Das schlimmste von allen Tieren ist, kurz gesagt, das autofahrende Tier

Seit der Überlandpartie am 1. Mai, bei der dem entzückenden Bericht über das radfahrende Pferd gelauscht werden durfte, sind wieder, wie festgestellt werden muß, ganz und gar nicht erfreuliche …

drei junge Menschen wurden ermordet

Menschen rissen der Bildung ihre Maske herunter und zeigten ihre Kruckenkreuznase des Antisemitismus und …

Menschgemäße Tage eben, menschgemäße Tage sind wieder vergangen, und menschgemäß ging es ebenfalls weiter mit innenpolitischen Wirren

kurz und sobotka - schwarz macht altWie gut ist es dann, auch dieses Wochenende neben Karl-Loisl Platz nehmen zu dürfen, über das Land fahren zu können, dabei dem auf der Rückbank bequem Sitzenden zuzuhören, erfreut darüber zu sein, schon am Freitag, dem 12. Mai, losgefahren zu sein, um nichts von dem mitzubekommen, was gerade an diesem Tag noch so plapp plapp plapp … wie angenehmer und vielsagender hingegen die Motorgeräusche, das Schnauben und Wiehern der radfahrenden Pferde, das Geschnatter der Gänse …

Und sogleich wird von ihm, kaum ist der Motor angelassen, sind die ersten Meter zurückgelegt, die Erzählung vom 1. Mai wieder aufgenommen und fortgesetzt, die von ihm abgebrochen wurde mit: „Aber da ist auch noch der Autofahrer.“

Aber da ist auch noch der Autofahrer. Haben wir den Mut, es zu bekennen: Er ist von allen Tieren der Landstraße vielleicht das schlimmste.

Ich spüre es an mir selbst. Wenn ich, mit beiden Füßen fest auf dem Boden und kühlem Kopf, mein Gewissen erforsche, stelle ich mit Entsetzen fest, daß ich selbst zuweilen dieses Tier bin … Und doch, verehrter Herr, bin ich in meiner generellen Lebenshaltung weder ein Snob, den der Anblick des Reichtums begeistert, noch ein Herzloser, den der Anblick der Armut beleidigt. Ohne Pose, ohne Literatur, ohne Hintergedanken im Hinblick auf die Karrieren, da ich mir keinerlei Pöstchen, keinerlei Mandat, keinerlei Orden erwarte, habe ich tiefstes Mitleid mit dem menschlichen Unglück. Jeden Tag empöre ich mich immer mehr darüber, daß die Männer, die an der Macht sitzen – egal, unter welchem Etikett, und sei es auch das röteste, sie an die Macht gelangen –, allein aus Liebe zur Macht die soziale Ungleichheit, die sorgfältig gezüchtet wird, zur ständig gleichen Regierungsmethode machen und daß sie ein leidendes Proletariat – das den Reichtum eines Landes erarbeitet, ohne daß man es jemals daran teilhaben läßt – unerbittlich in der härtesten, der ungerechtesten Versklavung halten. Und da der Reiche – mit anderen Worten: die Regierung – immer blind gegen den Armen ist, bin ich, ebenfalls blind und zu allen Zeiten, gemeinsam mit dem Armen gegen den Reichen, mit dem Niedergestreckten gegen den Niederstrecker, mit dem Kranken gegen die Krankheit, mit dem Leben gegen den Tod. Das ist vielleicht etwas zu sehr vereinfacht, von unreflektierter Parteilichkeit, wogegen es gewiß vieles einzuwenden gibt … Aber ich verstehe nichts von den Feinheiten der Politik. Und sie verletzen mich wie ein Unrecht.

