Linie Österreich

Der Wehrmann in Eisen, Pförtner am Eingang zum Wien Museum MUSA in der Felderstraße würde sich, wenn er gefragt werden würde, welches der Kunstwerke in der Ausstellung „Auf Linie NS-Kunstpolitik in Wien“ am besten gefiele, vielleicht antworten, alle gefielen ihm gesinnungsgemäß recht außerordentlich, aber für ihn würde Margarete Hanusch mit ihrer Knienden doch einen recht besonderen Stellenwert einnehmen, ist sie, Hanusch, doch dafür beispielhaft leuchtendes Vorbild, die Linie nie verlassen zu haben.

Im Akt der „Reichskammer der bildenden Künste Wien“ von Margarete Hanusch ist vermerkt: „1938 befreit“ … Damit ist nicht gemeint, sie wäre 1938 aus einer Diktatur befreit worden; vielleicht empfand sie es selbst als ihre Befreiung in eine Totaldiktatur … Banal wurde mit diesem Eintrag lediglich vermerkt, sie, Hanusch, ist von der Beitragsleistung an die Reichskammer befreit

Hinzufügen würde der Pförtner in Eisen vielleicht noch, wie bedauerlich er es fände, daß die Kniende nach dem 24. April 2022 wieder in irgendein Lager … dabei, dabei gebe es doch einen hervorragenden Platz für die dauerhafte Aufstellung der Knienden, nämlich am Beginn der Neulinggasse nahe dem Schwarzenbergplatz, auf dem er selbst einst seinen ersten Dienst antrat, eher er in die Felderstraße versetzt wurde, steht doch an der Mündung der Neulinggasse in die Landstraßer Hauptstraße seit fünfundsechzig Jahren die „Familie“ der Margarete Hanusch – auf einer direkten Linie von der Knienden zur Familie

Mit auch noch der Knienden würde die Neulinggasse als gesinnungsgemäße Dauerausstellung ihren Ruf recht verfestigen können. Eine Dauerausstellung im Freien zwar, dennoch wetterunabhängig. Denn durch die Neulinggasse wird die Buslinie 4 A geführt, eine Besichtigung der Werke in dieser Dauerausstellung auch bei Regen, Kälte, Schneefall ist dadurch garantiert, geschützt und bequem im Warmen vom Bus aus …

Die Linie 4 A in „Wiener Linie“ umzubenennen, brächte zumindest zwei Vorteile mit sich. Menschen, die die Dauerausstellung besuchen wollen, wüßten sofort, ohne Erkundigungen lange einholen zu müssen, welchen Bus sie nehmen müssen, der sie durch die Ausstellung führt – „Wiener Linie“, und für das Verkehrsunternehmen wohl eine enorme Erhöhung der Auslastung des Busses. Da es aber durch den Namen des Verkehrsunternehmens zu einer Verwechslung kommen könnte, wäre es angebrachter, den Bus 4 A in „Linie Österreich“ umzubenennen. Eine Umbenennung, die durchaus nicht falsch ist, eine Umbenennung, die auch zutreffender ist.

Die Umbenennung der Buslinie 4 A in Linie Österreich wäre menschgemäß mit einer entsprechenden Werbekampagne zu begleiten, ein Slogan dafür könnte lauten:

Ob Regen, Schnee, Eis und Kälte, und auch bei Sonnenschein – Linie Österreich führt Dich sicher und geschützt durch die Ausstellung

Linie Österreich müßte aber nicht allein auf die Neulinggasse beschränkt bleiben. Sie könnte als besonderes Service des Verkehrsunternehmens ausgeweitet werden. In der Ausstellung Auf Linie in Wien ist gleich neben der Knienden ein Bild der anbetungsreichen Paula Wessely zu sehen … Eine Haltestelle der Linie Österreich müßte unbedingt der Paula-Wessely-Weg sein, ihre Endstelle vielleicht der Kahlenberg, der für so manche Ausgangspunkt für ihren Marsch war, der Beginn ihres Weges, der jedoch schon zu Ende war am Paula-Wessely-Weg …

