In Griffen

Peter Handke steigt um: vom lieben auf den gewöhnlichen Zug

Es wird nicht gewußt, ob Griffen vom Zug angefahren wird, in Griffen überhaupt ein Zug hält, Griffen einen Bahnhof hat, ob überhaupt Züge durch Griffen durchfahren oder wenigstens nahe an Griffen vorbei …

Es wird nur von einem Zug gewußt, von dem Zug, mit dem Peter Handke in Griffen ankommt, mit dem Nachtleichenzug Slobodan, und er steigt in Griffen aus dem Leichenspeisewaggon Radovan, und sogleich empört er sich darüber, daß er nicht nach Tolstoi, Homer, Cervantes gefragt wird, er, in seinem Sakko der Marke Tomislav, tritt aus dem Zug und sogleich ereifert er sich darüber, daß er nicht nach Handke gefragt wird, nicht danach gefragt wird, was Handke geschrieben hat, was er, Handke, schreibt, daß er nicht gefragt wird, ob er, Handke, es nicht grandios fände, daß sie, die Journalisten, ihn, Handke, täglich lesen, und wenn sie überhaupt lesen, dann ausschließlich Handke lesen, daß er, Handke, nicht gefragt wird, ob es ihm, Handke, gefalle, wie schön die Journalistinnen ihm, Handke, ganze Kapitel von Handke hier und jetzt auf der Stelle auf dem Bahnsteig, falls es einen Bahnhof in Griffen gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt auswendig und ohne zu stocken, aber ergriffen aufsagen können, während der Bürgermeister und der Landeshauptmann ihm, Handke, Blumen von stifterischer Straußenpracht überreichen.

Aber er, Handke, ist nicht mit dem Tolstoi gekommen, hat nicht im Homer gespeist, und er, Handke, trägt keine Hosen der Marke Cervantes.

Er ist in Griffen mit seiner Wirklichkeit ausgestiegen und stößt auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt mit der ihm verhaßten Wirklichkeit zusammen, der seine Wirklichkeit zu gut oder zu bitter bekannt ist, um ihn, Handke, nicht nach seiner Wirklichkeit zu fragen, es ihr, der Wirklichkeit, gar nicht anders möglich ist, als ihn, Handke zu befragen, wie er es mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hält, es geradezu ein Versäumnis medialer Pflicht wäre, ihn, Handke, unbefragt in seiner Wirklichkeit zu belassen, ihm, Handke, nur mit Worten von seinem Stift zu huldigen, ihn zum Caesaren des Tiefsinnnblattlandes am großen Wasser zu krönen, gleich auf dem Bahnsteig, falls Griffen einen Bahnhof hat, oder auf dem griffnerischen Gemeindeamt.

Wieder einmal versteht er die Wirklichkeit nicht, aber die Wirklichkeit, in diesem Fall die Medienwirklichkeit, mißversteht auch ihn, wenn Medien noch desselben Tages davon schreiben, er, Handke, übe scharfe Medienkritik, in Griffen. Das keine Medienkritik ist. Es ist bloß das Schmerzliche, das eine Caesarin in ihrer Wirklichkeit empfindet, wenn sie erleben muß, daß die Wirklichkeit jenseits ihrer Wirklichkeit nicht ihre Wirklichkeitstanzbärin ist. Und die Schmerzen der Caesaren setzen Welten in Brände, seit allen Tagen, von denen auch Homer, Cervantes, Tolstoi …

Aber er, Handke, ist kein Caesar. Sein Schmerz zündet nicht, läßt keine Welt brennen, sein Schmerz gebiert bloß Antwortlosigkeit. Aber seine Sehnsucht nach Interviews wird rasch diesen griffnerischen Schmerz vergessen lassen, sein Androhen, keine Interviews mehr zu geben, ab diesem Tag auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, wird rasch kehren in sein persönliches Aufsuchen von vielen Redaktionen, um selbst nach Fragen zu fragen, wer mit ihm Interviews – gerne auch bei ihm, in seinem Poesieheim Serbien nahe Paris, und würde, wenn es denn sein müßte, den Menschen des Mediums auch die Eisenbahnbilletts hin und zurück …

Es wird nicht gewußt, ob es in Griffen einen Bahnhof gibt. Diese Frage bleibt unbeantwortet. Eine Frage aber ist beantwortet. Die Frage nämlich: „Wann, lieber Peter Handke, kommt ihr nächstes liebes Interview?“

Die Frage ist endgültig beantwortet. Für alle Zeit. Das Warten ist zu Ende. Und wenn es kommt, das Interview, und es werden – denn auch von den Interviews kommt er her – bald viele kommen, werden diese ungehört und ungesehen vorbeiziehen, wie Züge an Griffen fern oder vielleicht ein wenig nah vorbeifahren.

