„Wenn ich je begriffen hätte, daß ich bloß ein Faschhelfer bin, nie hätte ich zu schreiben begonnen.“

Das hat er nicht wörtlich gesagt, aber es könnte – es gibt die Momente der Schwäche im Schreiben eines Romans, in denen einer Figur nachgegeben wird, nur weil sie darauf beharrt, mit ihrem Abhauen aus dem Roman droht, wenn sie das nicht von sich geben kann, was sie von sich geben will, nicht ein Zitat erfinden kann, wie dieses:

„Wenn ich je begriffen hätte, daß ich bloß ein Faschhelfer bin, nie hätte ich zu schreiben begonnen.“

Diese Figur macht es dann doch leicht ihr nachzugeben. Oder sie legt für das Nachgeben einen besonders schmackhaften Köder aus. Immerhin erklärt sie ja das Zitat sogleich für erfunden und führt das auch aus.

Das hat er nicht wörtlich gesagt, aber es könnte  daraus abgeleitet werden, daß er sich ausgerechnet Walter Hallstein aussucht als seinen Kronzeugen für eine „europäische Republik“.

Walter Hallstein: „Immer Musterschüler.“ Das ist eine Schlagzeile vom „Spiegel“ über Walter Hallstein vom 27. März 1951. Immer Musterschüler, das heißt zuerst Musterschüler für Hitler, dann Musterschüler für Adenauer …

Mit Walter Hallstein also für eine europäische Republik einzutreten, heißt, jenen nur zu helfen, die behaupten, die Europäische Union sei ohnehin nichts anderes als …

Es will hier gar nicht ausgeführt werden, was alles gegen die Europäische Union vorgebracht wird, von Menschen unterschiedlichster politischer Orientierung, geeint aber in der Ablehnung der Europäischen Union, die einen gemeinsamen Kronzeugen für ihre Ablehnung der Europäischen Union und deren Weiterentwicklung aufrufen, nämlich den hitlerischen und adenauerischen Musterschüler von Robert Menasse, der auch ihm zum buchstäblichen, wenn auch nicht zum wörtlich zitierenden Kronzeugen …

Das Internet ist übervoll von den die Europäische Union und deren Weiterentwicklung Ablehnenden, die dafür ausgiebig über Walter Hallstein berichten, ihnen Walter Hallstein für ihre Ablehnung herzuhalten hat. Vieles davon, was von den Ablehnenden als Beweise vorgelegt wird, scheint äußerst fragwürdig, sehr zu hinterfragen zu sein. Die Technik dafür ist recht bekannt, alles so lange zu montieren, bis darüber geschrieben werden kann: „Das ist die Wahrheit.“

Robert Menasse und Ulrike Guérot schreiben in einem Artikel unter der Schlagzeile „Es lebe die europäische Republik!“ von den „Träumern“. Was, wenn Walter Hallstein nur weitergeträumt hat den Traum, den es auch für das das deutsche reich gab: vom „neuen Europa“, wie Joseph Goebbels beispielsweise, der einem seiner Artikel diese Schlagzeile gab?

Walter Hallstein soll im Juni 1938 in Rom gewesen, und dann war er wieder in Rom,  allerdings nicht mehr für das hitlerische Massenmordreich, sondern für …

Prädestiniert war der Musterschüler freilich, für alle seine Herren aufzutreten, mit seinen Erfahrungen. Nicht nur in Rom und wieder in Rom, sondern auch in Rostock, wie am 24. Jänner 1939 von einer Zeitung berichtet wird:

„Der Redner des Abends, der Ordinarius der Rechtswissenschaft, Professor Dr. Hallstein, der durch seine vergleichende Forschung in den europäischen rechtspolitischen Verhältnissen reichste Erfahrungen gesammelt hat, behandelte darauf die überaus aktuelle Frage der rechtspolitischen Eingliederung der Ostmark und des Sudentenlandes. Die tiefschürfenden Ausführungen von Professor Dr. Hallstein wurden mit lebhaftem Beifall belohnt. Ein geselliges Beisammensein schloß den Abend. Unter den Ehrengästen befanden sich außer dem Staatsminister u.a.: Oberbürgermeister Volgmann, der Standortälteste Oberst Lieb, Generalarbeitsführer Schroeder, ein Vertreter des Kreisleiters, Kreisorganisationsleiter Degner, SA-Oberführer Behnert, Polizeipräsident Dr. Sommer, Ministerialdirektor Dr. Bergholter, Oberstleutnant von Bleffingh, Warnemünde.“

