In Griffen

Peter Handke steigt um: vom lieben auf den gewöhnlichen Zug

Es wird nicht gewußt, ob Griffen vom Zug angefahren wird, in Griffen überhaupt ein Zug hält, Griffen einen Bahnhof hat, ob überhaupt Züge durch Griffen durchfahren oder wenigstens nahe an Griffen vorbei …

Es wird nur von einem Zug gewußt, von dem Zug, mit dem Peter Handke in Griffen ankommt, mit dem Nachtleichenzug Slobodan, und er steigt in Griffen aus dem Leichenspeisewaggon Radovan, und sogleich empört er sich darüber, daß er nicht nach Tolstoi, Homer, Cervantes gefragt wird, er, in seinem Sakko der Marke Tomislav, tritt aus dem Zug und sogleich ereifert er sich darüber, daß er nicht nach Handke gefragt wird, nicht danach gefragt wird, was Handke geschrieben hat, was er, Handke, schreibt, daß er nicht gefragt wird, ob er, Handke, es nicht grandios fände, daß sie, die Journalisten, ihn, Handke, täglich lesen, und wenn sie überhaupt lesen, dann ausschließlich Handke lesen, daß er, Handke, nicht gefragt wird, ob es ihm, Handke, gefalle, wie schön die Journalistinnen ihm, Handke, ganze Kapitel von Handke hier und jetzt auf der Stelle auf dem Bahnsteig, falls es einen Bahnhof in Griffen gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt auswendig und ohne zu stocken, aber ergriffen aufsagen können, während der Bürgermeister und der Landeshauptmann ihm, Handke, Blumen von stifterischer Straußenpracht überreichen.

Aber er, Handke, ist nicht mit dem Tolstoi gekommen, hat nicht im Homer gespeist, und er, Handke, trägt keine Hosen der Marke Cervantes.

Er ist in Griffen mit seiner Wirklichkeit ausgestiegen und stößt auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt mit der ihm verhaßten Wirklichkeit zusammen, der seine Wirklichkeit zu gut oder zu bitter bekannt ist, um ihn, Handke, nicht nach seiner Wirklichkeit zu fragen, es ihr, der Wirklichkeit, gar nicht anders möglich ist, als ihn, Handke zu befragen, wie er es mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hält, es geradezu ein Versäumnis medialer Pflicht wäre, ihn, Handke, unbefragt in seiner Wirklichkeit zu belassen, ihm, Handke, nur mit Worten von seinem Stift zu huldigen, ihn zum Caesaren des Tiefsinnnblattlandes am großen Wasser zu krönen, gleich auf dem Bahnsteig, falls Griffen einen Bahnhof hat, oder auf dem griffnerischen Gemeindeamt.

Wieder einmal versteht er die Wirklichkeit nicht, aber die Wirklichkeit, in diesem Fall die Medienwirklichkeit, mißversteht auch ihn, wenn Medien noch desselben Tages davon schreiben, er, Handke, übe scharfe Medienkritik, in Griffen. Das keine Medienkritik ist. Es ist bloß das Schmerzliche, das eine Caesarin in ihrer Wirklichkeit empfindet, wenn sie erleben muß, daß die Wirklichkeit jenseits ihrer Wirklichkeit nicht ihre Wirklichkeitstanzbärin ist. Und die Schmerzen der Caesaren setzen Welten in Brände, seit allen Tagen, von denen auch Homer, Cervantes, Tolstoi …

Aber er, Handke, ist kein Caesar. Sein Schmerz zündet nicht, läßt keine Welt brennen, sein Schmerz gebiert bloß Antwortlosigkeit. Aber seine Sehnsucht nach Interviews wird rasch diesen griffnerischen Schmerz vergessen lassen, sein Androhen, keine Interviews mehr zu geben, ab diesem Tag auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, wird rasch kehren in sein persönliches Aufsuchen von vielen Redaktionen, um selbst nach Fragen zu fragen, wer mit ihm Interviews – gerne auch bei ihm, in seinem Poesieheim Serbien nahe Paris, und würde, wenn es denn sein müßte, den Menschen des Mediums auch die Eisenbahnbilletts hin und zurück …

Es wird nicht gewußt, ob es in Griffen einen Bahnhof gibt. Diese Frage bleibt unbeantwortet. Eine Frage aber ist beantwortet. Die Frage nämlich: „Wann, lieber Peter Handke, kommt ihr nächstes liebes Interview?“

Die Frage ist endgültig beantwortet. Für alle Zeit. Das Warten ist zu Ende. Und wenn es kommt, das Interview, und es werden – denn auch von den Interviews kommt er her – bald viele kommen, werden diese ungehört und ungesehen vorbeiziehen, wie Züge an Griffen fern oder vielleicht ein wenig nah vorbeifahren.