Aus Griffen sogar ein Eckermann?

Aber es gibt einen jungen Mann, vielleicht gibt es noch weitere junge Männer, in Griffen, von dem einen jungen Mann jedenfalls kann erzählt werden, von dem jungen Mann aus Griffen, der jetzt wohl recht gespannt auf Interviews von ihm, Handke, warten wird, der jetzt auf der Suche nach der Gesamtausgabe von Handke ist, der auch in seiner Wirklichkeit mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hadert, der jetzt wohl nicht abgeneigt ist, in das Poesieheim Serbien nahe Paris gar zu reisen, um mit ihm, Handke, gemeinsam in die Wälder zu gehen, ihm, Handke, alle seine Bücher auswendig aufzusagen, während er, Handke, Pilze …

Was für ein T-Shirt zöge der griffnerisch Identitätsaufgeladene wohl an, machte er sich wirklich auf zu ihm, zum Handke, eines mit dem Konterfei jenes Mannes, dem auch eine recht eigene Wirklichkeit attestiert und eine rechte Nähe zu … oder schon eines aus einer vielleicht schon recht rasch gemachten neuen Kollektion, mit dem Bildnis des Dichters …

Vielleicht hat dieser Bursche aus Griffen sogar das Zeug, sein Eckermann, Handkes Eckermann zu werden. Oh, was wäre das für ein Abschnitt in der Literaturgeschichte, zwei aus dem gleichen Ort … und ach, welche Verse könnte der griffnerische Eckermann aufschreiben, die er, Handke, leichtlippig in den Wäldern dichtet … Verse etwa, die erzählen von Gipfeln, vom Gewöhnlichen über allem …

Barbara Coudenhove-Kalergi das Schreibrecht entziehen

Barbara Coudenhove-Kalergi irrt.

Das Buch von Jason Brennan ist nicht „1916“, wie sie schreibt, erschienen, sondern 2016.

Dennoch schreibt sie die Wahrheit, wenn sie „1916“ schreibt. Ihr Artikel „Können Wähler irren?“ und das Buch „Against Democracy“ gehören tatsächlich in die Jahre 1916 und 1919, nicht in die Jahre 2016 und 2019.

„Brennans These: Demokratie ist die Herrschaft der Ignoranten und der Irrationalen. Besser wäre eine ‚Epistokratie‘, eine Herrschaft der Wissenden. Jason Brennan, Professor für Politikwissenschaften an der renommierten Georgetown-Universität in Washington D.C., nimmt die Resultate demokratischer Wahlen im Laufe der Geschichte unter die Lupe. Er kommt zu dem Schluss, dass diese sehr oft keineswegs im Sinne des Gemeinwohls und der Interessen des Landes ausgefallen sind:“

Schreibt Barbara Coudenhove-Kalergi am 26. September 1919 in der Tageszeitung des österreichischen Qualitätsstandards. Wer die Geschichte allein bis 1919 nur unter die Lupe nimmt, kann auf Thesen gänzlich verzichten, wird anhand der Resultate aristokratischer Herrschaft bloß den Schluß ziehen: Herrschaften der Ignoranz und des Irrationalen.

Und Jason Brennan bringt 1916, so Barbara Coudenhove-Kalergi 1919, den Begriff „Epistokratie, eine Herrschaft der Wissenden“.