Sobald ich aber im Automobil sitze, von der Geschwindigkeit mitgerissen und vom Schwindel ergriffen werde, erlöschen diese humanitären Gefühle. Ich spüre, wie sich in zunehmendem Maße dunkle Fermente von Haß in mir regen, ich spüre, wie die schweren Hefen eines schwachsinnigen Stolzes in mir gären und aufsteigen … Es ist wie ein verabscheuungswürdiger Rausch, der in mich fährt … Die schmächtige menschliche Einheit, die ich bin, verschwindet und weicht einer Art wunderlichem Wesen, in dem sich – oh, lachen Sie nicht, ich flehe Sie an! – die Pracht und Kraft der Elemente, der Naturgewalten verkörpern. Im Laufe dieser Seiten habe ich schon mehrmals von den Erscheinungsformen dieses kosmogonischen Größenwahns gesprochen.

Und da ich die Naturgewalt, der Wind, der Sturm, der Blitz bin, müßte Ihnen begreiflich werden, mit welcher Verachtung ich von der Höhe meines Automobils herab die Menschheit … was sage ich? … das gesamte meiner Allmacht unterworfene Universum betrachte. Doch welch erbärmliche Naturgewalt, da bereits ein kleiner Karren, der den Weg versperrt, genügt, um sie machtlos und kleinlaut zum Anhalten zu bringen … Welch erbärmliche Allmacht, da sie bereits ein Stein, der auf der Straße liegt, in den Straßengraben stürzen läßt!

Und dennoch … und dennoch.

Da ich die Naturgewalt bin, lasse ich nicht zu, kann ich nicht zulassen, daß sich auch nur das geringste Hindernis vor der Laune meiner Bewegungen aufrichtet. Es ist nicht nur unter der Würde einer Naturgewalt, daß sie anhält, wenn sie es nicht will, sondern es ist absolut lächerlich und ungebührlich, daß eine Kuh, ein Bauer, der sich auf dem Weg zum Markt befindet, ein Fuhrmann, der Mehl- oder Kohlesäcke in die Stadt befördert, daß all diese Leute, die niedrige alltägliche Arbeiten verrichten, sie zwingen, ihren unbesiegbaren, alles beherrschenden Lauf zu verlangsamen.

»Platz gemacht … Platz gemacht …. Hier kommt die Naturgewalt!«

Und ich bin nicht nur die Naturgewalt, bestätigt mir der Automobil-Club, mit anderen Worten,  die herrliche blinde und brutale Kraft, die verwüstet und zerstört, sondern ich bin auch der Fortschritt, flüstert mir der Touring-Club ein, mit anderen Worten, die organisierende und erobernde Kraft, die unter anderen zivilisatorischen Wohltaten auch den Familienpensionen im hintersten Winkel der Gebirge einen neuen Anstrich in Lackfarbe verleiht und hochmoderne water-closets samt Gebrauchsanweisung in den kleinen Hotels der entlegensten Provinzen verteilt …

»Also Platz gemacht für den Fortschritt! … Platz gemacht! Platz gemacht!«

Und siehe da!

Sobald die Sirene ertönt, kommen die Menschen aus ihren Häusern gestürzt, sie verlassen ihre Felder, rotten sich zusammen, verfluchen mich, zeigen mir die Faust, drohen mir mit Sensen und Mistgabeln, bewerfen mich mit Steinen. Seit Jesus ist das immer die gleiche Geschichte. Man opfert sich für die Menschen. Und was passiert? Man wird von ihnen gesteinigt, da die Verweichlichung der Zeit es nicht mehr erlaubt, daß sie einen kreuzigen!

Diese rückschrittliche Verstocktheit der Dorfbewohner, denen ich ihre Hühner, ihre Hunde, manchmal auch ihre Kinder überfahre, ist sie nicht im höchsten Grade beunruhigend, entmutigend, ja empörend, da sie nicht begreifen wollen, daß ich der Fortschritt in Person bin und daß ich für das Glück der Allgemeinheit arbeite? Angewidert von diesem Empfang, wütend über dieses Unverständnis, wie ich bin, könnte ich sie durchaus ihrem lächerlichen Schicksal überlassen, ihre trübselige Ruhe respektieren, mit einer regressiven Langsamkeit, dem gemäßigten Tempo einer alten Postkutsche durch ihre Dörfer und über ihre Landstraßen fahren … Aber nein … Ihre Beschränktheit darf mich nicht daran hindern, meine Mission des Fortschritts zu erfüllen … Ich werde ihnen das Glück bringen, auch gegen ihren Willen; ich werde es ihnen bringen, selbst wenn sie nicht mehr auf dieser Welt sind! …