Aus Griffen sogar ein Eckermann?

Aber es gibt einen jungen Mann, vielleicht gibt es noch weitere junge Männer, in Griffen, von dem einen jungen Mann jedenfalls kann erzählt werden, von dem jungen Mann aus Griffen, der jetzt wohl recht gespannt auf Interviews von ihm, Handke, warten wird, der jetzt auf der Suche nach der Gesamtausgabe von Handke ist, der auch in seiner Wirklichkeit mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hadert, der jetzt wohl nicht abgeneigt ist, in das Poesieheim Serbien nahe Paris gar zu reisen, um mit ihm, Handke, gemeinsam in die Wälder zu gehen, ihm, Handke, alle seine Bücher auswendig aufzusagen, während er, Handke, Pilze …

Was für ein T-Shirt zöge der griffnerisch Identitätsaufgeladene wohl an, machte er sich wirklich auf zu ihm, zum Handke, eines mit dem Konterfei jenes Mannes, dem auch eine recht eigene Wirklichkeit attestiert und eine rechte Nähe zu … oder schon eines aus einer vielleicht schon recht rasch gemachten neuen Kollektion, mit dem Bildnis des Dichters …

Vielleicht hat dieser Bursche aus Griffen sogar das Zeug, sein Eckermann, Handkes Eckermann zu werden. Oh, was wäre das für ein Abschnitt in der Literaturgeschichte, zwei aus dem gleichen Ort … und ach, welche Verse könnte der griffnerische Eckermann aufschreiben, die er, Handke, leichtlippig in den Wäldern dichtet … Verse etwa, die erzählen von Gipfeln, vom Gewöhnlichen über allem …

Mann alleen

avenidas y ramas 18 - BK
Im Prater wichsen wieder die Bewunderer

Ein Gedicht von Eugen Gomringer ist zum Mittelpunkt eines Disputes um Kunst und deren Freiheit geworden, es hat nun sogar die Philosophie, zu großes Wort, Konrad Paul Liessmann bewogen, etwas zu diesem Disput beizutragen.

„Die Barbaren sind mitten unter uns. Sie lauern nicht am rechten oder unteren Rand der Gesellschaft, sie gehören nicht zu den Bildungsfernen und Bildungsverlierern, sie kommen nicht aus unterentwickelten Regionen, sondern sie sitzen an den Schaltstellen von Kunst und Wissenschaft, schreiben in Qualitätsmedien, diskutieren an Universitäten, leiten Gemäldegalerien, dominieren die Talkshows. Barbaren sind sie dennoch. Denn im Grunde ihres Herzens verachten sie die Kunst. Unter dem Vorwand, gegen Sexismus und Rassismus zu kämpfen, übermalen sie Gedichte.“

So beginnt Konrad Paul Liessmann seinen Beitrag am 8. Februar 2018 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ …

Vollkommen unverständlich, derart zu beginnen. Denn. Gesinnungsgemäß kann es nicht der „rechte Rand“ sein. Diesem würde das dem Gedicht Vorgeworfene gar nicht stören, im Gegenteil, diesem wäre es, in dieser Interpretation gelesen, ein Gebet der gesinnungsgemäßen Männlichkeit. Gesinnungsgemäß kann es nur dann der „rechte Rand“ sein, wenn es gegen die sogenannte Moderne in Literatur und Kunst geht, die Werke also nicht reaktionär blümeln …

Vollkommen richtig. „Die Barbaren sind mitten unter uns.“ Ein Barbar ist ein Mensch, so wurde es einst verstanden, der die Sprache eines anderen nicht versteht, nur, sollte ihm dieses Glück beschieden sein, seine eigene Sprache. Konrad Paul Liessmann versteht die Sprache der Frauen nicht.

Im Prater blühn wieder die Bäume

Konrad Paul Liessmann versteht nicht, wenn Frauen davon sprechen, daß das Gedicht von Eugen Gomringer sie an sexistische Übergriffe, an sexistische Belästigungen erinnert, sie, die Frauen, zum Objekt des Begaffens verpflanzlichen.

Im Gedicht kommen Alleen vor.

avenidas y flores y mujeresIm Gedicht kommen Blumen vor. Und Frauen kommen im Gedicht vor. Auf einer Stufe. Zusammen an den Wegesrand gestellt, zum Bewundern, aber es kann ein abgründiges …

Wie leicht wäre es doch zu verstehen, daß Frauen von Männern nicht mit Blumen in Alleen in eine Reihe gestellt sich sehen wollen.