Nun, die „Wissende“, das darf angenommen werden, sie zählt sich unbedingt dazu, die „Wissende“ Barbara Coudenhove-Kalergi hätte nicht die weite Welt zu sich auf die Couch holen müssen. Der Begriff „Epistokratie“ geistert auch lange schon in Österreich. Hier in der Variation „Meritokratie“. Und wer in Österreich für eine „Meritokratie“ ist, nun diese Männer, es sind vor allem Männer, wird sie wohl auch – zugegeben, das ist eine Vermutung – zu den „Wissenden“ zählen; keine Vermutung allerdings ist es, dass diese Männer mit Bestimmtheit als „Wissende“ sich selbst verstehen und überzeugt sind, absolute „Wissende“ zu sein …

… „Wissende“, die den Gipfel österreichischen Journalismus —

Mag Barbara Coudenhove-Kalergi auf ihrer Couch mit Amerika korrespondieren, hier, in diesem Kapitel, wird Österreich nicht verlassen. Wer allein die wenigen Monate der letzten Regierung in Österreich unter die Lupe nimmt, mit ihren Beschlüssen im Parlament, wird zu dem Schluß kommen, daß diese sehr oft keineswegs im Sinne des Gemeinwohls und der Interessen des Landes ausgefallen sind. Es darf angenommen werden, daß für Barbara Coudenhove-Kalergi die Männer und Frauen in der Regierung, die Männer und Frauen im Parlament „Wissende“ sind, nach ihren Ausführungen in ihrem Artikel von 1919.

„Hätten die ‚Wissenden‘, also diejenigen, die mehr über Politik und deren Folgen wussten, anders entschieden? Sind Gebildete die besseren Demokraten?“

Und menschgemäß kann es in Österreich, kann es für Barbara Coudenhove-Kalergi nicht ohne Adolf Hitler abgehen, wer auf der eigenen Couch die Welt sitzen hat, macht es nicht darunter.

„Adolf Hitler kam infolge einer demokratischen Wahl an die Macht, in der seine Nationalsozialisten zur stärksten Partei wurden.“

Das ist wahr, die NSDAP wurde stärkste Partei. Aber. Was heißt das: stärkste Partei? In der Wahl im Juni 1932 erhielt die NSDAP rund 37 Prozent, in der Wahl im November 1932 erhielt die NSDAP rund 33 Prozent, verlor sogar rund vier Prozent.

Sie wurde also stärkste Partei mit einem Prozentsatz etwas höher als der von der ÖVP in der letzten Nationalratswahl und ungefähr in der Höhe des für die ÖVP prognostizierten Prozentsatzes in der kommenden Nationalratswahl am 29. September 2019.

Adolf Hitler wurde nicht zum Reichskanzler gewählt, er wurde hinter verschlossenen Türen zum Reichskanzler gemacht. Es ist wahr, daß die NSDAP zur stärksten Partei gewählt wurde, auch in der Wahl im März 1933: mit 43,9 Prozent. Zu diesem Zeitpunkt aber war Adolf Hitler längst Reichskanzler, nämlich seit dem 30. Jänner 1933. Die dritte Wahl innerhalb nicht einmal eines Jahres wurde notwendig, so die verbreitete Begründung damals, weil es NSDAP und Zentrumspartei nicht gelungen war, eine Koalition zu bilden. Deshalb wurde der Reichstag aufgelöst, im März 1933 ein weiteres Mal gewählt. Barbara Coudenhove-Kalergi erwähnt nicht, unter welchen Bedingungen diese Wahl im März 1933 stattfand, wie viele Parteien beispielsweise nicht mehr kandidieren durften. Adolf Hitler regierte bereits rund fünf Wochen, und was eine Herrschaft Hitler schon in diesen ersten Wochen hieß, davon erzählt die Geschichte ausführlich. Aber wer die große Welt bei sich auf der Couch hat, der hat keine Lupe, und die große Welt ist so groß, die wird auch ohne Lupe noch gesehen, besonders wenn diese so nah auf der eigenen Couch hockt. Unter diesen sich entfaltenden diktatorischen Bedingungen kam die NSDAP auf 43,9 Prozent.

Ein Prozentsatz übrigens, den die ÖVP am Sonntag bei weitem nicht erreichen wird. Die Wählerinnen in Österreich haben ebenfalls nicht die türkisgetupfte schwarzblaue Koalition gewählt, auch diese wurde hinter verschlossenen schalltapezierten Türen gemacht, ebenfalls also unter dem vollkommenen Ausschluß der Wählerinnen und Wähler.

Das Ergebnis der Nationalratswahl 2017, für das die Wähler sorgten, bot die Möglichkeit zu vielen Koalitionsvarianten. Nur für die „Wissenden“ war die FPÖ-ÖVP-Koalition die einzige Variante. Und auch die „Wissenden“ in den Medien verbreiteten diese einzige Variante massiv, auch in der Tageszeitung, für die Barbara Coudenhove-Kalergi schreibt.