»Platz gemacht! Platz gemacht für den Fortschritt! Platz gemacht für das Glück!«

Und um ihnen zu beweisen, daß es das Glück in Person ist, was da angefahren kommt, und um ihnen ein herrliches und dauerhaftes Bild von diesem leibhaftigen Glück zu hinterlassen, zermalme, überfahre, töte ich … Ich verbreite Schrecken! Alles ergreift Hals über Kopf die Flucht vor mir … Selbst die Telegraphenmasten werden von Panik ergriffen; die Bäume werden vom Schwindel gepackt … Die Häuser scheinen von Epilepsie geschüttelt … Auf den Feldern sehe ich Pferde vor dem Pflug sich so verrückt aufbäumen wie die steinernen Pferde vom Heldenplatz … Die Kühe stürzen in die Straßengräben … Und hinter dem Jupiter, dem Zusammenfüger des Staubs, der ich bin, wird die Landstraße übersät von zertrümmerten Fuhrwerken und totem Getier …

»Schneller! Noch schneller … Es naht das Glück!«

An dem Tag, als ich endlich über die triste Sankt Pöltner Landstraße und die trübseligen Öden des kreuzbuckeligen Waldviertels von meiner Reise zurückkehrte, da sah ich zwischen Stiftmelken,  Heiligenkreuzerhof und Kreuzbrünsting aus der Ferne eine Gruppe von Leuten, die sich sonderbar gebärdeten … Einer löste sich aus der Gruppe und gab mir ein Zeichen anzuhalten …

Mitten auf der Straße lag ein eingedrücktes, ganz verbogenes Automobil … Ein paar Schritte weit entfernt auf der Böschung lang ein kaum zwölfjähriges Mädchen mit zerschmetterter Brust und blutüberströmtem Gesicht … Eine Frau war über sie gebeugt und versuchte sie wieder ins Leben zurückzurufen.

»Jaqueline!« schrie sie. »Meine kleine Jaqueline!«

Ich trat heran, untersuchte das Kind, verabreichte ihm Äther- und Koffein-Injektionen in den Thorax, doch leider vergebens!

»Sie ist tot«, erklärte ich der Mutter.

Ihre Klageschreie wurden herzzerreißend. Da trat auch der Herr des umgestürzten Automobils heran. Er hatte keinerlei Verletzung …

Er war barhäuptig, da er bei dem Zusammenstoß seine Schirmmütze verloren hatte. Ein wenig Staub blondierte seinen schwarzen Bart …

»Seien Sie nicht traurig, gute Frau«, sagte er. »Was passiert ist, ist zweifellos unerfreulich, und vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich Ihr Kind nicht getötet hätte … Ich kann also mitfühlen mit Ihrem Schmerz … Ich selbst bin übringens in einer geradezu verdienstvollen Lage, denn die Affäre ist für mich, da ich versichert bin, ohne Bedeutung, und ich habe keinen Schaden …

