Ex-Zug

Es gibt, auch in Österreich, eine Partei der Arbeit (PdA), die nun eine Veranstaltungsreihe zum Gedenken an die Gründung der DDR …

Es gibt nun, in Deutschland, Gruppierungen, die an die besonderen historischen Verbindungen zwischen der DDR und Nordkorea erinnern – Berlin, Fenster zu Nordkorea.

Das verleitet ebenfalls zu einer Montage.

Fenster ist Aussicht, auch Aussicht in die Zukunft, von der gerade die österreichische PdA in ihrer „Erklärung gegen Antikommunismus und Geschichtsverfälschung“ schreibt, herbeischreiben und herbeireden will.

Und diese Partei meint damit die Zukunft des Sozialismus, die Zukunft des Kommunismus.

In diesem Fall ist das Fenster nicht mehr ein Fenster mit Aussicht in eine Zukunft, nicht mehr ein Fenster mit Aussicht auf eine Zukunft. Deshalb ist es aber kein blindes Fenster, kein zur Mauer gewordenes Fenster, das eine Wand lückenlos verschließt, undurchdringlich macht für Blicke nach außen und für Blicke nach innen. Es ist ein Fenster, das Einsicht ermöglicht, in das Innere. Und was im Inneren zu sehen ist, ist das „Ex-Zug“, wie auf der Anzeigetafel auf dem Bahnsteig in der Collage, den es vielleicht noch gibt, nur den Staat, der diesen einst umgab, den gibt es schon lange nicht mehr. Der Zug ist abgefahren, endgültig. Aber es gibt noch zu viele Züge, die zu Ex-Zügen …

Wer genau durch das Fenster hineinsieht, bekommt Einsicht in derartige Staaten, wie die DDR einer war, wie China, wie Nordkorea nach wie vor welche sind …

Und wer das Fenster öffnet, wird wohl Jubelschreie und Beifall, leninistisch-stalinistische Dankgebete von Honecker aus Nordkorea gen China über das „glorreiche“ Vorgehen in Hongkong …

„In Kalten-Kriegs-Zeiten sind die DDR und Nordkorea Freunde im Kampf für einen ‚Glorreichen Sozialismus‘. Man kennt, schätzt und besucht sich: 1977 und 1986 ist SED-Chef Honecker zu Gast im nordkoreanischen Bruderland. Zufrieden stellt er dort fest: ‚Völlige Übereinstimmung in allen behandelten Fragen‘. Auch Kim Il Sung, sein nordkoreanischer Kollege und Opa des heutigen Staatschefs Kim Jong-un, sieht das so.

Verein im sozialistischen Lager

Seit November 1949 pflegt die DDR freundschaftliche, diplomatische Beziehungen zu Nordkorea. Damals ist die Deutsche Demokratische Republik gerade mal einen Monat alt, und knüpft hier ein ‚festes und unverbrüchliches Freundschaftsband‘, wie es im Diktum der Zeit heißt.

1954 nimmt Richard Fischer seine Arbeit als erster Botschafter der DDR in Pjöngjang auf. Nordkorea und die DDR sind im Schicksal vereint: Wie im geteilten Deutschland durchzieht Korea eine Nahtstelle des Kalten Krieges. In zahlreichen Begegnungen auf Regierungsebene betont man den gemeinsamen Kampf gegen ‚Imperialismus und Kapitalismus‘. Die Folge ist ein Unikum: Als einziges Land der Welt wird Nordkorea in den folgenden Jahren diplomatische Beziehungen zur DDR, nicht aber zur Bundesrepublik haben.

Kleine Tricks unter Freunden

Ebenfalls noch in die fünfziger Jahre fällt der erste Besuch Kim Il Sungs in der DDR: 1956 bereist er mehrere sozialistische Länder – und sieht sich in der DDR unter anderem einen damaligen Vorzeigebetrieb an, die LPG im brandenburgischen Döbberin. Die Ausschnitte der damaligen Nachrichtensendung zeigen, wie sich der ‚Große Führer‘ in Ställen umsieht und eifrig den Kontakt zu den Bauern des Ortes sucht.

Kurios: Wie die „Berliner Zeitung“ vor einigen Jahren herausfand, wollte Kim Il Sung auch knapp 30 Jahre später, bei einem erneuten DDR-Besuch die gleiche LPG sehen. Da diese allerdings längst nicht mehr so vorzeigbar war, lotsten die SED-Oberen den geschätzten Freund ins 30 Kilometer entfernte Golzow, um ihm eine präsentable LPG zeigen zu können.

