Gehorche

Barbara Stöckl braucht am 6. Dezember 2022 gerade drei Sekunden nach einer halben Minute ihrer Einleitungspredigt, um die

und der traditionelle Hoffnungsträger Kirche verliert seine Gläubigen

Kirche ins Spiel und dann gleich auch

Ja, bevor wir dann gleich in die Runde gehen, hier noch ein kurzer Film als Impuls für unser Gespräch.

hauptrollend in Szene …

Wir haben im Film Bilder gesehen, ja, von meist jungen Menschen, die im Moment sehr deutlich ihr Mißtrauen der Politik gegenüber zeigen. Sie kleben sich an den Straßen fest, sie beschütten Bilder, um aufzufallen, ihr Thema deutlich zu machen. Was bedeutet dieser große Vertrauensverlust in die Politik, die Herr Liessmann auch schon skizziert hat, was bedeutet das für eine demokratische Geselllschaft?

Vor sechzig, fünfzig Jahren war es gang und gäbe, eine Frau mit dem Titel, mit dem Beruf ihres Mannes anzusprechen, es war eine Selbstverständlichkeit, daß sie beispielsweise im Lebensmittelgeschäft, in der Dorffleischerei mit Frau Doktor angesprochen wurde, vor allem dann, wenn nicht sie, sondern ihr Mann Doktor, Arzt war. Heutzutage, moderner geworden, würde vielleicht der Mann einer Frau, von der letztlich im Dorf doch nicht ganz genau gewußt wird, was für einen Titel sie hat, was für einen Beruf sie ausübt, aber priesterlicher als ein Priester auftritt, im Dorfbioladen mit Herr Pfarrer

Homo faber, ein Begriff, der auf Menschen, von denen Barbara Stöckl – um aufzufallen, ihr Thema – spricht, zutreffen könnte, nicht aber mehr im Sinne von Einsatz der Technik zur Naturbewältigung und also Naturvernichtung, sondern die handeln, zur Rettung der Natur, die jetzt handeln, um zu retten, was noch zu retten ist. Und dieses Handeln zur Naturrettung ist ein Handeln, das gänzlich ohne die Frage nach dem Vertrauen auskommt, bei dem die Frage nach dem Vertrauen die überflüssigste ist.

Darauf unmittelbar antwortet Lisz Hirn, die wurde, was ihr Name ist,

Ich glaube, je stärker dieser Vertrauensverlust auch fortschreitet, desto radikaler werden auch die Aktionen werden. Das wäre jetzt einmal meine Prognose, aber da sollte man vorsichtig sein. Philosophisch gesehen ist eher interessant, wen man überhaupt einmal Vertrauen entgegenbringt. Also vertrauen wir nicht mehr oder vertrauen die Jungen nicht mehr den Politikerinnen und Politikern oder vertrauen sie dem politischen System nicht. Also daß Politikerinnen und Politikern nie zu trauen war, das belegt die Geschichte. Daß jetzt so viele Menschen nicht mehr dem politischen System vertrauen, zu dem wir übrigens alle gehören, also auch die Zivilgesellschaft, die Medien etc., das halte ich für das bedenklichere. Also die Frage ist tatsächlich, was läuft in diesem System falsch, daß dieses Vertrauen nicht mehr aufgebaut werden kann. Weil Vertrauen muß man nur dem gegenüber bringen, wo man nicht sicher ist, daß es die richtigen Entscheidungen oder lebenswerten Entscheidungen trifft, oder wo man nicht mehr das Vertrauen haben, sozusagen, daß dieser Wohlstand, diese Ressourcen so zur Verfügung stehen, daß sie sagen, na gut, dann investieren wir halt mal. Jetzt muß sozusagen mit dem gearbeitet werden, was da ist. Das könnte knapp werden.

eine Philosophin, die meint, es könnte knapp werden, es müsse mit dem gearbeitet werden, was da sei, und mit dem, was da ist, mit dem Wohlstand, mit den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, wird – und auch hier muß nicht vertraut werden, es reicht ein Blick in die Geschäftsbücher – investiert und investiert und investiert, die Frage ist nur, in was prioritär und zu welchem Nutzen, zu welcher Verschwendung wird investiert und investiert und investiert und …

Ein weiterer Philosoph in dieser Nachtrunde, die mit „Katholisches Forum“ zutreffender bezeichnet wäre, meint gleich zu Beginn, in seiner ersten Meinungsverkündung, er habe „Vertraue niemandem!“ nicht als „Imperativ, gleichsam als moralische Maxime“, sondern als „Zustandsbeschreibung gewählt“, ein Mann, der dem herrisch zu brüllenden Imperativ seines Namens treu: Liess! Mann!

