DIE LÜGEN, DIE FESSELN

Es lebte in Österreich ein Mann, auf den auch Kwame Anthony Appiah zu sprechen kommt, im Kapitel „Hautfarbe“, sein Name Angelo Soliman, und auf ihn in diesem Buch hätte Ronald Pohl beispielsweise auch in seiner Buchbesprechung hinweisen können, um das Buch für die Lesenden seiner Besprechung greifbarer zu machen, da es auch etwas mit Österreich zu tun hat, es also ein Buch ist, das es wert ist, erworben und vor allem gelesen zu werden, auch in Österreich, gerade in Österreich, in diesem Land, in dem beispielsweise ein Mann im Jahr 18 der für recht kurz gewesenen Bundesregierung „Paragraphe“ schreibt, ein Notar, der sich sonst vor allem als Hautfarbenfanatiker, als Hautfarbenfundamentalist hervorschreibt, ein „Spezial-Jurist“ für die recht kurz gewesene Regierung in Österreich, und dieser Notar mit seiner Regierung und mit seiner Waffenvernarrtheit, von dem nicht bekannt ist, daß er alle Waffen, deren Farbe nicht weiß ist, ablehnt, von dem nicht berichtet wird, daß er sich weigert, unweiße Waffen zu verwenden, fällt beim Lesen von „Die Lügen, die Fesseln“ ein, nein, das ist falsch, dieser fällt nicht beim Lesen von „Die Lügen, die Fesseln“ ein, sondern beim Lesen der Buchbesprechung von Ronald Pohl, weil es ein weiteres Mal auffällt, wie sehr es Ronald Pohl verabsäumt, diesen Bezug zu Österreich, auch zu Österreich, der mit diesem Buch geleistet wird, herzustellen, um den Verkauf dieses Buches in Österreich, gerade in Österreich, zu fördern, und er hätte dafür beispielsweise aus dem Buch zitieren können, diese Stelle über Angelo Soliman und Österreich, wobei auch zu erfahren ist, daß über Menschen ganz anders geschrieben werden kann, als es beispielsweise von dem Hautfarbenjuristen bekannt ist, über 200 Jahre vor dem Hautfarbenjuristen bereits ganz anders geschrieben wurde, und dies das zurzeitige Österreich nicht auszeichnet als ein Land, das sich in das Licht der Entwicklung stellen darf, und das darf zur Vermutung führen, Ronald Pohl möchte sein Land nicht so hingestellt wissen, wenn sein Land mit seiner Gegenwart so gesehen wird, wie es zu sehen ist, zu diesem Sehen gebracht durch die Lektüre dieses Buches „Die Lügen, die Fesseln“, weil dieses Buch eben dazu einlädt, das in ihm Geschriebene mit den Gegebenheiten, den Bedingungen, den Zuständen in dem Land abzugleichen, zu hinterfragen, ob das in ihm Geschriebene auch und wie auf dieses Land zutrifft, in der sich Lesende dieses Buches gerade beim Lesen dieses Buches aufhalten …

Dies also hätte Roland Pohl in seine Buchbesprechung aufnehmen können, das nun zitiert wird, nicht aber um Appiah zu zitieren, da im Grunde das gesamte Buch zu zitieren wäre, sondern die Buchbesprechung von Ronald Pohl aufzufüllen, das von ihm gebrachte Nebensächliche zu tauschen …

Der Geistliche Abbé Grégoire, der große französische Revolutionär und Kämpfer gegen die Sklaverei, veröffentlichte 1808 eine Untersuchung über die kulturellen Leistungen von Schwarzen. Er gab ihr den Untertitel „Untersuchungen über ihre geistigen Fähigkeiten, ihre moralischen Qualitäten und ihre Literatur“. Und er führte Amo als Beweis für seinen Glauben an die Einheit der Menschheit und die fundamentale Gleichheit der Schwarzen an. Thomas Jefferson hatte in seinen Notes on the State of Virginia (1785) geschrieben, er habe nie erlebt, „dass ein Schwarzer einen Gedanken geäußert hätte, der über das Niveau der einfachen Erzählung hinausgegangen wäre“. Grégoire schickte ihm ein Exemplar seines Buchs De la littérature des Négres, in dem sich eine ausführliche Darstellung des Lebens und Werks Anton Wilhelm Amos befindet, und bat ihn, seine Ansichten zu überdenken.