Aber Konrad Paul Liessmann versteht die Sprache der Frauen nicht. Wie sollte er erst tonlose Blumen verstehen können, die ihm einiges über Männer erzählen könnten. Sie könnten ihm erzählen, daß ihnen Männer wie Basho vielleicht lieber sind als Männer wie Goethe, Männer wie Tennyson ganz und gar ein Greuel, eine tödliche Gefahr, die sich in Gedichten mit ihnen … obgleich Basho, anders übersetzt, auch ein „Bewunderer“, letztlich ein Vereinigungsbegehrer … das könnten die am Rand auf der Prater Hauptallee ihm nicht erzählen, es treibt die Männer nicht die Wissenschaft, nicht die Dichtung in die Alleen, wo sie unruhig wichsen, wenn die Blätter treiben, wenn die Blätter nicht treiben.

Wie oft haben Frauen schon erzählt, auf der Prater Hauptallee an wichsenden Männern vorbeilaufen zu müssen, wenn sie die Prater Hauptallee zur sportlichen Ertüchtigung aufsuchen. (Es erschließt sich nun wie von selbst die tiefe Bedeutung des beliebten Liedes: „Im Prater blühn wieder die Bäume.“)

Es mag Konrad Paul Liessmann ein Kunstfreund sein, ein Gegner der Kunstzensur, aber ein Gegenwartsfreund, ein Fortschrittsfreund, ein Zukunftsfreund kann er nicht genannt werden, und er wird sich viele Freunde gemacht haben, unter den Bewunderern mit den Barbareneiern auf der Prater Hauptallee, mit seiner Unterzeichnung des „Briefes der 800“,

Heinz Mayer bestätigt die Notwendigkeit der Binnen-I-Schreibung – Teil 8 der Komödie in Fortsetzung

mit dem im Grunde nichts anderes gefordert wurde, als die Zensur der Sprache.

Dem Gedicht von Eugen Gomringer gebührt aber die höchste Auszeichnung. Es zieht Konrad Paul Liessmann die Hose aus, und zum Vorschein kommen …

Avenidas y gachósEin Elend ist aber stets das Interpretieren von Gedichten. Wer wird das Gedicht noch übermalen wollen, wenn dabei an die „Bewunderer“ auf der Prater Hauptallee gedacht wird, wie sie hinter Bäumen versteckt ihr kümmerliches und stets nur für Sekunden steifes Glied wichsen und wichsen, die ärmliche Hugo-Boss-Hose bis zu den Wadeln hinuntergelassen, mit ihren entblößten Bierschwangerschaftsstreifenbäuchen  – wer wollte dann nicht auch dieses Gedicht in Goldlettern in einem Goldrahmen an der Wand im besten Zimmer der Wohnung haben.

Männer in Alleen allein. In Berlin – und der Disput geht um das Gedicht auf einer Mauer in Berlin. Stehen sie auch wichsend in den Alleen, und nicht nur in Wien, kann das Gedicht gerade in Berlin auch Erbarmen mit dem „Bewunderer“ hervorrufen, so „alleen“, das Kümmerliche in der Hand, mit sorgenvollem, einsamkeitsgefurchtem Gesicht, das können die Mimik der unverschämten Überlegenheit und die Posen der geilen Frechheit nicht verbergen, mit hilfloser Tonlosigkeit nach Aufmerksamkeit, nach einer Geste, mag diese auch ablehnend sein, der Zuneigung, mit dem Wichszeichen ständig den Satz „Lass mir nicht so alleene da stehn!“ …

Und ob Konrad Paul Liessmann wirklich ein Kunstfreund ist? Vielleicht von sehr alter Kunst. Es wäre stimmig. Kommt er doch auch bei der Philosophie nicht so recht an die Gegenwart heran, bleibt Jahrzehnte davor stehen, wie er so eindrücklich in Salzburg …

„Doch das ist nichts Neues“

… wo er gerade einmal bis …

Alleen und Männer

Übrigens, beim „Brief der 800“ war gesinnungsgemäß die FPÖ die treibende Kraft, also die Partei, in der die Männer meinen, Eier wie Odin (falls dieser überhaupt Eier haben kann) zu haben, und weil es ebenfalls sehr aktuell ist, dürfen die Burschenschaften nicht unerwähnt bleiben. Wie sehr würde sich wohl gerade in diesen Tagen die montagsgemachte identitäre Regierungspartei wünschen, es wäre die heutige Zeit noch eine so recht gute alte Zeit, in der ein Wortführer (gesinnungsgemäß ein Mann) einmal sagt, eine Debatte um die Burschenschaften brauche es jetzt nicht, und augenblicklich ist die Debatte beendet. Wie lange ist das schon her, daß Konrad Paul Liessmann

