Med

Es war zu erwarten, daß Peter Handke es nicht lange aushalten wird, nicht interviewt zu werden, nicht in den Medien zur Sprache zu kommen.

So kurz aber bloß …

Wieder interviewt zu werden, noch im November, wieder an Interviews zu kommen, höchste Zeit war es wohl, jetzt rasch an diesen Stoff zu kommen, an sein Med , das muß gleich so richtig eingefahren sein, vielleicht doch ein wenig zu stark nach einem wenn auch kurzen Entzug, das Med muß ihm gleich einen derartigen Höhenflug beschert haben … es muß sofort gewirkt haben, spricht er doch sofort von einer Höhe herab – „unredlich“unredlich gegen ihn, die ihm „mit Serbien“ …

Und er, Handke, stellt dem redlich sein „Jugoslawien“ …

Zu seiner Teilnahme an Milosevics Beerdigung sagte der Nobelpreisträger: Natürlich war ich da. Er hat bei einer der letzten Abstimmungen dafür votiert, Jugoslawien nicht aufzulösen. Sein Begräbnis war auch das Begräbnis von Jugoslawien. Hat man vergessen, dass dieser Staat gegen das Hitler-Reich gegründet worden ist?“

Seit Bruno Kreisky wird in Österreich prominent gewußt, wie Menschen zu antworten ist, die mit Geschichte kommen.

Einem Menschen auf Med ist es wohl müßig, diesen Rat, Geschichte zu lernen, zu geben. Einer auf Med hat die Geschichte doch klar vor Augen, er schaut in sie wie in einen Kristall. Methodisch geht so einer dabei vor, jedes Funkeln wird genau untersucht, bis ein Funkeln alles bestrahlt, blendet, verblendet …

Vom Zuführen von Substanzen gleich welcher Art erhofft der Mensch für sich seit jeher eine Verbesserung seiner Fähigkeiten – jedoch das ist eine Legende. Auch Handke ergeht es mit seinem Med nicht anders, es wird ihm nicht besser …

Und es wird mit Peter Handke nicht besser, wenn er jetzt auf Med mit Jugoslawien kommt.

Josip Broz vulgo Tito war kein Josef Stalin

Jugoslawien war nicht die Sowjetunion

Jugoslawien war nicht das kommunistische China

Zu viel aber, das nicht vergessen werden kann, um den Kampf gegen das deutsche reich von Männern und Frauen mit ihrer selbst ernannten provisorischen Regierung zur alleinigen Erinnerung auszurufen, mit diesem Kampf alles rechtfertigen zu können, bis herauf zu Karadžić, Milošević, Nikolić … zu viel, das nicht vergessen werden kann, um den Kampf gegen das deutsche reich redlich als Rechtfertigung je noch bringen zu können, zu viel, das nicht vergessen werden kann, um mit dem Kampf gegen „das Hitler-Reich“ je noch ein Schweigen erzwingen zu können, je noch mit dem Kampf „gegen das Hitler-Reich“ alle zum Verstummen verdammen zu können, die nicht reden wie Peter Handke redet, ihm nicht nachreden, ihm nicht einzig die Fragen stellen, die er ihnen erlaubt zu stellen, die nur er sich selbst vielleicht erlaubt zu stellen …

In Griffen

Peter Handke steigt um: vom lieben auf den gewöhnlichen Zug

Es wird nicht gewußt, ob Griffen vom Zug angefahren wird, in Griffen überhaupt ein Zug hält, Griffen einen Bahnhof hat, ob überhaupt Züge durch Griffen durchfahren oder wenigstens nahe an Griffen vorbei …

Es wird nur von einem Zug gewußt, von dem Zug, mit dem Peter Handke in Griffen ankommt, mit dem Nachtleichenzug Slobodan, und er steigt in Griffen aus dem Leichenspeisewaggon Radovan, und sogleich empört er sich darüber, daß er nicht nach Tolstoi, Homer, Cervantes gefragt wird, er, in seinem Sakko der Marke Tomislav, tritt aus dem Zug und sogleich ereifert er sich darüber, daß er nicht nach Handke gefragt wird, nicht danach gefragt wird, was Handke geschrieben hat, was er, Handke, schreibt, daß er nicht gefragt wird, ob er, Handke, es nicht grandios fände, daß sie, die Journalisten, ihn, Handke, täglich lesen, und wenn sie überhaupt lesen, dann ausschließlich Handke lesen, daß er, Handke, nicht gefragt wird, ob es ihm, Handke, gefalle, wie schön die Journalistinnen ihm, Handke, ganze Kapitel von Handke hier und jetzt auf der Stelle auf dem Bahnsteig, falls es einen Bahnhof in Griffen gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt auswendig und ohne zu stocken, aber ergriffen aufsagen können, während der Bürgermeister und der Landeshauptmann ihm, Handke, Blumen von stifterischer Straußenpracht überreichen.

