Eine zu unterzeichnende Charta

Trauet den Weißen nicht,
ihr Bewohner des Ufers!
In den Zeiten unsrer Väter
landeten die Weißen auf dieser Insel.
Man sagte zu ihnen: da ist das Land,
eure Frauen mögen es bauen;
seid gerecht, seid gut,
und werdet unsere Brüder.

Die Weißen versprachen, und dennoch
warfen sie Schanzen auf.
Eine drohende Festung erhob sich;
der Donner ward in eherne Schlünde gesperrt;
ihre Priester wollten uns
einen Gott geben, den wir nicht kennen;
sie sprachen endlich
von Gehorsam und Sklaverei.
Eher der Tod!
Lang und schrecklich war das Gemetzel;
aber trotz den Donnern, die ausströmten,
die ganze Heere zermalmten,
wurden sie alle vernichtet.
Trauet den Weißen nicht!

Neue, stärkere und zahlreichere Tyrannen
haben wir ihre Fahne am Ufer pflanzen gesehn.
Der Himmel hat für uns gefochten.
Regengüsse, Ungewitter und vergiftete Winde
sandt‘ er über sie, sie sind nicht mehr,
und wir leben und leben frei.
Trauet den Weißen nicht,
ihr Bewohner des Ufers.

Mit diesem Lied beginnt das Buch „Traut den Weißen nicht“ von Alain Badiou.

Mit einem Gedicht läßt Alain Badiou sein Buch auch enden, beinahe.

Wir, die wir keinen festen Wohnsitz haben
wir, die wir unser Zuhause überall
aufschlagen, wo wir sind
wir, die wir unsere Heimatstädte verlassen haben
wir, die wir von Ort zu Ort herumziehen
wir, die wir ein Leben auf Wanderschaft führen

Wir, die wir aus der gelben Erde stammen
wir, die wir, um zu leben
die gelbe Erde verraten haben
wir, die wir in der Stadt kämpfen
unseren Schweiß und unsere Jugend Tropfen um Tropfen opfern
oft als Fremde ausgeschlossen

Wir, die wir uns nach Osten
und Westen zerstreuen
wir, die wir in der Stadt leben,
aber die man noch „Bauern“ nennt
wir, die nach Hause zurückkehren,
finden, dass uns nichts mehr vertraut ist
wir, die wir zwei Dinge zugleich machen können
da wir in der Mitte festsitzen
wir, die wir verlassen sind
und die also inmitten des Frühjahrs im ersten Mondmonat so schnell wie möglich einer nach dem anderen in den Süden aufbrechen

Und wer sind wir genau?
Wer genau sind wir?

Wir, Arbeiter,
wir, die wir durch alle Jahreszeiten
hindurch arbeiten
wir, die wir Zugvögeln ähneln,
die alles verloren haben

Wir sind „lahme Enten“.

Mit diesem Gedicht von Xin You endet beinahe das Buch von Alain Badiou. Knapp davor zitiert Alain Badiou aus einem Gedicht von Guo Jinniu.

„Kleiner weißer Schmetterling, Tränen fließen“
Im Süden bricht jemand die Tür eines Mietzimmers auf.
Guter Gott! Sie kommen, um die Befristete
Aufenthaltsgenehmigung zu kontrollieren.

Im Anschluß daran schreibt Alain Badiou.

Sie sehen, wie mit einer Art hartnäckiger Nüchternheit die Vermischung von zwei grundlegenden Fragen dichterisch verarbeitet wird, die überall auf der Welt mit den Bewegungen der nomadischen Proletarier verbunden sind: die Frage der Reise und die Frage der Papiere. Für den nomadischen Proletarier stellt sich immer und überall die Papierfrage, die ihn nicht loslässt, das, was Jacques Rancière zu Recht den „Papierkram der Armen“ nennt: Passvisum, unterschiedliche Zertifikate, Behördenvorladungen, befristete Aufenthaltsgenehmigungen, Abschiebungsbeschlüsse, Bestätigungen des Alters, des Geschlechts, der Herkunft, des Bildungsniveaus, der Sprachkenntnisse und so weiter.

Sie wissen längst, worum es in diesem Buch geht. Es geht um — nein, das Wort wird nicht ausgeschrieben, auch das steht im Buch, warum dieses Wort, das verletzt, nicht gesagt werden soll.

Das Lied am Anfang des Buches: 1783 von Évariste de Parny geschrieben, von Ravel vertont, schreibt Alain Badiou. „Trauet den Weißen nicht!“ … Das ist kein Aufruf aus der Gegenwart also, sondern eine sehr alte , eine ganz alte, uralte Feststellung. Und übersetzt wurde dieses Lied von Johann Gottfried von Herder, von ihm in seine Sammlung „Stimmen der Völker in Liedern. Volkslieder. Zwei Teile 1778/79“ aufgenommen. Es ist die Übersetzung von Herder, in seinen deutschen Worten der Ausruf und Aufruf „Trauet den Weißen nicht!“ — —

Wie anders wird Herder sonst begegnet, etwa in Österreich, wenn am Pool liegend

Sie wissen es längst schon. Es kann empfohlen werden, es zu lesen, das gesamte Buch zu lesen. Nehmen Sie es auf in ihre Sammlung des Wissens, wenn Sie darüber sprechen wollen, dessen „schlechtes Wort“ hier nicht geschrieben wird.