Rund um und aus Odin Wiesinger dampft es

genau das sagte, in einer Fernsehdiskussion – aber wer hört schon auf …

Das wäre jetzt ungerecht, zu sagen, er werde nicht gehört … es könnte ihm noch ein großer Aufstieg bevorstehen, zum ersten Philosophen, kein zu großes Wort, der FPÖ und der AfD …

Konrad Paul Liessmann - Aufstieg zum führenden Philosophen

„Fahne für Österreich“, datiert 15. Oktober 2017: Ein Leichengedicht

Österreich

Was je zu erwarten ist, wird gewählt.

Die Wahl am 15. Oktober 2017 bestätigte bloß eines, daß die Flagge von Österreich seit langem schon keine rot/ich/weiß/rot ist, sondern eine schwarz/ich weiß rot/im gsicht/vor lauter blau

Vielleicht war rot/ich weiß/rot von Ernst Jandl aus dem Jahre 1969, um den vielen Interpretationen noch eine hinzuzufügen, ein Gedicht des ungeduldigen Herbeischreibens einer Gegenwart, auf die nicht länger mehr gewartet werden wollte, endlich aus der so fern, fern empfundenen Zukunft ausgegraben wird, für das Hier und Jetzt … Und diese von der Zukunft ersehnten Gegenwart ist dann ja auch bald, zwar nicht zur Gänze, aber doch …

Wäre die Fahne für Österreich nicht aus dem Jahre 1969, hätte Ernst Jandl seine Vier-Wörter-Fahne erst Jahre später geschrieben, dann freilich bliebe nur eine Interpretation im Sinne von Gesellschaft und Politik übrig: melancholisch vorausschauender Abgesang. Und in welchem Jahr hätte Ernst Jandl seinen Abgesang rot/ich weiß/rot schreiben können? Favorit dafür wäre wohl das Jahr 1997, als die Hoffnungen und Erwartungen schrumpften, erfüllt schon gesehen wurden mit einem Ausflug nach Maria Taferl  …

Und hätte Ernst Jandl seine Fahne für Österreich mit 15. Oktober 2017 datiert, eine Leichenrede …

Was in Österreich bloß noch zu erwarten ist, wird gemacht.

Und wenn jetzt nach der Wahl am 15. Oktober 2017 das Feilschen und das Berichten über das Feilschen um eine Regierung beginnt — schwarz/ich weiß rot/im gsicht/ vor lauter blauidentitär …

Wenn die Wirklichkeit in Österreich nichts mehr hergibt, als das Erwartbare, ist die Zeit gekommen, für Gedichte, oder wenigstens das Nachdenken über Gedichte, die nichts zu tun haben mit … Und das wird, mag es paradox klingen, vielleicht das Politischste werden, wenn Österreich in Kulturlosigkeit untergeht

Literatur und Parteipolitik – Nationalratswahl Oktober ’17, Österreich

Nationalratswahl Österreich - Wenn das Weinen zu spät ist

Es ist tatsächlich aufmerkenswert, wenn einmal im Zusammenhang mit der bevorstehenden Nationalratswahl Literatur vorkommt, wie gestern, am 30. September 2017, als Flic im Mittagsjournal gefragt wurde, ob er denn Romane lese.

Die Antwort darauf von Flic:

„ich les‘ immer wieder, meistens sind es nicht romane, eher sachbücher, biographien und relativ viele akten und unterlagen für meinen job.“

Ehe auf das Verhältnis, richtiger wohl, Nicht-Verhältnis von Literatur und Parteipolitik in Österreich eingegangen wird, stellt sich die Frage, welche Sachbücher von Flic wohl gelesen werden. Es würde hier zu weit führen. Aber es darf die Vermutung geäußert werden, es werden beispielsweise keine Schriften von dem österreichischen Philosophen Franz Fischer bisher dabei gewesen sein. Als Stichworte hierzu seien nur genannt „Proligion“ und „Proflexion“. Es würden sonst die Diskurse, richtiger wohl, die Meinungsaustausche in Österreich anders, besser verlaufen, auch die Meinungen von einem Flic gehaltvoller sein.

Und daß Flic bei der Frage zur Literatur sofort einfällt, er lese Akten und Unterlagen, was er sich selbst wohl hoch anrechnen wird, läßt tief blicken. Es scheinen ihm Akten und Unterlagen Literatur zu sein, jedenfalls in dieser Hinsicht, Akten und Unterlagen wie Literatur zu interpretieren, also daraus, um ein derzeitiges Modewort zu verwenden, fake news zu produzieren.