Aber er, Handke, ist nicht mit dem Tolstoi gekommen, hat nicht im Homer gespeist, und er, Handke, trägt keine Hosen der Marke Cervantes.

Er ist in Griffen mit seiner Wirklichkeit ausgestiegen und stößt auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt mit der ihm verhaßten Wirklichkeit zusammen, der seine Wirklichkeit zu gut oder zu bitter bekannt ist, um ihn, Handke, nicht nach seiner Wirklichkeit zu fragen, es ihr, der Wirklichkeit, gar nicht anders möglich ist, als ihn, Handke zu befragen, wie er es mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hält, es geradezu ein Versäumnis medialer Pflicht wäre, ihn, Handke, unbefragt in seiner Wirklichkeit zu belassen, ihm, Handke, nur mit Worten von seinem Stift zu huldigen, ihn zum Caesaren des Tiefsinnnblattlandes am großen Wasser zu krönen, gleich auf dem Bahnsteig, falls Griffen einen Bahnhof hat, oder auf dem griffnerischen Gemeindeamt.

Wieder einmal versteht er die Wirklichkeit nicht, aber die Wirklichkeit, in diesem Fall die Medienwirklichkeit, mißversteht auch ihn, wenn Medien noch desselben Tages davon schreiben, er, Handke, übe scharfe Medienkritik, in Griffen. Das keine Medienkritik ist. Es ist bloß das Schmerzliche, das eine Caesarin in ihrer Wirklichkeit empfindet, wenn sie erleben muß, daß die Wirklichkeit jenseits ihrer Wirklichkeit nicht ihre Wirklichkeitstanzbärin ist. Und die Schmerzen der Caesaren setzen Welten in Brände, seit allen Tagen, von denen auch Homer, Cervantes, Tolstoi …

Aber er, Handke, ist kein Caesar. Sein Schmerz zündet nicht, läßt keine Welt brennen, sein Schmerz gebiert bloß Antwortlosigkeit. Aber seine Sehnsucht nach Interviews wird rasch diesen griffnerischen Schmerz vergessen lassen, sein Androhen, keine Interviews mehr zu geben, ab diesem Tag auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, wird rasch kehren in sein persönliches Aufsuchen von vielen Redaktionen, um selbst nach Fragen zu fragen, wer mit ihm Interviews – gerne auch bei ihm, in seinem Poesieheim Serbien nahe Paris, und würde, wenn es denn sein müßte, den Menschen des Mediums auch die Eisenbahnbilletts hin und zurück …

Es wird nicht gewußt, ob es in Griffen einen Bahnhof gibt. Diese Frage bleibt unbeantwortet. Eine Frage aber ist beantwortet. Die Frage nämlich: „Wann, lieber Peter Handke, kommt ihr nächstes liebes Interview?“

Die Frage ist endgültig beantwortet. Für alle Zeit. Das Warten ist zu Ende. Und wenn es kommt, das Interview, und es werden – denn auch von den Interviews kommt er her – bald viele kommen, werden diese ungehört und ungesehen vorbeiziehen, wie Züge an Griffen fern oder vielleicht ein wenig nah vorbeifahren.

Aus Griffen sogar ein Eckermann?

Aber es gibt einen jungen Mann, vielleicht gibt es noch weitere junge Männer, in Griffen, von dem einen jungen Mann jedenfalls kann erzählt werden, von dem jungen Mann aus Griffen, der jetzt wohl recht gespannt auf Interviews von ihm, Handke, warten wird, der jetzt auf der Suche nach der Gesamtausgabe von Handke ist, der auch in seiner Wirklichkeit mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hadert, der jetzt wohl nicht abgeneigt ist, in das Poesieheim Serbien nahe Paris gar zu reisen, um mit ihm, Handke, gemeinsam in die Wälder zu gehen, ihm, Handke, alle seine Bücher auswendig aufzusagen, während er, Handke, Pilze …

Was für ein T-Shirt zöge der griffnerisch Identitätsaufgeladene wohl an, machte er sich wirklich auf zu ihm, zum Handke, eines mit dem Konterfei jenes Mannes, dem auch eine recht eigene Wirklichkeit attestiert und eine rechte Nähe zu … oder schon eines aus einer vielleicht schon recht rasch gemachten neuen Kollektion, mit dem Bildnis des Dichters …

Vielleicht hat dieser Bursche aus Griffen sogar das Zeug, sein Eckermann, Handkes Eckermann zu werden. Oh, was wäre das für ein Abschnitt in der Literaturgeschichte, zwei aus dem gleichen Ort … und ach, welche Verse könnte der griffnerische Eckermann aufschreiben, die er, Handke, leichtlippig in den Wäldern dichtet … Verse etwa, die erzählen von Gipfeln, vom Gewöhnlichen über allem …

Die Haltung der Schreibenden beim Morden

Wenn wer den Nobelpreis für Literatur bekommt, ist es an der Zeit zu fragen, was wird vom Werk bleiben.

