Roman Sandgruber, Hitlers Vaterbiograf – Von „Raserei gegen die ‚Zigeuner‘“ zu „Verfolgung der Roma“

Immer mehr und dringender muß die Frage gestellt werden, beim Lesen von Lebensgeschichten, was passiert mit Menschen im Laufe der Jahre, der Jahrzehnte, welchem Wandel unterwerfen sie sich, und diese Fragen müssen gestellt werden, weil es gar selten ein Wandel zum Guten ist, zu oft diese Veränderungen zum Schlechten zu beobachten sind.

Fragen, die auch zu Roman Sandgruber gestellt werden könnten. Vor elf Jahren zum Beispiel kannte er nicht nur den Begriff „Porajmos“, er verwendete diesen auch, wußte er um den Massenmord an den Menschen, benannte diesen auch als „Völkermord“.

Elf Jahre später werden ihm Porajmos, Massenmord, Völkermord zu „Verfolgung der Roma“ …

Unter „Verfolgung“ kann vieles verstanden werden. Kein Mensch wird aber bei „Verfolgung“ sofort und unweigerlich an Massenmord, Völkermord denken. Ein Allerweltswort, mit zu vielen Bedeutungen. Ein heute nach wie vor sehr gängiges Wort. „Verfolgung“ kann für den einzelnen Menschen sehr unangenehm sein, wenn er von einer Strafverfolgungsbehörde verfolgt wird, aber er wird deshalb nicht sein Leben bedroht sehen, er wird deshalb nicht mit seiner Ermordung rechnen, er wird nicht ermordet. Staaten bezeichnen ihre gesamten Tätigkeiten zur Verfolgung von Straftaten als Strafverfolgung. Und kein Mensch wird sagen, diese Staaten sind massenmörderische Staaten, es sind Staaten, die morden, Massenmorde, Völkermorde begehen, wenn sie die Verfolgung von Straftaten aufnehmen.

Als dürfte in einem Buch zu Adolf Hitler, auch dann, wenn es um seinen Vater geht, vielleicht damit sein Vater nicht allzu sehr über seinen Sohn sich grämen muß, er ihn entschuldigen kann, er sei halt in schlechte Gesellschaft geraten, so will es scheinen, das nicht klar bezeichnet werden, was es war: Massenmord, Völkermord, Porajmos … Es wird von Roman Sandgruber nicht verschwiegen – „Verfolgung der Roma“, vielleicht ein Codewort für Eingeweihte, die wissen, was mit diesem Losungswort wirklich gemeint ist.

Veränderungen im Menschen passieren schleichend. Wann hat es, wenn er sich verändert hat in den letzten elf Jahren, bei Roman Sandgruber mit der Veränderung begonnen? Hörbar wurde eine Veränderung, werden vielleicht die, die ihn kennen, sagen, in 2018, als er feststellte: Zeitzeugen lügen. Als Quelle sind sie nutzlos.“

Um diese Fragen soll es in diesem Kapitel aber gar nicht gehen. Es ist in Erinnerung zu rufen, was Roman Sandgruber vor elf Jahren wußte und vor elf Jahren klar zu schreiben wußte. Denn die Lage von den Menschen, über die er vor elf Jahren so klar schrieb, hat sich seit dem nicht verbessert. Weiterhin werden sie verfolgt, und auch vor Mord sind sie nicht sicher.

Ein paar Absätze aus dem, was Roman Sandgruber vor elf Jahren so klar zu schreiben wußte, sollen hier zitiert werden. In den Orte und Wörter vorkommen, etwa „Zigeunerlager“, die daran erinnern, wie Vergangenheit und Gegenwart zusammenfallen, das Urteil über die Vergangenheit ist gefällt, aber der Gegenwart kann kein positives Zeugnis ausgestell werden, auch jenen in Österreich, die etwa mit einem kurz gewesenen Innnenminister, der die „Roma-Frage“ …

Sie verstehen das Wort als Sinnbild einer langen Verfolgungsgeschichte mit ihrem Höhepunkt im „Porajmos“, dem Völkermord unter der NS-Herrschaft. Aus dem Sprachgebrauch der Medien, der Justiz, der Verwaltung oder der Politik ist der Begriff „Zigeuner“ inzwischen verschwunden. Aber Eigenbezeichnungen wie Roma oder Sinti haben eine andere Bedeutung als der historische Begriff „Zigeuner“.

Im Vernichtungslager

Zwischen dem 4. und 8. November 1941 sind 5007 österreichische „Zigeuner“ nach Litzmanstadt/Lodz deportiert worden. Dort brach Fleckfieber aus. Um ein Übergreifen der Seuche auf die Stadt zu verhindern, sind alle Insassen des Lodzer „Zigeunerlagers“ zwischen Ende Dezember 1941 und Anfang Jänner 1942 im Vernichtungslager Kulmhof/Chelmno ermordet worden. Ab Anfang April 1943 wurden alle übrig gebliebenen rund 2900 österreichische „Zigeuner“ nach Auschwitz gebracht, bis Ende 1944 starben dort 70 Prozent.
Nach der Befreiung waren die Benachteiligungen und Schikanen für Roma und Sinti keineswegs beendet. Ihre Inhaftierung in Lackenbach und anderen Lagern wurde nicht als Haft im Sinne des Opferfürsorgegesetzes anerkannt. Erst ab 1995 erhielten Überlebende oder deren Erben aus dem „Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus“ eine symbolische Entschädigung von jeweils ungefähr 5000 Euro.
Die Zahl der ermordeten oberösterreichischen Zigeuner lässt sich nur grob schätzen: Von etwa 370 Personen, haben etwa 40, also nur rund 10 Prozent, überlebt. Prozentmäßig, aber auch absolut, war ihre Opferbilanz in Oberösterreich wesentlich höher als die der Juden. Ihre Angehörigen blieben weiter stigmatisiert.