Welche Bezeichnungen es noch für Walter Hallstein zu finden gibt, ist durchaus aufschlußreich: „Meister der Täuschung“, „Blut- und Ehrenanwalt“ …

Mit solch einer fragwürdigen Person, um es kurz zusammenzufassen, für eine „europäische Republik“ einzutreten, ist äußerst fragwürdig, ist sehr zu hinterfragen. Auf alle Fälle eines: kontraproduktiv. Möglicherweise ist der heutige Zustand der Europäischen Union, den so viele massiv kritisieren, auch darauf zurückzuführen, daß solche Männer wie Hallstein ihren Beginn …

Einmal muß doch noch Adenauer erwähnt werden. Adenauer wußte schon, wen er zu holen hatte. Viele Männer mit Erfahrungen waren um ihn, beispielsweise auch Globke, der gemeinsam mit Stuckart den Kommentar zu den Nürnberger

Wie wenig muß Robert Menasse wohl Vertrauen in seine Überzeugungskraft haben, daß er meint, eine solchen Führungsoffizier dafür zu brauchen, um die Idee einer europäischen Republik … oder er rechnet es sich einfach hoch an, dafür einen Mann ausgegraben zu haben, dessen Name heutzutage nicht mehr breit geläufig ist, außer in jenen Kreisen vor allem, die meinen, mit ihm das Argument schlechthin gegen die Europäische Union und deren Weiterentwicklung oder gar ihre Zerstörung schleudern zu können, um zu glänzen, wie tiefschürfend auch er …

Um zu einem Ende des ernsten Teils zu kommen. Wer sich auf Männer wie Hallstein beruft, ein anderer Schluß kann nicht gezogen werden, will keine europäische Republik.

Das Heitere.

„Guérot sagte WELT, ihr gehe es als Wissenschaftlerin durchaus um das exakte Zitieren. Zu dem damaligen nicht wissenschaftlichen Artikel hätten sie und Menasse Teile beigetragen – aber nicht die Korrektheit der Zulieferung des jeweils anderen überprüft. Sie habe damals ’nicht genug Autorität oder Souveränität gehabt, um dies anzumahnen‘. Im Nachhinein sei es ‚dumm gewesen, das nicht zu überprüfen‘.“

Es wird ihr Menasse wohl zu viel „Autorität“ besessen haben, eine „Souveränität“ ausgestrahlt haben, als stünde Hallstein selbst vor ihr …

Dabei, wie lange ist das schon bekannt, daß er mit Zitaten so seine ganz eigene … aber das muß nicht besonders ausgeführt werden. Es kann nachgelesen werden. In Zeitungen, in Büchern.

Auch das, was besonders erheiternd ist:

Robert Menasse klagte die FPÖ, weil sie von ihm ein Zitat verwendete. Das war 2005. Es kümmert ihn zwar nicht das Wörtliche, aber wenn etwas aus dem Zusammenhang gerissen wird, das bekümmert ihn doch dermaßen, daß er gleich zum Bezirksgericht läuft.

Wie viele Zusammenhänge hat er wohl selbst erst wegreißen müssen, damit er Hallstein endlich zu seinem …

So wirklich heiter aber will es nicht werden, wenn der Name Hallstein fällt. Es kommen mit dem Anfang der Europäischen Union weitere Männer, die für Adenauer ebenfalls fleißig waren, ins Spiel, etwa Abs … etliche Konzerne kommen ins Spiel, oder genauer, Konzerne, die weiter im Spiel bleiben, bis zum Heute. Soher berührt es eigentümlich, wenn ein Symposium zum einhundertsten Geburtstag von Hallstein, dessen Traum vielleicht doch vor allem der Markt war, im „Casino-Gebäude des I. G. Farben-Komplexes“ zu „Die Zukunft der Europäischen Union“ …

Genug nachgegeben, der Figur.