Im Falle von Peter Handke geht die Antwort leicht von der Hand.

Was von Peter Handke bleiben wird, sind seine Übersetzungen von Emmanuel Bove.

Emmanuel Bove hat den Nobelpreis für Literatur nicht bekommen. So wie viele der Besten auch. Damit ist nicht gesagt, daß den Nobelpreis für Literatur nur die Schlechtesten erhalten.

Es sind die Besten, die den Nobelpreis für Literatur bekommen, es sind die Schlechtesten, die den Nobelpreis für Literatur bekommen.

Und es ist nicht immer das Werk ausschlaggebend für die Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur.

Zu oft legt das Nobelpreiskomitee außerliterarische Kriterien an, sowohl bei der Zuerkennung als auch bei der Nichtzuerkennung des Nobelpreises für Literatur. Und gerade bei der Nichtzuerkennung des Nobelpreises für Literatur an die Besten ist das Nobelpreiskomitee Sklave seiner moralischen Zugerichtetheit, schlägt es das Werk der Besten zu, als müßte es wie Gift fest verschlossen werden, als müßte es, das Komitee als Sittenwächter, seinen Teil durch Nichtzuerkennung dazu beitragen, daß Werke der Besten ja nicht größere Verbreitung finden, ja nicht mehr gelesen werden.

Es ist das Werk, das für die Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur zählt. Es ist nicht das Werk, das für die Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur zählt.

Was von Peter Handke bleiben wird, sind seine Übersetzungen von Emmanuel Bove. In erster Linie vielleicht gar nicht seine Übersetzungen, sondern vor allem sein Beitrag, Emmanuel Bove auch im deutschsprachigen Raum bekanntgemacht zu haben.

Es erzählt möglicherweise einiges über Peter Handke, welches Buch er von Emmanuel Bove nicht übersetzt hat, nämlich „Die Falle“, in der es um Kollaboration geht.

Wie unterschiedlich doch die Lebenswege von Emmanuel Bove und Peter Handke sind.

Während Emmanuel Bove das Exil in Algier wählt, sich weigert, seine Bücher im vom deutschen reich besetzten Frankreich erscheinen zu lassen, im Widerstand sich schreibend engagiert, erst in ein vom deutschen reich befreites Frankreich wieder zurückkehrt, sucht Peter Handke die Nähe der Nationalismus bedienenden Mörder, bricht zur winterlichen Reise zur Lyrik eines Kriegsverbrechers auf, engagiert sich schreibend im Fürstand, unternimmt Peter Handke den Versuch des poetischen Wegschreibens der Wirklichkeit der Massenmorde, spricht sich der „bekennende Nichtwähler im Vorfeld der serbischen Präsidentenwahlen für die Wahl des ultranationalistischen Politikers“ aus …

„Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019 ‚für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht‘, wie es in der offiziellen Begründung heißt.“

Als hätte das Nobelpreiskomitee beim Abfassen der Begründung an Emmanuel Bove gedacht …

„Und dieser (deutsche Übersetzung: ‚Meine Freunde‘, 1981) gilt für viele ‚Bovianer‘ – so nennt sich die Internationale seiner Anhänger – heute noch als Maß aller Dinge, gleichsam als Synonym für eine Schreibweise, bei der ein spezifischer Blick auf die Welt eine andere Wahrnehmung impliziert. In ihm wird das Marginale hervorgehoben, die kleinsten Details bekommen ein Mehr an Bedeutung, so als würden sie endlich ihres trostlosen Mauerblümchendaseins enthoben. Rilke lobte früh, aber Samuel Beckett war es, dessen Äußerung immer wieder zitiert wird: ‚Wie kein anderer hat Bove das Gespür für das berührende Detail.'“ 

„Meine Freunde“ hat Peter Handke übersetzt.

Wie unterschiedlich doch die Lebenswege von Emmanuel Bove und Peter Handke sind … Während Peter Handke es sich immer leisten konnte, in seiner Poesieheimat Serbien bei Paris zu leben, mußte Emmanuel Bove sogar für eine kurze Zeit in der Nähe von Wien sich durchbringen – in Tulln!

