Europa der Nacht

Eilmeldung!

Nach noch nicht gesicherten Informationen ist es gestern Abend (31.3.17) in der rumänischen Stadt Gheorgheni (Gyergyószentmiklos/Niklasmarkt) zu einem Pogrom gegen Angehörige der örtlichen jüdischen Bevölkerung gekommen.

Eine Gruppe von ethnischen Ungarn hat eine Hütte, die von mehreren Juden bewohnt wird, angezündet. Es ist die Rede von mehr als 150 Personen, vor dem brennenden Haus müssen Fotos nach zu urteilen mehrere hundert Menschen versammelt gewesen sein. Es gibt direkt vom Geschehen bisher keine Fotos oder Aufnahmen, was auch daran liegt, dass die Presse daran gehindert wurde. Die Gruppe zog weiterhin zu anderen in Gheorgheni und den umliegenden Gemeinden lebenden jüdischen Familien in der Stadt, bedrohten sie und verwüsteten oder zerstörten teilweise weitere Hütten. An dem Eintritt in die größte lokale Siedlung wurden sie von Sondereinsatzkräften gehindert.

Die Menschen der betroffenen Gegend konnten die gesamte Nacht nicht schlafen, leben seitdem in Angst und werden von der Polizei bewacht.

In einer geschlossenen Facebookgruppe der Stadt mit einer Userzahl von ca. 5.500 Usern kommentierten währenddessen einzelne Nutzer „Ich spende Benzin“, „Sie sollen alle brennen“ oder „Jetzt gibt’s wieder J[…]braten“. In den Kommentarspalten sozialer Netzwerke äußern sich Menschen rassistisch wie folgt: 

„Der J[…] ist einer wie der Z[…] oder der Moslem. Sie können ungehindert alles tun, weil sie immer mit Rassismus ankommen.“

Nur wenige Kilometer entfernt findet jeden Sommer die Veranstaltung „EMI Tábor“ der rechtsextremen Jobbik-Partei aus Ungarn statt, die über ein umfangreiches Netzwerk in der Gegend verfügt.

Die EU muss ihre Bürger_innen schützen! Gegen die Diskriminierung von Juden und für eine gleichberechtigte Teilhabe aller! Straftäter_innen konsequent verfolgen!“

Das ist der Bericht von Ecoleusti vom 1. April 2017. Der oben zitierte Bericht wurde zur Gänze wortgetreu übernommen.  Nur eines wurde verändert. Es geht nicht um Juden, sondern um Roma. Es wird von Ecoleusti also nicht von einem „antisemitischen“, sondern von einem „antiromaistischen“ Pogrom berichtet, wie gelesen werden kann.

Sie werden sich fragen. Was soll das? Nun. Dabei sollten Sie sich tatsächlich fragen, weshalb müssen Roma und Sinti zu jüdischen Menschen umgeschrieben werden, um darauf aufmerksam zu machen, ein weiteres Mal darauf aufmerksam zu machen, wie es diesen Menschen in Europa geht.

Die Antworten darauf sind denkbar einfach.

1

Es gibt zum Glück heutzutage eine hohe Sensibilität in Europa gegen Antisemitismus. Auch wenn es diesen leider nach wie vor auch noch gibt, gibt es zugleich eine starke und sofortige Bereitschaft, Antisemitismus breit entgegenzutreten, diesen breit zu verurteilen, diesen breit abzulehnen. Kennen Sie zugleich diese breite Ablehnung und breite Verurteilung von Antiromaismus in Europa?

2

Es ist kein Tabu mehr, bei sogenannten historischen Persönlichkeiten darauf hinzuweisen, sie wären antisemitische gewesen. Hingegen keine breite Erwähnung bei denselben sogenannten historischen Persönlichkeiten, die sich in Wort und Erlässen barbarisch gegen Roma und Sinti verhielten. Exemplarisch für dieses Schweigen über die Vergehen sogenannter historischer Persönlichkeiten können genannt werden:

die kaiserliche Ahnherrin der Integration in Österreich,

die zum Weltkulturerbe ernannten luderischen Schriften.