„Wir suchen andere Begriffe, die Skepsis ist gefallen, die Vorsicht, brauchen wir eigentlich den mißtrauischen Bürger? Ist das der gesunde Zugang, der gesunde Bürger, die gesunde Bürgerin?“ Auf diese stöckl’sche Frage weiß er profund zu antworten:

Ich weiß nicht, ob wir ihn brauchen, er ergibt sich gleichsam, wie von selbst, genau dann, wenn Vertrauen enttäuscht wird. Also, ich glaube, wir können wirklich nur davon ausgehen, wir können nur gemeinsam leben und in Gemeinschaften leben, wenn wir alle Menschen gleichsam mit einem gewissen Vertrauensvorschuß ausstatten, ja. Ich kann nicht als Baby auf die Welt kommen und der Mutterbrust mißtrauen. Da werde ich nicht lange leben. Das heißt, der Vortrauensvorschuß, das Urvertrauen, wie es einmal […] genannt hat, muß da sein. Und Erwachsenwerden, Lebenserfahrung machen, heißt unter Umständen vielleicht nichts anderes, als die Erfahrung zu machen, wo dieses Vertrauen enttäuscht wird. Da geht es schon, sowohl im Kleinen als auch jetzt im großen politischen Maßstab, geht es sehr wohl um Vertrauen, Wenn die Ukraine, oder dieser Krieg Rußlands gegen die Ukraine kurz erwähnt wurde, natürlich hatten sehr viele westliche Politiker ungemeines Vertrauen in den Satz: Wandel durch Handel. Wenn man mit jemandem derart eng ökonomisch verquickt ist und jeder von den anderen abhängig ist, wechselseitige ökonomische Abhängigkeit schien uns die Garantie dafür, daß man nicht kriegerisch übereinander herfällt. Dieses Vertrauen ist ganz brutal gestört worden. Und natürlich fangt man jetzt an, sich zu überlegen, kann ich dann, kann ich so einem Prinzip noch vertrauen. Und wir haben jetzt die Debatte, wie intensiv dürfen die Handelsbeziehungen mit China sein. Das ist auch ein autoritärer Staat, ist auch eine Diktatur, hat auch aggressive Pläne gegenüber Taiwan. Kann ich mich jetzt auf Gedeih und Verderb technologisch, gerade was alternative Technologien betrifft, solch einer Gesellschaft, solch einer Diktatur ausliefern? Oder wird dieses Vertrauen, das wir jetzt notgedrungen China gegenüber an den Tag legen, wird das in wenigen Jahren genauso enttäuscht werden, fundamental enttäuscht werden, wie das Vertrauen, daß sehr viele Politiker gegenüber Rußland und Putin hatten.

Nur das Vertrauen ist es also, das das Baby sich ernähren läßt … was für ein entzückend kleiner Film wäre das, in dem ein Baby gezeigt wird, wie es mißtrauisch die Mutter beäugt, tagelang, und sich dann doch dazu entschließt, Vertrauen in die Mutter zu haben – na gut, dann wird halt von Mutters Brust getrunken …

Und China, ach es ist nur das Vertrauen, oh, nur der Glaube in eine friedliche Welt durch Handel, keine Sekunde an Gewinnmaximierung verschwendet, in China produzieren zu lassen