Es fällt sogleich ein weiterer Schriftsteller aus Frankreich ein, der den Nobelpreis für Literatur ebenfalls nicht bekam, um die Liste von Arno Schmidt fortzusetzen, auf der auch Rilke …

großer österreichischer staatspreis für literatur

Schreib’ Deitsch!

großer österreichischer staatspreis für literatur - schreib deitsch.jpgFlorjan Lipuš hat also den großen österreichischen staatspreis für literatur nicht bekommen, weil er nicht auf deutsch schreibe.

So kleinst und engst ist die Welt in österreich. Und um das zu verdeutlichen, ist es nicht anders möglich, als gegen die Rechtschreibung die Preisbezeichnung und alles damit Zusammenhängende kleinzuschreiben.

Und diese österreichische Engwelt wird nicht durch Menschen repräsentiert, die bildungsfern im Gemeindebau leben, sondern durch Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm, Josef Winkler, Peter Handke und Peter Waterhouse.

Es hat Jochen Jung, wie in der Collage gelesen werden kann, leider nicht öfffentlich gemacht, wer dieses absonderliche Argument gegen Florian Lipuš in Stellung brachte, wer gegen Florjan Lipuš stimmte. Es kann jetzt nur spekuliert werden, wer sie sind, die mit diesem absonderlichen Argument gegen Florjan Lipuš sich aussprachen.

Das sollte Jochen Jung schleunigst nachholen, um nicht alle der Verdächtigung auszusetzen, Vertreter und Vertreterinnen der österreichischen Engwelt zu sein.

Was für eine Enge in diesem Land herrscht, ist auch daran abzulesen, daß die Zeitschrift „Kosmo“ darüber unter der Schlagzeile „Balkan-Autor wird … versagt“ berichtet. Es erübrigt sich dazu jedwede Äußerung.

Es heißt, künstlerische Menschen wären besonders sensibel, hätten ein feines Sensorium für kommende Zustände, Mißstände. Ist es in österreich wieder soweit? Für die Parole, die einst in Kärnten für Jahrzehnte nach dem Niedergang des deutschen reiches als Tagesbefehl ausgegeben wurde: Red’ Deitsch!

Es heißt auch, künstlerische Menschen sind sehr anfällig, bereits bei Zeiten sich anzubiedern, sich bei Zeiten schon als Dienende von erst die Macht Erringenden zu positionieren. Dieses absonderliche Argument gegen Florjan Lipuš weist die jury als der identitären Parlamentspartei geistig ebenbürtige …

Was ist in Zukunft noch zu erwarten? Es beginnt mit der Verweigerung, und es geht weiter mit der Auslobung von recht echten Pgs. Wird der nächste große österreichische staatspreis für literatur schon, beispielsweise, andreas mölzer verliehen werden? Von dem es heißt, er schreibe auch, also romane.

Kann in österreich überhaupt von einem Beginn gesprochen werden? Es ist im Grunde doch nur eine Fortsetzung, ein unsägliches Weitermachen. Die Verweigerung, Florjan Lipuš diesen preis zuzuerkennen, paßt recht dazu, wem dieser preis schon zuerkannt wurde: in der zweiten republik: max mell, franz karl ginzkey … in der ersten Republik: karl heinrich waggerl, josef friedrich perkonig …

Es gibt auch noch andere große österreichische staatspreise, beispielsweise den für die bildende kunst … für diesen böte sich, wenn es so weitergeht, odin …

PS Ein Titel von Gerhard Rühm: „Botschaft an die Zukunft“. Das ist also die Botschaft, von nicht bildungsfernen und nicht im Gemeindebau lebenden Menschen in österreich und für österreich: auf gegenwart folge vergangenheit …

PPS Wie klein, wie eng, wie billig es in österreich zugeht, zeigt auch dieser Fall einmal mehr auf. Jochen Jung ist der Verleger von Florjan Lipuš. Es ist von ihm wohl nicht uneigennützig. Vielleicht läßt sich Florjan Lipuš nicht so gut verkaufen, wie Jung es erhoffte – Transparenz aus Eigennutz … Transparenz, genauer, halbe Transparenz ist in diesem land nur gegen Marketing zu haben. Möglicherweise stecken auch noch andere Gründe dahinter. Bei österreich können dazu leicht intrigante Gründe – Transparenz, genauer, halbe Transparenz ist in diesem land halt nur gegen Intrigen …

Und was von halben Sachen, einer halben Transparenz zu halten ist, das wird in einem Stück von Botho Strauß schon gesagt: halbe Kraft ist null Kraft.