Denken Sie doch nach, gute Frau. Ein Fortschritt stellt sich nie in der Welt ein, ohne daß dies ein paar Menschenleben kostet … Betrachten Sie die Eisenbahn, die Unterseeboote … ich könnte Ihnen noch schlagendere Beweise nennen … Aber reden wir über die Sache, die uns betrifft … Es ist doch evident, nicht wahr? … daß der Automobilismus ein Fortschritt ist, vielleicht der größte Fortschritt dieser bewundernswerten Zeit … Also erheben Sie Ihre Seele über dies banalen Alltäglichkeiten. Sagen Sie sich, daß der Automobilismus, auch wenn er Ihre Tochter getötet hat, allein in Österreich zweihunderttausend Arbeiter ernährt … zweihunderttausend Arbeiter, verstehen Sie? … Und die Zukunft? … Denken Sie an die Zukunft, gute Frau! Bald wird es überall Massenverkehrsmittel geben. Sie werden kleine Landstriche, die heute noch völlig isoliert sind, die nicht mal die geringsten Kommunikationsmittel besitzen, schon morgen mit allen Produktionszentren verbunden sehen … Sie werden in den toten Regionen neue Formen des Austauschs funktionieren, neue Quellen des Reichtums entstehen, ein ganz neues Leben aufkommen sehen, das bislang unbekannt war, das man sich nicht mal zu erhoffen wagte … Sagen Sie sich mit bestem Gewissen, daß Ihre Tochter sich dafür geopfert hat … daß sie eine Märtyrerin ist … eine Märtyrerin des Fortschritts … Und Sie werden getröstet sein …

Jetzt werde ich mir Ihren Namen und Ihre Adresse notieren … Schon heute abend werde ich an meine Versicherungsgesellschaft schreiben. Das ist eine ausgezeichnete Gesellschaft … Sie wird Ihnen eine kleine Entschädigung anbieten …

Eine Entschädigung in Relation zu Ihrem gesellschaftlichen Stand, versteht sich, der mir eher gering zu sein scheint …

Wie dem auch sei, seien Sie ganz beruhigt, sie wird die Sache in korrekter Weise regeln … Wer mehr zu bedauern ist, der bin ich … Sehen Sie meinen Wagen an … Ich werde die Eisenbahn nehmen müssen, um nach Kloster Neudorf zurückzukehren, was für einen wahren Automobilisten, wie ich es bin, immer eine Qual ist … Aber auch ich tröste mich, indem ich mir sage, daß ich für den Fortschritt und für das Glück der Allgemeinheit arbeite … Grüß Gott!«

Ich wollte einem so vollendeten Autofahrer nicht die Demütigung zumuten, mit der Eisenbahn nach Kloster Neudorf zurückzukehren. Ich bot ihm einen Platz in meinem Wagen an.

Und da die Mutter, immer noch über die Leiche ihres Kindes gebeugt, weiter schluchzte, meinte dieser herausragende Kollege, während er so bequem wie möglich neben mir Platz nahm, betrübt:

»Oh! … Wir werden noch große Mühe haben, die wahre Vorstellung vom Fortschritt zu verbreiten … unter diesen armen Leuten … Ihre Schä…«

Er sprach seinen Satz nicht zu Ende, der vollständig lauten müßte: »Ihre Schädel sind einfach zu hart!« Vielleicht befürchtete er, die kleine Bauerstochter, die da auf der Straße lag, könnte ihm zu leicht das Gegenteil beweisen …

Es wurde Zeit, daß ich wieder weiterfuhr … seit ich festen Boden unter meinen Füßen spürte, begannen meinen Ansichten eines Automobilisten nämlich zu wanken …. Und ich begann mich bereits mit einigem Entsetzen zu fragen, ob ich wirklich der Fortschritt und das Glück in Person war.

Noch ein Augenblick länger … und ich hätte dem Sprichwort über die Fauna der Landstraße gewiß hinzugefügt:

»Und dann kommt nichts … Und dann kommt immer noch nichts … Und dann kommt der Automobilist!«

Im Verkehr der Radfahrer, der Hengst, die Radfahrerin, die Stute

Um nicht Täuschungen über den Fortschritt des Menschen zu erliegen, ist es von Zeit zu Zeit nützlich, besonders an einem ersten Mai, mit einem Menschen im Automobil mitzufahren und dabei von ihm sich erzählen zu lassen, wie es auf den Straßen zugeht, der  die Fauna der Landstraßen von seinen vielen Reisen bestens kennt …

Und während er beim Fahren über das Land diesmal vom Menschen auf dem Fahrrad erzählt, löst sich wieder einmal rasch die Täuschung auf, bereits in einer anderen Zeit zu leben, als in der, von der erzählt wird.