Und Rußland, ach, nur Vertrauen,

oh, Rußland nur mit Vertrauen überreich beschenkt, und dafür von Rußland nicht anderes als bescheiden haben zu wollen, Rohstoffe zu reichlich vorteilhaften Preisen

und was für Staaten hätte dieser Babyexperte als Philosoph noch anführen können, denen nichts anderes als Vertrauen entgegengebracht wird,

die so reichlich mit Vertrauen beschenkt werden, und dabei ganz und gar uneigennützig, von diesen, ach nichts verlangt wird,

nur daß sie mit uns „in Gemeinschaften“ weiter ihre Arbeitsschutzgesetze, ihre Rechte der arbeitenden Menschen, ihre Löhne tief, recht weit, ganz weit unter dem österreichischen Niveau, ja nie nicht einmal auf den niedrigsten österreichischen Standard …

Lisz Hirn fehlt das „Mißtrauen gegen uns selbst und unseren eigenen Meinungen und Positionen, da würde ich gar nicht Skepsis sagen, sondern ein bissel so im nietzscheanischen Sinn, sich selber zu hinterfragen, warum folge ich welchen Meinungen“; das ist für den Selbsterhaltungsexperten ein „interessanter Widerspruch: Selbstmißtrauen versus Selbstvertrauen“ … worauf Barbara Stöckl, „auch wenn es schon heiß hergeht“, gerne einen kurzen Zwischenschritt machen möchte, um die Begriffe zu klären, was ist überhaupt das Vertrauen, von dem wir reden, Urvertrauen, Gottvertrauen, alles ist durcheinander gefallen, können wir es ein bißchen ordnen“.

Profund wie stets weiß er auch darauf die Antwort

Wenn ich das Vertrauen in die Politik verliere, dann, denk ich mir, wozu brauche ich einen Rechtsstaat. Ich mache jetzt die Klimaaktion, von der ich glaube, daß sie richtig ist, denn dieser Institution ist nicht mehr zu trauen. Auf der anderen Seite, ich wäre überfordert Rachefeldzüge durchzuführen, ich bin auch überfordert, das Klima zu retten. Also mich wundert nicht, daß dieses Mißtrauen seinen eigenen Fähigkeiten gegenüber korreliert mit dem Vertrauensverlust in Institutionen, die genau deshalb geschaffen worden sind, damit ich entlastet bin. Wenn ich das Vertrauen in das Bildungssystem verliere, ich kann meine Neffen, meine Kinder nicht alle selber erziehen, aber was mache ich denn dann.

Wenn es nicht auch immer, mit Bezug auf die in dieser Sendung einfach wie kurz angesproche Geschichte, Aktionen gegeben hätte, die nichts mit Vertrauensverlust zu tun hatten, sondern mit der Notwendigkeit von Veränderungen, dann gäbe es heute zum Beispiel noch kein Frauenwahlrecht. Über so manche damalige Aktion der Frauen, genannt „Suffragetten“, um das Wahlrecht einzufordern, wird wohl nicht anders und vor allem von Männern gesprochen, geschrieben worden sein, wie nun über Aktionen der Menschen, die sich mit ihren Aktionen für die Naturrettung einsetzen.

In dem sehr „kurzen Film als Impuls“ ist ein Transparent zu sehen, das leicht übersehen werden kann, so viele Pfarrer verstellen die Sicht, auf dem zu lesen ist:

„Klimaschutzgesetz sofort“.

Menschen, die sich dafür einsetzen, wissen also um die Wichtigkeit des Rechtsstaates, sie wollen also innerhalb des Rechtsstaates eine Verbesserung, eine lebensentscheidende Änderung, den Schutz des Klimas. Sie müssen Aktionen setzen, weil sie das Versagen und die Erkenntnisverweigerung nicht des Rechtsstaates, sondern von in politische Verantwortung gesetzte Vertreter des Rechtsstaates erkannt haben, für die eine Vertreterin in Österreich beispielhaft namentlich genannt werden kann, die schlicht wie kurz sagte: „Wir hatten die Klimakrise“.

Für diese Vertreterin, kurz ist es her, war der seine Neffen und Kinder nicht alle selber Erziehenkönnende ein zu ladender Experte …

Für Frau Pfarrer steht gesinnungsgemäß das „Gottvertrauen“ im Mittelpunkt, auf das sie immer wieder zu sprechen kommt: „Ist denn, Herr Filipovic [„auch Theologe“], die Vertrauenskrisen, die wir gerade erleben, auch mit der Glaubenskrise zu tun?“ – „Das mag sicher sein …“

„Welche Auswirkungen hat das zunehmende Wegbrechen des Glaubens nun auf die Gesellschaft“, fragt Frau Pfarrer, „wer oder was tritt da ein, Herr Filipovic? Sind sogar die Klimaaktivisten von Apocalypses, ist, so, wird so oft geredet, und zwar nicht nur von den Aktionisten, sondern auch von politisch Verantwortlichen wie […]“.