Treue bis zum Ende

Die Freundschaft beider Regime überdauert die Jahrzehnte. Noch unmittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer versichert Kim Il Sung Honecker und der SED-Führung betont verbunden seine Unterstützung im Kampf gegen die ‚anti-sozialistischen Offensiven der Imperialisten‘. Beide spenden den Pekinger Machthabern rasch und vorbehaltlos Beifall für die blutige Niederwerfung der Demokratiebewegung.

Als Honecker nach dem Ende der DDR auf Asyl irgendwo in der Welt hofft, bietet sich wiederum das Reich des ‚Großen Führers‘ gerne an – wie übrigens auch schon einige Monate zuvor, als Rumäniens Diktator Nikolae Ceaucescu eine neue Bleibe sucht – bevor er kurz vor dem Abflug aus Bukarest gestoppt und hingerichtet wird. Aus ‚rein humanitären und menschlichen Gründen‘ wolle man das Ehepaar Honecker aufnehmen, heißt es damals.

Wie der Vater, so der Sohn?

Bei Kim Jong Il, Sohn Kim Il Sungs, führt die Verbundenheit mit der DDR schnell ins Reich der Spekulation: Wirtschaftswissenschaften soll er hierzulande studiert haben, auch von einer Ausbildung zum Jagdflieger bei der NVA ist hier und da zu lesen. Doch als er 1994 seinen Vater beerbt, ist die DDR längst Geschichte.“

„Gegen Antifaschismus und Geschichtsverfälschung“

Erklärung des Parteivorstandes der Partei der Freiheitlichen Österreichs (FPÖ) zu den Angriffen auf unsere Veranstaltungsreihe anlässlich des 86. Jahres der Gründung des deutschen reiches

Ganz im Einklang mit der antifaschistischen Propaganda der EU versuchen in Österreich reaktionäre kommunistische politische Kräfte gegen jede Stimme vorzugehen, die sich der Verfälschung der historischen Wahrheit widersetzt oder einfach eine andere Ansicht als die der offiziellen EU-Ideologie vertritt.

Als die Partei der Freiheitlichen (FPÖ) dieses Jahr anlässlich des 86. Jahrestages der Gründung der deutschen reiches beschloss eine Veranstaltungsreihe zu organisieren und dazu einen Zeitzeugen als Redner einzuladen, der nicht zum Lager der kommunistischen und China-Apologeten gehört, war es uns klar, dass solche Veranstaltungen politische Gegner des Faschismus jeder Couleur mit Entsetzen und Empörung erfüllen. Aber für einige Kreise war das offenbar nicht genug. In einer Reihe von Artikeln in lokalen Medien wurde mit primitivem Antifaschismus gegen das deutsche reich, den Vortragenden und die FPÖ Stimmung gemacht, mit dem Ziel die Veranstaltungen in Innsbruck und Linz zu verhindern und in Wien zu torpedieren. Konkreter handelt es sich um eine regelrechte Hetzkampagne der Linzer ÖVP mittels ihres Sprachrohrs „Oberösterreichisches Volksblatt“. Zitiert wird neben dem Obmann des Linzer ÖVP Gemeinderatsklubs aber auch ein Sprecher des Grünen Innsbrucker Bürgermeisters, was wieder einmal zeigt, dass der Antifaschismus quer durch die Reihen der bürgerlichen Parteien geht. Mit dieser antifaschistischen Raserei erreichten sie schließlich, dass uns die ursprünglich geplanten, zugesicherten und bereits breit angekündigten Veranstaltungsräumlichkeiten in Linz und Innsbruck kurzfristig noch verwehrt wurden!

Verantwortung tragen selbstverständlich nicht nur diese „extremen“ Stimmungsmacher, sondern auch die Träger, die diese Räumlichkeiten besitzen bzw. verwalten und welche diesem Druck offenbar nicht standhalten konnten oder vielmehr wollten. In den Begründungen ihrer Absagen waren sie nur allzu bereit, den Kern der antifaschistischen Propaganda und Argumentation zu übernehmen. Dass es in Linz ausgerechnet der ÖGB war, der die Veranstaltung in seinen Räumlichkeiten untersagte, ist eine Schande, die alle ArbeiterInnen und Angestellten, die er angeblich vertritt, zum Nachdenken veranlassen sollte. Schließlich wurde der ÖGB 1945 von den Faschisten mitbegründet und jeder weiß, wie groß der Beitrag der FPÖ in den Arbeitskämpfen der Nachkriegszeit war.

