Kurz von einer der kollektiven Verdrängungen in Österreich

Immer noch geht es hoch um dieses K. L.-Denkmal. Es werden Artikel um Artikel geschrieben. Für-und-Wider-Artikel. Für das Stehenlassen. Wider das Abreißen. Für das Umgestalten. Gegen das Umgestalten. Und alle Artikel eint die Konzentrierung auf den Antisemitismus des K. L. Genauso, als wäre der Antisemitismus des K. L. tatsächlich das Wesentliche. Die Debatte um das Denkmal ist aber tatsächlich eine Parade der kollektiven Verdrängung in Österreich.

Das Wesentliche ist aber die kollektive Verdrängung. Es tut not, das Verdrängte einmal so einfach wie kurz zusammenzufassen.

Das K. L.-Denkmal ist ein Denkmal für einen Antisemiten von einem der „übelsten österreichischen Radau-Antisemiten“. Dieser Antisemit, der auch der „österreichische Streicher“ genannt wurde, war Gründungsmitglied des Vereins, desse einziger Zweck die Errichtung eines Denkmals für einen Antisemiten war. Der „österreichische Radau-Antisemit Streicher“ ist bekannt und verehrt unter seinem christlich-sozialen bürgerlichen Namen Leopold Kunschak. Kein Wunder auch war es, daß ein römisch-katholischer Kardinal ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins zur Errichtung eines Antisemitismus-Denkmals war. Und ebenfalls kein Wunder war es, daß mit Josef Müllner ein Bildhauer den Auftrag zur Errichtung des Antisemitismus-Denkmals bekam, dem später der Nationalsozialismus keine abzulehnende Gesinnung war. Und wie nach dem Untergang der hitlerischen Totaldiktatur der Massenmorde und Massenverbrechen ein Leopold Figl etwa milde Worte für seines schwarzen Nationalratspräsidenten Antisemitismus fand, fand noch viel später danach Oliver Rathkolb Worte für die Zusatztafel des K. L.-Denkmals, die den Antisemitismus des K. L. nicht verschleierten, aber die Rolle des Leopold Kunschak etwa, die Rolle des Josef Müllner auf gut österreichische Art ausblenden.

Leopold Kunschak, ein Mitschreiber an der sogenannten österreichischen Unabhängigkeitserklärung. Auch diese ein Kapitel der Fortsetzung, wie in dem Österreich der Gegenwart darüber geschrieben wird, beispielsweise im April ’20, als wäre Verdrängung ein Synonym für Offenlegung.

Wie seltsam muten die Vorschläge an, die nun gemacht werden, im Oktober ’20, etwa von Eva Blimlinger: „Karl Lueger mit Theodor Herzl verdecken“. Ihr Vorschlag also ist, dem Antisemitismus-Denkmal noch ein Nationalismus-Denkmal beizustellen. Mit diesem Vorschlag ist sie zumindest ganz auf der Höhe der derzeitigen Bundesregierung in Österreich, die nach ihrer Regierungserklärung sich einsetzen will gegen Antisemitismus und gegen Zionismus …

Dieser ihr Vorschlag könnte ihrem Bundeskanzler doch recht gefallen, dem Antisemitismus-Denkmal ein Nationalismus-Denkmal vorzustellen, hat dieser doch eine rechte Verbindung zu einem zionistischen Mann …

Vor 75 Jahren bereits zählte George Orwell den Zionismus zum Nationalismus …

Und rund 75 Jahre später stellt Alain Badiou Fragen, die auch den Zionismus betreffen.

„Die Begriffe des Empfangs, der Schwelle, des Übergangs sind sicherlich unzureichend, wenn es darum geht, einen Internationalismus zu begründen, der aus dem Inneren eines Landes die schändliche Vorherrschaft des Nationalismus transzendiert. Die Identität des anderen, so wie Derrida sie denkt, setzt diesem Begriff keine Grenze. Egal ob […] Mensch […], die bloße Andersheit macht das Gesetz des Empfangs zur Pflicht. Doch das ist eine sehr gefährliche Sichtweise. Wie soll man diesen absoluten Imperativ hinnehmen, wenn der Andere ein Konquistador ist, ein bewaffneter Kolonist, der plündern will, oder ein Zionist, der palästinensisches Land an sich reißt?“

Was für eine Tafel würde Eva Blimlinger wohl dem Relief auf dem Judenplatz vorhängen wollen? Dafür gibt es weder von ihr noch von anderen im Land einen Vorschlag. Um dieses Relief geht es nicht hoch her, werden nicht Artikel um Artikel geschrieben. Das wäre wohl doch zu unangenehm. Dieses Relief mit seiner eindeutigen Werbung für den Antisemitismus. Während die Debatte um das K. L.-Denkmal doch ein hervorragendes Zeugnis ausstellt. Denn. Auch wenn dieses Denkmal keine antisemitische Inschrift enthält, ist in diesem Land Österreich es eine Selbstverständlichkeit und Zeichen höchster Aufklärung, einem toten Antisemiten kritisch zu begegnen. Das Relief aber muß der totalen Verdrängung unterworfen bleiben. Das Relief mit seinem unmißverständlichen antisemitischen Inhalt. Mit diesem Relief, das die Leistung „der ganzen Stadt“ lobt, nämlich „die ganze Stadt und sühnte die furchtbaren Verbrechen der Hebräerhunde“.

Besser als das Denkmal für Lessing passt auf den Judenplatz ein Denkmal für Helmut Qualtinger in der Herr-Karl-Uniform des österreichischen Menschen zur weithin ausgestellten Identität des Landes Österreich.

Zugleich wäre ein Herr-Karl-Denkmal eine Verbeugung vor der in Österreich so geliebten Schauspielkunst. Es dürfte dabei aber nicht auf die Frauen vergessen werden. Wie schön wäre ein Herr-Karl-und-Frau-Paula-Denkmal als ewigliches Sinnpärchen österreichischer Identität