12. März ’18: Die dunkelste Stunde in Österreich

Wie wäre 1945 der Ausgang gewesen - mit einem Van der Bellen in der Downing Street 10

Ganz der Vergangenheit erlegen fragt Eric Frey am 12. März ’18 in der Tageszeitung österreichischen Qualitätszuschnittes:

„Hätte ein anderer Bundeskanzler als Kurt Schuschnigg die Auslöschung Österreichs im März 1938 verhindern können?“ „Ein Churchill am Ballhausplatz.“

Ein Film über Churchill inspiriert Eric Frey zu einer „kontrafaktischen Geschichtsschreibung“sspekulation. Dabei hätte er, gerade am 12. März ’18, eine faktische Gegenwartsschreibung unternehmen können, Um beispielsweise nach einem fehlenden Churchill in der Hofburg der Gegenwart zu fragen. Freilich hätte er dann auch nach sich selbst fragen müssen. Weshalb er den Nicht-Churchill in der Hofburg alleinläßt, und für die „Schuschniggs“ der Gegenwart schreibt, am 20. Oktober ’17:

„ÖVP und FPÖ. Eine andere Regierung darf es nicht geben, denn nur diese entspricht dem Wählerwillen. Selten zuvor war eine Koalition demokratisch so stark legitimiert.“

und das hat die Qualität der seinerzeitigen Propaganda, als es hieß, es könne nur ein Ja zum Anschluß geben.

Und gerade am 12. März ’18 schreibt Eric Frey weiter:

„Die Schwäche des Kanzlers wird besonders deutlich sichtbar, wenn man ihn mit Winston Churchill vergleicht, dessen Verhalten im Oscar-prämierten Film „Die dunkelste Stunde“ dargestellt wird. Basierend auf den Thesen des Historikers John Lukacs schildert der Film, wie Churchill im Mai/Juni 1940 trotz Frankreichs Kapitulation und gegen den Widerstand der meisten Parteifreunde den Kampf gegen Hitler aufrechterhält und so den späteren Sieg über das NS-Regime erst ermöglicht. Wäre es vielleicht nie so weit gekommen, wenn vor 1938 ein österreichischer Churchill am Ballhausplatz regiert hätte?“ 

Was ersparten sich die Menschen in Österreich, wenn ab 2017 ein „österreichischer Churchill“ in der Hofburg … Das ist die Frage der Gegenwart, und damit zugleich auch das würdigste und ernsthafteste

Erinnern ohne das entsprechende Handeln ist Null-Erinnern

Gedenken der Vergangenheit.

Passend zum 12. März ’18 wird von einer Umfrage in Österreich berichtet: „Jeder Vierte will einen ’starken Führer'“ … Wie macht diese Umfrage die Spekulation von Eric Frey kenntlich, ein starker Mann hätte verhindern können … Wie wird nun wieder über dieses Umfrageergebnis Erschütterung gezeigt werden. Aber kann es denn tatsächlich verwundern, je noch erschüttern? Bei dieser fortwährenden Propaganda für starke Männer. Wofür, gerade am 12. März ’18, Eric Frey brav und gehorsam ein Lehrbeispiel schreibt: nur ein starker österreichischer Churchill-Mann hätte den starken österreichischen Hitler-Mann …

Es ist also keine Frage, ob am Ballhausplatz oder in der Hofburg ein starker Mann „regiert“, sondern ob er oder sie alleingelassen wird, wenn sie oder er gewillt ist, sich für, kurz gesagt, Demokratie einzusetzen, ob er oder sie fortwährend einer breiten Propaganda ausgesetzt wird, daß es nur einen Anschluss oder nur eine Koalition geben kann.

Eine Spekulation erlaubt sich freilich Eric Frey nicht. Dabei. Wie verlockend wäre so eine Spekulation, die die Zeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufhebt. Wie wäre alles nach 1938 ausgegangen, wenn nicht Winston Churchill, sondern Alexander Van der Bellen in der Downing Street … Diesen Ausgang mit einem Van der Bellen in der Downing Street … es kann verstanden werden, daß kein Mensch sich das vorzustellen …

Die Propaganda für den starken Mann hat in Österreich Tradition. Und noch etwas hat in Österreich Tradition: Geschichte durch die Hollywood-Kamera zu sehen. Und die zeigt, als wäre sie eigens für Österreich eingeschaltet, starke Männer … Eric Frey wird beim Ansehen des Films über den starken Mann Churchill wohl das Höschen feucht geworden sein. Es fällt zu dieser österreichischen Tradition der Hollywoodgeschichtsbetrachtung noch ein Film über einen starken Mann ein: „Schindlers Liste“. Ein Film, den seinerzeit Helmut Zilk, selbst ein starker Mann, sofort allen Schülerinnen und Schülern in Österreich zum Ansehen verordnen wollte. Nicht aber beispielsweise den Film „Hasenjagd“. Freilich, „Hasenjagd“ ist kein Film über einen starken Mann, sondern über Menschen ohne zweifelhaften Charakter und für die es selbstverständlich ist, Menschen in Not und mörderischer Verfolgung beizustehen, auch dann, wenn ihnen dafür nicht ausreichend materielle Mittel zur Verfügung stehen, weil sie keine erworben haben, etwa durch Geschäfte mit Mörderinnen und Mördern.

Und als ob es nicht schon genug wäre, ausgerechnet am 12. März ’18, über einen starken Mann am Ballhausplatz zu spekulieren, werden in der Hofburg Reden gehalten, eine hält der Nicht-Churchill, von dem nicht verlangt wird, ein starker Mann zu sein, bloß die Aufgabe des verführten Verführers,

den Witz des Jahres ’18 aber stiftet der Bundespräsident.

