Vilimsk, EU-Spitzenkandida

„wir haben sichergestellt dass bei den gehältern endlich eine entsprechende gehaltserhöhung im bereich der inflationsanhebung erfolgt ist.“

So lobt gestern, am 26. April 2019, der zurzeitige Vizekanzler in Österreich seine schwarzidentitäre Bundesregierung. In der Lugner-City. Recht passend. Eine Aussage, so lustig wie die Aussagen von Herrn Lugner, oder eine so wahr, wie jene des zurzeitigen Vizekanzlers, daß er zehn Jahre in Wien Sportstadtrat gewesen sei und er wisse, wovon er spreche …

Oder kurz auf den Punkt gebracht: die Krähe rupft sich selbst, ohne je eigene zu haben, die Federn aus, und dennoch will die sich selbst im prächtigsten fremden Federkleide anhimmelnde nacktgerupfte Krähe durch Wahlen sich ein weiteres Mal erheben lassen, dabei wird schon lange, sehr lange gewußt, was von solchen zu halten ist – sogar in Österreich …

Bei der Einblendung des Namens von seinem Parteikameraden durch FPÖ-TV mußte augenblicklich gedacht werden, was würde Armin Wolf dazu einfallen? Abkürzungen aus der Zeit der …? Es sieht auch ganz danach aus, als ob FPÖ-TV vermitteln möchte, es sollen mit dem Namen Abkürzungen transportiert werden, haben doch die betreffenden Buchstaben andere Farben: „SK“. „SK“ war einmal die Abkürzung für „Schnellfeuerkanone“, aber auch für u.a.m. „Schiffskanone“, „Sonderkommando“ und für, besonders schön, „Schlauchkarre“. Es wird verständlich, daß der letzte Buchstabe seines Namens weggelassen wurde, eine Abkürzung „SKY“ gab es zu dieser Zeit, die Armin Wolf dazu einfallen könnte, nicht. Und „ida“? Eine Abkürzung, die einzige: „Inspekteur der Artillerie“.

Naheliegender und zutreffender ist wohl die Erklärung, es ist sogar seiner kameradschaftlichen FPÖ-TV klar, es ist ein Name, der nicht in Erinnerung behalten werden muß, deshalb ist es vollkommen gleichgültig, ob dieser Name richtig oder falsch geschrieben wird, und seiner kameradschaftlichen FPÖ-TV ist es ebenfalls klar, zu einem „Kandidaten“ und besonders zu einem „Kandidaten“ für das EU-Parlament fehlt ihm viel, fehlt ihm alles: von ihr kurz und bündig ausgedrückt durch das Weglassen des letzten Buchstabens: Vilimsk, EU-Spitzenkandida …

Es muß aber in der Zeit viel weiter zurückgegangen werden, als nur bis zur der Zeit, bis zur der Armin Wolf nur kommt, wenn es um die identitäre Parlamentspartei und zurzeitige identitäre Regierungspartei geht, und nicht nur er, Wolf, kommt nur bis zu dieser Zeit … Im Grunde kein größeres Geschenk an diese identitäre Partei, zum einen kann sie sich stets leicht herauswinden, zum anderen kann sie recht leicht diese Art von Kritik nehmen, sie wenden und gegen alle richten, allen vorzuwerfen, sie seien das, was ihr vorgehalten wird … Ursula Stenzel hat eben das exemplarisch wieder einmal vorgeführt … und weiters stets eine Bestätigung dieser Partei für jene, die vielleicht zu zweifeln beginnen könnten, aus welchem Gesinnungsei sie geschlüpft ist, eine Bestätigung, sie werde niemals dieses Gesinnungsei vergessen, verraten, das ist ihre Tradition, zu der sie treu und ihrer Ehre gemäß …

Es kann zum Beispiel zweihundertdreißig Jahre zurückgegangen werden, um etwa die Aussagen einer identitären Mini… im 21. Jahrhundert einzuordnen, im Grunde der gesamten zurzeitigen Bundesregierung ….

Éric Vuillard schildert den „14. Juli“. Bereits mit der ersten Seite gibt es kein Entrinnen, an die Gegenwart der zurzeitigen Bundesregierung denken zu müssen:

„Am 23. April 1789 wendet sich Jean-Baptiste Réveillon, Eigentümer der Königlichen Tapetenmanufaktur, an die Wahlversammlung seines Bezirks und fordert eine Senkung der Löhne. In seiner Fabrik in der Rue de Montreuil sind mehr als dreihundert Menschen angestellt. Ungezwungen und erstaunlich freimütig erklärt er, die Arbeiter könnten sehr wohl mit fünfzehn Sous statt mit zwanzig pro Tag auskommen, ja manche hätten bereits eine Taschenuhr und seien bald wohlhabender als er. Réveillon ist der König der Tapeten, er exportiert in die ganze Welt, aber die Konkurrenz ist rege; er möchte, dass seine Arbeitskräfte ihn weniger kosten.

