Byung-Chul Han zu lesen, bereitet stets Freude, so auch sein eben in 2026 veröffentlichtes Buch „Ohne Respekt“, und wie es für eine also auch diese Novelle gehört, mit einer unerhörten Begebenheit.
Der Philosoph Byung-Chul Han entwirft eine hellsichtige Vision für eine neue Politik der Freundschaft, für ein respektgeleitetes Miteinander, das auf Aufmerksamkeit und gegenseitiger Anerkennung beruht. Respekt ist die Voraussetzung für Demokratie, Gespräch und ein gelingendes Leben.
Ein radikaler und zugleich zutiefst humanistischer Essay, ein Manifest gegen die Verrohung und für eine neue Kultur des Respekts.
Derart wird auf dem Buchrücken „Ohne Respekt“ vom Verlag Matthes & Seitz beworben. Vielleicht würde es nicht gekauft werden, wäre „Ohne Respekt“ als Novelle ausgewiesen, denn, wer hat heutigentags noch Interesse an Novellen, wer kann heutigentags noch Novellen schreiben, die es verdienen, Novellen genannt zu werden — Byung-Chul Han kann Novellen schreiben, wie er es nun mit „Ohne Respekt“ ein weiteres Mal belegt, und dafür gebührt ihm Dank.
In der Novelle geht es viel um „den Anderen“, wenn, um beispielhaft aus dieser zu zitieren, gescchrieben steht:
Der Respekt gilt dem Anderen. Er bedeutet wörtlich Rücksicht auf den Anderen. Die respektgeleitete Wahrnehung, Handlung und Kommunikation setzten die Aufmerkamkeit für den Anderen voraus.
Der Respekt gebietet, den Anderen in seiner Andersheit zu erkennen und anzuerkennen.
Wir nehmen heute kaum Rücksicht auf den Anderen. Wir haben Mühe, dem Anderen Aufmerksamkeit zu schenken, ihn in unsere Wahrnehmung, in unser Denken, in unser Verhalten, in unser Handeln einzubeziehen, ja einzugemeinden. (Seite 20)
Nur in der Respektbeziehung können wir den Anderen eigens auf seine Andersheit, auf seine Besonderheit hin wahrnehmen. (Seite 22)
Noch viel mehr könnte zur Anderen aus der Novelle zitiert werden, das aber wäre bloße Überfrachtung des Kapitels. Daher die Beschränkung auf das, was Byung-Chul Han zu Carl Schmitt schreibt.
In der politischen Kosmologie von Carl Schmitt fehlt die Kategorie des Anderen ganz, die der Unterscheidung von Freund und Feind vorgelagert wäre.
Bei Schmitt überlagert und überschattet der Feind den Anderen. Auch der Freund, der ebenfalls ein Anderer wäre, tritt kaum in Erscheinung. Eine Identität, die sich in vielfältigen Interaktionen mit dem Anderen herausbildet, ist bei Schmitt nicht vorhanden. (Seite 29)
Schmitt totalisiert den Kampf zur Essenz des Politischen. Die Existenz des Freundes erschöpft sich darin, dass er kein Feind ist. Die Freundschaft verblasst angesichts der Feindschaft. Eine Politik der Freundschaft wäre für Schmitt ein Widerspruch. (Seite 30)
Die heutige Empörungsmasse mit ihren Schlachtrufen gleicht einem Mob. Die Anhänger des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump etwa, die das Kapitol stürmten, snd keine Vertreter des Volkes. Vielmehr bilden sie einen Mob, der nach einem starken Führer ruft. In ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft unterscheidet Hannah Arendt zwischen dem Volk und dem Mob: „Der Mob setzt sich zusammen aus allen Deklassierten. In ihn sind alle Klassen der Gesellschaft vertreten. Er sit das Volk in seiner Karikatur und wird deshalb so leicht mit ihm verwechselt. Kämpft das Volk in allen großen Revolutionen um die Führung der Nation, so schreit der Mob in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann. Der Mob kann nicht wählen, er kann nur akklamieren oder steinigen. Daher verlangten seine Führer schon damals jene plebiszitäre Republik, mit der moderne Diktaturen so vorzügliche Erfahrungen gemacht haben.“ Der Mob ist taub gegenüber dem Anderen. Ihm fehlt gänzlich die Aufmerksamkeit für den Anderen. Es ist unmöglich, ihn auf die diskursive Bühne zu bringen. Argumentation wird durch Akklamation oder Steinigung ersetzt. In einem totalitären Regime degradiert das ganze Volk zu einem Mob der sich einem starken Führer vollständig unterwirft.
