Anschlußfähig

Und war doch andock- und anschlußfähig für spätere wenig erfreuliche Deutungen. „Ihre Kraft ist ihre Freude“ kommt schon wörtlich vor.

Es mag durchaus eine anschlußfähige Deutung gewesen sein, von „Ihre Kraft ist ihre Freude“ auf „Kraft durch Freude“ zu kommen. Und ist inhaltlich doch zu unterscheiden. Ihre Kraft, von der Hyperion schreibt, ist den „Söhnen der Sonne“ bereits ihre ganze Freude, sie erfreuen sich allein an ihrer Kraft, sie brauchen sonst nichts, vor allem keine zusätzliche Freude, nur ihre bloße Kraft, um ihre Freude zu haben, ihre Kraft ist ihnen an Freude mehr als genug. Hingegen sah die Massenmordmacht des deutschen reiches die Menschen wohl als zu kraftlos an, um ihre Massenverbrechen zu begehen. Darum ihr Plan, mit ihrem Freizeitwerk „KdF“ den Menschen durch Aktivitäten, die Freude machen, Kraft zu verleihen. Zu den kraftaufbauenden Freizeitaktivitäten der Freude in physischer und psychischer Hinsicht gehörten u. v. a. m. Sport, Theaterbesuche, Erholungsurlaube …

„Wie wird Sprache zu Literatur? Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? Wer Maars Buch zuschlägt das zwar gelehrt, vor allem aber vernüglich ist, wird künftig anders lesen – und besser schreiben.“

So wird „Die Schlange im Wolfspelz – Das Geheimnis großer Literatur“ von Michael Maar im Buch selbst angepriesen.

Das wird gerne aufgenommen, künftig nicht anders zu lesen, sondern auch Michael Maar genauer zu lesen. Künftig, das ist nicht richtig. Es ist damit begonnen worden, von der ersten Seite an. Beinahe wäre es auch dabei geblieben, lediglich die erste Seite zu lesen. Lohnt es denn, hätte gefragt werden können, ein Buch zu lesen, mit der Berufung auf den „Stilkundler Ludwig Reiners“ gleich auf der ersten Seite?

Genau gelesen, auf Seite 201, kommt „Kraft durch Freude“ bei Friedrich Hölderlin nicht „schon wörtlich vor“, und inhaltlich ist es hinterfragenswert, ob „Ihre Kraft ist ihre Freude“ als „Kraft durch Freude“ gedeutet werden kann.

Auf Seite 308 schreibt Michael Maar:

In Wien, wo man den gewissen Kunstmaler in die Akademie hätte aufnehmen sollen, was der Welt viel Grauen erspart hätte.

Mit diesem seinem Elementarteilchen dockt Michael Maar an ein Geschichtsverständnis an, legt Michael Maar offen, wie anschlußfähig er zu einer Deutung der Geschichte ist, die unsäglich zu nennen ist.

Die Akademie hätte Millionen von Menschen (aus Österreich und Deutschland) aufnehmen müssen – das hätte der Welt viel Grauen erspart.

Es wurden auch andere nicht in die Akademie aufgenommen, beispielsweise Wolfgang Paalen, ohne daß deshalb je Menschen im Grauen der Massenverbrechen und der Massenmorde umgekommen sind, ohne daß deshalb je Menschen das Grauen der Massenverbrechen und der Massenmorde gegen die Menschen …

Unmittelbar vor seinem Satz mit dem Kunstmaler schreibt Michael Maar:

Die letzte Vermutung ist historisch falsch, Freud entkam nach England, was höheren Ortes hätte verhindert werden können. Aber bleiben wir in Wien, wo nicht nur Sigmund Freud seinen Sitz hatte. In Wien, wo […]

Wessen Vermutung war „historisch falsch“? Nach Meinung von Michael Maar die von Thomas Mann in seinem Essay von 1938. Und dafür zitiert Maar unmittelbar davor aus „Bruder Hitler“:

Wie muß ein Mensch wie dieser die Analyse hassen! Ich habe den stillen Verdacht, daß die Wut, mit der er den Marsch auf eine gewisse Hauptstadt betrieb, im Grunde dem alten Analytiker galt, der dort seinen Sitz hatte, seinem wahren und eigentlichen Feinde, – dem Philosophen und Entlarver der Neurose, dem großen Ernüchterer, dem Bescheidwisser und Bescheidgeber selbst über das „Genie“.