„Kaiser Joseph II., der große ‚Aufklärer von oben‘, erklärte, noch unter dem Eindruck der Französischen Revolution, der seine Schwester zum Opfer gefallen war: Alles für das Volk. Nichts durch das Volk.“

Oh, wie „groß“ von ihm, die Wähler und die Wählerinnen opfern seine Schwester, aber er, so Coudenhove-Kalergi, erklärt … aus dem Grab heraus, alles für —

Barbara Coudenhove-Kalergi und der zweite Josef, das gibt es schon, in einem Kapitel über „Volkes Stimme“

„Wer nichts weiß und nichts versteht, lässt sich eher von Vorurteilen und Fake-News leiten und ist leichter manipulierbar, findet Jason Brennan. Der Autor von Against Democracy teilt die Wahlberechtigten in Hobbits, Hooligans und Vulcans ein. Hobbits sind Menschen, die sich im Grunde für nicht außer ihrer unmittelbaren Umgebung interessieren. Hooligans folgen dem Wettkampf der Parteien nur so, wie sie als Fußballfans dem Spiel ihrer Lieblingsmannschaft zuschauen. Aber wenn nur die Gebildeten, die Wohlhabenden und Privilegierten wählen dürften, wurde ihm entgegnet, würde dann nicht nur im Sinne der Reichen entschieden und die armen Teufel blieben auf der Strecke? Nein, sagt Professor Brennan. Wenn man die ‚unteren‘ 80 Prozent der weißen Wähler in den USA ausschlösse, wäre das vermutlich genau das, was die armen Schwarzen brauchten. Und das Fazit? Ja. die Demokratie ist angreifbar. Ja, die Mehrheit der Wähler kann auch irren.“

Wäre Brennan nicht ein Politikwissenschaftler von 1916 und wäre Brennan ein Politikwissenschaftler in Österreich, könnte gesagt werden, unter seiner Lupe Österreich, aber ausschließlich die letzte Regierung …

Die Ärmsten haben für Clinton gestimmt, während die Hälfte aller Trump-Wähler Jahreseinkommen über 100.000 Dollar haben. Auch der Bildungshintergrund spielte dabei keine wesentliche Rolle. Unter weißen Wählern mit Hochschulabschluss haben 49 Prozent für Trump gestimmt; 45 Prozent votierten für Clinton.“

Das ist weder von Coudenhove-Kalergi noch von Brennan, sondern von Susan Neiman. Es wurde bereits in einem Kapitel zitiert, das allerdings nichts mit den Vereinigten Staaten zu tun hat, aber sehr viel mit Österreich, mit Steuergeschenken, Postenvergaben usw. Und es ist ein Kapitel, das nicht von den Jahren 1916 und 1919 erzählt, sondern vom Jänner 2018.

Die Einschränkung könnte, nach Brennan und Coudenhove-Kalergi, noch weiter getrieben werden, es könnten überhaupt nur noch „Superwissende“ das aktive und passive Wahlrecht … das wäre darüber hinaus auch äußerst kostengünstig. In Österreich müßte nach Brennan-Coudenhove-Kalergi nur eine sich der Wahl stellen und nur eine noch wählen, eine Frau die eine „Superwissende“ ist, vereint sie doch durch ihre Biographie Journalismus und Politik in sich auf das adeligste.

Das ist eigentlich schon zu viel Beschäftigung, mit einem Artikel von 1919, mit einem Buch von 1916.

Eines doch noch, aber kurz. Vielleicht kommt Amerika noch dazu, wenn es schon so gemütlich bei ihr auf der Couch sitzt, Barbara Coudenhove-Kalergi zu erzählen, daß Donald Trump nicht die Mehrheit an Stimmen hatte, um Präsident zu werden, sondern er sein Amt dem amerikanischen Wahlrecht zu verdanken hat.

