Türkis-blauer Miststreuer. Eine Verlockung.

In „Nichtrechthabenwollen“ spielt Martin Seel „Gedankenspiele“.

Das verleitet, es ihm nachzutun. Ebenfalls ein Gedankenspiel zu spielen.

Aber es ist kein Spiel.

Jedenfalls, keines im strengen Sinn von Martin Seel.

Es ist eine Überlegung.

Zu überlegen, wie wohl der eine oder andere Absatz von Leserinnen aufgenommen wird, was zum Beispiel einem Leser in Ungarn dazu einfällt, oder, woran eine Leserin in Italien denkt, welches Bild Lesende in den Vereinigten Staaten von Amerika … kurz gesagt, werden Absätze von Lesern in allen Staaten auf die gleiche Weise verstanden.

Zum Beispiel diese Absätze:

„In bestimmten Perioden meines Lebens habe ich vorwiegend Fassaden gestrichen – Wände, Türen, Tore, Fensterrahmen, Dachgebälk. Als mein Meisterwerk galt die Restaurierung eines Miststreuers und des dazugehörigen Krans, die den einen türkis, den anderen blau zum Leuchten brachte. Allerdings hatte ich bei meiner Malerarbeit unbekümmert über Rost und Dreck hinweg gestrichen, weil mir eine akkurate Ausführung bald zu mühselig wurde. Das fiel aber keinem auf, wie es meistens der Fall ist, wenn eine kleine oder große Menge sich an Glänzendem erfreut.

Der Geruch von Mist und der Geruch der Farbe, mit dem wir jenen zu übertünchen versuchen, sind zwei Grundstoffe des Dufts der Welt. Heimatliche Gefühle verschaffen mir beide.“ 

Ist das „Ich“ für alle Lesenden in allen Ländern das „Ich“ von Martin Seel, oder, spricht diese Absätze zum Beispiel in Ungarn oder in Italien ein „Ich“ zum Leser, das ihm bekannter ist, das er oder sie, die Leserin in den Vereinigten Staaten von Amerika, in diesem „Ich“ erkennt, dieses Rost und Dreck anstreichendes „Ich“ bis zur Kenntlichkeit, wie es kurz gesagt wird, sich selbst preisgibt.

Türkis - Blau

 

Farben der Fahne von Österreich: rot-blau-schwarz

Wenn nach den Farben der österreichischen Flagge gefragt wird, ist die Antwort stets: rot-weiß-rot.

Ernst Jandl war es bereits klar, die Farben stimmen für Österreich nicht.

Seine „Fahne für Österreich: rot/ich weiß/rot“. Vielleicht dachte Jandl dabei an die x-te  Bestellung von einer lustigen Runde, die auf ihre abgestammte österreichische Gemütlichkeit immer und immer wieder ein Prosit beim Heurigen … denen das Reden schon äußerst schwerfällt, der Kellner aber versteht dennoch, was sie wollen:

Österreich Flagge– – Rot

— I Weiß

— Rot

— A

— Wei

— Ro

— a

— w

— a  

Die massenmediale Zuspitzung zur Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 aber erinnert wie noch keine Wahl davor daran, welche Farben die österreichische Flagge tatsächlich hat: rot-blau-schwarz

Wobei der Heurige, an den Ernst Jandl vielleicht dachte, nicht verlassen wird. Österreichischer Roter macht so recht blau und dann wird’s schwarz.

Schwarz, und nicht nur für kurz vor den Augen, sondern …

Ballhausplatz mit Fahne Österreich - Schwarz-Rot-Blau - und Synapsenmauer.pngEs gibt ein Gebäude am Ballhausplatz, auf diesem weht die Rot-Blau-Schwarz-Fahne exemplarisch für Österreich seit über siebzig Jahren. Seit über sieben Jahrzehnten wird eingeredet und reden sich die Menschen ein, sie sehen eine Rot-Weiß-Rot-Fahne auf dem Dach … Übrigens, Regierungsviertel. Das aber nur nebenher: Es wäre tatsächlich größte Verschwendung gewesen, noch eine Mauer zu bauen. Diese Mauer, wofür immer auch sie hätte dienen sollen, ist doch längst aufgezogen, zwar nicht sichtbar, weil es sich um eine Synapsenmauer zur Sicherheit vor Zellenverbindungen handelt, aber doch …

Auch wenn die Hoffnung stets zuerst enttäuscht, vielleicht bringt die Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 doch ein anderes Ergebnis, und es kann bestätigt werden, die Farben der österreichischen Flagge sind zurecht oder, wie es heutzutage so modern heißt, authentisch rot-weiß-rot.

Die Wahl am 15. Oktober 2017 wäre dazu ein erster Schritt mit

Keinem Zurück zum Dreiparteienparlament, keiner Rückwahl zur Dreiparteiendemokratie der 1960er Jahre!