Auch die digitalen Stämme verhalten sich wie ein Mob. Sie wählen zwar, aber sie kämpfen nicht um die „Führung der Nation“. Sie bilden kein Volk. Spaltungen und Polarisierungen sind ihre Nahrung. Hass und Ressentiment beherrschen ihr Verhalten. Auch offline kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen. Aufgrund fehlender kommunikativer Rationalität ist keine Verständigung mehr möglich. Außerhalb ihrer Stammesgrenzen kennen sie nur noch Feinde, die es auszulöschen gilt. Sie sehnen sich nach einem starken Führer, nach einem autoritären Herrscher, der die Demokratie aushebelt. (Seite 36 und 37)
Der von der Identitätspolitik entfachte Identitätskrieg baut den Respekt ab. Eine Partei, die für ihre Identität, für ihre einzigartige Erfahrung, für ihre Interessen von anderen Respekt einfordert, aber jeden Diskurs ablehnt, verwickelt sich in einen Widerspruch, denn sie verhält sich anderen gegenüber respektlos. Der fehlende Respekt vor dem Anderen, die Weigerung, den Anderen in seiner Andersheit zu erkennen und anzuerkennen, ist das Wesen der Identitätspolitik.
Die Alterität hingegen gebietet, die Identität auf den Anderen hin aufzubrechen und zu verschieben. Die Politik der Alterität wehrt sich gegen jede totale Selbstabschließung, die mit der Gewalt, mit dem Krieg einhergeht.
Die Alterität ist insofern eine Gegenfigur der Identität, als sie diese Logik der Macht durchkreuzt. Sie sorgt dafür, dass ich beim Anderen verweile, ohne ihn gleich einzuverleiben, ohne zu mir zurückzueilen. Die Freundlichkeit ist ihre Essenz. (Seite 38 und 39)
Die Freundschaft ist eine Mit-Teilung, die jeder Teilhabe an einem Gegenstand vorgelagert ist. Geteilt wird das „bloße Faktum der Existenz, das Leben selbst“. Der Freund als die dem Selbst immanente Andersheit, das heißt, de rFreund als anderes Selbst ist dem Schmitt’schen Verständnis des Freundes diametral entgegengesetzt. dem jede Dimension der Alterität fehlt. Sowohl der Freund als auch der Feind werden bei Schmitt von der Identität her begriffen. (So endet die Seite 40)
Die Seite 41 beginnt mit, die als die unerhörteste Begebenheit der Novelle klassifiziert werden könnte, der Einführung einer Gegenfigur zu Carl Schmitt —
In Sein und Zeit ist an einer zentralen Stelle überraschend von dem „Freund“ die Rede. Er besitzt wie Aristoteles einen ontologischen Rang. Er begründet nämlich das Mit-Sein. Er verkörpert das mit-geteilte Sein. Der Andere als Freund, als heteros autos ist dem „Dasein“ (Heideggers ontologische Bezeichnung für den Menschen) eingeschrieben. Er macht aus dem Dasein ein Mit-Sein. Der Freund als heteros autos bringt das Mit hervor. Das Sein wird dadurch geteilt und mit-geteilt. Das Dasein als Mit-Sein teilt das Sein mit dem Anderen als Freund. Heidegger schreibt: „Das Hören auf … ist das existenziale Offensein des Daseins als Mitsein für den Anderen. Das Hören konstituiert sogar die primäre und eigentliche Offenheit des Daseins für sein eigenstes Seinkönnen, als Hören der Stimme des Freundes, den jedes Dasein bei sich trägt.“ Das Dasein ist insofern ein Mitsein, als es den Freund bei sich trägt. Diese ontologische Freundschaft ist konstitutiv für das Mitsein. Die Stimme des Freundes be-stimmt das Dasein als Mit-Sein. Der Freund konstituiert das Selbst. Er verhilft dem Dasein zum „eigensten Seinkönnen“.
Heidegger denkt die Freundschaft, das „füreinander Dasein“ ebenfalls nicht von der Identität, sondern von der Alterität her. Die Freundschaft setzt das „ursprüngliche Gönnen“ voraus, das „Gewähren dessen, was dem anderen gebührt, weil es zu seinem Wesen gehört“.
Und dies gehört wohl zur herausragenden Qualität der Novelle, eine Gegenfigur zum identitären Schmitt mit einem alteritären Heidegger geschaffen zu haben, mit der er, Byung-Chul Han, die Lesenden seiner Novelle an der Nase herumführt; denn die Gegenfigur zu Schmitt ist nicht Heidegger, und das darf als die unerhörte Begebenheit dieser Novelle angesehen werden, die Gegenfigur entpuppt sich als Mit-Figur …
Wie ihnen auch Carl Schmitt ein Mit-Seiernder …
Es müßte menschgemäß Mit-Seiender heißen, aber dieses tippfehlerische r in Mit-Seiender scheint in bezug auf die identitäre Weltsicht kein Fehler zu sein, sondern zur Richtigkeit dieses Sein und dieses Mit-Sein kenntlich gebracht, das ein Seiern und ein Mit-Seiern ist.
