Stromlos im Elfenbeinturm

„Die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak betonte, dass die Muster nicht neu seien, nun aber mit der FPÖ als Regierungspartei in der Spitzenpolitik angekommen seien, ohne dass die ÖVP eine klare Haltung einnehme. Sie warnte vor gefährlicher Demagogie und sah sich an nationalsozialistische Rhetorik erinnert. Es sei die Frage, wann in Postings wohl erstmals die Forderung auftauche, nicht mehr in muslimischen Geschäften einzukaufen oder ihnen Parkbänke zu verweigern.“

Ruth Wodak kann das, wie sie in indirekter Rede zitiert wird, nur sagen, weil sie wohl glücklich im Elfenbeinturm lebt, in einem besonderen Elfenbeinturm, nämlich ohne Stromanschluß oder vielleicht auch nur, was das Glück nicht mindert, ohne Internetanschluß.

Derartige „Forderung“ in „Postings“, „nicht mehr in muslimischen Geschäften einzukaufen oder ihnen Parkbänke zu verweigern“, ist doch schon gestern verbrauchter Schnee, längst schon wird Stärkeres zum Schnupfen gebraucht.

Es ist leider schon zu spät, um sich, wie Ruth Wodak, in eine solch glückliche Lebenssituation noch bringen zu können, sich fragen zu können, „wann in Postings wohl erstmals die Forderung auftauche“ … lange schon werden „Postings“ aus Wortkanonen hinausgeschossen, die in ihrer barbarischen Phantasie weit darüber hinaus …

  „Der Kreuzzug kann beginnen!
  Nur ein t..er Moslem ist ein guter Moslem!“

Es könnten hier noch viele weitere Beispiele angeführt werden, auf entsprechende Kapitel verwiesen werden. Aber, wozu? Als Abschreckung? Nein, das funktioniert nicht tatsächlich, oder nicht mehr wirklich, oder schlimmer: mehr und mehr weniger, oder noch schlimmer: die Abschreckung wird bereits als Aufforderung genommen.

„Parkbänke zu verweigern“ … Darüber werden die Kommentatoren und Kommentatorinnen nur noch lachen können, im Anbetracht, was ihnen längst schon vorschwebt: „islamfreie Schulen“, „ein Europa, in dem so gut wie keine Moslems mehr leben“, und das wird nicht irgendwo verbreitet, sondern auf den Plattformen von Parteien, von der eine bereits zu einer Regierungspartei gemachte …

*

„Wodak: In der Wissenschaft wird diskutiert, ob das Bedienen antimuslimischer Reflexe längst den Antisemitismus abgelöst hätte. Doch für Österreich kann man das so nicht behaupten, auch nicht für Ungarn etwa oder Polen. Hierzulande trat FPÖ-Klubchef Johann Gudenus zum Beispiel ausdrücklich für ein christliches Europa ein – was wiederum insinuiert, dass dieses durch andere Religionen bedroht sei.“

„Antimuslimische Reflexe“ lösen nicht den „Antisemitismus“ ab. Sondern. „Antimuslimische Reflexe“ und „Antisemitismus“ ergänzen einander. Es braucht auch gar nicht interpretiert werden, was Johann Gudenus „insinuiert“, wenn er „ausdrücklich für ein christliches Europa“ … denn. Gerade Johann Gudenus ist beispielhaft für diese Ergänzung …

Und beispielhaft für diese Ergänzung von „antimuslimischen Reflexen“ und „Antisemitismus“ ist die Binnenmarktführerin aus dieser seiner Gesinnungsgemeinschaft mit Bundesregierungsbeteiligung in Österreich. Allein der Anstieg auf dieser Plattform seit der Weihnacht 18 von antisemitischen Kommentaren mit hohen Zustimmungsraten bei gleichzeitiger weiterer Bedienung „antimuslimischer Reflexe“ …

„Das Problem sind nicht die Affenmenschen…
..sonder:die Zionisten in der Re-(Gier)- ung unter der Anleitung der ‚Krumnasen‘ mit den ‚Tellern‘ auf dem Kopf.“

Dieser Kommentar von Wotan ist nicht von irgendwann, sondern von diesem 22. Jänner 2019. Und wie stets, sofort erhält ein derartiger Kommentar eine absolute Mehrheit an Zustimmung. Gerade im Fall der Binnenmarktführerin kann die Ergänzung von „antimuslimischen Reflexen“ und „Antisemitismus“ exemplarisch nachverfolgt werden. Darüber hinaus auch das Zusammenspiel der Kommentare der Binnenmarktführerin mit den Kommentaren ihrer Schreibstaffel, also das gegenseitige Ergänzen der Kommentare. Die Kommentare können nur miteinander existieren, die einen Kommentare ohne die anderen Kommentare wären nichts und ohne die stets mehrheitlichen Zustimmungen wären beide Kommentare zusammen auch nichts.