Schluß mit diesem Kapitel, entstanden nur aus einem Moment der Schwäche.

Dennoch kann daraus doch noch ein Nutzen gezogen werden, durch das Unterbringen eines Hinweises. Und durch diesen ist das Kapitel zu Ulrike Guérot doch nicht nur eines aus Furcht davor, eine Figur könnte weglaufen, das, ist zu hoffen, hiermit verhindert werden konnte, sondern auch eines, um ein weiteres Mal an die Tagesordnungen der Konzerne zu erinnern, durch einen Link auf das Kapitel, das von diesen handelt …

Von den Tagesordnungen, die weiter wie je abgearbeitet werden, und auf diesen wie je keine Punkte zum Wohl der Menschen …

Walter Hallstein - Robert Menasse - Ulrike Guérot

Aktivjahre der Toleranz statt einem Gedenkjahr

 

Jubiläum 465 Jahre Manifest der ToleranzWas kann am ersten Tag des „Gedenkjahres 2018“ geschrieben werden?

Nieder mit dem Gedenkjahr 2018!

Herbei mit dem Aktivjahr 2018!

Mit einem Aktivjahr wird es nicht getan sein. Deshalb ab dem ersten Tage des Jahres 2018 muß der Ruf erschallen:

Herbei mit Aktivjahren!

Und nichts eignet sich für das Ausrufen der Aktivjahre in Österreich, und nicht nur in Österreich, mehr als zu erinnern an 465 Jahre „Manifest der Toleranz“.

2021 werden 85 Jahre vergangen sein seit der Veröffentlichung von „Castellio gegen Calvin – Ein Gewissen gegen die Gewalt“. 1936 wurde dieses Buch veröffentlicht von Stefan Zweig, der in den Abgrund seiner Zeit schaut, in dem sich die Calvins seiner Zeit bedrohlich vermehren, mit Eiseskälte marschieren, um ihre Brandstöße anzuzünden. Abermillionen von Menschen zu morden. Dem voranging die schon von Blutgier ergriffene sprachlich vollzogene Zerstörung, die nach Millionen von Blutopfern schreiende Auslöschung jedweder Toleranz.

Vor bald 85 Jahren wußte Stefan Zweig um die lebensnotwendige Erinnerung an Sebastian Castellio, der vor 465 Jahren sein „Manifest der Toleranz“ gegen die Calvins seiner Zeit schrieb.

2018 werden 455 Jahre vergangen sein. 1563 starb Sebastian Castellio, ehe es den Calvins seiner Zeit gelang, ihn ebenfalls auf den Scheiterhaufen zu bringen, wie 1553, also vor 465 Jahren, Miguel Servet.

Es widerstrebt Stefan Zweig, ausführlich zu beschreiben, mit welcher Blutrünstigkeit die Calvins, mit welch einer ihnen von ihrem Gott eingegebenen Perversion sie Servet grausamst ermordeten, und es widerstrebt, dies zu zitieren, aber, es muß, denn nie darf vergessen werden, immer muß vor Augen geführt sein, zu was für Schandtaten, zu welchen Morden Calvins jedweder Zeit fähig sind, zu welch widerwärtigen Handlungen gegen die Menschlichkeit die Calvins zu allen Zeiten in jedweder Zeit fähig sind, ob vor 465 Jahren oder erst gestern, heute und morgen wieder und übermorgen weiter. Der Mord an Servet das ewige Logo der Calvins:

„Der Tod am Brandpfahl durch langsames Rösten bei kleinem Feuer ist die martervollste alle Hinrichtungsrichtungen; selbst das als grausam berüchtigte Mittelalter hat sie nur in den seltensten Fällen in ihrer ganzen grauenhaften Langwierigkeit angewendet; meist wurden die Verurteilten noch vorher an dem Pfahle erdrosselt oder betäubt. Gerade diese scheußlichste, diese fürchterlichste Todesart aber ist für das erste Ketzeropfer des Protestantismus vorgesehen[.]“