Die Partei der Freiheitlichen ist selbstverständlich gegenüber jeder inhaltlichen politischen Kritik und Auseinandersetzung aufgeschlossen. Jede Partei vertritt ihre eigenen Standpunkte und wir respektieren jede Kritik politischer Gegner an unserem politischen Programm und unseren Positionen. Aber dazu gehören nicht Angriffe, die unsere Weltanschauung und Ideen de facto oder sogar potentiell de jure zu kriminalisieren versuchen, die den Faschismus-Nationalsozialismus dem Sozialismus und Kommunismus gleichsetzen, die die Geschichte verfälschen und das Gedenken an jene verunglimpfen, die ihr Leben für die Freiheit des Volkes und die Rechte der Arbeiterklasse geopfert haben.

Diese Haltung überrascht uns aber selbstverständlich nicht und die Intention jener, die uns nun lautstark attackieren ist uns ersichtlich. Was sie nicht zulassen wollen, ist, dass sich die Menschen in Österreich mit der Geschichte auseinandersetzen. Sie wollen verhindern, dass die Arbeiterklasse mehr über den Faschismus im 20. Jahrhundert, über seine Errungenschaften in Gesundheit, Bildung, Wissenschaft, Wohnen, über die Organisation und Funktion der Arbeiter- und Volksmacht in den Ländern, wo dieser aufgebaut wurde, erfährt. Sie wollen nicht, dass die Menschen die Möglichkeit bekommen, mit Zeitzeugen offen zu diskutieren.

Was sie aber sogar noch mehr zu verhindern suchen, ist, dass die Arbeiterklasse und das Volk sich mit den Fehlern und Schwächen des faschistischen Aufbaus auseinandersetzen und Lehren daraus ziehen, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Sie verfälschen die Vergangenheit, damit uns die Zukunft verwehrt wird. Und dennoch wird es ein nächstes Mal geben – und diesmal wird es kein Zurück in die kommunistische Barbarei mehr geben.

Unsere Veranstaltungen werden natürlich trotz ihrer Bemühungen stattfinden und wir möchten nochmals jeden Interessierten einladen, an diesen teilzunehmen und die Gelegenheit zu nutzen, über die Geschichte, aber vor allem die Zukunft des Faschismus und der Arbeiterbewegung zu diskutieren. Schließlich möchten wir alle arbeitenden Menschen in Österreich auffordern sich darüber Gedanken zu machen, warum die EU und die bürgerlich kommunistischen Kräfte den Faschismus, in unserem Land nur von unserer noch kleinen Partei vertreten, so vehement bekämpfen.

Das ist, ganz offensichtlich und sofort erkennbar, nicht eine Erklärung der FPÖ.

Das ist eine Erklärung der österreichischen Partei der Arbeit (PdA), vom 7. November 2019.

Wie erhellend jedoch wird es, wenn in einer solchen Erklärung nur ein paar Wörter ausgetauscht werden, wie das Argumentieren von zwei gegensätzlichen Weltanschauungen, deren Vorangehenden bereits zweieiige Zwillinge waren, dem gleichen Schritt folgt.

Es kann die Partei der Arbeit verstanden werden, daß sie nicht verstehen kann, daß ihr ein gar scharfer Wind ob ihrer Feier der Gründung der DDR um ihre taubroten Ohren bläst, während sich die gesamte sogenannte westliche Welt anbiedert, der kommunistischen Diktatur in China, mit dem kommunistischen Regime in China kollaboriert.

Weil in dieser Erklärung der PdA gar so auf die Wahrheit gepocht wird, vor allem gegen eine Verfälschung der historischen Wahrheit geschrieben wird …

Es ist müßig und vor allem unredlich, darüber zu spekulieren, wie wäre das letzte Jahrhundert verlaufen, wäre es das 20. Jahrhundert anders verlaufen, hätte es nicht den Nichtangriffspakt zwischen der kommunistischen Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland und hätte es nicht den Nichtangriffspakt zwischen der kommunistischen Sowjetunion und Japan gegeben. Diese Pakte der kommunistischen Sowjetunion hat es gegeben, und den Pakt mit Japan hat die kommunistische Sowjetunion erst aufgegeben und Japan den Krieg erklärt, als bereits die Atombomben abgeworfen waren.