Dennoch ein paar Zitate aus dem Buch. Von Alain Badiou zu Frankreich geschrieben, aber so zutreffend auf viele Länder, beispielsweise auf Österreich …

Die nationalistische und faschistoide Thematik des Fremden als Bedrohung, für die Identität zeigt sich rege wie in den 1930er-Jahren. Man nicht davor zurück, die Situation als die einer Invasion unserer zivilisierten Länder durch Horden darzustellen, durch Horden von […], zum Beispiel durch Horden von „Roma“. Die moslemische Religion wird als eine barbarische Gefahr angesehen. Man schließt die Arbeiterheime, man unterstellt die Jugend der Vorstadtviertel einer polizeilichen Kontrolle, man macht Delogierungen zur Norm, die Erlangung eines Aufenthaltstitels wird zu einem Kreuzweg, man lässt Tausende der sogenannten […] im Mittelmeer ertrinken, man beschließt neue ruchlose Gesetze, die es auch noch auf die Bekleidungs- und Ernährungsgewohnheiten der Betroffenen abgesehen haben.

[D]en Vorwand liefert, handelt es sich um eine Art Verdauung des Elends derer, die aufgebrochen sind wegen der vermeintlichen „Werte“ – Gastfreundlichkeit und Demokratie – der Länder, in die sie gehen.

Der Ausgangspunkt, den jeder kennt, ohne dass man die Konsequenzen daraus zieht, lässt sich so formulieren: Im kapitalistischen Universum, das das Schicksal der Menschheit bestimmt, ist der Maßstab die Produktion von was auch immer die ganze Erde, die ganze Welt.

Das Buch mit seinen gerade einmal fünfzig Seiten endet mit einem Aufruf:

Die nomadischen Proletarier fordern uns durch die Stimme der Dichtung dazu auf, diese Charta zu unterzeichnen. Ihr universalistischer Schwung ist überzeugend und sie könnte noch lange in uns nachwirken. Vor allem in uns, denn diese Deklaration endet, indem sie die absolute Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit darlegt, das Ertrinken, die massenhaften Festnahmen, die Verbote, den Papierkram der Armen sowie jegliche Ausgrenzung aufgrund von Herkunft oder Status und die erbärmlichen und schändlichen Versuche, sie zu begründen, nicht länger hinzunehmen. Hier die fünf letzten Artikel dieser feierlichen Dichter-Erklärung:

9. Die Dichter erklären, dass eine nationale oder supranationale Verfassung, die keine Vorkehrungen für die Aufnahme von Menschen bereithält, die eintreffen, durchreisen und an unsere Hilfe appellieren, ebenfalls gegen den Grundsatz der Sicherheit für alle verstößt.

10. Die Dichter klären, dass dem Flüchtenden, Asylsuchenden, […] in Not, dem freiwillig Ausgereisten oder poetisch Vertriebenen, der an einem Ort der Welt auftaucht, nicht nur ein Gesicht und ein Herz, sondern alle Gesichter und alle Herzen zugewandt sein sollten. Denn er kommt aus den Tiefen der Menschheitsgeschichte zu uns, er ist das absolute Symbol für die menschliche Würde.

11. Die Dichter erklären, dass auf unserem Planeten kein Mensch jemals mehr ein fremdes Land betreten soll – alle Länder sollen ihm Heimat werden – und dass er auch nicht am Rand der Gesellschaft bleiben muss, denn jeder wird ihn willkommen heißen. Weil diese Gemeinschaft die Diversität auf der Welt schätzt, wird sie es ihm selbst überlassen, welches kulturelle Gepäck und Handwerkszeuge er für sich wählt.

12. Die Dichter erklären, dass unabhängig von den Umständen, unter denen ein Kind auf die Welt kommt, es seiner Kindheit nicht beraubt werden darf. Die Kindheit ist Blut von unserem Blut, sie ist das Salz der Erde, der Boden, auf dem wir alle stehen. Daher ist ein Kind überall zu Hause wie der Windhauch, das reinigende Gewitter, es hat alle Rechte und ist Staatsbürger von vorneherein.

13. Die Dichter erklären, dass das gesamte Mittelmeer zu einem Denkmal für die Menschen wird. die in ihm den Tod fanden, dass sich über seine Ufer ein Torbogen spannt, offen für den Wind und die kleinsten Lichter, dass auf ihm für alle sichtbar das Wort WILLKOMMEN prangt, in allen Sprachen, in allen Liedern, und dass dieses Wort für die Ethik des Zusammenlebens auf der Welt steht.

Pool, Ort der kultivierten Diskriminierung

Eine Frage bleibt noch offen, wo lesen die Menschen, die derartige Besprechungen schreiben, eigentlich die Bücher, die sie besprechen?

Wie der Buchbesprecher etwa, der selbst, so wird es verbreitet, ein Schriftsteller ist, ein Schriftsteller in Österreich, der als Österreicher, genauso wie von Calaferte ein Österreicher eindringlich beschrieben wird, sich blind stellt.

Sie werden die Bücher in ihren Einfamilienhäusern mit gepflegtem Gärtlein lesen, am Pool, rundherum geschützt durch eine blickdichte Hecke. Favorisierte Pflanze für eine solche Hecke ist die Thuja occidentalis, also der abendländische Lebensbaum, auch genannt die gewöhnliche Thuja …

Die blickdichte Hecke als Sichtschutz, um die Lager der Vergangenheit und Gegenwart rund um die Einfamilienhäuser nicht zu sehen, während auf der Liege liegend Bücher über Lager …

Pool, Ort der gepflegten Diskriminierung …

Lieber alter Lobe. Was hast Du nicht alles unternommen, um uns davon zu überzeugen, dass die Gemeinschaft uns erwartete und uns nicht diskriminieren würde.“

So erinnert sich viel später noch Louis Calaferte in Anerkennung an den Schulleiter Lobe, an den Pädagogen seiner Schulzeit. Daran hat wohl Lobe nie gedacht, daß er selbst einmal …

Und Louis Calaferte wird vielleicht auch nie daran gedacht haben, daß noch Jahrzehnte später derart über ihn falsch geschrieben wird.