Eine weitere hält einer, kurz zusammengefaßt, der weder Verantwortung über sein Tun noch über das, was er nicht tut, übernimmt, obgleich er das in seiner Rede so eindringlich beschwört. Und er tut dabei gleich etwas, nämlich von dem „frisch importierten Antisemitismus“ … Selbstverständlich zuckt er dazu, kurz zusammengefaßt, mit dem Gedenkveranstaltungsreflexmuskel, dafür dürfe es in Österreich keinen Platz geben. Es könnte mehr dazu geschrieben werden, vielleicht irgendwann, für diesmal nur: Es wird kein Antisemitismus importiert. Es kommen Menschen nach Österreich. Menschen werden nicht importiert. Es sind selbstverständlich auch Menschen darunter, die antisemitisch eingestellt sind. Weshalb aber diese antisemitischen Menschen von diesem Redner nicht ebenso begrüßt und gelobt werden, wie beispielsweise Viktor Orbán …

Antisemitismus-Befragung in Ungarn in Österreich von FPÖ unzensuriert gesinnungsgemäß kommentiert der Beschluß von Fidesz und Jobbik

Wer dafür ist, wem in Österreich kein Platz zugestanden werden soll, wird die Botschaft des Nichttuers verstanden haben. Solche Gedenkreden können unter dem Begriff Sprachposen der Anständigkeit kurz zusammengefaßt werden. Es ist doch zu hochgegriffen, solche Gedenkreden mit Sprache in Verbindung zu bringen. Es sind Muskelreflexe der Anständigkeit, kurz zucken die Muskel, und dann – nichts mehr.

Eine weitere Rede hielt der Schokoladenpoet. Es kann ihm nachgesehen werden, daß er seine Eitelkeit bedient, wofür diesmal seine Großmutter herhalten muß, diese angebetete, schöne, weltoffene … Am 12. März ’18 jedoch noch von „vertierte[n] Kommandanten von Konzentrations- und Vernichtungslagern“ zu sprechen, ist falsch und geht völlig fehl. Zum einen, weil gerade Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten Menschen zu Tieren erklärten, um für breiteste Vernichtungszustimmung zu propagandieren. Zum anderen. Das Lebewesen Mensch ist zwar auch nur ein Tier, aber das Lebewesen Tier errichtet keine Konzentrationslager und keine Vernichtungslager. Soher kann es in diesem fürchterlichen Zusammenhang nur eine Formulierung geben, wenn vom Lebewesen Mensch als Tier ausgegangen werden will: das entmenschte Tier als Befehlshaberinnen und Befehlshaber der Konzentrations- und Vernichtungslager …

Und dann der seltsame Stolz, der in seiner Rede zum Ausdruck kommt, so viele „Österreicher“ ragten aus der „Staatsverbecherbande der Nazis“ … gennant wird von ihm stellvertretend u.a.m. Eichmann. Nicht nur deshalb, weil die sogenannte nationale Zugehörigkeit von Adolf Eichmann nicht so eindeutig ist, wie es dem Zuckergußlyriker darzustellen gefällt, sondern auch, weil es nicht auf die zwei Nationalitäten (auf die deutsche und die österreichische) reduziert werden kann.

Wesentlicher als die sogenannte nationale Zugehörigkeit ist der Ort, an dem ein Mensch aufwächst. Eichmann wurde in Oberösterreich zum Erwachsenen. Und im Oberösterreichischen dieser Tage – und das ist die Gnade der Vergangenheitsbeschwörung, vielleicht sind es auch nur die dicken Mauern der Hofburg, die gnädig nichts durchlassen, etwa das, was in diesen Tagen im Oberösterreichischen …

Und wenn berücksichtigt wird, wer für die „Staatsverbrecherbande der Nazis“ verbrecherisch und mörderisch tätig war, muß gesagt werden, es war ein multinationales Massenverbrechen und ein multinationales Versagen:

„mit generalstabsmäßig geplanter Auslöschung der Juden, aber auch der Roma und Sinti.“ 

Er, der Glasurreimer, wird es sich wohl hoch anrechnen, „Roma und Sinti“ erwähnt zu haben. Jedoch wie werden diese Menschen von ihm erwähnt? In einem mit „aber auch“ eingeleiteten Nebensatz. Die Randordnung der Opfer ist einzuhalten, auch noch achtzig Jahre später. Dabei kann es, wenigstens achtzig Jahre später, nur heißen:

„Auslöschung der Juden“ und „Roma, Sinti.“

Denn.

Holocaust ist gleich Shoa und Porajmos

Wenn sogar diese blauschwarze Regierung an einem zentralen Ort in Wien ein Denkmal für die ermordeten Juden und Jüdinnen errichten will, wäre es dann nicht die erste Verpflichtung eines Gedenkredners, an die zu erinnern, für die zu sprechen, die in der Gegenwart die Ganzvergessenen, die in ganz Europa die Verfolgten sind?

Das Geringste, wenn auch das Nutzloseste, wäre gewesen, am 12. März ’18, ein Denkmal am prominentesten Ort in Wien für sie zu fordern.

Es gibt zu viele Kapitel, in denen berichtet wird, wie es diesen Menschen in der Gegenwart in Europa geht, diesen Menschen wird ein Ankommen in der Gegenwart verwehrt, und es überrascht nicht, daß es in Österreich jene Partei ist, deren höchste Führerinnen und Führer wohl andächtig und mit ausgestellter betroffener Miene den Reden an diesem 12. März ’18 zuhörten …

gedenkt der Staatsspitze in Österreich – Ohne Sinti und Roma, aber wer will schon neben ihr sitzen

6 Gedanken zu „12. März ’18: Die dunkelste Stunde in Österreich

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