Falsch ist die „Vermutung“ von Thomas Mann und falsch ist die „Vermutung“ über die „Vermutung“ von Michael Maar, wenn überhaupt von falsch gesprochen werden will. Eine äußerst elitäre Haltung wird Thomas Mann dazu verleitet haben, den wahren und eigentlichen Feinde im Geistesmenschen sehen zu wollen, den für ihn Sigmund Freud exemplarisch und stellvertretend wohl für ihn selbst verkörpert. Die Geschichte, auch die vom Marsch auf Wien, der eigentlich kein Marsch war, sondern ein Aufeinanderzugehen, erzählt nichts von nur einem Grund, nichts von nur einem Feind, sondern von vielen Gründen, von vielen Feinden als Anlässe für Ereignisse. Vielleicht wollte Thomas Mann damit in einer geistlos beherrschten Zeit den Geist retten, den Stellenwert des Geistes für die Menschen verteidigen, behaupten. Welche Gründe es auch waren, Thomas Mann ging dabei vorsichtig vor, er äußerte lediglich einen stillen Verdacht. Hingegen Michael Maar den stillen Verdacht als „historisch falsch“ aburteilt.

Sigmund Freud „entkam“ nicht. Die Massenmordmacht ließ Sigmund Freud ausreisen, sie ließ ihn gegen Bezahlung ausreisen, sie hob von ihm die „Reichsfluchtsteuer“ ein. Vom März bis zu seiner Ausreise im Juni 1938 war er und seine Familie zwar Schikanen ausgesetzt, zugleich aber wurden die Formalitäten für seine Ausreise erledigt. „Höheren Ortes“ werden die Gründe dafür, Sigmund Freud ausreisen zu lassen, überwogen haben. „Höheren Ortes“ wurde verhindert, daß die Schwestern von Sigmund Freud entkamen. Sie waren nicht Sigmund Freud. Eine starb in Theresienstadt, drei wurden in Treblinka ermordet.

Michael Maar bemüht in seinem Buch, das zu lesen durchaus vergnüglich ist, einige Male Ludwig Reiners. Im Anhang, mit Beginn auf Seite 553, informiert er auch über Reiners, das NSDAP-Mitglied mit dem vornehm vorgebrachten Antisemitismus, den Plagiator.

Ob Reiners nur Mitläufer oder aktiver Nationalsozialist war, ist umstritten.

Es wird nicht gewußt, ob Michael Maar ein Österreicher ist. Eine solche Unterscheidung spräche dafür, daß er ein Österreicher ist. Sollte er es nicht sein, so ist er doch anschlußfähig an das Österreich, in dem zur Rettung der Reputation von nationalsozialistischen Menschen recht fein unterschieden wird. Wenn einer ein „aktiver Nationalsozialist“ war, was war dann einer, der nur ein „Nationalsozialist“ war – ein passiver? Sind unter Nur-Nationalsozialistinnen, unter passive Nationalsozalisten Menschen zu verstehen, die in Österreich als „gemäßigt“, als „idealistisch“ …

Der von Ludwig Reiners geplünderte Eduard Engel findet im Buch von Michael Maar nur im Anhang Erwähnung, nach dem Register auf den Seiten 554 f,, 559, 584, 587 f,, 593, 614, 639, der Plünderer Reiners hingegen auf den Seiten 11 (das ist die erste Seite der „Schlange im Wolfspelz“, 234, 553-557, 561, 568, 570, 574, 578, 581 f,, 584, 587, 593 f., 614, 639.

Am Rande hinzuzufügen wäre, daß Engel, nicht untypisch für Überassimilation, einen patriotischen Feldzug gegen das Fremdwort führte. […] Es zählt zu den Ironien dieser Geschichte, daß der fünf Jahre später verfemte Engel nationalistischer war als Reiners, der sich zur Fremdwortfrage sehr ausführlich, aber letztlich moderat ausläßt.

Das macht es verständlich, daß mit Reiners das Buch eröffnet wird, und nicht mit dem nationalistischeren Engels, der noch dazu einen patriotischen Feldzug führte, aktiv war, patriotisch aktiv, wie es heute noch Menschen in Österreich sind …

Es muß eingestanden werden, wäre in der Buchhandlung als erste Seite die Seite 547 mit dem „Dank“ aufgeschlagen worden, wäre die „Schlange im Wolfspelz“ wohl kaum erworben worden.

Den Anstoß zu diesem Buch gab Eva Menasse. Ihr sei es auch gewidmet.