„Mit einem Klick kann man sich heute jedes, auch jedes verquere Weltbild bestätigen lassen.“ Diese tiefe Einsicht kann nur von einem Menschen kommen, der aus der Geschichte seinen Glaubens weiß, mit einem Kreuzkuß kann man vom Herrn seit Urgedenken alles bestätigen lassen, das jeder Frau und jedes Herrn Pfarrer Bild der Welt …

Es fällt unweigerlich auch die Erwähnung einer Umfrage, nach der „erstmals hat da keine Mehrheit mehr die Frage nach einem, die Forderung nach einem starken Mann abgelehnt. Was schließen sie daraus?“ Bemerkenswert darauf die Antwort von dem „Gastgeber“ des Katholischen Forums:

Es ist schon eine, wie soll ich sagen, eine reflexionsbedürftige Untersuchung bzw. reflexionsbedürftiges Ergebnis. Es käme jetzt auch auf die genaue Fragestellung darauf ein, weil ich denke, wir sind hier auch sehr ambivalent. Auf der einen Seite diese Frage, Menschen wollen einen starken Mann, dann glauben wir sofort, die sind jetzt alle in ein, meistens sagen wir dann, rechtspopulistisches oder rechtsradikales Lager übergewechselt. Wir haben aber nicht gefragt, ob sie nicht lieber einen Stalin hätten, ja. Es könnten genauso, also die Linken haben mit Diktaturen genauso immer kokettiert und sie auch durchgeführt wie die Rechten. Warum man das immer gleich mit politisch rechts assoziiert […] mit dem starken Mann, also Stalin, Mao Tse-tung, Pol Pot, Gorbatschow, waren lauter starke Männer, ja, also, und Linke […]

Frau Pfarrer hat keine Umfrage aus China,

keine Umfrage aus Rußland angesprochen, sondern eine Umfrage,

die in Österreich durchgeführt wurde und seine Antwort darauf, eine, wie die Verkündigung, es hätte nie eine Geschichte gegeben, also in Österreich, in dem sich nie die Frage nach einem „starken Mann“ wie etwa Stalin stellte,

in dem Österreich, in dem nie ein „starker Mann“ wie beispielsweise Mao Zedong oder Pol Pot totalitär herrschte, sondern …

aber es gibt in Österreich Menschen, die sich einen „starken Mann“ wie Stalin wünschen, es schade finden, daß nicht einer wie Stalin Österreich regiert, das sind Menschen in Österreich, die gesinnungsgemäß der Gemeinschaft mit ihrer Parole „Österreich zuerst“ anhängen, die er, der tiefdenkende Gastgeber wohl mit „rechtspopulistisches oder rechtsradikales Lager“ assoziierte …

Genug, genug …

Nur eines noch. Am Ende. Frau Pfarrer fragt:

Wie läßt sich Vertrauen wiedergewinnen? Wie läßt es sich wieder herstellen?

Das Format dieser Sendung wäre also mit „Katholisches Forum“ zutreffender benannt. Und die Verkündigung der Botschaft des katholischen forums vom 6. Dezember 2022 ein Imperativ: Gehorche!

Aber diesem Forum ist eines durchaus bewußt, das Gehorchen funktioniert nicht mehr so einfach, wie etwa zur gottergebenen Zeit eines Prälaten, und vor allem von alleine, so muß mit dieser Frage, wie läßt sich Gehorchen wieder zur moralischen Maxime erheben, herumgeschlagen werden, es bedarf Anstrengungen, jedwedes Medium muß dafür genutzt werden, Gehorchen wiederzugewinnen, Gehorchen wiederzuherstellen, statt wie früher einfach wie kurz den Befehl Gehorche! von der Domkanzel herunter …