Der Entzug des Schreibrechts bedarf aber doch einer gesonderten Erwähnung. Den Wissenden, die etwa in Zeitungen schreiben, das Schreibrecht zu entziehen, wenn sie sich irren, ist keine These, sondern mehr und mehr eine berechtigte Forderung. Und zugleich eine falsche Forderung. Denn. Um beim Beispiel der „Wissenden“ des Journalismus zu bleiben, sie, die Journalistinnen und Journalisten irren sich nicht freiwillig, sie irren sich im Auftrag ihrer Dienstgeber, ihre Irrtümer werden ihnen von ihren Herausgeberinnen, von den Eigentümern der Medien, für die sie arbeiten, vorgeschrieben. Es bleibt also aktuell, was Herr Keuner einst sagte, er wolle andere Zeitungen. Nein, es bleibt nicht aktuell, was Herr Keuner sagte, daß er andere Zeitungen wolle, vielleicht meinte er damit, er wolle andere Massenmedien; die Gegenwart hinkt auch darin hinterher.

Eines noch. Kurz wirklich das Letzte. Das Fazit nämlich.

Wenn du so eine Demokratin hast, brauchst du keine Diktatur gleich in welcher Begriffsmaske mehr.

Das wäre ihr, Coudenhove-Kalergi, Apologetin des Aristokratischen gleich in welcher Begriffsmaske, wohl geantwortet worden, damals 1919, als sie schrieb …

„Wozu überhaupt wählen.“

Andrea Maiwald: „In den Umfragen hat sich zuletzt trotz Ibiza nicht sehr viel bewegt. Vor allem Platz eins steht längst fest. Das hören wir praktisch seit Wochen. Da könnte man sich doch fragen: Wozu überhaupt wählen.“

Günter Ogris: Na ja. Die Leute wählen natürlich, weil sie eine gewisse Richtung in der Politik […]“

Was für eine Frage … „Wozu überhaupt wählen.“

Wenn mit dieser Frage, die freundlichste Annahme, gemeint ist, diese Frage könnten sich Wählerinnen und Wähler stellen, die Interviewerin dabei also in die Rolle einer Wählerin geschlüpft ist. Nun ja. Wenn sich diese Frage alle Wahlberechtigten – und nicht nur die, darf doch angenommen werden (bei diesem sehr hohen Prozentsatz an nicht wahlberechtigten Menschen in Österreich kann das nicht so einfach als eine Selbstverständlichkeit angenommen werden), in Österreich wahlberechtigte Interviewerin – stellen und sich dann alle dafür entscheiden, nicht zu wählen, dann gibt es auch keinen feststehenden „Platz eins“ mehr.

Die schwammige Formulierung der Interviewerin gibt aber durchaus die Annahme für eine weitere Variante her, was sie damit meint: „Wozu überhaupt wählen.“ Es gibt ohnehin die Meinungsumfragen. Wozu dann überhaupt noch eine Wahl durchführen. Nach den Meinungsumfragen ist es ja ohnehin längst entschieden, wer auf „Platz eins fest steht“.

Was für ein Gedanke. Wahlen durch Meinungsumfragen zu ersetzen.

Was für ein Gedanke. Wenn „Platz eins“ ohnehin feststehe – wozu überhaupt Wahlen? In Wahlen geht es doch nur um den Platz eins, nur darum, wer führt, nur deshalb gibt es Wahlen. Nur der „Platz eins“ muß in Wahlen festgestellt werden, alles hinter „Platz eins“ ist ohne Belang. Und wenn der Platz eins, nach den Meinungsumfragen, fest… dann bleibt nur eines noch, sich fügen, auf das Wählen zu verzichten. In das Schicksal sich fügen. Gottergeben, genauer, der Göttin der Gegenwart: der Meinungsumfrage sich ergeben? Ist das ein typischer österreichischer Zugang, den die Interviewerin stellvertretend für den österreichischen Menschen damit zum Ausdruck bringt?

Oder, noch eine Variante, ist das eine Wahlhilfe der Interviewerin für den Mann trotz Ibiza mit seiner Partei, dem die Meinungsumfragen den „Platz eins“ zuschreiben?