„Louis Calaferte arbeitete selbst als Rundfunkjournalist und Dramatiker. Sein größter Erfolg zu Lebzeiten war ausgerechnet ein Skandal: das pornografische Werk Septentrion (1963).“

Pool, Ort der kultivierten Mißinformation … Von dem tatsächlichen „Skandal“ schweigt der Buchbesprecher aus Österreich. Der Skandal, daß dieses Buch sofort auf den Index gekommen ist, für zwanzig Jahre nicht mehr erhältlich war. Erst 1984 konnte das Buch wieder veröffentlicht werden, ein politisches und soziales Buch, von einem der in Frankreich zu seiner Lebenszeit auch einer der „meistgespielten Dramatiker“ …

„D’une sauvagerie du verbe aussi, à comprendre comme scène primitive où l’amour de la littérature s’exprime avec age. ‚Septentrion‘ (1963), son livre culte, en fera les frais par une censure de vingt ans, l’accusation de pornographie masquant le grand livre politique et social dont il s’agit (Calaferte réitéra quelques années plus tard sous la forme d’un essai avec ‚Droit de cité‘).“

Lobe war genau der Pädagoge, der uns gefehlt hatte.

„Er erkannte unseren wirklichen Wert, auf einen Blick. Er wusste, mit wem er es zu tun hatte, und schenkte uns sein Vertrauen. Er setzte durch, dass die polizeiliche Überwachung aus der Schule entfernt wurde.“

Menschgemäß ist es Unsinn, zu sagen, es kann über ein Buch nicht gesprochen, weil dessen Inhalt unerträglich, unaushaltbar, nicht zu verkraften ist, wie behauptet wurde.

Wenn die Menschen, vor allem Kinder, in ihrem Leben das Geschilderte täglich auszuhalten haben, jede Nacht zu ertragen haben, ihre Weltwirklichkeit zu verkraften haben, dann ist das Lesen von solch Geschildertem und vor allem das Sprechen über solch Geschildertes eine …

Es muß aber das Geschilderte, das nicht auszuhalten ist, das nicht zu ertragen ist, das nicht zu verkraften ist, nicht nacherzählt werden, wie es in Besprechungen dieses Buch passierte. In solchen Besprechungen geben die Menschen, die solche Besprechungen schreiben, mehr über sich preis, als über das besprochene Buch selbst, durch ihre Auswahl, was sie wert befinden, nachzuerzählen. Das Wesentliche dabei verschweigen, die Stellen im Buch, die Wege aufzeigen, wie gegen dieses Elend vorgegangen werden kann, wie Menschen, diesem Elend entrinnen können, das absolut nicht erwähnenswert finden, wohl deshalb, weil sie, ohne das sich selbst eingestehen zu können, meinen, diese Menschen haben dort zu bleiben, wo sie sind, da sie, wie beispielhaft in einer Buchbesprechung es zu lesen ist, „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“ sind. Der Rezensent, es ist ein Mann, der Rezensent wagt das, so fein ist seine Meinung von sich selbst, nicht in eigenen Worten zu schreiben, sondern maskiert es mit einem Zitat, läßt Karl Marx für sich marschieren.

Und wie gerade dieser Rezensent das Unwesentlichste in seiner Buchbesprechung hervorhebt, dafür darf das Beispiel des Schuldirektors Lobe herangezogen werden.

Der Buchbesprecher meint, die Beziehung zwischen Lobe und Calaferte, der in seinem Buch selbst eine Figur mit seinem eigenen Namen ist, ist „die einzige wirkliche Liebesgeschichte“ in diesem Buch.

„Der halbwüchsige Louis trifft bei seinem Schuldirektor, einem kriegsversehrten Lebemann mit Vorliebe für Kneipenschlägereien, instinktiv auf Verständnis. Es ist dies die einzige wirkliche Liebesgeschichte in einem Buch, das man künftig in einem Atemzug mit Célines Tod auf Kredit oder Jean Genets Miracle de la Rose wird nennen müssen.“

Eine Liebesgeschichte, nein – eine Freundschaft, ja … eine Freundschaft zwischen Calaferte und Lobe, von allem getragen, was eine Freundschaft kennzeichnet, auszeichnet.

Das Verständnis, das Lobe den jungen Menschen in der Schule entgegenbringt, ist kein instinktives Verständnis. Er weiß, was zu tun ist, und Lobe handelt. Für die jungen Menschen. Und die jungen Menschen erkennen sofort, was ihnen bislang fehlte.

„Lobe war genau der Pädagoge, der uns gefehlt hatte. Er erkannte unseren wirklichen Wert, auf einen Blick. Er wusste, mit wem er es zu tun hatte, und schenkte uns sein Vertrauen. Er setzte durch, dass die polizeiliche Überwachung aus der Schule entfernt wurde. Vor seiner Ankunft wurde unser Kommen und Gehen von zwei Wachleuten mit Argusaugen kontrolliert. Lobe verpflichtete sich, die Überwachung selbst zu übernehmen. Damit hatte er bei uns einen dicken Stein im Brett. Wir waren ihm sofort dankbar dafür. Mit dem würden wir auskommen können. Er stand auf unserer Seite, dieser Einarmige mit dem geriffelten Monokel, in dem sich die Lichter verfingen.“