Die PdA schreibt in ihrer Erklärung auch davon, von der Zukunft des Sozialismus …

Nun, diese weltanschauliche Zukunft muß nicht diskutiert werden. Die kommunistische Diktatur in China führt bereits in der Gegenwart weiter vor, in welche Zukunft es geht …

Soll noch Nordkorea erwähnt werden? Mit seiner adeligen Dreifaltigkeit Großvater, Vater, Sohn … eine kommunistische Diktatur, in der Menschen der Gegenwart eine Zukunft nicht einmal zum Diskutieren haben …

Aber die nordkoreanische Partei der Arbeit (PdAK) wird der österreichischen Partei der Arbeit (PdA) mehr über den Aufbau von Vergangenheit denn Gegenwart und Zukunft …

Ma Jian and Ma Jian

馬健 – 中國夢辦公室 華為

„Das Kunstwerk, das er dann schuf, übertrifft meine kühnsten Erwartungen. In den gebrochenen Ästen sehe ich die Brutalität der Autokratie, das zerbrechende Individuum und die Sehnsucht der menschlichen Seele nach Freiheit. In diesem Kunstwerk steckt alles, was ich mit Traum von China ausdrücken wollte. Ich fühle mich außerordentlich geehrt und bin Ai Weiwei zutiefst dankbar dafür, dass er dem Buch ein so schönes, machtvolles Bild geschenkt hat.“

Mehr ist zu diesem Roman nicht zu schreiben, als das Zitierte aus der „Bemerkung zum Cover“, und dann bleibt allen nur eines, und hernach, wenn wieder Zeit ist, auch das Buch zu lesen, dem Ma Jian die Widmung voranstellt: „Für George Orwell, der alles vorausgesagt hat.“

Drei Sätze aus dem Vorwort von Ma Jian sind doch zu zitieren, nicht aber, um das Buch anzupreisen, das braucht der Roman nicht, jedoch, um einen Gedanken zum „Implantat“ zu formulieren, der nur indirekt mit China zu tun hat.

„Die Traum-von-China-Ämter, die Nachtclubs der Roten Garden und die kollektiven Feiern des Goldenen Hochzeitstages alter Ehepaare, um nur einige Beispiele zu nennen, gibt es im heutigen China wirklich. Der Traum-von-China-Trunk und das neurologische Implantat hingegen sind meiner Phantasie entsprungen.“

Das „neurologische Implantat“ soll das Gedächtnis der Menschen löschen, die Erinnerungen an die Vergangenheit, es soll die indidivuellen Träume löschen, und diese durch einen einzigen kollektiven Traum ersetzen, nämlich durch den „Traum von China“, alle Menschen sollen nur noch einen Traum haben, nur eines noch träumen, den „Traum von China“.

Wenn daran gedacht wird, wie unbedarft, wie leichtfertig Menschen außerhalb von China sich ein Smartphone der chinesischen Marke „Huawei“ anschaffen, es verwenden, wenn überhaupt daran gedacht wird, wie unbedarft, wie leichtfertig Menschen weltweit Smartphones gleich welcher Marke verwenden, mehr als verwenden, als wäre das Smartphone ein Teil ihres Körpers, als wären sie mit dem Smartphone geboren worden, ihnen kein „neurologisches Implantat“ mehr eingepflanzt werden muß, weil sie sich dieses Implantat, also das Smartphone, selbst einpflanzen, um Weltvergangenheit, Weltgegenwart aus dem Gedächtnis zu löschen, kollektiv nur einen Traum noch zu träumen, den sie vor sich selbst als einen individuellen Traum ausgeben, muß gesagt werden, George Orwell hat nicht alles vorausgesehen, er hat nicht vorausgesehen, daß es keine „Oligarchie“ mehr braucht, jedenfalls außerhalb von China, daß es kein „Ministerium der Wahrheit“ mehr braucht, es die Menschen selbst sind, die das alles übernehmen, durchführen, ausführen, besonders in der sogenannten westlichen Welt, zu der auch Europa gehört.

