigenen Werte wahren:“ … Sind damit Werte gemeint, die noch bis zur Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in Gesetze gegossen waren, daß etwa die Frau ihren Jesus Christus vulgo Ehemann um Erlaubnis zu fragen hat, ob sie arbeiten gehen dürfe … Vielleicht eine Androhung. Eher ist es eine abgekürzte Antwort. Und die gesamte Antwort lautet: auf die eigenen Gehaltswerte schauen. Es ist, wie es heißt, schön zu sehen, daß junge Menschen auf den Wert ihres Gehaltes schauen, so auch Sebastian Kurz, der jetzt bereits ein gutes Gehalt bezieht … und wer mag es ihm verübeln, seine Gehaltswerte zu wahren und vor allem weiter erhöhen zu wollen — und der nächste Gehaltssprung für ihn wäre halt der Bundeskanzlerbezug. Der einzige Weg für ihn, eigene Lohnwerte zu wahren; schließlich gehört er nicht zu den innovativen Menschen, die ihr Studium abbrechen, um enorme Geldwerte anzuhäufen, etwa durch eine Erfindung, durch das Herstellen eines Produktes wie beispielsweise Facebook oder Smartphone …

Es ist wohl nicht von ungefähr, daß die Säulen der Gehaltspyramide über die Einkommen österreichischer Politiker und Politikerinnen in schwarz und in blau gehalten sind … Das ist wohl mit gemeint, wenn es heißt, die eigenen Werte zu wahren, also selbst nicht auf Rezepte aus Opas uraltem Kochbuch zurückgreifen zu müssen, mit Brennsuppn und Erdäpfel irgendwie satt werden zu müssen.

Und auf einem Plakat steht: „Wieder mehr auf unsere Werte schauen“. Der Sinn dieses Spruchs erschließt sich nur mit der Verortung der „Werte“, also auf den eigenen Lohnzettel schauen, auf dem sind Werte angegeben, in Zahlen; so werden Werte konkret, die er nur meinen kann. Und, wenn es doch einmal abstrahiert gelesen werden darf, ist es doch bloß ein weiterer leerer Spruch. Auf „unsere Werte“ wurde zur Genüge „geschaut“. Denn. Wäre nicht derartig auf „unsere Werte“ geschaut worden, hätte Österreich längst schon andere Parteien an der Spitze, wären diese drei Parteien, mit deren Farben die tatsächliche Flagge Österreichs angemalt ist, lange schon nicht mehr in den Parlamenten, in den Landtagen, in den Gemeinderäten …

Es gibt weitere Plakate. „Tun, was richtig ist.“ Was sonst? Bei seiner möglichen Regierungspartnerin, die berühmt ist für ihre Sprachfehler, würde es auf den Plakaten vielleicht zwar falsch geschrieben, dennoch richtig heißen: „Tun, was falsch ist“. Auf einem sonntäglichen Ausflug in das Niederösterreichische wurde zu diesem Plakat die Meinung gehört, das sei Leni-Riefenstahl-Ästhetik, wie Sebastian Kurz auf einem der Plakate abgelichtet … Es ist zwar töricht, stets auf diese Unheilzeit zurückzugreifen, aber vielleicht kennzeichnend, daß gerade im Niederösterreichischen diese Zeit zu einem Kurzplakat einfällt, wo jetzt das abgehängte Dollfußbild wieder aufgehängt

Es gibt weitere Plakate. Mit Sprüchen, etwa von der „neuen Gerechtigkeit“. Was zu diesem zu sagen ist, wurde bereits …

Vielleicht hätten seine Eltern nicht nur immer zu ihm sagen dürfen, daß es Zeit sei, sondern auch, sich nicht immer auf sie zu verlassen, oder auf irgendwen, die ihm seine Lohnwerte … aber es ist nicht zu spät für ihn, doch noch etwas dazuzulernen, wenn er nicht … aber das ist die Verantwortung der Wählerinnen und Wähler, also zu verweigern, seine Ersatzeltern zu werden, für ihn zu sorgen, während sie selbst Kartoffelschalen mit Erdäpfelbrei …

Die Ästhetik von gestern

5 Gedanken zu „Es ist Zeit

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