„Als wir von der Schule abgingen, waren wir halbwegs annehmbare Jungs, die es, gestützt auf ihren Willen, mit dem Leben aufnehmen konnten, ohne systematisch zu Vorbestraften zu werden. Lobe hatte getan, was er konnte, und hätten wir nicht ihn gehabt, um uns ein wenig Verstand beizubringen, frage ich mich ernsthaft, was wohl insgesamt aus uns geworden wäre.“

„In einer Wohnung, die in Büchern versank. Vor dieser Flut von Bänden ist mir offenbar geworden, was ein Buch, was das Lesen sein sollte. Er war es, der mir das erste Buch lieh, das kein Schulbuch war: Widerlegung der Bibel.“

Vielleicht ist auch Neid dabei, daß der Buchbesprecher Lobe in seiner Besprechung auf Instinkte und Kneipenschlägereien reduziert, die Beziehung zwischen Lobe und Calaferte zur einzigen wirklichen Liebesgeschichte verkitscht. Weil der Buchbesprecher in seiner Jugend keine Pädagogin hatte, keinen Pädagogen wie Lobe, der ihm offenbarte, was ein Buch, was das Lesen

Es gibt Wege heraus, auch aus dem Elend, es gibt Veränderungen, Verbesserungen. Davon erzählt dieses Buch ebenfalls. Von der Wichtigkeit der Pädagogik. Davon aber berichtet der Buchbesprecher nichts. Das verschweigt der Buchbesprecher. Geradeso, als müsste es in Lagern auf ewig so bleiben, als dürfte es für Menschen in Lagern kein Entkommen, kein Entrinnen geben. Für sie keine Aussicht auf ein gutes Leben.

Von einem Buchbesprecher, der in seinem ersten Absatz bereits Karl Marx bemüht, könnte anderes erwartet werden, als das wohlige Nacherzählen von Grausamkeiten, als das Verkitschen, als das Mißverstehen, als das Miesverstehen …

Traurig, daß der Buchbesprecher nicht weiß, in seinem hohen Alter noch nicht weiß, was eine Liebesgeschichte wirklich

Tatsächlich nicht auszuhalten, tatsächlich nicht zu ertragen, tatsächlich nicht zu verkraften, sind derartige Buchbesprechungen.

Und wie so oft auch diesmal, das Glück, von solchen Buchbesprechungen erst später, durch Zufall, lange nach der Lektüre der miesbesprochenen Bücher erfahren zu haben.

Karl Marx, also ein Mensch des 19. Jahrhunderts hätte das Buch bereits leichthin verstanden, als ein Buch, das Möglichkeiten von Veränderungen, von Verbesserungen konkret aufzeigt, hin zu einem guten Leben. Ein gutes Leben, das der Buchbesprecher den Menschen in derartigen Lagern nicht zugesteht, weil sie für ihn, auch wenn er dafür Worte eines anderen mißbraucht, Abfall, Auswurf, Abhub sind, die es nicht verdienen, aus dem Elend herauszukommen, deshalb von ihm verschwiegen werden muß, daß es auch für sie Perspektiven gibt, nicht nur, aber auch mit starker Unterstützung durch Pädagogik. Durch eine Pädagogik aber, die nicht eine der „zärtlichen Sprache der Fäuste“ ist.

Calaferte selbst ist dafür der herausragendste Beispielgeber, mit seinem Glück, im richtigen Moment einen Pädagogen wie Lobe an seiner Seite gehabt zu haben. Die pädagogische Unterstützung darf aber kein Glück sein, sonst bleibt es bei Einzelfällen, die es schaffen, dem Elend zu entrinnen. Sie, die pädagogische Unterstützung, muß strukturell und breitest verankert sein.

Es gibt in dem Buch tatsächlich eine „wirkliche Liebesgeschichte“. Aber Calaferte ist keine Pilcher, und es muß Nachsicht mit dem Buchbesprecher geübt werden, diese wirkliche Liebesgeschichte nicht erlesen zu haben.

„Der letzte Satz dieses Buches, ein Satz der Liebe, ist für ihn geschrieben und für eine Frau, über die ich nicht gesprochen haben werde. Sie allein wird es wissen. Sie und ich. Und ich allein habe sie geliebt. Nicht wahr, G…“

Dieser Satz ist geschrieben für die geliebte Frau und für Schborn. Schborn ist für den Buchbesprecher ein „schöner Name“. Calaferte versteht nicht Liebesgeschichten wie Danella etwa zu schreiben, damit der Buchbesprecher eine solche auch sofort als eine erkennen kann, aber er, Calaferte, versteht es, von Liebe zu schreiben, auch von der Liebe in solchen Lagern, von der Liebe im Elend.

„Trotz seines gesunden Menschenverstandes, seiner Sicht der Dinge, seiner Schlauheit und seiner Vorliebe für das Abstrakte fehlte es Schborn an wirklicher Logik. Er war ein intuitiver Mensch. Ein Dichter. Einer, der die Welt zusammensetzt und auseinandernimmt, um sie von neuem und besser zusammenzusetzen. Später entdeckte ich in der Stadt, als wir zusammen wie eh und je ein entsetzlich unbequemes und heruntergekommenes Zimmer bewohnten, was mein Kamerad war. Ein erstaunlicher Kerl. Ein Herz voll von Mut. Ein Herz voll von Liebe. Dieser unbefriedigten Liebe, um die sich niemand in der Zone scherte. Hinter seinem grausamen Auftreten erwies sich Schborn als über die Maßen rein, er strebte nach dem Leben und der Liebe, die er nicht kannte. Der letzte Satz dieses Buches, ein Satz der Liebe, ist für ihn geschrieben und für eine Frau …“

Der Buchbesprecher soll auch ein Schriftsteller sein. Seine Buchbesprechungen sind Empfehlung genug, je kein Buch von ihm aufzuschlagen.