Abseits der Möglichkeiten, was die Interviewerin mit ihrem „Wozu-überhaupt-Wählen“ meint, kann auch schlicht auf eine Deutung verzichtet und kurz gesagt werden, es scheint mehr und mehr die Qualität der Antworten der zum Interview eingeladenen Personen auf die Qualität der Fragen der Interviewenden abzufärben, vor allem dann, wenn zu viele dieser Personen derartiger Antwortqualität …

Gerade in Österreich gibt es darüber hinaus noch weitere Einflüsse, denen sich auch Journalisten und Journalistinnen dieses Radiosenders scheinbar nicht mehr ganz entziehen können. In diesem Jahr erschreckte am Morgen ein einziges Wort, gehört von einer Journalistin dieses Senders: „Richtig?“. Von ihr in einem Interview unmittelbar an eine von ihr gemachten Feststellung angehängt. Diese Interviewführung mit dem an seine Zusammenfassungen unmittelbar angehängten „Richtig?“ ist sonst nur von einem Mann mit Medienbesitz in Österreich bekannt, wird nur von diesem exzessiv … wenn dieser Mann – das war der Schrecken am Morgen beim Hören von „Richtig?“, dieser Mann lehrt bereits Journalismus – zur führenden Schule des Journalismus wird, dann kann tatsächlich gefragt werden, wozu überhaupt aufdrehen, aufschlagen – in Österreich …

Duelle in Österreich

Ja, es kann bestätigt werden. Es wird recht heftig duelliert in Österreich.

Also in der Umsonst.

Duelle gegen Zahlen.

Duelle gegen einfachste Sachverhalte.

Immer wieder ein Duell gegen Zahlen.

Duelle gegen Zahlen.

Es wird in der Österreich duelliert auf Wahrheit komm raus. Die Wahrheit kommt raus, aber nicht in der Österreich.

Und nun ein weiteres Duell. Das Duell gegen die wörtliche Wiedergabe.

Es erübrigt sich, genau auszuführen, daß Alfons Haider und Andreas Gabalier es nicht so sagten, wie es die Österreich zitiert. Zitieren, wie breitest gewußt wird, außer in der Österreich, heißt, es wörtlich genauso wiedergeben, wie es gesagt wurde.

Duelle über Duelle also in der Österreich. Es scheint aber in der Österreich ein Hauptduell zu geben, unabhängig von Themen und Anlässen, nämlich das Duell gegen die Bildung.

Der Namenlose

Wer Berichte von Medien liest, über den Mann, der am Vormittag aus tiefer Nacht heimkehrend auf seinem Balkom … wird eines nicht lesen, den Namen des Mannes. Ein Namenloser. Aber wenigstens kein Berufsloser.

Was für eine vornehme Zurückhaltung der Medien. Im Vergleich zu deren sonstigen Umgang, der gar nicht zurückhaltend, zu oft sehr bedenkenlos, oft sogar rücksichtslos.

Nur in einer Umsonst ist des Namenlosen Kosenamen zu lesen, zu erfahren, wie der Namenlose im Ort genannt wird, bei seinem Spitznamen gerufen, integriert im Ort, einer vom Orte halt.

Der Namenlose von Samuel Beckett kommt in den Sinn. Eine unbewegliche Figur mit unzusammenhängendem Wortschwall, mit Wortkaskaden über eine Wirklichkeit sprechend, die kein Mensch sonst kennt, eine Realität, die nur dem Namenlosen bekannt, in der nur der Namenlose existiert. Dieser Zwang zur fortwährenden und ununterbrochenen Rede wird außerhalb von Romanen schon auch gekannt, in der Wirklichkeit, vor allem von Männern dieser Gesinnung. Während aber der Namenlose von Beckett hofft, seinen Redezwang zu überwinden, endlich im Schweigen zu enden, greifen vor allem die Männer der ihnen selbst herbeigeredeten Wirklichkeit in ihrem unzusammenhängenden Redezwang zu tödlichen Waffen, enden im lautgefährlichen Schweigen.

„Politik der Feindschaft“ – „Kulturkampf im Klassenzimmer“

Es gibt diesen Witz mit „Quo Vadis“.

Eine fragt, wohin gehst du. Einer antwortet, ins Kino. Was gibt’s? Quo Vadis. Was heißt das? Wohin gehst du. Ins Kino. Was gibt’s? Quo Vadis. Was heißt das? Wohin gehst du? Ins …

Ein Endlosschleifenwitz.

Quo Vadis heißt nun auch ein Verlag, in Österreich. Angehängt im Verlagsnamen ist nicht Kino, sondern Veritas — Wahrheit …

Nicht erst seit der gesinnungsgemäß zensurierten Website der identitären Regierungspartei wird gewußt, was das bedeutet, wenn in Österreich Wahrheit auf den Schild gehoben wird …

Die Geschäftsführung dieses Verlages haben inne: Michael Fleischhacker und Niko Alm.  Es käme seiner Wahrheit wohl näher, hätten sie den Verlag schlicht wie kurz „Nudelsieb“ genannt.