Ohne den geringsten Willen zur Verklärung soll an eine Fotographie erinnert werden, die Bruno Kreisky zeigt, wie er sich von seinem Sitz erhebt, um Peter Handke die Hand zu schütteln, es sieht wie eine Verneigung aus, der Staatsmann verneigt sich vor dem Dichter. Bruno Kreisky ist zu erwähnen, weil er nicht nur Namen von Schriftstellerinnen kannte, sondern Literatur wohl auch einen Einfluß hatte auf seine Politik, vor allem auf seine Sozialpolitik. Etwa die Lyrik des von ihm genannten Theodor Kramer. Wie anders könnten die Pläne für Menschen mit „kleinen Einkommen“ und das Reden über „Gerechtigkeit“ von Flic sein, läse er etwa Kramer … Aber nicht nur in dieser Hinsicht wäre Kramer eine heilsame Lektüre in diesem Land, also auch für Flic; es sollten vor dem 15. Oktober 2017 Wählerinnen und Wähler lesen, wer an Ihrer Tür läutet, wem Sie mit Ihrem Kreuz die Tür aufsperrten …

Wer läutet draußen an der Tür?
Die Fuchsien blühn so nah –
und wein‘ nicht, sie sind da

Und nun, wie oben versprochen, das Eingehen auf Literatur und Parteipolitik. Mit dem Wort „Nichtverhältnis“ ist  darauf schon erschöpfend eingegangen. Es könnte noch hinzugefügt werden, in den Wahlprogrammen der Parteien kommt Literatur nicht vor; einmal doch, im Flic-Programm:

„Gerade im Ausland wird man häufig auf die großartigen Errungenschaften in Musik, Literatur, bildender Kunst oder Architektur angesprochen.“

Das ist es dann auch schon, im Ausland angesprochen zu werden auf … Wie gut, daß nicht einmal im Ausland gefragt wird, was zu tun gedacht wird, daß es großartige Errungenschaften weiterhin …

Es ist also insgesamt in Österreich weiterhin schlecht bestellt, also nicht nur um die Literatur. Hierzu darf auf die Zusammenfassung von Patrick Kwasi zu den Programmen von einigen Parteien verwiesen werden

Wie schlecht es schon bestellt war, von dieser Regierung mit den Farben rot und schwarz, darf verwiesen werden:

Kunst und Kultur machen keine Arbeit. Endlich.

„Plan A für Kunst und Kultur, wenn ein nächster Termin dazu ansteht.“ 

Und wie die Partei und mögliche nächste Regierungspartei mit der Farbe blau es bestellen will — erst gestern wieder einmal ein Ausblick …

Ohne „entartete Kunst“ kann Kunst gar nicht in den Sinn kommen

Vielleicht fragen Sie sich, weshalb nicht geschrieben wurde: Literatur und Politik … Es wäre zu schmeichlerisch gewesen, österreichische Parteipolitik Politik zu nennen.

Vom Parlament, vom Rathaus nur eine Armlänge zur Stöhr

Vom Parlamnt vom Rathaus nur eine Armlänge zur Stöhr.png

Was würde eine Buchhandlung über die Menschen, die sie aufsuchen, erzählen können? Was erzählte Stöhr über ihre Käufer und Käuferinnen?

Es wird gewußt, was die Unzensuriert über Stöhr schreibt: Lob und Empfehlung. Und vor allem, bei ihr die Bücher zu kaufen, die Unzensuriert ans Herz legt, zum Beispiel: Alain de Benoist, „Kulturrevolution von Rechts“. Ein Buch als Mittel, also als Medikament gegen die Krankheit, unter der gerade Leserinnen und Leser der Unzensuriert bevorzugt zu leiden scheinen, Österreich, gerade Österreich sei schwer, unheilbar erkrankt am linken Hegemonialsyndrom.

Vielleicht erzählte Stöhr von einem solchen Tag, an dem vorwiegend Männer auf ihrem abendlichen Nachhauseweg vom Rathaus und vom Parlament bei ihr noch hineinschauen, um die Bücher zu erwerben, von denen sie tagsüber im Parlamentsbüro oder während einer Gemeinderatssitzung in der Unzensuriert gelesen hätten, um sich gegen das linke Hegemonialsyndrom zu immunisieren, aber auch, wenn sie noch Fakten und Daten benötigen könnten etwa für eine bevorstehende Reise zu einem Kongreß, zu dem sie als Referenten, seltener als Referentinnen eingeladen …

Manch ein Mann braucht vielleicht nur neuen Stoff für die lange Bahnfahrt nach Hause, ins Oberösterreichische

Manch ein alter Mann kommt vielleicht nur vorbei, um beim Anblick der Waffen in den Büchern und Magazinen zu träumen, wie aus seiner Wohnung eine Kaserne wird, um alle Waffen unterzubringen, die er in der Wirklichkeit nicht haben darf, und davon, wie er das Gesetz verhaftet, weil es ihm Böses antut.