„Es begann am Arsch der Welt.“ Zitiert der Buchbesprecher den ersten Satz des Buches von Calaferte gleich zu Beginn seiner Besprechung.

Es soll mit dem letzten Satz des Buches der Abgesang auf einen Buchbesprecher das Kapitel geschlossen werden.

„Selbst meine Gespenster weigern sich, mir zu folgen, und in der Luft schwingt nur eine unmenschliche Musik zur Begleitung der Tränen, während ich für einen toten Kameraden und ein Mädchen, das ich liebe, einen wunderbaren Gesang der Liebe anstimmen möchte …“

„Der Österreicher“

Es gibt Bücher, von deren Inhalten nicht gesprochen werden will, auch nicht gesprochen werden kann. Weil die in diesen Büchern geschilderte Welt schon als nur gelesene Welt eine unerträgliche, eine nicht aushaltbare, eine nicht zu verkraftende Welt ist.

Wie unerträglich, wie unaushaltbar und eine nicht zu verkraftende Welt muß diese Welt für die Menschen und vor allem für die Kinder erst sein, die in diesen geschilderten Lagern tatsächlich Tag für Tag, Nacht für Nacht tatsächlich zu leben haben, ihnen diese geschilderte Blechhüttenwelt täglich ihre wirkliche Welt ist, ein Leben lang ihre einzige Weltwirklichkeit bleibt.

„Requiem für die Schuldlosen“ von Louis Calaferte ist so ein Buch, dessen Inhalt unerträglich, nicht aushaltbar, nicht zu verkraften ist.

Es versagt, von diesem Buch sprechen zu können.

Freilich, es könnte ein Kniff angewendet werden, um doch über dieses Buch sprechen zu können, es könnte ausgewichen werden, indem über die literarischen Qualitäten dieses Buches gesprochen wird. Und es ist von höchster literarischer Qualität, mit einem üblichen Wort: Weltliteratur. Aber sein Inhalt diktiert die Verweigerung, dieses Buch literarischen Kriterien zu unterwerfen.

Um es aber nicht zu verschweigen, dieses Buch doch ansprechen zu können, fern von Lyon, hier in Österreich etwa, oder besonders hier in Österreich, ist dieses Buch doch zu gütig, hilft das Buch selbst, nicht dem Schweigen verfallen zu müssen.

Mit einem Mann, von dem in diesem Buch erzählt wird. Es ist ein Mann, dessen Geschichte im Buch wenige Zeilen ausmacht.

Mit dem Österreicher, der eine absolute Nebenfigur ist, und als Nebenfigur im Grunde nur vorkommt, weil die anderen, Kinder, sich von ihm täuschen lassen, daß er nämlich blind ist, aber lange hält die Täuschung nicht, nur für ihn selbst, den Österreicher …

„Die Tatsache, dass ein Individuum wie Lubitsch uns seine Blindheit einreden konnte, obwohl er genauso klar und deutlich sah wie jeder von uns, beeindruckte weder Schborn noch Debrer noch Lubresco, die doch nur Kinder waren. Wir dachten ganz aufrichtig, dass der Österreicher blind war, und zum Spaß führten wir ihn oft in die Irre, ohne seinen Trick zu durchschauen. Das dünne Kerlchen ließ es sich gefallen, es konnte seiner eigenen Phantasie nicht entrinnen.

Lubitsch war dennoch ein Sonderfall. Er war irgendwann bei uns gelandet und rührte sich nicht mehr weg. Er kam an einem Sommerabend, vor ihm ging ein weiß gekalkter Stock. Seine trüben grauen Augen standen offen, weit offen. Feld nahm ihn einige Monate lang bei sich auf und gab ihm zu essen, doch dann bezog er eine Blechhütte beim Brachland. Und wenn irgendeiner daran dachte, brachten wir ihm Essensreste. Ob das nun unmöglich erscheint oder nicht, Lubitsch, lebte fünf Jahre in seinem Verschlag, allein, auf einem Hocker sitzend oder auf dem Stroh liegend, und trat nur unter der Bedingung auf die Straße, dass ein Junge ihn führte.

Dass er normal war, stellten wir an dem Tag fest, an dem seine Bude Feuer fing und er ohne Hilfe hinausrannte. Als er sich durchschaut sah, antwortete er nicht auf die Fragen. Er behauptete, die Angst vor der Gefahr habe ihm das Augenlicht zurückgegeben. Und obwohl keiner daran glauben wollte, blieb er dabei.

Lubitsch war ein komischer Kauz und neigte ganz einfach dazu, sich zu kasteien. Ohne das Stigma irgendeines Leidens konnte er nicht leben. Das ging so weit, dass er sich eines Morgens, da er nicht mehr von seiner aufgeflogenen Lüge profitieren konnte, sich mit einem Gewehr aus nächster Nähe die rechte Hand wegschoss. Nachdem wir ihn blind gesehen hatten, gewöhnten wir uns daran, ihn einen hässlichen violetten Stumpf herumschleppen zu sehen. Das änderte nicht viel an seiner Existenz, außer, dass er nicht mehr von der Gemeinschaft ernährt wurde. Wenig später bedeutete uns Feltin, er sei ein Spitzel. Das brachte ihm ein gewisses Einkommen.“

Das ist alles, was über den sich blind stellenden Österreicher, über den österreichischen Spitzel in diesem Buch geschrieben wird.

