Von der Genügsamkeit in heutiger Zeit

Es wird Ihnen vielleicht ähnlich ergangen sein. Sie werden am 12. Mai 2017 zufällig beim Rathaus vorbeigekommen sein, ohne auf dem Rathausplatz bleiben zu wollen, sie wollen nur kurz stehenbleiben, um dem Geschehen auf der Bühne einen Blick zu schenken, aber Sie können den Rathausplatz nicht mehr verlassen, gefesselt von der Frage, passiert hier tatsächlich die Eröffnung der Wiener Festwochen.

Verantwortlich ist allein und einzig der Moderator, der auch singt, für die Frage, ob Sie tatsächlich der Eröffnung der Wiener Festwochen in die Arme gelaufen sind. Sie erleben einige wunderbare Liedvorträge, und eben auch den Moderator, der spricht wie er singt.

Der Moderator vermittelt Ihnen den Eindruck, es könne sich nicht um die Eröffnung der Wiener Festwochen handeln. Sie kennen die Programme der Wiener Festwochen seit Jahrzehnten, die äußerst interessanten, die äußerst spannenden Aufführungen, die Angebote der Wiener Festwochen, die nichts mit Seichtheit, nichts mit Oberflächlichkeit, nichts mit Äußerlichkeit, nichts mit Veräußerung des Geistes zu tun haben, und nun eine Eröffnung mit einem Moderator, der mit jedem seiner Worte, der mit jeder seiner Geste, der mit jeder seiner Gesichtsverzerrungen vermittelt, es werde etwas hier und heute eröffnet, aber es sind nicht die Wiener Festwochen, ein Moderator, der alles verkörpert, was nicht die Wiener Festwochen sind.

Unauthentischer, um ein Modewort zu verwenden, kann ein Festival nicht eröffnet werden.

Mit einem Moderator des hohlen Sinns, mit einem Moderator der Ichsucht im Endstadium, mit einem Moderator, der seinen Hals noch so in die Höhe strecken kann, bei seinem Singen, der dabei noch so weit mit weit nach hinten gestrecktem Kopf seinen Mund aufreißen kann, um damit zu imitieren, er hätte Stimme …

Aber Sie werden dabei vielleicht auch ein wenig traurig … Denn. Der Moderator erzählt, das gewiß nicht seine Absicht ist, von seiner Zukunft. Sie hören einen Moderator von sich, nur von sich erzählen, aber so, als wäre seine Zeit vorbei, und vielleicht spürt er das auch, seine große Zeit gehabt zu haben, es ihn deshalb so erbarmungswürdig antreibt, zu erzählen, von sich, von sich und von sich, allein das, wie es war, als er seine große Zeit hatte, wen er treffen durfte, wo er singen durfte, mit wem er … auch davon, auf die billigste und auf die schlüpfrigste Weise …

Sie werden sich vielleicht an sein Gesicht vor wenigen Jahren, im Höhepunkt seiner gehabten großen Zeit, erinnern, an dieses junge und frische Gesicht. Und nun, am 12. Mai 2017 auf dem Rathausplatz, ein Gesicht, das ahnen läßt, wie es mit ihm weitergeht, im Niedergang, ein Gesicht mit den Spuren des Aufgedunsenen, des Verbrauchten, des Aufgeplusterten. Dieses Gesicht der Menschen, die einmal eine große Zeit hatten, und es fortan, lange nach ihrer großen Zeit, nicht lassen können, von dieser einmal gehabten großen Zeit, die unentwegt von dieser lange zurückliegenden Zeit erzählen müssen, immerzu, immerzu das Schlüpfrige, immerzu das Billige, immerzu das Hohle, als gäbe ihr Leben sonst nichts her, als diese einmal gehabte große Zeit eines Augenblicks auf immer einzufrieren, immerzu als Eiswürfel aus dem Kühlschrank zu holen und vor jedwedem Publikum zu lutschen, bis an das Ende ihrer Tage damit als Tingeltangel …

Wie dieser Tage zu hören ist, gibt es den Wunsch, dieser Moderator soll den Ball übernehmen, der im und vor dem Rathaus … Was für ein Ausblick, jahrzehntelang einen Ball zu erleben, wenn dieser Moderator für diesen verantwortlich werden sollte … Jahr für Jahr seine Schlüpfrigkeit über seine einst gehabte große Zeit, ergänzt bestimmt noch um das letzte Zipfelchen seiner großen Zeit, also um seine Moderation der Eröffnung der Wiener Festwochen als Negierung der Wiener Festwochen, während sein Gesicht mehr und mehr verfällt zu dem, das es heute bereits ahnen …

Die Größe von Männern ist stets mit einem Irrtum befleckt, das konnte Paul Valéry für die Zeit, in der er lebte, noch schreiben. Nun, könnte ein Zeuge im Mai 2017 sagen,  gibt es weder große Männer noch Irrtümer. Was es noch gibt, sind die Fehlritte der Genügsamkeit, die heute Menschen bekanntmachen, während es zugleich und doch nur vorgekaukelte höchste Anspruchsforderungen gibt, gibt es heutzutage nur die vollkommene Aufgabe von Ansprüchen, es reicht bereits die Imitation von Gesangeskunst, es reicht bereits das schlüpfrige Erinnerungsplappern, es reicht bereits, die Zunge ab und an fett sichtbar in einen Mundwinkel zu schieben, um ein Festival gegen das Festival zu eröffnen.