Es gibt Ma Jian, den Schriftsteller, und dann gibt es noch diesen …

„Ma Jian was vice-minister in the powerful ministry of state security, which oversees foreign and counterintelligence operations. His case is linked to that of one of China’s most-wanted fugitives, exiled property tycoon Guo Wengui, who has published a series of allegations of corruption among top members of the Communist Party. Ma used his position to help Guo Wengui, who now lives in New York, further his business interests, the Dalian Intermediate People’s Court said in a statement. He took more than 100m yuan (£11.4m; $14.5m) in bribes and profited by trading stocks based on insider information, it added.“

Das erinnert ein weiteres Mal daran, wie verschieden doch die Lebensläufe von Menschen sein können, die denselben Namen haben, wie bereits erzählt wurde – von Jacob, von Mannheimer

Und wie unterschiedlich gar sind die Lebensläufe von Menschen, die nicht denselben Namen haben, aber den gleichen Beruf ausüben, etwa den der Schriftstellerei, die einen müssen fort, ins Exil, die anderen suchen die Nähe der Autokratinnen, realistischer gesagt, sie suchen die Nähe der Autokraten, wie jener aus dem Poesieheim Serbien …

An den Pfahl gebunden, und das Leben schwebt vorbei wie ein Traum

„Heimito von Doderer, der große österreichische Epiker, hat einmal geschrieben – von seinen Helden in den Büchern –, er fühlte sich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich. Vielleicht hätte mir der Preis bedeutet, dass man sich losgebunden fühlt von sich selber. Man ist nicht mehr das Individuum, was man ist – was man war.“

Sagt Handke, am Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, oder auf dem Gemeindeamt.

Ein Kapitel kann auch nur eine Notiz sein, für ein Kapitel, das noch zu schreiben ist, und zwar das zu „Traum von China“.

Dieses Kapitel also bloß als eine Notiz, die nur scheinbar eine zu Peter Handke ist, tatsächlicht aber, um nicht zu vergessen, nicht wieder zu vergessen, endlich das Kapitel zu Ma Jian zu schreiben, auf das bis jetzt einfach vergessen wurde, wie es in der Welt so leicht vergessen wird, besonders in Europa so leicht vergessen wird, was China dieser Partei war und weiter ist.

„Er wiederholte die fünf Wörter des Mantras, das ihm seine Geliebte Li Wei beigebracht hat und das alle Erinnerungen an seine Vergangenheit verbannen soll: Du bist nicht ich, verschwinde, Du bist nicht ich, verschwinde.“

„Verschwinde“: fordert Handke am Bahnsteig, falls Griffen einen Bahnhof hat, mit lautbestimmtem Ton, aber in der Mehrzahl …

Diese gemeinsame Sache mit den Henkern muß enden

Dieses Imperium muß auseinanderbrechen

Sagte Liao Yiwu heute sechsmal

Dieses Imperium muß auseinanderbrechen

In deutscher Sprache

Sechsmal gesagt

Dieses Imperium muß auseinanderbrechen

In deutscher Sprache

Dieses Imperium muß auseinanderbrechen

Und sechsmal dazu

Diese gemeinsame Sache mit den Henkern muß enden

Sechs mal sechs hoch

Dieses Imperium muß auseinanderbrechen

Sagen

Im Westen

Aber

In allen Sprachen

Diese gemeinsame Sache mit den Henkern muß enden

Volksrepublik China – Dieses Imperium muß auseinanderbrechen

Liao Yiwu sagte in seiner heutigen Rede in Frankfurt anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an ihn, sechsmal in deutscher Sprache:

Dieses Imperium muß auseinanderbrechen.

Carte postale: Diese gemeinsame Sache mit den Henkern muß enden.

Es kann menschgemäß seiner heutigen Rede, was China selbst betrifft, nichts hinzugefügt werden, auch nichts, was Liao Yiwu über den Westen sagt, der mit den Henkern gemeinsame Sache macht, nur eines kann nicht ungeschrieben bleiben, das Wort Ekel und das Wort Abscheu … Auch vor jenen westlichen Architekten, die im Westen unter einem wolkenlosen Himmel als kritische Architekten sich bescheinen lassen, während sie in China mit ihren Bauten ein massenmörderisches Regime behübschen, verharmlosen, dem Regime als Willfährige und Kriechende und zugleich höchst Selbstverliebte diesen Mördern bestes Propagandamaterial betonieren …