Für Louis Calaferte wird es belanglos gewesen sein, woher dieser sich blind stellende Spitzel kommt, er wird sich für diesen keine Herkunft groß ausgedacht haben, der sich blind stellende Spitzel wird tatsächlich einfach aus Österreich gekommen sein, einfach wie kurz ein Österreicher. Die Beschreibung des sich blind stellenden österreichischen Spitzels in Österreich zu lesen, hat die Qualität, die grillparzerische Beschreibung des österreichischen Menschen abzulösen.

„Da stellt der Österreicher sich hin, denkt sich seinen Teil und läßt die anderen reden.“

Die Zeilen von Grillparzer, der Text eines Dichters für Stellenanzeigen, ausgeschrieben zur Anstellung des österreichischen Menschen – „stellt sich hin, läßt die anderen reden“. Franz Grillparzer schrieb also das Anforderungsprofil für den österreichischen Menschen …

Einmal noch, um zu vervollständigen, was in diesem Requiem über den „Österreicher“ geschrieben steht, kommt der sich blind stellende österreichische Spitzel vor in diesem Buch, mit diesen wenigen Zeilen …

„Am Sonntag bat auch Lubitsch, als er noch als blind galt, jemand möge ihm ein Stück Brot geben. Das Symbol der Kommunion. Meine Mutter kümmerte sich um diese besondere Nahrung. Lubitsch umarmte sie überschwänglich, zumal ein Teil des Brotes auf dem Tisch liegen blieb, was am Ende der Woche immerhin schon etwas war.“

„Der Österreicher“, der Spitzel, der sich blind stellende Bettler …

Die Tafeln bleiben angerichtet, zu ebener Erd‘ und im ersten Stock

„Es widerspricht dem anti-deutschnationalen Inhalt der österreichischen Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945. Es widerspricht dem Geist der österreichischen Verfassung, die nationalsozialistische Wiederbetätigung verbietet. Es widerspricht dem antifaschistischen Auftrag des österreichischen Staatsvertrages von 1955. Eine Landesregierung, die der österreichischen Verfassung verpflichtet ist, würde so etwas in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht dulden. – Tut es aber. Dass dieses Denkmal überhaupt dort steht, ist skandalös. Dass es mit Zustimmung bzw. Duldung der Landesregierung dort steht, ist der wahre Skandal. Es restlos zu entfernen und in den Keller des Kärntner Geschichtsvereins zu verbringen, wäre gerade dieser Tage sinnvoll. Das wäre ein gelungener Beitrag zum 10. Oktober, und er könnte dann tatsächlich sinnvoll begangen werden – als Internationaler Tag der seelischen Gesundheit (‚World Mental Health Day‘).“

Das schreibt im Oktober ’20 Mirko Messner.

Allgemein ist einleitend zu sagen, daß solch ein „Denkmal überhaupt dort steht, ist nicht „skandalös“, es ist recht österreichlich, da „solch ein Denkmal“ an vielen Plätzen in diesem Land ….

Und nun zu Kärnten, im besonderen, zu diesem recht besonderen Teil des Landes Österreich. Kärnten belohnt die Menschen, die durch Kärnten wandern, mit einer Festtagstafel in seiner Landeshauptstadt. Und wer verdient sich nicht einen Platz an einer festlichen Tafel, dafür, die Mühe auf sich zu sich nehmen, das Land zu erwandern, Barbarossa zu besuchen, im Rheingold einzukehren, in der Walhalla vorbeizuschauen, in Feldkirchen die Werbeausstellung der Burschenschaft auf dem Platz zu bestaunen, stets geleitet zur sicheren Orientierung, nicht vom rechten Pfad abzukommen, vom weithin sichtbaren Leitkreuz, in Sachsenburg den Sinn des Lebens „Treu bis in den Tod“ bestätigt zu bekommen, in Villach, in Villach, ach, Villach, geistiges Wahrzeichen Österreichs …

Nach solchen Wanderungen durch das Land Kärnten ist es nur recht und billig, in der Landeshauptstadt an der Festtagstafel Platz nehmen zu dürfen, sich zu laben, an den Tafeln zu ebener Erd‘ und im ersten Stock …

Nicht nur mit Brot die Menschen zu versorgen, ist des Landes Kärnten hehrer Auftrag, sondern auch mit rechter Bildung ist des Landes Kärnten heilige Pflicht. Und wahrlich kann das Land Kärnten von schönen Erfolgen seines Bildungsauftrags berichten. Von einem weltweiten Bildungserfolg. Unvergesslich der Mann, der nach seiner Bildungsreise, die ihn auch nach Klagenfurt führte, im Angesicht des Wappensaals wohl augenblicklich wußte, was er zu tun hat, in Neuseeland.

Und wer das Brot gegessen, gelabt mit rechter Bildung, ist recht gestärkt für das gemütliche Beieinanderhocken zum Gesangsvortrage und zum Lauschen der Verse im Schutz des Leithakens

An überreich gedeckten Tafeln also auch in diesem Jahr wieder ein recht erhebender „Rezitationsabend zum 10. Oktober, der heuer auf den …………….. fällt“ — —

PS Mirko Messner spricht auch die österreichische Unabhängigkeitserklärung von 1945 an, die widersprechen würde, nun, ja, das ist so eine recht eigene Sache mit dieser „Unabhängigkeitserklärung“ … auch nicht „skandalös“, sondern österreichlich …

Hausverstand braucht Klimaschutz

Eine Auswirkung des Anbetens des Hausverstands ist stets das Verkümmern der Sprache, die Ungenauigkeit der Aussagen, die absolute Sinnverkehrung dessen, was gesagt werden will, bis hin zum totalen Sprachverlust.