Es darf nicht vergessen werden. Bei diesem Mord an Servet ging es nur um eine „Meinungsverschiedenheit“. Die blutrünstigen Calvins seiner Zeit ertrugen die Meinung von Servet nicht, seine Meinung zu Teilen eines Buches. Sie konnten keine Toleranz aufbringen. Wie auch. Verblendet von ihrer eigenen Meinung über dasselbe Buch, wohl auch schon blutdurstig, kannten sie keine Toleranz, nicht einmal „Gnade“, ein Wort, das in diesem Buch, ist zu hören, oft und oft vorkommen soll, in diesem Buch, das unstillbaren Durst auf Blut macht, auf tatsächliches Blut, auf wirkliches Menschenblut.

Das alles ist im vor bald 85 Jahren geschriebenen „Castellio“ von Stefan Zweig genauestens aufgezeigt, all die Perfidie der Calvins, all die Heimtücke der Calvins, die Mordlüste, all die Lügen, all die Verleumdungen, all die Diffamierungen, all die uneingeschränkte Geilheit auf die totale Macht … und Zweig schreibt es im Angesicht der Calvins seiner Zeit in Deutschland, in Österreich …

Und er, Zweig, legt den Calvins seiner Zeit seinen „Castellio“ vor die Augen, das „Manifest der Toleranz“, das heute mehr denn je, wieder einmal, not zu lesen ist, damit es zu Aktivjahren führt, in Österreich, nicht nur in Österreich, aber vor allem in Österreich …

Wie im Kapitel

Jubiläum 465 Jahre – Erster Scheiterhaufen der Reformation

bereits eindringlich gebeten, es ist der gesamte „Castellio“ zu lesen, um zu wissen, mit wem es Menschen zu tun kriegen, wenn in ihrer Zeit Calvins auftreten, vor Wahlen besonders geschmückt mit Wörtern wie „Gerechtigkeit“, „Nächstenliebe“ und so weiter.

Und Zweig schreibt in seinem „Castllio“ oft, und das sehr bewußt, von „Parteimenschen“, wie auch anders gar nicht möglich, mit seiner Gegenwart vor Augen, mit den Einheitsparteien in Deutschland, in Österreich … er führt deutlich aus, in welchen Abgrund, immer wieder in Untergänge geführt wird, wenn solche Parteien mit Hinterlist und Heimtücke, mit verborgenen und zugleich doch immer offensichtlichen „Kriegsplänen“ es schaffen, in politische Gremien gewählt zu werden, um schließlich zur Elendsvermehrung von allen politische Gremium mit ihrer Machtkälte zu dominieren, die politischen Gremien zu mißbrauchen, zu stillen ihren nie zu stillenden Blutdurst, ihren nie zu sättigenden Machthunger.

All das Widerwärtige, all das Grausame durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tage darf nicht vergessen werden. Um dagegen sich zu immunisieren, die falschen Parteientöne zu hören, aufzeigen zu können, daß es zwar Töne sind, aber absolut falsche Töne, und es nur falsche Töne sein können, weil diesen Parteimenschen ihre Falschheit ihre Kompositionshand führt, und diese ihre Kompositionshände sind keine Kompositionshände, sondern Fäuste, und mit Fäusten kann kein Menschenwerk geschaffen, sondern nur zerstört, immer wieder nur das vernichtet werden, was dem Menschen an Gutem bereits gelang.

Wie schöpferisch hingegen, wie zur Preisung des Menschen hingegen die offene Hand der Toleranz, wie beweglich hingegen die offene Hand der Toleranz.

Deshalb noch einmal:

Nieder mit dem Gedenkjahr 2018!

Nieder mit Gedenkjahren!

Dafür aber ab dem ersten Tage des Jahres 2018:

Herbei mit den Aktivjahren der Toleranz!

Und das Schönste aus dem „Castellio“ muß zitiert werden. Denn es ist Hoffnung dabei, es ist Zuversicht dabei, und es geschichtliche Bestätigung dabei, daß die Calvins welcher Zeit auch immer niemals lange ihr blutdurstiges Unwesen treiben können.