Es würde durchaus derart erhaben über die Andere geschrieben werden wollen, wie über sie in dieser Novelle geschrieben wird, nachdem es aber keine Novelle ist, kann nur erzählt werden, was zu ihr einfällt, und das ist eine Inschrift auf einem Denkmal:
SIE MUSSTEN LEIDEN UND STERBEN NUR WEIL SIE ANDERS WAREN
Ihnen, die anders waren, wurde Aufmerksamkeit zuteil, ihre Andersheit wurde wahrgenommen, auf ihre Besonderheit hin wurden sie wahrgenommen, vielfältige Interaktionen mit ihnen wurden herausgebildet, es wurde ihnen gewährt, was ihnen gebührte, weil es zu ihrem Wesen gehörte —
Das kann auch in der Zeitform der Gegenwart geschrieben, und es betrifft die immer noch weiter, die damals anders waren, und viele weitere, die anders sind, ihnen wird Aufmerksamkeit zuteil, ihre Andersheit wird wahrgenommen, sie werden auf ihre Besonderheit hin wahrgenommen, vielfältige Interaktionen mit ihnen werden herausgebildet, es wird ihnen gewährt, was ihnen gebührt, weil es zu ihren Wesen gehört —
Auch Simone Weil denkt die Freundschaft von der Alterität her.
Diese von der Alterität her gedachte Idee der Freundschaft ist Carl Schmitt gänzlich fremd. Die Alterität gehört nicht in seine politische Kosmologie.
Die Politik der Zukunft wird die Politik der Freundschaft sein. Sie beruht auf der Idee des geteilten Lebens, des geteilten Seins.
Das Mit-Sein, das mit-geteilte Sein ist das Fundament der künftigen Politik der Freundschaft als Politik des Respektes. (Seite 43 und 44)
So bringt die Novelle von Byung-Chul Han neben dem Lesegenuß die Erkenntnis, die Politik der Zukunft darf nicht die Politik der Freundschaft werden, denn das ist die Politik, die es bisher gab und immer noch weiter gibt. Es ist die Politik der Freunde für Freundinnen. Im Wienerischen würde dazu gesagt werden: Es ist die Politik der Haberer für Habererinnen, eine Politik der Habischaft. In der Politik der Freundschaft, in der Politik der Habischaft wurde und wird die Andere mit Aufmerksamkeit verfolgt, ihre Andersheit beobachtet, es gab und es gibt vielfältige Interaktionen zwischen Habis und den Anderen, zum alleinigen Vorteil der Habis und zum absoluten Nachteil der Anderen, die nicht als Freundinnen, die nicht als Haberer angesehen werden. Ist nicht gerade Martin Heidegger ein Paradebeispiel für seine Politik der Freundschaft im von seinen Freundinnen gesetzten Rahmen der nationalsozialistischen Politik der Freundschaft, die eine der abschreckendsten der Politik der Habischaft war und ist, im Respekt der Anderen als Freundin — heutigentags besonders in der Ausformung der identitären Politik der Freundschaft, der identitären Politik der Habischaft?
Die Politik der Freundschaft ist soher eine Politik der Einteilung, wer gehört also zu den Freunden gehört und wer gehört nicht zu den Freundinnen, die Politik der Habischaft ist nicht eine Politik der Nichtwahrnehmung der Anderen, sondern die Belauerung des Habens im Sein der Anderen, zur Übernahme ihres Habens für sich und die Freunde.
Nicht die Fortführung der Politik der Freundschaft ist für die Zukunft noch für die Gegenwart die je zu wünschende Politik, sondern eine Politik, die keine Gegenstellung kennt und keine herausfordert, wie jene etwa von Carl Schmitt, da die Feinde, dort die Freunde, dort die Freundinnen von Martin Heidegger, da die Nichtfreunde von Martin Heidegger …
Und was bei einer Politik der Freundschaft auch zu bedenken ist, ist die Endlichkeit von Freundschaft, zu oft, wer kennt das nicht aus oftmaligen persönlichen Erfahrungen, enden Freundschaften so schnell wie Freundschaften, nicht selten bereits aus Kalkül, schnell geknüpft werden; das aber nicht bedeuten muß, daß aufgekündigte Freundschaften gleich in Feindschaft übergehen müssen, im schlimmsten Fall aber wird eine aufgegebene Freundschaft zur nie endenden und unerbittlichen Feindschaft.






















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