Amo war nicht das einzige Gegenbeispiel zu Jeffersons negativem Bild des „Negers“. Grégoire nennt als beispielhaften „Neger“ auch Angelo Soliman – gleichfalls ein als Kind versklavter Westafrikaner, der einer Marquise in Messina zum Geschenk gemacht wurde, die für seine Erziehung sorgte; später wurde er Hauslehrer des Sohnes Fürst Wenzels von Liechtenstein in Wien und Mitglied derselben Freimaurerloge, der ein paar Jahre nach Amos Rückkehr nach Ghana auch Mozart angehörte. Soliman war berühmt für die Spaziergänge, die er Arm in Arm mit dem Kaiser durch Wien unternahm. Der revolutionäre französische Geistliche erzählt außerdem die bereits ältere Geschichte von Juan Latino, dem Dichter und Professor für Grammatik und Latein im Granada des 16. Jahrhunderts. Als „El negro Juan Latino“ erscheint er im ersten der possenhaften Gedichte, mit denen Cervantes seinen Don Quijote beginnt. Der schwarze Professor wird deshalb erwähnt, weil er das Lateinische beherrschte – im Gegensatz zu Cervantes, der deshalb in der spanischen Volkssprache schreiben musste.

Als Jefferson De la littérature des Négres las, dürfte er sich auch an seine Landsfrau Phillis Wheatley erinnert haben, die 1773 das erste Buch mit Gedichten einer Afroamerikanerin veröffentlichte.“

Das „erste Buch mit Gedichten einer Afroamerikanerin“ läßt sogleich an ein Buch erinnern, das mit Österreich zusammenhängt, mit der erstmaligen Veröffentlichung von „afro-amerikanischer Lyrik in Wien, 1929 …

Ronald Pohl beginnt seine Buchbesprechung mit einer Frage, die er sich bei Appiah abgeschaut hat: „Wer sind wir? Oder sollte die Frage besser lauten: Was sind wir?“

Wenn an Amo, an Soliman, an Latino, an den Urgroßvater von Alexander Puschkin, an die vielen, vielen weiteren gedacht wird, auch daran, was noch 1929 in Wien veröffentlicht wurde, was zur Zeit von Menschen über Menschen verbreitet wird, ist in Anknüpfung an Tucholskys „Gehn wir weiter“ die Frage angebrachter:

Warum gehen wir nicht weiter? Und wohin gehen wir, wenn wir nicht weitergehen?

Fiktionen

So wie Ronald Pohl in der Tageszeitung österreichischen Qualitätszuschnitts über das Buch „Identitäten – Die Fiktionen der Zugehörigkeit“ schreibt, wäre es je keine Verlockung gewesen, dieses Buch zu erwerben und vor allem, dieses Buch dann auch zu lesen.

Jetzt, nach der Lektüre des Buches, das Aufatmen, nicht davor, sondern erst jetzt die pohlsche Buchbesprechung, wenn es denn eine genannt werden kann, gelesen zu haben. Die pohlsche Buchbesprechung ist eine, die in der Galerie der nicht gelesenen Rezensionen aufgenommen werden kann.

Das Buch von Kwame Anthony Appiah ist eines, zu dem nur eines geschrieben werden kann, es ist zu lesen, zu lesen in seiner Gesamtheit, zu viel enthält dieses Buch, das wert ist, erfahren zu werden, zu viel, daß es eine Frechheit wäre, zwei oder drei Dinge nur hervorzuheben, es ist ein Buch, dem mit einer Buchbesprechung nicht ansatzweise entsprochen werden kann.

Die pohlsche Buchbesprechung kann in die Galerie der nicht gelesenen Rezensionen aufgenommen werden, weil diese aus einem Grund doch von Interesse ist, von der Frage her, wie wird auf so ein Buch reagiert, zum Beispiel in Österreich, gerade in Österreich.