[…]

Doch das Volk hatte Hunger. Die Kornpreise waren gestiegen, die Weizenpreise waren gestiegen, alles war teuer. Und nun machte auch Henriot, Salpeterfabrikant, die gleiche Ankündigung. In den Vororten begann es zu gären. Abends traf man sich in der Schenke, schrie, schimpfte schlürfte sein Gläschen, während man sich fragte, ob man die Miete noch lange würde bezahlen können. Alle waren aufgewühlt und in Sorge. Die Nacht vom 23. April 1789 war eine lange Nacht des Palavers, der Klagen und der Wut.

Es war kurz vor der mehrmals aufgeschobenen Eröffnung der Generalstände. Man demonstrierte. Einen Tag, zwei, vergebens. Réveillon und Henriot glaubten wohl, dass sie sich umbesinnen, dass sie zwischen zwei kräftigen Zügen Wein und zwei Brocken Brot die Pille schlucken würden – es gab ja keine Wahl! –, und dass bald alle wieder frühmorgens vor ihren Maschinen knien und um ihr Leben schuften würden – denn leben muss man nun mal! –, man kann sich schließlich nicht ewig auf der Place de Grève die Seele aus dem Leib brüllen. Doch der Protest hörte nicht auf.“

„Doch der Protest hörte nicht auf.“ Es wurden die Prachtbauten von Réveillon und Henriot gestürmt. In diesem April 1789. Und es blieb nicht dabei. Es ging weiter. Bis zum 14. Juli. Bis zum Sturm …

Die Schilderung von Eric Vuillard endet:

„Angeblich soll es am 14. Juli gegen Ende des Tages geregnet haben. Ich bin mir nicht sicher. Die Meinungen gehen auseinander. Fest steht jedoch, dass es Papier regnete. Man schmiss die Archive der Ordnung und die Gefangenregister, die unbeantworteten Bittgesuche und Rechnungsbücher in die Luft und sah sie schweben, flattern, auf den Dächern landen, im Dreck, auf den Bäumen und in den schmutzigen Gräben der Festung.

[…]

Man müsste häufiger mal seine Fenster öffnen. Ab und zu, einfach so und völlig ungeplant, alles über Bord schmeißen. Das würde Erleichterung verschaffen. Man müsste, wenn das Herz uns so aufwühlt, wenn die Ordnung uns erbittert und die Verwirrung uns den Atem nimmt, die Türen unserer lächerlichen Élysée-Paläste eintreten, dort wo die letzten Fesseln langsam verrotten, man müsste die Saffianleder stibitzen, die Türsteher kitzeln, die Stuhlbeine anknabbern und nachts, unter den Harnischen, nach dem Licht suchen wie nach einer Erinnerung.

Ja, manchmal, wenn das Wetter allzu grau, der Horizont allzu trübe ist, müsste man die Schubladen öffnen, die Scheiben mit Steinen einschmeißen und die Papiere aus dem Fenster werfen. Dekrete, Gesetze, Protokolle, einfach alles! Es würde fallen, langsam sinken, in die Gosse regnen. Und sie würden durch die Nacht wirbeln wie die fettigen Papiere, die nach dem Jahrmarkt unter den Karussells kreiseln. Das wäre schön und lustig und erhebend. Glücklich würden wir zusehen, wie sie fallen und sich lösen, fliegende Blätter, unendlich fern ihrer zitternden Finsternis.“

Der 26. Mai 2019 bereits könnte so ein 14. Juli sein, nicht nur in Österreich, sondern in allen Ländern, in denen beispielsweise ein Innenminister Fragen aus dem Gesinnungsei kratzt, die alle dazu zwingen, sich mit der Zeit zu beschäftigen, wie zum Beispiel Armin Wolf …

Am 26. Mai 2019 ein erster Sturm, aber nicht einer Festung, sondern ein Sturm in der Wahlzelle, der solche Parteien hinauswählt aus den Parlamenten, ein erster Sturm am 26. Mai 2019, dem allen folgenden Wahlen Stürme in den Wahlzellen folgen müssen, bis solche Parteien, auf das reduziert sind, was ihre außerparlamentarische Gesinnungskameraden sind, außerparlamentarische und vor allem wieder regierungsferne Gesinnungskameradinnen …

Für solche Stürme bedarf es wenig. Für solche Stürme bedarf es alles. Es bedarf Qualitätswählerinnen und vor allem Qualitätswähler, von denen in einem Kapitel bereits gesprochen wurde, freilich ohne Hoffnung, ohne Zuversicht, was Österreich betrifft …

4 Gedanken zu „Vilimsk, EU-Spitzenkandida

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