Liao Yiwu hat in seiner heutigen Rede also u.v.a.m. ausgeführt:

Menschen morden. Das war die Methode, um das Fundament des neuen Staates zu legen. Darüber herrschte eine stillschweigende Übereinkunft von Mao Tsetung bis Deng Xiaoping. Während der großen Hungersnot zwischen 1959 und 1962 verhungerten im ganzen Land beinahe 40 Millionen Menschen. Kaum begann Mao Tsetung deshalb um seine Macht zu fürchten, blies er zum Kampf gegen reale und irreale Feinde und verpasste dem Volk eine Gehirnwäsche; während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 wurden 20 bis 40 Millionen Menschen zu Tode gefoltert; Mao hatte abermals um seinen Thron gefürchtet, also hieß es, noch stärker zum Angriff gegen die Feinde zu blasen und dem Volk noch mehr das Gehirn zu waschen. (…)

Im Juni 1989 sah die Kommunistische Partei ihre Macht erneut in Gefahr und setzte gut 200 000 Soldaten ein, um die Stadt Peking zu massakrieren.

Den Henkern die Hand schütteln und mit ihnen Geschäfte machen

Auch ich setze die Tradition des Erinnerns fort. Ich will auf Chinesisch, auf Englisch oder Deutsch meine Aufzeichnungen über die Opfer des Massakers mit der Menschheit teilen; und auch meine Überlegungen bezüglich des Auseinanderbrechens des chinesischen Reiches. Ich weiß nicht, wie viele Jahre es noch dauern wird, bis ich in das Land meiner geliebten Urväter zurückkehren kann.

Weltweit ist man der Ansicht, der wirtschaftliche Aufschwung Chinas werde zwangsläufig politische Reformen nach sich ziehen und aus einer Diktatur eine Demokratie machen. Deshalb wollen jetzt all die Staaten, die dereinst wegen des Tiananmen-Massakers (vom 4. Juni 1989) Sanktionen gegen China verhängten, die ersten sein, die den Henkern die Hand schütteln und mit ihnen Geschäfte machen. Obwohl dieselben Henker noch immer Menschen inhaftieren und umbringen, immer neue Blutflecken zu den alten hinzukommen und neue Gräueltaten die alten armselig aussehen lassen. Die einfachen Leute, die zwischen Blut und Grausamkeit ihr Dasein fristen müssen, verlieren dabei auch noch den letzten Rest Anstand.

„Unter dem Deckmantel des freien Handels macht der Westen mit den Henkern gemeinsame Sache“

Elend und Schamlosigkeit bedingen sich wechselseitig. Sie bestimmen unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nach dem Tiananmen-Massaker setzte sich die blutige Unterdrückung fort, gegen die Angehörigen der Opfer des Massakers, gegen Qigong-Gruppen, Falun-Gong, die Demokratische Liga Chinas, Beschwerdeführer, enteignete Bauern, Arbeitslose, Anwälte, Untergrundkirchen, Dissidenten, die Opfer des Erdbebens von Sichuan, die Unterzeichner der Charta 08, die Anhänger der Jasminrevolution, Tibeter, Uiguren und Mongolen – die Fälle häufen sich und die Tyrannei geht auf hohem Niveau weiter. (…)

Unter dem Deckmantel des freien Handels machen westliche Konsortien mit den Henkern gemeinsame Sache, häufen Dreck an. Der Einfluss dieses Wertesystems des Drecks, das den Profit über alles stellt, nimmt weltweit überhand.

Immer mehr Chinesen werden feststellen, dass es auch im demokratischen Westen weder Gerechtigkeit noch Gleichheit gibt und auch dort habgierige Funktionäre und andere Profitgeier sich schamlos nach dem Muster „dem Sieger gehört die Beute“ verhalten. Und so werden sie bald alle diesem Beispiel folgen, und in einer nicht allzu fernen Zukunft wird es an allen Ecken der Welt voll von chinesischen Betrügern sein, die um jeden Preis ihre Heimat verlassen wollen. Das Wertesystem des chinesischen Imperiums ist längst in sich kollabiert und wird nur noch vom Profitdenken zusammengehalten. Gleichwohl ist diese üble Fessel des Profits so weitreichend und verschlungen, dass sich die freie Welt der wirtschaftlichen Globalisierung noch ausweglos in ihr verheddern wird.