Denn, sagte die Stöhr. Es ist nicht weit vom Rathaus, vom Parlament zur ihr

Vielleicht erzählte Stöhr auch von ihrem Traum, der sich eines baldigen Tages ihr erfüllen möge, darum bete sie ihre Rosenkränze fünf- bis achtmal am Tage, wenn nicht nur vom Rathaus, nicht nur vom Parlament, sondern auch vom Bundeskanzleramt vorwiegend Männer auf ihrem abendlichen Nachhauseweg bei ihr noch hereinschneien …

Denn, sagte die Stöhr. Auch vom Bundeskanzleramt ist es gar nicht weit zu ihr. Eine durchgestreckte Armlänge, mehr nicht, wie Stöhr kurze Distanzen dabei recht anschaulich beschriebe.

Habe Sie noch weitere Träume, für die sie bete, könnte die Stöhr gefragt werden. Und sie erzählte dann vielleicht von ihrem Traum, eines baldigen Tages zu einer Lesung zu ihr einladen zu können, von einer jetzt schon hochgestellten Person, die dann noch höhergestellt …

Was könnte die Stöhr noch gefragt werden? Vielleicht. Ob sie nicht Befürchtungen habe, eines Tages könnten andere Herren bei ihr vorbeischauen und ihre Bücher und Magazine genauer unter die Lupe … Nein, das müßte die Stöhr nicht gefragt werden. Die Bücher und die Magazine der Stöhr sind ja schon die Antwort darauf, und vielleicht finge dann ein Roman über die Stöhr so an, der im von der Unzensuriert recht empfohlenen Jungbrunnenverlag erscheinen könnte, geschrieben von einem Manne mit einem recht ausgewählten Pseudonym, zum Beispiel kurz, aber doch prägnant: Dietrich …

Und ein Dietrich entlehnte oder – wie es der Lieblingsbeschäftigung in diesen Kreisen angemessen wäre – kopierte einen Anfangssatz von einem Roman, dessen Titel er aber gesinnungsgemäß nicht kopieren könnte, sondern umzuschreiben hätte auf Das Tribunal:

Jemand musste S. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhaftet.

Zur Stöhr ists nicht weit für recht belesene Herren

 

Werte, Töchter der Zeit

Wertekompass - Werte Töchter der Zeit

Wie gut, daß es nun einen Wertekompaß der Sozialdemokratie gibt. Nach diesem Kriterienkatalog kann es wohl nie eine Koalition mit der identitären Parlamentspartei geben, wenigstens nicht auf Bundesebene.

Mit einer Partei, deren Copysite am 18. Juni 2017 Franz Karl Ginzkey gesinnungsgemäß feiert, der für sie ein „Patriot und politisch nicht korrekt“ ist. Sie stellt heraus:

Einige seiner Werke zeugen von Ginzkeys ausgeprägtem Patriotismus. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang „Den Herren Feinden“, „Die Front in Tirol“, oder auch „Heimkehr des Panzerschützen“.

Als Franz Karl Ginzkey seinen Panzerschützen heimkehren ließ, prangte darüber „Bekenntnis …“, und das war in einer Zeit, als „ausgeprägtem Patriotismus“ ein anderer Name gegeben war. Es war 1943. Nur zwei Jahre später war auch den Menschen in Deutschland und in Österreich breitest klar, wohin dieser „ausgeprägte Patriotismus“ führt: in den eigenen Untergang, in die eigene Vernichtung.

Die Copysite der identitären Parlamentspartei scheut den Namen zu nennen, den damals der „ausgeprägte Patriotismus“ führte. Sie kann auch nicht benennen, was damals Franz Karl Ginzkey war. Wie auch? Weiß doch heutzutage ein jeder Mensch, was der „ausgeprägte Patriotismus“ war, der ihr so wichtig ist, den zu feiern sie nicht aufgeben will. Und es hat auch etwas Besonderes mit diesem „ausgeprägten Patriotismus“ auf sich. Es ist ihm ein recht besonders Gesetz in Österreich gewidmet.

Und auch im Juni 2017 die ehrenreiche Erinnerung an Josef Weinheber, der ebenfalls ein recht stimmkräftiger Sänger des „ausgeprägten Patriotismus“ war:

Das Kleid des Kaisers ist durchsichtig.