3

Es wird zum Glück heutzutage bereits breit empfunden, Antisemitismus ist unverzeihlich. Hingegen darf ein Mensch mit Nachsicht und Großzügigkeit der Gebildeten rechnen, der über Roma und Sinti … Exemplarisch kann ein Ethnologe hierfür genannt werden, gerühmt für seine Feldforschungen …

4

Es kann im Grunde die Argumentation abgekürzt werden, wenn Sie hier einfach die Kapitel aufrufen, wie über Menschen, die dieser Ethnie zugerechnet werden, heutzutage noch breit geschrieben und breit geredet wird, und dabei so selbstverständlich für sie eine Bezeichnung verwendet wird, die hier nicht noch einmal verwendet werden will.

5

Auch wenn es heutzutage nicht nur eine breite Ablehnung des Antisemitismus gibt, sondern wie selbstverständlich vom „jüdisch-christlichen Abendland gesprochen wird, darf keiner Illusion erlegen werden. Denn. Diese Integration des Jüdischen kann mehr der Suche nach Verbündeten geschuldet sein, als einer wahren Ablehnung des Antisemitismus. Verbündete gegen den nun auserwählten „Feind“, dem der Name Islam gegeben wurde.  Das in einem Kapitel bereits angesprochen wurde. Aber das kann sehr schnell wieder umschlagen, wie nicht nur jener Mann es vor 500 Jahren bereits bewies, der jüdische Menschen als Verbündete haben wollte, und diesen dann wünschte, als sie nicht taten wie er wollte, es solle ihnen ergehen wie den …

Auch in Österreich, durch das Mirbeau allerdings nicht fuhr … wie, muß gesagt werden, schade! … was hätte er dann nicht alles über Österreich zu sagen gewußt, stattdessen gibt es bloß das Lahmkonservative eines Thomas Bernhard …

6

Sie werden fragen. Was hat das mit Österreich zu tun, was in Rumänien passiert? Nun. In dem oben zitierten Bericht von Ecoleusti findet, wie nicht anders zu erwarten, eine Partei Erwähnung, die für eine österreichische Parlamentspartei keine ist, die sie als eine mit negativen Anschauungen empfindet …

Es sind auch vor allem diese Menschen gemeint, wenn es um bettelnde Menschen geht, und wie selbstverständlich über alle Parteigrenzen hinweg die Forderungen und auch rechtlichen Umsetzungen von Verboten

7

Es ist notwendig zu erinnern, was „Pogrom“ heißt. Es mag vielen schon harmlos klingen. Es heißt „Verwüstung“, „Zerstörung“. Und in dieser heutzutage vorstellungsarmen Zeit ist es wohl mehr denn je, wieder, notwendig zu erinnern, was „Verwüstung“, „Zerstörung“ heißt. Octave Mirbeau schildert eine solche Zerstörung, die als Beispiel für dieses Barbarische zitiert werden soll. Es geht hierbei um Pogrome gegen jüdische Menschen. Damit Sie eine Vorstellung bekommen, wie Menschen, die heutzutage, im Jahr 2017, unter Pogromen zu leiden haben, wurde die Erzählung entsprechend adaptiert:

Eines Abends erteilte der Gouverneur den romaischen Läden die Genehmigung, bis zehn Uhr geöffnet zu bleiben. Das ganze Viertel brach in Freude aus. Man hatte die Auslagen noch sorgfältiger bestückt und sich für Beleuchtung in Unkosten gestürzt, um die Kunden anzulocken… Plötzlich um viertel nach neun, brach eine Horde in die kleine Gasse ein, in der sich sein Laden befand, und eine Salve von Geschossen zertrümmerte sämtliche Scheiben. Sein jüngster Sohn war ihm, Blut erbrechend, in die Arme gesunken, und noch während er mit dem Leichnam beladen war, hatte der Vater gesehen, wie ein Besoffener dem älteren Sohn zwei Finger in die Augen bohrte, Und da sei er in Ohnmacht gefallen. Als er wieder zu sich kam, war ihm der Bart ausgerissen, ein Ohr mit einem Säbelhieb abgeschlagen, aber was besonders schmerzte, war sein Kinn … Es war stockfinster in dem Laden, er strauchelte über leblose Körper, und er unterbrach sein Schreien nur, um nach den sich entfernenden Schüssen zu horchen, nach dem Stöhnen, das von der Gasse, von den Dielen, vom Innern der Mauern, von unter der Erde zu kommen schien. Im Schein einer Talgfunzel konnte er feststellen, daß nicht ein einziges Kleidungsstück mehr in den Auslagen verblieben war. Die Plünderer hatten alles zertrümmert, alles mitgenommen … Auf den Stufen zum Kontor, hinten im Laden, lag zwischen leeren Schubladen, zerschlagenen Schubladen, zertrampelten und blutverschmierten Gegenständen seine Frau, die ihm zunächst nur bewußtlos schien. „Ich hab ihre Röcke wieder herabgezogen!“, fügte er ganz leise hinzu … Und er schloß die Augen. Und noch leiser: „Sie waren hochgeschoben! A Frau von mehr als fünfzig Jahr! …“ Dann erkannte er, daß sie tot war, erwürgt, mit offenen Augen. Es kam Leben in ihn. Sein Atem wurde unerträglich. Mir fiel auf, daß er fast ohne Zorn und wie ohne Schmerz redete … Vielleicht hatte er nicht mehr die Kraft, etwas davon auszudrücken! … Ich spürte, daß es meine Augen waren, die sich mit Tränen füllten … „Das war noch nicht genug … Sie haben die Leichen mitgenommen … sie wollten die Leichen nich‘ wieder ausrücken, alle hatten sie sie, egal, ob Tote oder Verwundete, bei Nacht, ma‘ weiß nich‘ wo, verscharrt .. . Sie haben Roma massakriert und sie haben geplündert sieben Tage … Wir konnten uns nicht widersetzen … Wie denn auch? Und sie haben uns geohrfeigt … und sie haben uns in’nen Bauch getreten … und sie haben auch noch auf uns gespuckt … Wozu nur? Ach! … Wozu? …“ Feuerbrünste brauchen aus, die man nicht gelöscht hat … Der größte Teil des Viertels wurde zerstört … Einer seiner Kinder starb noch im Spital an einem Tritt mit dem Stiefelabsatz, der ihm den Schädel gespalten hatte … Und während sie vorher neun gewesen waren und mehr oder weniger glücklich in ihrem Elend, verließen sie, aller Habe beraubt, in Trauer auf ewig, zu fünft diese fluchbeladene Stadt … Ich lauschte der Erzählung des Elends, des Unrechts, der Entbehrungen und langen Wanderungen von Stadt zu Stadt, von Städten, die für Roma verboten waren, zu Dörfern, von wo man sie mit Steinwürfen, mit Sensenhieben verjagte … Er wußte nicht mehr, wovon oder wie sie in jenen furchtbaren Zeiten gelebt hatten  …

Der schreckliche Bericht geht noch weiter. Aber, es versagen die Finger, Sogar die Finger versagen. Sie verweigern, im Angesicht der Gegenwart, zu schreiben, was längst der Vergangenheit angehören sollte, in diesem Europa, und nicht nur in Europa, was vor über einhundertzehn Jahren Octave Mirbeau als Bericht eines Menschen wiedergab, der unter Pogromen zu leiden hatte. Und über einhundertzehn Jahre später, in Europa, ist „Pogrom“ immer noch nicht ein Begriff, der nur noch mit unmenschlichen Handlungen weit zurück in der Vergangenheit erklärt werden könnte, weil es eben keine mehr gibt, diese endlich überwunden sind.

Europa der Nacht.jpg

8

Sie werden vielleicht sagen, darüber wird in den sogenannten sozialen Medien ja doch ausführlich … in den sogenannten sozialen Medien gibt es eine Fürsprache, Berichte, wenn es gegen Roma und Sinti … Auch das, mehr als enttäuschend, ernüchternd. Heute, am 2. April 2017, eine Suchprobe auf der Plattform des Unternehmens Twitter. Das Ergebnis sehen Sie in der Collage: „Seltsamerweise wurde nichts für deine Suchanfrage gefunden.“ Nichts für „antiromaistische pogrome“. Nichts für „antiziganistische pogrome“.  Sie können die Gegenprobe machen. Sie werden aber Suchergebnisse bekommen, auch auf Twitter, zu „antisemitische pogrome“.

Antiromaistischer Pogrom - Twitter

3 Gedanken zu „Europa der Nacht

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