„Kann noch nicht durch die Wand sehen. Morgen vielleicht.“

Es wurde nicht gehört, worauf die Verkäuferin in der Wurstabteilung einem Kunden antwortet. Ihre Antwort aber

„Kann noch nicht durch die Wand sehen. Morgen vielleicht.“

ist deutlich zu hören, ist augenblicklich wert, notiert zu werden.

„Kann noch nicht durch die Wand sehen. Morgen vielleicht.“

Wurst-Abteilung

Andre Heller hinter der Wand einer Wurst-Abteilung.

Der Verkäuferin ist noch anzuhören, daß die deutsche Sprache nicht die Sprache ist, die sie in ihrem Leben als ihre erste lernte. Vielleicht ist sie aus Serbien nach Österreich übersiedelt, oder aus Kroatien, möglicherweise auch aus der Türkei. Es ist nicht wichtig. Aber es macht doch immer wieder stolz, kein Talent dafür zu haben, einem Menschen ansehen zu können, woher er kommt, nationale Identitäten feststellen zu können.

„Kann noch nicht durch die Wand sehen. Morgen vielleicht.“

Worauf das die Antwort war, ist nicht wichtig. Die Antwort steht für sich alleine. Nach den strengeln Regeln ist diese Antwort kein Haiku. Aber ebenso leicht hingesagt. Und, Regeln ändern sich, verlieren ihre Gültigkeit. Kaum ist von ihr die Antwort ausgesprochen, ist es nicht mehr nur eine Antwort, sondern ein Gedicht.

Kann noch nicht
durch die Wand
sehen. Morgen
vielleicht.

Auf dem Weg zur Kassa, vordringlich damit beschäftigt, dieses Gedicht auswendig zu lernen, kommen mit der Sicherheit, es bestimmt nicht mehr zu vergessen, andere Gedanken wieder, vor allem eine Erinnerung, ausgelöst aber durch dieses Gedicht. Vor wenigen Wochen antwortete Herr Neuwirth auf die Frage einer Journalistin oder eines Journalisten, wann es ihm bewußt geworden sei, einen Televisionsliedwettbewerb gewonnen zu haben: „Ich werde das Ganze wohl erst nächste Woche wirklich realisieren.“ Eine Antwort, die Andre Heller ins Schwärmen brachte, die er anführte, als Beispiel, wie klug er spricht …  Unweigerlich muß überlegt werden, ob Andre Heller – wäre er der Kunde gewesen, den die Verkäuferin mit einem Gedicht beschenkte – von dieser Verkäuferin ebenso schwärmen würde?

Nein – nein, nein …

Die Verkäuferin in der Wurst-Abteilung eines billigen Ladens, der übrigens gar nicht so billig ist, erfüllt nicht die Kriterien, um Andre Heller ins Schwärmen zu bringen, der es versteht, seiner Stimme in der Masse der Conchita-Wurst-Groupies Gehör zu verschaffen. Die Verkäuferin hat keinen Liedwettbewerb mit der Darstellung eines Mannes aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts gewonnen, sie mimt also keinen Mann nach ihren Vorstellungen, wie ein Mann war, der in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Gesellschaft beherrschte. Und das Entscheidende, die Verkäuferin kennen nicht Millionen von Menschen …

Für die Verkäuferin, die einen Kunden, der nicht Andre Heller war, mit einem Gedicht so leicht und so nebenher unbelohnt beschenkte, würde Andre Heller wohl ebenfalls nicht die Forderung erheben, sofort zwei Millionen auf ihr Konto

Hätte Andre Heller das Gedicht von der Verkäuferin, wäre er der Kunde gewesen, überhaupt gehört? Er hätte es wohl überhört, vielleicht nicht gehört, weil das Rascheln des Papiers für ihn zu laut gewesen wäre, das Rascheln des Papiers, in das die Verkäuferin seine fünfzehn Deka Pariser … Möglicherweise hätte er sich gedacht, wie freundlich die Verkäuferin ist, sie werde wohl mit ihrer Arbeit und mit ihrem Gehalt zufrieden sein, da habe Michael Spindelegger wohl nicht unrecht, der an den Kassen der billigen Läden nur mit Arbeit und Lohn zufriedene Damen sitzen sieht, weil sonst könnten sie nicht so freundlich