Der Kampf scheint zu Ende. Mit Castellio hat Calvin den einzigen geistigen Gegner von Rang beseitigt, und da er gleichzeitig in Genf die politischen Widersacher zum Schweigen gebracht hat, kann er nun unbehindert sein Werk in immer größeren Ausmaßen fortgestalten. Haben Diktaturen die unausbleiblichen Krisen ihres Anbeginnes einmal überwunden, so dürfen sie im allgemeinen für einige Zeit als gefestigt gelten; wie der Organismus des Menschen sich klimatischen Umstellungen und veränderten Lebensumständen nach anfänglichem Unbehagen schließlich angepaßt, so gewöhnen sich auch die Völker erstaunlich bald an neue Formen der Herrschaft.

Das ist wesentlich, das muß für Aktivjahre Leitsatz sein: Keine Gewöhnung an neue Formen der Herrschaft.

Nach einiger Frist beginnt die alte Generation, die verbittert eine gewalttätige Gegenwart mit der geliebteren Vergangenheit vergleicht, wegzusterben, und hinter ihr ist indes schon in der neuen Tradition eine Jugend herangewachsen, welche diese neuen Ideale mit ahnungsloser Selbstverständlichkeit als die einzig möglichen hinnimmt. Immer kann im Laufe einer Generation ein Volk durch eine Idee entscheidend verwandelt werden, und so hat sich auch Calvins Gottesgebot nach zwei Jahrzehnten aus theologischer Denksubstanz zu einer sinnlich sichtbaren Daseinsform verdichtet. 

Das ist wesentlich, das muß für Aktivjahre Leitsatz sein: Verpflichtung der Jugend, nicht ahnungslos zu sein, nicht unhinterfragt eine Tradition hinzunehmen, die nicht einmal so alt ist, wie sie selber. Nicht ungeprüft Ideale anzunehmen, aus deren Falten – bei genauem Hinsehen – unentwegt Opferblut tröpfelt.

Gerechtigkeit muß nun diesem genialen Organisator zuerkennen, daß er nach dem Siege mit großartiger Planhaftigkeit sein System aus der Enge ins Weite geführt und allmählich ins Welthafte ausgebaut hat. Eiserne Ordnung macht Genf im Sinne der äußeren Lebenshaltung zu einer Musterstadt; aus allen Ländern pilgern die Reformierten nach dem „protestantischem Rom“, um hier die vorbildliche Durchführung des theokratischen Regimes zu bewundern. Was straffe Zucht und spartanische Ertüchtigung zu vollbringen vermögen, ist restlos erreicht; zwar ist die schöpferische Vielfalt zugunsten nüchternster Monotonie hingeopfert und die Freude einer mathematisch kalten Korrektheit, aber dafür ist die Erziehung selbst zu einer Art Kunst gesteigert. Tadellos sind alle Lehrinstitute, alle Wohlfahrtsanstalten geführt, der Wissenschaft wird weitester Raum gewährt, und mit der Gründung der „Akademie“ schafft Calvin nicht nur die erste geistige Zentrale des Protestantismus, sondern zugleich auch den Gegenpol wider den Jesuitenorden seines einstigen Kameraden Loyola: logische Disziplin gegen Disziplin, gehärteter Wille gegen Willen.

Ausgerüstet mit vortrefflichem theologischen Rüstzeug, werden von hier die Prädikanten und Agitatoren der calvinischen Lehre nach genau errechnetem Kriegsplan in die Welt entsandt. Denn längst denkt Calvin nicht mehr daran, seine Macht und Idee auf diese eine kleine Schweizer Stadt zu beschränken, über Länder und Meere greift sein unbezähmbarer Herrschwille, um allmählich ganz Europa, die ganze Welt seinem totalitärem System zu gewinnen. Schon ist Schottland durch seinen Legaten John Knox ihm untertan, schon sind Holland und teilweise die nordischen Reiche von puritanischem Geiste durchdrungen, schon rüsten die Hugenotten in Frankreich zu entscheidendem Schlag: ein einziger glückhafter Schritt noch, und die „Institutio“ wäre zur Weltinstitution geworden, der Calvinismus die einheitliche Denk- und Lebensform der abendländischen Welt.