Es gibt von Margarete Hanusch eine Figur, die von Hermann Göring angekauft wurde, wie aus dem Katalog zur Auf Linie in Wien zu erfahren ist:

[O]der die Hanak-Schülerin und „Illegale“ Margarete Hanusch. Ihre Arbeiten waren auch auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen zu sehen. Eine dort 1937 exponierte 2,30 m hohe Eichenholzfigur war von Hermann Göring für sein Gut „Carinhall“ angekauft worden.

Vielleicht wäre es möglich, ihre recht massive Eichenholzfigur zurückzukaufen, um diese irgendwo entlang der Linie Österreich ebenfalls aufzustellen. Diese Eichenholzfigur muß in diesem Kapitel nicht ein weiteres mal gezeigt werden, im Kapitel Ausstellung, Saal Neulinggasse ist diese bereits abgebildet zu sehen …

Eine seltsam anmutende Linie zwischen den zwei Ausstellungen ist die, daß, wer immer sich mit Margarete Hanusch befaßt, stets betont wird, sie sei eine „Hanak-Schülerin“ … So auch in der Sonderausstellung ihr zu Ehren im Bezirksamt im dritten Bezirk vom Herbst 2020 bis zum Frühjahr 2021. Ein recht zutreffendes Motto ward für die Sonderausstellung gefunden: „Skulpturen einer starken Frau für ein zerstörtes Wien“ – von einer „Illegalen“ … Der Kurator der Sonderausstellung nennt sie nicht schriftlich, aber mündlich, im Sommer 2021 als es ihm ein Bedürfnis war, über sie zu sprechen, die ihm wichtig ist, selbst mit einem selten gehörten Wort, eine „Nazisse“; sie ist nicht die einzige und nicht einzig von ihm in Österreich, die mit Nachsicht und Zuneigung

Es ist, nebenher gesagt, eine verbreitete Unsitte vor allem in der Kunst, einen Menschen ein Leben lang und sogar noch als toten Menschen weiter als Schüler von irgendwem zu bezeichnen. Und was heißt das denn im Konkreten. War Margarete Hanusch eine schlechte Schülerin, oder war Anton Hanak ein schlechter Lehrer, war Hanak ein schlechter Lehrer und Hanusch zugleich eine schlechte Schülerin? Auch eine Linie, die von Hanak zum Wiener-Werkstätten-Meister Hoffmann, nach dessen Plänen etwa 1938 bis 1945 unweit der Linie 4 A ein Botschaftspalais umgebaut wurde, der von der Reichskammer mit Weiterentwicklungen beauftragt wurde und nach 1945 offizielle Aufgaben für Österreich, wie die des Generalkommissars für die Biennale in Venedig, übernahm, zum vaterländischen Front-Holzmeister, zum Führerkünstler Thorak, der in Ankara fertigstellte, was Hanak nicht mehr fertigstellen konnte —

Linie Österreich, die alle Gesinnungen anfährt …

Noch etwas nebenher. Es war nicht nur Hanusch eine Schülerin von Hanak, sondern auch Josef Thorak; dies ist jedoch nicht aus dem Katalog Auf Linie in Wien zu erfahren … es will nicht darüber spekuliert werden, weshalb gerade bei Josef Thorak auf die oben genannte Unsitte …

Wer könnte aber damit beauftragt werden, die Linie Österreich zu etablieren, weitere Kunstwerke in der Stadt entlang der Linie Österreich aufzustellen? Die Felderstraße mit ihrem Pförtner in Eisen läßt sofort an das Institut denken, das auch nach Felder benannt ist, zumal sich dieses Institut erst vor kurzem mit einem neuen Denkmal selbst dafür empfohlen hat. An diesem Mal müßte die Linie Österreich unzweifelhaft gesinnungsgemäß ebenfalls halten.