Sobald sich ein Mensch – und sei es auch der bezauberndste Mensch der Welt – auf ein Fahrrad schwingt, kann man sagen, daß er allein aufgrund dieses Umstandes zu einem Pferd mit all den behindernden und verrückten Kapricen, Sottisen und Kapriolen, mit all den tödlichen Gefahren des Pferdes wird … aber um wie vieles gefährlicher! Zu den Gefährlichkeiten des Pferdes, die er sich zu eigen macht, kommen beim Radfahrer noch persönlich hinzu, die aus dem Grunde konsekriert, legalisiert und unantastbar zu sind, weil er neben dem Pferd, zu dem er geworden ist, in den meisten Fällen auch ein Wähler ist … Kraft dieses Privilegs ordnet er sich niemals unter … Ist es nicht souverän, dieses Tier? Gehört ihm nicht alles? … Die Landstraße, das politische Schicksal des Abgeordneten, den er ernennt, die Mehrheit der Regierung, die er unterstützt? …. Ebensowenig wie den Schankwirt, der gläschenweise Krankheit und Tod kredenzt und auf dessen Schultern das gesamte Gesellschaftssystem ruht, darf man den Radfahrer belästigen. In seiner schikanierenden Wichtigkeit, der aggressiven Ausstrahlung seiner Würde gibt er immer allen anderen, den Fußgängern, den Fuhrwerken, den Autos,, den Tieren die Schuld … Er ist der Herr, der einzige Herr der Straße … Direkt vor der Motorhaube sieht man ihn wie er, die Hände in den Hosentaschen, die Mütze tief ins Genick geschoben, seine Brust- und Beinmuskeln spielen läßt oder zum Spaß Kurven Spiralen und Zickzack fährt, kurzum: lauter sinnlose und belästigende Aktionen vollführt, bei denen es ihm wie dem Hund passieren kann, daß er unter die Räder stürzt … Und dann bekommen Sie tausend Scherereien, die Sie ganze Monate Gefängnis und enormen Schadenersatz kostet.

Vor nicht allzu langer Zeit überhäufte man den Radfahrer mit all den Verwünschungen, mit denen man heute den Autofahrer überhäuft … daher müßte es zwischen ihnen eigentlich eine Art Brüderlichkeit, eine Solidarität der Landstraße geben. Aber der Radfahrer ist zum schlimmsten Feind des Autofahrers geworden. Er verbündet sich mit dem Haß des Bauern und entfesselt ihn bei Bedarf. Ich habe schon welche gesehen, die unbekümmert große Nägel vor ein Auto streuten und wiehernd lachten, wenn sie einen Reifen platzen hörten.

Je weiter ich im Leben voranschreite, desto klarer sehe ich, daß jeder eines jeden Feind ist. In den Augen zweier Menschen die einander begegnen, glüht die gleiche Begierde: die Begierde, sich gegenseitig umzubringen. Mag unser Optimismus auch Gesetze sozialer Gerechtigkeit und Menschenliebe erfunden haben, mögen auf die Monarchien auch Demokratien gefolgt, mögen an die Stelle Republiken auch Anarchien getreten sein, so wird doch, solange es auf Erden Menschen gibt, das Gesetz des Mordens in ihren Gesellschaften in gleichem Maße herrschen, wie es in der Natur dominiert. Es ist das einzige, das imstande ist, die Begierden zu befrieden, zwischen den verschiedenen Interessen zu entscheiden.

Aber ein einzelner Radfahrer – so bösartig er auch sein mag – ist nichts im Vergleich zu einer ganzen Horde von Radfahrern. Sobald diese die Landstraße beherrschen, ist es aus für Fußgänger, Fuhrwerke und Autos … Dann kann man nur noch nach Hause fahren …

Wieviel lieber ist mit da die Dreschmaschine, die die Landstraßen des Mostviertels versperrt, wieviel lieber sind mir da die zweitausend Schafe in der Ochsenschluchtklamm!