„Der bedeutendste österreichische Lyriker seiner Zeit“ ist Weinheber für FPÖ unzensuriert – „seiner Zeit“ hatte damals denselben Namen wie der „ausgeprägte Patriotismus“ … Wie leicht nun der identitäre Literaturkanon mit dem Werbekompaß abzugleichen ist, und dann ist die Antwort einfach, mit wem und mit wem nicht.

Manfred Haimbuchner und der recht besondere Literaturkanon der FPÖ

Kriterienkatalog auf Kärntnerrotrealismusart

Wie gut, daß es nun einen Wertekompaß der Sozialdemokratie gibt. Nach diesem Kriterienkatalog kann es wohl nie eine Koalition mit der identitären Parlamentspartei geben, wenigstens nicht auf Bundesebene.

Denn. Kaum ist der Wertekompaß der Sozialdemokratie veröffentlicht, zeigt die identitäre Parlamentspartei wieder einmal, was sie unter „sozial“ versteht, diesmal in Graz, gemeinsam mit der christschwarzen Partei. Was die zwei Parteien in Graz nun vorhaben, ist, kurz gesagt, nichts, das mit dem Namen „soziale Gerechtigkeit“ in die Geschichte eingehen wird. Es braucht gar nicht gefragt zu werden, welche Partei hier die andere aufstichelt. Die ÖVP ist nur, was ihre Regierungspartnerin ist. Das jüngste Beispiel: die ÖVP in Oberösterreich ist nun mit der identitären Parlamentspartei auch eine andere, als sie davor mit anderen Regierungspartnerinnen war. Und wenn sich die Sozialdemokratie an ihren Wertekompaß hält, dann, ja dann, dann, ja dann, was dann, es ist eine Scheu, ein Wort der Hoffnung zu schreiben, zu sehr ist die österreichische Realpolitik dagegen, zu schreiben, so ist es sicher, daß es keine Koalition mit der identitären Parlamentspartei je geben wird.

Andreas Khol hat den Satz von der Wahrheit, die eine Tochter ihrer Zeit sei, noch selbst gesagt. Das ist von ihm geblieben. Was wird von Peter Kaiser im Kern bleiben? Ein Satz vielleicht, den er nicht einmal selbst gesagt hat:  Werte, Töchter der Zeit.

Was für einen Wert jetzt schon die Sozialdemokratie und auch die kurzschwarze Partei der identitären Parlamentspartei mit den Werten ihrer Zeit zugesteht, kann auch an der Überlegung der Presseförderung

Thomas Drozda

Wolfgang Brandstetter

für solche Copysites des „ausgeprägten Patriotismus“ abgelesen werden. Um Werte aufzugeben, müssen diese zuerst einmal festgeschrieben werden.

Steppenwolf – auch einer, der lange schon für FPÖ unzensuriert … – teilt diesen „ausgeprägten Patriotismus“, wie schön würde Paula Wessely seine Worte sprechen können, wären diese ihr doch nicht unbekannt, war sie doch geübt, die Werte ihrer Zeit eindringlich zu sprechen, wie sie heute eindringlich auf der Copysite der identitären Parlamentspartei geschrieben werden:

Bin derzeit im Ausserland – da ist Österreich noch in Ordnung
Keine Moslems, keine Neger, keine Zigeuner – welch ein wunderbarer Kontrast zu den grauen Kopftuchweibern – unsere Tracht! Fröhliche Menschen, alle sprechen deutsch, ja Kleider machen Leute

Im Wertekompaß wird etwas vom „Antifaschismus“ geschrieben. Nun, auch dieser Wert ist weit auslegbar. Auch die identitäre Parlamentspartei hält dem Antifaschismus die Stange, mehrere Stangen sogar. Was für eine Hilfe wird das sein für die Sozialdemokratie, wenn es sein wird müssen, wie sie meint, eine Stange wird sie ergreifen können.

FPÖ und Antifaschismus – Wenn Herbert Kickl von Norbert Hofer abschreibt, kommt dabei nur recht Unrichtiges heraus

„Wiederbeleben des Faschismus“

NS Zum „ausgeprägten Patriotismus“ des Franz Karl Ginzkey und zur weinheberischen Zeit gehörte, was auf FPÖ unzensuriert genau gewußt wird, aber der Sozialdemokratie und der Partei des Kurzschwarzen wieder eindringlich in Erinnerung zu rufen ist, auch Buchenwald und

FPÖ-Unzensuriert: „Nach der Wende für … jeweils einen eigenen Steinbruch reservieren“

FPÖ-Unzensuriert: „Schickt die Lesben, Schwulen und Perversen in den Steinbruch!“ – Das Märchen vom raschen Löschen

und und und vieles mehr, von dem vor allem  Franz Dinghofer für seine heutige Zeit

großer österreichischer staatspreis für literatur

Schreib’ Deitsch!

großer österreichischer staatspreis für literatur - schreib deitsch.jpgFlorjan Lipuš hat also den großen österreichischen staatspreis für literatur nicht bekommen, weil er nicht auf deutsch schreibe.