Wenn als Beispiel hierfür allein herangezogen wird die Aussage „Wir hatten die Klimakrise“ des für kurz gewesenen und nun wieder spielenden Bundeskanzlers in Österreich, ist es durchaus möglich, daß die ÖVP eigentlich plakatieren wollte: „Hausverstand braucht Klimaschutz.“

Wie also der zurzeitige Bundeskanzler die Zeiten durcheinanderbrachte, indem er etwas als vergangen darstellte, das aber tatsächlich forciert andauert, nämlich die „Klimakrise“, dürfte es der ÖVP insgesamt nicht gelingen, das sprachlich korrekt auszudrücken, was sie tatsächlich meint, daß nämlich der „Hausverstand Klimaschutz“ brauche.

„Weil Klimaschutz Hausverstand braucht.“

Dieser von der ÖVP plakatierte Spruch macht und ergibt nur dann einen aussagekräftigen Sinn, wenn dieser einzig mit dem „Hausverstand“ gelesen wird, also, wie im letzten Kapitel ausgeführt, mit „kollektivem Denkverzicht“ …

Hingegen ist die wohl tatsächlich gemeinte Aussage der ÖVP, daß „Hausverstand Klimaschutz“ brauche, eine vollkommen nachvollziehbare Aussage für die ÖVP. Denn. Nur der Klimaschutz des Hausverstandes kann der ÖVP das Klima gewährleisten, in dem sie nur gedeihen zu können vermeint.

Hausverstand

Mit dem „Hausverstand“ zu werben, hat einem billigen Laden durchschlagenden Erfolg beschert. Den „Hausverstand“ beim Einkaufen von Karotten einzusetzen, ist sicher klug, um etwa nicht zu viele Karotten zu kaufen, die doch nur unverbraucht vergammelt im Abfalleimer landeten.

Den „Hausverstand“ in der Politik zu bemühen, wie es Gernot Blümel und Sebastian Kurz tun, mag ihnen „clever“ erscheinen. „Clever“ aber ist das doch nur, wie eine Billig-Laden-Marke „clever“ zu sein vermag.

Gernot Blümel setzt aktuell im Wahlkampf zur bevorstehenden Gemeinderatswahl in Wien am 11. Oktober 2020 auf den „Hausverstand“.

Sebastian Kurz setzt ein weiteres Mal auf den „Hausverstand“, ebenfalls jetzt im September 2020, um ein medizinisches Problem, auch genannt „Coronavirus“, zu lösen.

Sebastian Kurz setzte schon davor auf den „Hausverstand“, besonders in seiner Regierungserklärung, als die Damen und Herren der FPÖ für kurz Regierungspartei

„Kurz will mit ‚Respekt, Anstand und auch Hausverstand‘ regieren, Letzterer soll der ‚Kompass‘ für die Politik sein.“ 

Der „Hausverstand“, für Sebastian Kurz „Kompass für die Politik“ … Der Hausverstandskompaß mit seiner Anstandsnadel von Gernot Blümel und Sebastian Kurz mit seinem einzigen Pol Ibiza

Nun setzt auch Gernot Blümel wieder auf „Anstand und Hausverstand“, und er bringt dabei nicht einmal den Anstand auf, die Entscheidung der Wählenden abzuwarten, er will auf alle Fälle Vizebürgermeister in Wien werden, ihm dabei gleich, wie die Wahl ausgeht, ihm dabei gleich, wie die Menschen wählen

Die Anstandsnadel des Hausverstandskompasses festgefroren am Ibizapol …

Gernot Blümel will „Wien wieder nach vorne bringen“, so steht es auf seinem Plakatspickzettel, mit seines Parteimenschen Zurechtfindungsprothese Hausverstandskompass, aber vorne ist einzig der Ibizapol, und die Nadel dieser Prothese kann keine andere Richtung weisen. Ibiza steht nicht nur für das, was dort der für kurz gewesene Vizekanzler von sich gegeben hat, sondern generell für alles, das nichts mit Politik, mit Respekt, mit Anstand zu tun hat, und nur mit „Hausverstand“ …

Bloß „Hausverstand“,

„[E]in Synonym für solche Lebenstüchtigkeit ist der gesunde Menschenverstand. Dem sensus communis ist Populismus inhärent. Wer sich auf ihn beruft, tut es im Namen kollektiven Denkverzichts.“

Es ist, als würde Marcus Steinweg die Hausverstandsvorgänge in Österreich besonders berücksichtigen, ohne sie aber je zu erwähnen, und was er in „Metaphysik der Leere“ über den „Hausverstand“, von dem Gernot Blümel und Sebastian Kurz derart ergriffen sind, ihm derart erlegen sind, die aus nichts sonst als „Hausverstand“ bestehen, deren Hauptberuf „Hausverstand“ ist, auf den sie sich, worum es auch immer gehen mag, berufen, schreibt, muß im Gesamten, weil es eine zu schöne Stelle ist, zitiert werden.