In Piber hat man mir den Wahlspruch der kaiserlichen Bereiter verraten: „Zuerst kommt Gott Vater … Dann kommt der Spanische Hofbereiteroffizier … Dann kommt das Pferd des Spanischen Hofbereitersoffiziers. Und danach kommt nichts …“

Hier folgt eine lange Aufzählung von Punkten. Dann fährt der Wahlspruch fort:

„Und dann kommt nichts … Und dann kommt immer noch nichts … Und dann kommt der Spanische Hofbereiter …“

Um die Tiere der Landstraße in der Rangfolge ihrer Meriten zu klassifizieren, schlage ich das folgende Sprichwort vor:

„Zuerst kommt Mutter Gans … Dann kommt die Ente … Dann kommt der Esel und das Maultier … Dann kommt das Schwein … Und danach kommt nichts … Und dann kommt immer noch nichts …“

Hier folgt eine lange Aufzählung von Punkten …

„Dann kommt die Kuh … Dann kommt der Hund … Dann kommt der Herr des Hundes …“

Dann weitere Punkte …

„Dann kommt das Huhn … Dann das Pferd … Dann kommt der Fuhrkutscher … Und dann kommt nichts ….“

Wieder eine endlose Folge von Punkten …

„Und dann kommt der Radfahrer!“

Dann kommt der Radfahrer … Das ist klar …

Aber da ist auch noch der Autofahrer …

So spannend und lustig er auch bitter zu erzählen weiß, wie es auf den Straßen zugeht, muß doch eingestanden werden, es wird ihm nicht lange mit der größten Aufmerksamkeit zugehört, denn allmählich gewinnt das Träumen über eine erhoffte Zeit, in der es anders sein wird, daß es einst besser …

Erster Mai - Der Radfahrer der Hengst.jpg

Die Angst des Kardinals vor dem „Burkaverbot“

Mit einem „Burkaverbot“ geht es auch dem Kreuz an den Nagel

Es gibt Menschen, die könnten dem Kardinal, wie es auf einer recht in Ruhe gelassenen Homepage gelesen werden kann, „ins Gesicht speiben“, weil er, wie sie meinen, gegen ein Burkaverbot … so vulgär wie das ihr Meinen ist, so gering ist das ihr Verstehen. Denn. Sie verstehen nicht, daß der Kardinal verstanden hat, mit einem „Burkaverbot“ geht es auch seinem Kreuz an den Nagel.

Das ist für den Kardinal gesinnungsgemäß keine Beruhigung, unter sich Menschen zu wissen, die seinem Kreuz die Stange halten – der Kern des Wollens dieser Menschen ist das Gewinnen von Wahlen, und die Zeit von einer Wahl zur anderen ist kurz. Bereits die nächste Wahl könnte diese Menschen, die heute noch für den Kardinal seinem Kreuz die Stange halten, aus ihren gewichtigen Positionen …

Das Kreuz. Sichtbares Zeichen für …, ach es muß nicht neu formuliert werden, nur zu wiederholen, zu wiederholen ist es ständig, wie auch der Kardinal ständig seinen Katechismus wiederholt, und damit zum Ausdruck bringt, er und sein Kate… sind den Gesetzen des Staates über – insbesondere den Gesetzen, die die Gleichstellung und die Gleichbehandlung von Mann und Frau …

Duzdar zu Österreich: „Frauenrechte stehen über der Religion“.

Chef einer gesetzesbrecherischen Organisation eines Glaubens

Blick-Gebot für den Mann erübrigt jedwedes Gebot der Verhüllung gegen die Frau.

Schönbornstandard oder die unerträgliche Propaganda der gewollten Gesetzesunwissenheit

Wie wirkt das Kreuz?