So kleinst und engst ist die Welt in österreich. Und um das zu verdeutlichen, ist es nicht anders möglich, als gegen die Rechtschreibung die Preisbezeichnung und alles damit Zusammenhängende kleinzuschreiben.

Und diese österreichische Engwelt wird nicht durch Menschen repräsentiert, die bildungsfern im Gemeindebau leben, sondern durch Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm, Josef Winkler, Peter Handke und Peter Waterhouse.

Es hat Jochen Jung, wie in der Collage gelesen werden kann, leider nicht öfffentlich gemacht, wer dieses absonderliche Argument gegen Florian Lipuš in Stellung brachte, wer gegen Florjan Lipuš stimmte. Es kann jetzt nur spekuliert werden, wer sie sind, die mit diesem absonderlichen Argument gegen Florjan Lipuš sich aussprachen.

Das sollte Jochen Jung schleunigst nachholen, um nicht alle der Verdächtigung auszusetzen, Vertreter und Vertreterinnen der österreichischen Engwelt zu sein.

Was für eine Enge in diesem Land herrscht, ist auch daran abzulesen, daß die Zeitschrift „Kosmo“ darüber unter der Schlagzeile „Balkan-Autor wird … versagt“ berichtet. Es erübrigt sich dazu jedwede Äußerung.

Es heißt, künstlerische Menschen wären besonders sensibel, hätten ein feines Sensorium für kommende Zustände, Mißstände. Ist es in österreich wieder soweit? Für die Parole, die einst in Kärnten für Jahrzehnte nach dem Niedergang des deutschen reiches als Tagesbefehl ausgegeben wurde: Red’ Deitsch!

Es heißt auch, künstlerische Menschen sind sehr anfällig, bereits bei Zeiten sich anzubiedern, sich bei Zeiten schon als Dienende von erst die Macht Erringenden zu positionieren. Dieses absonderliche Argument gegen Florjan Lipuš weist die jury als der identitären Parlamentspartei geistig ebenbürtige …

Was ist in Zukunft noch zu erwarten? Es beginnt mit der Verweigerung, und es geht weiter mit der Auslobung von recht echten Pgs. Wird der nächste große österreichische staatspreis für literatur schon, beispielsweise, andreas mölzer verliehen werden? Von dem es heißt, er schreibe auch, also romane.

Kann in österreich überhaupt von einem Beginn gesprochen werden? Es ist im Grunde doch nur eine Fortsetzung, ein unsägliches Weitermachen. Die Verweigerung, Florjan Lipuš diesen preis zuzuerkennen, paßt recht dazu, wem dieser preis schon zuerkannt wurde: in der zweiten republik: max mell, franz karl ginzkey … in der ersten Republik: karl heinrich waggerl, josef friedrich perkonig …

Es gibt auch noch andere große österreichische staatspreise, beispielsweise den für die bildende kunst … für diesen böte sich, wenn es so weitergeht, odin …

PS Ein Titel von Gerhard Rühm: „Botschaft an die Zukunft“. Das ist also die Botschaft, von nicht bildungsfernen und nicht im Gemeindebau lebenden Menschen in österreich und für österreich: auf gegenwart folge vergangenheit …

PPS Wie klein, wie eng, wie billig es in österreich zugeht, zeigt auch dieser Fall einmal mehr auf. Jochen Jung ist der Verleger von Florjan Lipuš. Es ist von ihm wohl nicht uneigennützig. Vielleicht läßt sich Florjan Lipuš nicht so gut verkaufen, wie Jung es erhoffte – Transparenz aus Eigennutz … Transparenz, genauer, halbe Transparenz ist in diesem land nur gegen Marketing zu haben. Möglicherweise stecken auch noch andere Gründe dahinter. Bei österreich können dazu leicht intrigante Gründe – Transparenz, genauer, halbe Transparenz ist in diesem land halt nur gegen Intrigen …

Und was von halben Sachen, einer halben Transparenz zu halten ist, das wird in einem Stück von Botho Strauß schon gesagt: halbe Kraft ist null Kraft.