„Meinungsindustrie

Mit Roland Barthes teilt Adorno die Unversöhnlichkeit gegenüber der intellektualitätsfeindlichen Doxa, dem, wie er sagt, ‚atheoretischen oder antitheoretischen Vorurteil‘. Statt nur Ahnungslosigkeit drückt es Ressentiment aus. Wer nicht denkt, muss gegen das Denken sein. Insofern es das Bedenken der Motive des Denkens wie der Denkverweigerung impliziert, kann Denken Nichtdenkenden helfen, sich zu verstehen. Dafür müssten sie sich auf es einlassen. Adorno und Barthes sind sich darüber im Klaren, dass Theoriebashing nur reaktionär sein kann. Es kommt aktivem Intelligenzverzicht gleich, der sich als Lebenstüchtigkeit tarnt. Ein Synonym für solche Lebenstüchtigkeit ist der gesunde Menschenverstand. Dem sensus communis ist Populismus inhärent. Wer sich auf ihn beruft, tut es im Namen kollektiven Denkverzichts. Die Doxa hat die Funktion, vom Denken abzubringen, um es durch Meinungskonsum zu substituieren. Kulturindustrie ist Meinungsindustrie. Sie reduziert den Denkgehalt auf Stereotype. Eine dieser Stereotype besagt, dass Theorie praxisfeindlich sei. Als ob Theorie nicht selbst eine Praxis wäre, deren Wirkungsmächtigkeit kaum überschätzt werden kann. Wenn es ein Leitmotiv der Schriften Barthes‘ und Adornos gibt, dann ist es der Kampf gegen die Doxa. Beide stehen gegen den Quietismus des Nichtdenkens auf, gegen das Vorurteil philosophischer Realitätsferne, gegen die lauthalse Mutlosigkeit selbstgerechter Reaktion. Von Barthes und Adorno kann man lernen, dass, wer sich aufs Denken einlässt, den Raum seiner Evidenzen verlässt, um sich Erfahrungen zu exponieren, die seine Existenz transformieren. Intellektualitätsfeindlichkeit erweist sich als Lebensfeindlichkeit, die im Namen des Lebens auf dessen Lebendigkeit verzichten will.“

Adorno, der vor über fünfzig Jahren einen Vortrag hielt, in Österreich: „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ … Wie würde heute sein Vortrag ausfallen, könnte er noch einmal einen Vortrag halten, in Österreich … wahrscheinlich im Überblick von mehr als fünfzig Jahren würde er wohl bloß den Titel zu kürzen brauchen auf „Aspekte des Rechtsradikalismus“ …

Ob Roland Barthes sich dagegen verwehrt hätte, für Österreich herangezogen zu werden? Nein, wohl nicht, es wäre ihm egal gewesen …

Quellen der tödlichen Gifte

Wie es sich doch immer wieder bestätigt, daß Menschen, die ein Kunstwerk schaffen, selbst am wenigsten wissen, was sie schaffen, sie mit ihrem geschaffenen Kunstwerk tatsächlich das Gegenteil von dem aussagen, was sie mit ihrem Kunstwerk eigentlich aussagen wollen.

Wie nun Jerzy Kalina mit seiner Skulptur „Die vergiftete Quelle“.

Bereits sein gewählter Titel „Die vergiftete Quelle“ für sein Kunstwerk, was für ein wahrer Titel für die Quellen, aus denen die Organisierten Glauben ihre mörderischen und tödlichen Gifte seit Jahrtausenden schöpfen und schöpfen und schöpfen …

Der Boden, auf den Jerzy Kalina den Papst stellt, ist rot. Nicht teppichrot, sondern blutrot.

Es ist zu Felsen verklumptes Blut, auf denen Kirchen gebaut.

Das Blut von allen Menschen durch die Jahrtausende, die Opfer der Glauben wurden, von allen Glauben, für die der Organisierte Glaube der römisch-katholischen Kirche nur stellvertretend exemplarisch steht, das Blut von allen Todesopfern von allen Organisierten Glauben durch die Jahrtausende bis zum heutigen Tag herauf, im September 2020.

Den Meteoriten, den Jerzy Kalina den Glaubensmann, der hier nur stellvertretend exemplarisch für alle Glaubensmenschen gleich welcher Organisation genannt, stemmen läßt, kann der Glaubensmensch leicht stemmen.

Denn. Der Meteorit ist nur ein Glaubensbuch, aber so tödlich wie ein Meteorit, und mit diesen ihren Glaubensbüchern schlagen Glaubensmenschen seit Jahrtausenden zu, mit diesen erschlagen sie seit Jahrtausenden Menschen und lassen sich Menschen seit Jahrtausenden erschlagen, und sie erschufen damit und erschaffen sich damit weiter ihre zweite Erde, die zur Gänze aus Menschenblut besteht, das sie fließen ließen und fließen lassen. Ihre Erde, einzig eine Blutmasse, unterteilt in drei Blutschalen: Blutkern, Blutmantel und Blutkruste.

Ihre Angst muß unvorstellbar groß sein, vor dem wirklichen Erdenboden. Als fürchteten sie, sie würden augenblicklich ertrinken, beträten sie je den tatsächlichen Boden der ersten Erde.

„Das ist eine Ansage!!!“

DOMINIK NEPP: Bevor Sie auf die Tränendrüse drücken: 100.000 Kinder in Wien sind armutsgefährdet. Wir sind Wiener Politiker und wir müssen uns um diese Kinder zuerst kümmern.“

Wie sehr Dominik Nepp und seine Partei sich „um diese Kinder zuerst kümmern“, hat die Partei von Dominik Nepp gemeinsam mit der zweiten Regierungspartei unmißverständlich und endgültig bewiesen, als sie für kurz Regierungsparteien

„FPÖ und ÖVP schmettern Antrag zur Bekämpfung von Kinderarmut in Österreich im Parlament ab“

„Das ist eine Ansage!!!“ Wird Dominik Nepp jetzt wohl sich selber zurufen, wie er es seinem ehemaligen Parteichef schreibend zurief, als dieser als noch nicht für kurz gewesener Vizekanzler eine Ansage machte, die keine Ansage gegen Kinderarmut war, sondern eine Ansage, zuerst die Kapitalertragssteuer zu senken, wenn er …