Wie entscheidend eine solche siegreiche Durchsetzung der calvinistischen Lehre die Kulturform Europas verändert hätte, vermag man zu ermessen an der besonderen Struktur, die der Calvinismus den ihm ergebenen Ländern schon in kürzerster Zeit aufgeprägt hat. Überall, wo die Genfer Kirche ihr sittlich-religiöses Diktat – und wenn auch für eine Spanne Zeit – verwirklichen konnte, ist innerhalb der allgemein nationalen Färbung noch ein besonderer Typus entstanden: der des unauffällig lebenden, des „makellos“, des „spotless“ seine sittliche und religiöse Pflicht erfüllenden Bürgers, überall hat sich sichtlich das Sinnlich-Freie zum Methodisch-Gebändigten gedämpft und das Leben zu kälterem Gebaren vernüchtert. Schon von der Straße her – so stark vermag eine starke Persönlichkeit sich bis ins Sachliche zu verewigen – erkannt man heute noch in jedem Lande auf den ersten Blick die Gegenwart oder einstige Gegenwart calvinistischer Zucht an einer gewissen Gemessenheit des Gehabens, eine Unbetontheit in Kleidung und Haltung und sogar an der Prunklosigkeit und Unfestlichkeit der steinernen Gebäude. In jeder Beziehung den Individualismus und den ungestümen Lebensanspruch des einzelnen brechned, überall die Autorität der Obrigkeiten stärkend, hat der Calvinismus in den von ihm beherrschten Nationen den Typus des korrekt Dienenden, des bescheiden und beharrlich der Gesamtheit sich Einordnenden, also des vortrefflichen Beamten und idealen Mittelstandsmenschen plastisch herausgearbeitet, und mit Recht hat Weber in seiner berühmten Studie über den Kapitalismus nachgewiesen, daß kein Element so sehr wie die calvinistische Lehre des absoluten Gehorsams den Industrialismus vorbereiten half, weil in der Schule schon auf religiöse Art die Massen zur Gleichschichtung und Mechanisierung erziehend.

Immer aber erhöht eine entschlossene Durchorganisierung seiner Untertanen die äußere, die militärische Stoßkraft eines Staates; jenes großartige, harte, zähe und entbehrungsreiche Seefahrer- und Kolonistengeschlecht, das erst Holland und dann England neue Kontinente eroberte und besiedelte, ist im hauptsächlichen puritanischer Herkunft gewesen, und dieser geistige Ursprung hat wiederum schöpferisch den amerikanischen Charakter bestimmt; unendlich viel ihrer weltpolitischen Erfolge danken alle diese Nationen dem streng erziehlichem Einfluß des picardischen Predigers von Saint Pierre.

Aber doch, welcher Angsttraum, Calvin und de Beze und John Knox, diese „kill joy“ hätten in  der krudesten Form ihrer ersten Forderungen die ganze Welt erobert! Welche Nüchternheit, welche Eintönigkeit, welche Farblosigkeit wäre über Europa gefallen! Wie hätten diese kunstfeindlichen, freudefeindlichen, lebensfeindlichen Zeloten gewütet gegen den herrlichen Überschwang und all jene holden Überflüssigkeiten des Daseins, in den sich der bildnerische Spieltrieb in göttlicher Mannigfaltkeit kundtut! Wie hätten sie alle die sozialen und nationalen Kontraste, die eben in ihrer sinnlichen Buntheit dem Abendland das Imperium in der Kulturgeschichte verliehen, ausgerodet zugunsten einer trockenen Monotie, wie den großen Rausch der Gestaltung verhindert mit ihrer fürchterlich exakten Ordnung! So wie sie in Genf den Kunstbetrieb für Jahrhunderte entmannten, so wie sie beim ersten Schritt zur englischen Herrschaft eine der herrlichsten Blüten des Weltgeistes, das shakespearische Theater, mit mitleidloser Ferse für immer zertraten, wie sie die Tafeln der alten Meister zerschlugen in den Kirchen und die Furcht Gottes einsetzten statt der menschlichen Freude, so wäre in ganz Europa jede inbrünstige Bemühung, auch anders als bloß mittels einer kanonisierten Frömmigkeit sich dem Göttlichen anzunähern, ihrem mosaisch-biblischen Anathema zum Opfer gefallen.