Wie gesagt, das ist nicht der einzige Kommentar. Kontinuierlich werden seit Jahren derartige mit hohen Zustimmungsraten … besonders aber seit der Weihnacht 18 ein rapides Ansteigen, daß schon gesagt werden kann: im Tagestakt …

*

„Stellungnahme von Prof. Ruth Wodak zum Bericht von SOS Mitmensch über antimuslimischen Rassismus, 20.1.2019
Systematische Ausgrenzung und Diffamierung von (ethnischen, religiösen, sprachlichen, sexuellen und anderen) Minderheiten findet sich seit Jahrzehnten und Jahrhunderten immer wieder in der österreichischen Politik. Im Gedenkjahr 2018 wurde dementsprechend der schrittweisen Diskriminierung, Diffamierung, Ausgrenzung und Ermordung tausender österreichischer Juden und Jüdinnen, Roma, politischer Oppositioneller wie auch Behinderter erinnert.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 wurden Zuwanderer aus dem ehemaligen Ostblock mit vielen negativen Stereotypen versehen; auch damals wurden Ängste vor jungen rumänischen Männern und kriminellen Polen vom Boulevard und von manchen politischen Parteien und Institutionen geschürt und instrumentalisiert. Die damaligen sprachlichen Muster der Ausgrenzung ähneln in vielem in verblüffender Weise jenen Mustern, die heute gegen Muslime und Musliminnen verwendet werden. So werden zunächst Generalisierungen über eine fälschlich als homogen imaginierte Gruppe von Muslimen getroffen, denen in einem zweiten Schritt ganz allgemein verschiedenste negative Attribute zugeordnet werden. In einem dritten Schritte werden dann Policies vorgeschlagen, um diese Gruppe im Alltag und institutionell zu diskreditieren, letztlich als gesamte Gruppe zu kriminalisieren. Der Bericht von SOS-Mitmensch zeigt diese rezente Entwicklung in vielen Details, genau dokumentiert und analysiert, auf und macht damit eine solche – für eine pluralistische Demokratie höchst gefährliche – Entwicklung sichtbar. Damit wird es möglich, solchen negativen Erscheinungen politisch und erzieherisch-aufklärend entgegenzuwirken.“

Was fällt an dieser Stellungnahme auf?

Die Stellungnahme insinuiert, es wäre im Gedenkjahr 2018 in Österreich allen Opfern im gleichen Ausmaß erinnert worden. Das wäre gut und vor allem wichtig gewesen, aber dem war ganz und gar nicht so.

Der Zweck des Gedenkjahres war generell nicht das Gedenken. Was gebraucht wurde, vor allem von der zurzeitigen Bundesregierung, war der Schein des Erinnerns in diesem Reich des Vergessens. Und es wurde ihr von vielen Seiten gehorsam zugearbeitet, diesen Schein zu erzeugen.

Es gibt Menschen, die Opfer waren und weiter sind, denen auch im Erinnern ein Platz zugewiesen wird, auch vom sogenannten offiziellen Österreich, fern (warum es nicht pathetisch sagen?) vom Licht. Es kann dafür nicht einmal sogenannte böse Absicht unterstellt werden. Das passiert einfach, wie es so schön gesagt wird, unbewußt. Weil tief verwurzelt in der Tradition dieses Landes, gelebt auch von jenen, die bewußt die Tradition dieses Landes nicht leben. Durch uneingestandene Vorbehalte gegen diese Menschen.

„Juden und Jüdinnen“, „Muslime und „Musliminnen“, schreibt Ruth Wodak, aber sie schreibt lediglich „Roma“ … Bei diesen Menschen, gegen die selbstverständlich Ruth Wodak keine Vorbehalte hat, dürfen selbstverständlich die Frauen, die Romnija, sich unausgesprochen angesprochen fühlen, wenn von „Roma“, von den Männern …

Das dürfte für diese Menschen das angemessene Gendern sein, jedenfalls nach der Sprachwissenschaftlerin …

„Die damaligen sprachlichen Muster der Ausgrenzung ähneln in vielem in verblüffender Weise jenen Mustern …“

Verblüffend daran, daß es verblüfft. Von der kaufmännischen Korrespondenz sind die Schimmelbriefe bekannt. Hier kann von Schimmelmustern gesprochen werden, vor Urzeiten aufgesetzt, um diese einmal gegen die einen, dann wieder gegen die anderen, wer immer diese sein mögen, auf jeden Fall aber immer gegen die Anderen fertig einsatzbereit zu haben. Soher können diese gar nicht anders, als einander ähneln.

Schlag nach bei Luther. Das dürfte die Parole jener sein, die diese Schimmelmuster gegen die Anderen einsetzen, und sich dabei als Erzieherinnen verstehen, ihre Rolle als Erzieher selbst preisen, es sich hoch anrechnen, aufklärend auf Erwachsene einzuwirken, die doch als Kinder erzieherisch zu behandeln sind, wobei ihr Erziehungskonzept ihnen ein Umerziehungskonzept ist …





Ein Gedanke zu „Stromlos im Elfenbeinturm

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