Von der langen, langen Wanderung der „Umvolkung“

Es dürfen Hans Rauscher hehre Motive angerechnet werden, aber es kann ihm dennoch nicht nachgesehen werden, daß er hierfür ziemlich Verqueres vorbringt, und auch Beschönigendes, durch die zeitliche Abfolge.

„‚Identitäre‘ demonstrieren in Wien mit Slogan des Christchurch-Attentäters“

Das ist der Untertitel von „Ermutigt vom politischen Klima?“ von Hans Rauscher am 22. März 2019.

In zeitlich korrekter Abfolge müßte der rauscherische Untertitel lauten:

„Christchurch-Attentäter“ mordet mit Slogan der Identitären und die Identitären demonstrieren in Wien mit ihrem Slogan, den sie von den Freiheitlichen lernten, die diesen wiederum …

Der Slogan allein reichte dem Mann aus Australien nicht, um zu morden. Eine Bildungsreise mußte davor gemacht werden. Die ihn führte bis nach Klagenfurt, Österreich. So entwickelt sich alles weiter. Hieß es früher, wer eine Reise macht, hat etwas zu erzählen, so heißt es nun, wer eine Bildungsreise tut, hat was zu schießen, und nicht nur Fotos …

„Am Donnerstagabend demonstrierte die rechtsextreme Gruppe Die Identitären in Wien mit einem bengalischen Feuer und einem großen Banner: ‚Gegen den Terror – Gegen den Großen Austausch!‘ Damit benutzt die IBÖ (Identitäre Bewegung Österreichs) den Titel des Manifests (‚Der Große Austausch‘) des Christchurch-Attentäters, der auf 74 Seiten seinen verschwörungstheoretischen Wahn ausließ.“

„Replacement“, der Slogan, ein vor Jahrzehnten in Österreich aufgebrachter, wieder prominent aufgebrachte Parole, die damals, soweit erinnerlich, um 1990 von einem Freiheitlichen, also vor bald dreißig Jahren — „Umvolkung“ …

Viel, viel später, weit über ein Jahrzehnt später tauchten in Europa Identitäre erstmals auf, und noch viel später in Österreich, also Identitäre außerhalb der Parlamente — außerparlamentarische Schülerinnen der Freiheitlichen, der Partei also, die von sich selbst durch ihren Bildungssprecher sagen läßt: „Die heutige FPÖ als eine identitäre, patriotische Partei …“

„Die heutige FPÖ als eine identitäre“ und eine „patriotische Partei“: das sind nicht zwei Seiten einer Medaille, also eine gefährliche identitäre Seite und eine harmlose patriotische Seite, sondern die einzigen zwei Farben ihrer Flagge zur Führung in den Abgrund. Denn. Der Patriotismus der zurzeitigen identitären Regierungspartei hat nichts mit den lieblichen Wandern am Nationalfeiertag zu tun, aber recht viel mit „Volksgemeinschaft“ …

Vor bald dreißig Jahren begann also mit einem Freiheitlichen die Vergiftung mit dem Geschwefel von der „Umvolkung“ („Replacement“). In Österreich ist es inzwischen lange schon Kulturgut geworden, das in vielfachen Variationen von „Umvolkung“ verbreitet wird, und es sind nicht mehr nur Freiheitliche, die das so leichthin verbreiten. In Österreich ist es Kulturgut und im Grunde schon Staatsräson, und das nicht nur, weil mit der FPÖ zur Zeit eine identitäre Partei in der Bundesregierung …

Was es vor dreißig Jahren nicht gab, das war beispielsweise das Jahr 2015, auf das sich die Identitären außerhalb der Parlamente und die Identitären innerhalb der Parlamente und vor allem innerhalb der zurzeitigen Regierung berufen, dieses Jahr, das vor allem einer Frau angelastet wird, die dafür, so die nicht mehr zu zählenden Forderungen, zur Rechenschaft gezogen werden sollte, freilich gesinnungsgemäß auf totale rechtsstaatsfreie Weise …

Und Hans Rauscher schreibt weiter:

„Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) hat schon vorher die Ähnlichkeiten zwischen dem Text des Massenmörders und den Identitären analysiert. Die sagen dazu auf ihrer Homepage: ‚Der Große Austausch ist keine ‚Verschwörungstheorie‘, sondern eine statistisch klar belegbare Entwicklung, die aus niedriger Geburtenrate und Massenzuwanderung resultiert. Als Folge davon werden die Österreicher zur Minderheit im eigenen Land.‘ Statistisch gesehen ist das Blödsinn. Demografen gehen davon aus, dass in den USA und Europa der Anteil der ‚weißen‘ Bevölkerung etwas kleiner wird, aber der ‚große Austausch‘ nicht passieren wird. Wenn es einen Grund für Besorgnis gibt, dann den, dass die Identitären überhaupt kein Problem damit haben, das Wording und die Argumentation eines Mörders von 50 Menschen zu verwenden. Weil sie sich vom gegenwärtigen politischen Klima im Land ermutigt fühlen?“

„Statistisch gesehen ist das ein Blödsinn.“ In anderen Ländern, in denen es auch Identitäre gibt, die sich in irgendwelchen Hinterzimmern treffen, ist es durchaus richtig, kurz wie einfach es „Blödsinn“ zu nennen, in Österreich jedoch ist es, um bei der Wortwahl von Hans Rauscher zu bleiben: ein Staatsblödsinn.

Davor schreibt Hans Rauscher noch etwas von einem „verschwörungstheoretischen Wahn“ … Um auch hier bei der Wortwahl von Hans Rauscher zu bleiben, in Österreich: ein Staatswahn

Kurz nebenher: Von einem „verschwörungstheoretischen“ Staatswahn will nicht geschrieben werden. Denn. „Verschwörung“ und „Theorie“ passen ganz und gar nicht zueinander. Es muß dafür rasch ein anderes Wort gefunden werden. Wird an den zurzeitigen Hauptwissenschaftler der zurzeitigen identitären Regierungspartei gedacht, drängt sich auf: Ganzjähriger Verschwörungsfasching. Mehr noch, weil zutreffender: Verschwörungsfasnacht (ausgesprochen aber gleich einem Kommando mit scharfem S) …

Das Verquere von Hans Rauscher in diesem seinem Artikel ist – vielleicht als Beruhigung gedacht? für wen? – der Satz, Demografen gingen davon aus, daß der Anteil der „weißen Bevölkerung“ etwas kleiner werde, aber der große ‚Austausch‘ nicht passieren werde … Je noch in solchen Kategorien zu denken und zu schreiben — einer Identitärin oder einem Identitären, der solches schriebe, die derartiges in identitären Kategorien vorbrächte, würde vorgeworfen werden, er sei zu gemäßigt, sie sei für kein hohes Amt, das aber bislang nur in Österreich und in Ungarn, ach ja, und in Italien, geeignet …

Der Schlußsatz von Hans Rauscher über die „Besorgnis“ — nun, mit dem soll geendet werden, menschgemäß ein wenig zurechtgerückt, passend also zur zeitlichen Abfolge …

Wenn es einen Grund für Besorgnis gibt, dann den, daß der Mörder von 50 Menschen überhaupt kein Problem damit hatte, das Wording und die Argumentation der Identitären vulgo Freiheitlichen zu verwenden. Weil ihn das politische Klima in Neuseeland fühlen ließ, dieses Wording und diese Argumentation ist dort nur mit Mord breit ins Gespräch zu bringen?

PS Und inmitten des rauscherischen Artikels stellt die Tageszeitung österreichischen Qualitätszuschnittes die Frage zur Beteiligung, ob es denn zu viele „Migranten in Europa“ … wie viele werden wohl das „gelbe Gesichtchen“, das diese Umfrage ziert, verwechseln mit dem Logo der …

… oder denken, bei sich im Stillen, na, wenn diese Qualitätszeitung schon so fragt, in identitären Kategorien fragt, dann müssen die irgendwie und irgendwo doch recht …


4 Gedanken zu „Von der langen, langen Wanderung der „Umvolkung“

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