Stefan Zweig schreibt weiter, was alles nicht geschehen wäre, wenn die Calvins weltumspannend die Jahrhunderte mit ihrer mitleidlosen Ferse in die schwarzen Kammern ihrer Frömmigkeit getreten hätten. Aber. Das soll nicht in einem Kapitel gemeinsam stehen, in dem der barbarische Mord an Servet noch einmal im Zitat beschrieben ist.

Nieder mit den Gedenkjahren!

Herbei mit Aktivjahren!

Ist dieser Ruf nicht gerade in Österreich not, wo eben erlebt wird, wie alle beflissen Gedenktage begehen, um dann …

Auch mit Blick darauf, was in diesem Gedenkjahr 2018 in Österreich Parteienmenschen recht begehen wollen …

Mit einem Aktivjahr ist es gewiß nicht getan, es müssen, kurz gesagt Aktivjahre werden. Beginnend mit dem ersten Jänner 2018.

Aktivjahre aber, die nicht, in Österreich etwa, mit dem Ende der montagsgemachten Regierung aufhören dürfen Jahre der aktiven Toleranz zu sein. Zu viel liegt in diesem Land im argen, als daß es in fünf Jahren …

Diesen Parteimenschen in der zurzeitigen Regierung zuzurufen, sie wären Calvins ihrer Zeit, wäre der Anerkennung zu viel — sie sind bloß squirts of her time.

Gerade mit Blick auf die Kunst offenbaren sie ihre Farblosigkeit, nach Buntheit klingt bloß ein Name eines solchen Parteimenschen

2019 wird es 465 Jahre her sein, daß Sebastian Castillio diesen Satz schrieb:

„Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“

Die Aktivjahre der Toleranz hätten aber schon 2015 ausgerufen werden müssen, zum Anlaß der fünfhundertesten Wiederkehr des Geburtstages von Sebastian Castellio, des Menschen also, der vor 465 Jahren das „Manifest der Toleranz“ schrieb … Das wäre, nein das ist ein Jubiläum, würdig zu begehen:

500 Jahre Sebastian Castellio
„Manifest der Toleranz“

Und nicht unentwegt die Jubiläen für Männer und Frauen des Mordens, für Männer und Frauen abartigster Sichtweisen der Welt, also beispielsweise für den Luder, für die Habsburgerin in Dauerschwangerschaft als Verhütungsmittel und für weitere …

Menschen auf der Flucht – Bilder als Furchterzeuger vor ihnen

Die Bilder in der Collage zeigen zwei Einsätze.

Einsatz Atomreaktorkatastrophe oder Rettung von FlüchtlingenEinen bei dem Atomreakterunfall in Japan. Einen bei der Rettung von Flüchtlingen in Italien.

Was verbindet diese Bilder? Macht die zwei vollkommen unterschiedlichen Einsätze ununterscheidbar?

Es ist die Schutzkleidung der Einsatzkräfte.

Was wird – ob gewollt oder nicht-gewollt, sei dahingestellt – damit alles vermittelt? Abgründiger als ausgewiesene Volkstümelnde (kalendergemäß heutzutage Populisten und Populistinnen genannt) je  …

Vielleicht das, aber bei weitem nicht nur das:

Flüchtende Menschen sind so hochgefährlich als – gar noch gefährlicher, denn diesen Menschen muß zuätzlich mit Schlagstöcken entgegengetreten werden, auch bei Rettungsaktionen …

Es sind die zu Schutzkleidungsstoff – ob bewußt oder nicht bewußt, sei dahingestellt – gewebten Hetzreden gegen Menschen aus Afrika, die beispielsweise vor Kriegen zu flüchten versuchen …