Ihr erster Titel: „Kulturkampf im Klassenzimmer“. Das „f“ gesetzt als Schwert, als ein „islamisches Schwert“ … Das sagt bereits alles aus. Herausgegeben von einem Geschäftsführer Fleischhacker, und sofort kann gewußt werden, in welche Hallenecke es gehört, in die Ecke, wo die Endlosschleifendebatte läuft, in der sich Österreich gefällt und überzeugt ist, eine Debatte zu führen, während tatsächlich bloß ein …

Kaum veröffentlicht, wird dieses Buch zum breitesten medialen Mittelpunkt in Österreich. Und alle können sich gemütlich zurücklehnen, meinen von sich, einen Beitrag zu den Herausforderungen der Zeit zu leisten.

Wie überholt es ist, vom „Kulturkampf“ … Es gibt auch diesen Witz, es brauche immer Jahre oder Jahrzehnte, bis etwas nach Österreich gelange. Wie viele Jahre wird es wohl noch dauern, bis auch in Österreich begriffen werden wird, daß der „Kampf der Kulturen“ seit Ewigkeiten ein Buch ist, das bereits bei seinem Erscheinen nicht auf der Höhe seiner Zeit war.

Wie viele Jahre müssen wohl in Österreich vergehen, bis beispielsweise „Politik der Feindschaft“ von Achille Mbembe zum breitesten medialen Mittelpunkt wird, zur breitesten öffentlichen Debatte. Aus diesem Buch kann nichts zitiert werden, weil das gesamte Buch zu lesen ist. Auch in diesem Buch ist viel zu erfahren, zu den Herausforderungen der Zeit, aber nicht dermaßen kurzgeführt, wie es in und nicht nur in Österreich …

Ein Buch wie beispielsweise „Kulturkampf im Klassenzimmer“ wäre Mbeme nie eine herangezogene Sekundärliteratur. Es sagt aber auch viel über Österreich aus, daß Mbeme Schreibende aus Österreich zitiert, und zwar Sigmund Freud und Jean Améry …

Zu einem weiteren Buch von Mbembe gibt es bereits ein Kapitel: „Kritik der schwarzen Vernunft“ ..

Mit dieser kurzgeführten Herangehensweise wird es kein Weiterkommen, keine Entwicklung zum Postiven geben, sondern bloß die Endlosschleife des Witzes. Wohin gehst du? Ins Fernsehen. Was gibt’s? Quo vadis. Was heißt das. Wohin gehst du? Zum Fleischhacker …

Quo Vadis Varitas - Zum Fleischhacker Was gibts Quo Vadis Was heißt das Wohin gehst du.png

Tapfer lachend zieht Wolfgang Fellner aus, um Urteile zu erwirken


Schuft aus Wien.png

Und wieder einmal muß die Tageszeitung, die nicht „Österreich“ heißt, aber sich als „Österreich“ versteht und empfindet, ein Urteil veröffentlichen, am 23. Juli 18.

Und Wolfgang Fellner, der nicht der Herausgeber der „Kronen Zeitung“ ist, sondern jener Zeitung, die gratis, aber Österreich nicht umsonst erhält … hat also wieder ein Urteil erwirkt. 

Es kann Wolfgang Fellner verstanden werden, in seinem tapferen Kampfe gegen die Tageszeitung, die sich als „Österreich“ versteht und empfindet, ihr es nicht durchgehen zu lassen, sich auch noch als „Die Fackel“ präsentieren zu wollen.

Kann ein Mann, der so tapfer kämpft, dabei sein Lachen nicht verliert, ein Schuft sein?

Solch einen Mann treffend zu beschreiben, was für Reaktionen solch ein Mann auszulösen vermag, das zu beschreiben, dafür bräuchte es besondere Talente; gegenwärtig besitzt diese Talente nur ein Mann in Österreich, ein ihm ebenbürtiger Mann und zum Interview gern geladener Mann –  der so niveauvoll, so klug, so ganz und gar vergeistigt von seinen körperlichen Reaktionen zu reden weiß, die ausgelöst durch …


Wolfgang Fellner - Hinaus mit dem Schuft