Und eben erst hat der Kardinal wieder einmal bestätigt, was er von Gesetzen hält, die er nicht in seiner Urfassung des Korans findet, wie in der Collage gelesen werden kann:

„Vielleicht bekommen dadurch auch die positiven Argumente für den Zölibat und für die traditionelle lateinische Praxis mehr Glaubwürdigkeit.“

Frank und frei sagt er es heraus, es kümmert ihn nicht, beispielsweise das Gleichbehandlungsgesetz … ob es in diesem Land je noch dazu kommen wird, daß ein leitender Angestellter eines Organisierten Glaubens sich nicht über die Gesetze des Landes …

„Lateinische Praxis“ … Es gibt diesen Mythos der großen zweiten Sitzung, die einst in einem Grätzel von Rom … Der Fortschritt dieser Sitzung ist eine Legende, aber sogar diese scheint an dem Kardinal … in welcher Zeit er wohl leben mag? Vielleicht in der von Octave Mirbeau. Und die ist auch schon … es ist schon über 110 Jahre her, daß Mirbeau schrieb:

„So wie in unserer wilden und wehklagenden Bretagne, wo der religiöse Geist in gewissem Sinne alles versteinert hat; wie im österreichischen Tirol, wo an jeder Wegbiegung, an jeder Kreuzung, einfach überall Heiligenbildnisse …“

Durch Österreich fuhr Octave Mirbeau nicht, mit seinem Automobil mit dem Kennzeichen „628-E8“, um das ihn heute in Österreich so mancher Herrenfahrer wohl beneidete … er, Mirbeau, hätte sonst vielleicht geschrieben: wie im tirolerischen Österreich

„Überall Prozessionen, Glockengeläut, überspannte, mittelalterliche kulturelle Zeremonien … Altarschmuck selbst in den häuslichen Schlafzimmern, gebeugte Rücken, gefaltete Hände … und anmaßende, brünstige und raffgierige Priester und Furcht verbreitende Bischöfe mit Inquisitionsgesichtern. Überall auch jene Literatur, deren mystische Erotik sich so gut mit der frommen Inbrunst verbindet und sie verherrlicht … Wer niemals …. beigewohnt hat … in ein wahres Irrenhaus verwandelt hatte, der kann nicht begreifen, zu welchen Exzessen, zu welchem Irrsinn die Religion … die arme Seele der Menschen zu führen vermag … Es war König … der sein Carnet mit dämonischen Bischöfen, seinen Mönchen, seinen Henkern und mit einer Nonne auf dem Schoß, in den Folterkammern das Blut der Ketzer fließen und ihr Fleisch peinigen ließ …“

Wie gut wäre es gewesen, wenn Mirbeau auch durch Österreich gefahren wäre. Was hätte er nicht alles zu Österreich geschrieben, was er etwa zu Belgien, wie dieses obige Zitat … Thomas Bernhard hat es versucht, aber Bernhard war kein Mirbeau; er konnte es auch nicht sein, weil Mirbeau schon, auch, der ganze Thomas Bernhard war, und sein gesamtes Werk hätte Bernhard in einem Satz unterbringen können: Wenn Sie Bernhard lesen wollen, lesen Sie Octave Mirbeau. Diesen Satz als Gesamtwerk hat Bernhard nicht geschrieben, wie er auch wohlweislich vermied, Mirbeau je zu erwähnen –  die berühmte Geschichte vom Schmiedl und Schmied …

Es hätte wohl nichts daran geändert, daß einhundertzehn Jahre später in diesem tirolerischen Österreich ein Kardinal immer noch unter sich Menschen weiß, die seinem Kreuz … vielleicht aber, es ist Frühlingsbeginn und ein Frühlingsanfang erlaubt es, Hoffnung zu äußern, vielleicht bringt die nächste Wahl Menschen in Positionen, die dem leitenden Angestellten auch dieses Organisierten Glaubens höflich, aber bestimmt seinen Platz zuweisen, ihm die Gesetzesbücher des Landes auf seinen Koran legen, aber der Frühling ist in diesem Land keine Zeit der Hoffnung, und es ist zu fürchten, es kann nur noch schlimmer werden, wenn jene mit der oben erwähnten Homepage …

Kreuz - Sägespäne - Pellets.jpg