Ronald Pohl beginnt mit dem Bekanntmachen des Buches von Kwame Anthony Appiah damit, daß „Populisten mit Kosmopoliten sich in die Haar geraten über die Frage der ‚Identität'“ … Jedoch, „Populisten“ können sich mit Kwame Anthony Appiah „nicht in die Haare geraten“, weil diese ihnen gänzlich fehlen, und Kwame Anthony Appiah legt ausführlich dar, was es mit „Identitäten“ auf sich hat, wobei es ihm nicht nur um die „Identitäten“ im Zusammenhang mit „Nationalität geht, profund ausführlich schreibt er über „Religion“, „Land“, „Gender“, „Rasse“, „Hautfarbe“, „Klasse“, „Kultur“ …

Sein Buch ein Steckling für neue Wurzelbildungen in der Kopfhaut der „Populisten“, dann könnten ihnen auch Haare wachsen, mit denen sie sich mit einem Kwame Anthony Appiah „in die Haare geraten“ können, wenn sie, die Populistinnen, ihm dann noch etwas Profundes in bezug auf „Identitäten“ zu entgegnen hätten, und zwar auf der Höhe seiner Argumentation, auf der Höhe seines Wissens von Vergangenheit und Gegenwart.

Der nächste pohlsche Satz ist dann gleich:

„Nicht ohne Stolz berichtet der Anglo-Ghanaer Kwame Anthony Appiah über seine Erlebnisse als Taxifahrgast.“

Wer das Buch liest, wird feststellen, es hat fundierte Gründe, weshalb Appiah auch diese Erlebnisse vorbringt, aber „Stolz“ ist nicht dabei. Und nebenher: die „Erlebnisse als Taxifahrgast“ in der Einleitung nehmen in diesem Buch mit rund 300 Seiten kaum mehr Platz ein, als den von Pohl in seiner doch recht kurzen Buchbesprechung aufgewendeten, um Kwame Anthony Appiah zum „Taxifahrgast“ mit „Erlebnissen“, der zudem auch noch „stolz“ ist, hinunterzuschreiben.

Einen Einleitungsabsatz derart herauszustellen, bedeutet, es entweder mit einem absolut oberflächlichen Leser zu tun zu haben, das von einem Ronald Pohl nicht angenommen werden kann, oder es ist abgründiger. Das Buch zwar nicht ignorieren zu können, mit dem Bekanntmachen des Buches zeigen zu können, die eigene Offenheit, und zugleich es auf eine Weise bekanntzumachen, daß es kein Anreiz ist, dieses Buch zu kaufen und vor allem, dieses Buch zu lesen. Was kann von einem „stolzen Taxifahrgast“ schon erwartet werden? Ein paar nette „Erlebnisse“, während doch Leserinnen dieser Tageszeitung österreichischen Qualitätszuschnitts „Philosophie“ …

Und dann folgen noch ein paar pohlsche Absätze, die Pohl selbst, aber in keiner Weise Kwame Anthony Appiah gerecht werden, konkret seinem Buch „Identitäten – Die Fiktionen der Zugehörigkeit“.

Und dann der letzte Absatz von Pohl. In dem er auf den „Slowene[n] Slavoj Žižek“ zu sprechen kommt, das die Frage aufwirft, was hat der in Jugoslawien Geborene, was hat der einstige Jugoslawe und jetzige Slowene mit Appiah zu tun? Im Buch von Appiah kommt Slavoj Žižek, der Mann mit der weißen Hautfarbe, nicht vor, es fehlt jedweder Bezug, der es rechtfertigte, einen ganzen Absatz in einer ohnehin kurzen Buchvorstellung Appiah vorzuenthalten, um – ja, was?

Vielleicht nur deshalb, um diesen Satz unterbringen zu können:

„Wir müssen von der weißen, männlichen, ‚Hetero‘-Position aus sprechen, wenn wir uns über die Besonderheit von Gruppenidentitäten unterhalten. Auch wenn wir die Position der Unterprivilegierten als ungerecht wahrnehmen[.]“

„Populisten“ würden es anders ausdrücken, schlicht wie kurz: „Ein Neger hat uns nichts zu sagen!“

Aber nicht einmal das ist gewiß, daß sie, die Populistinnen, es noch so sagen würden. Wenn bedacht wird, was alles und wer, auch Žižek, gerade von Identitärinnen herangezogen wird, um zu verbergen, daß sie Glatzköpfe sind.