Von den Kiesgierigen

Wenn von Robert Kratky die von ihm moderierten Radiosendungen derart gehaltvoll und darstellerisch von höchster Qualität sind wie die von ihm einzig gekannten Fernsehwerbesendungen, dann ist er den Cent wert, wie Armin Wolf den Euro wert ist, den er im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Österreichs verdient.

Und wenn Harald Vilimsky von der identitären Parlamentspartei nun gegen die Topverdienenden im ORF und hierfür auf der Konzernplattform X auch zu einem Artikel der „Kronen Zeitung“ verlinkt, dann ist er, Harald Vilimsky, als Spitzenverdiener in einer politischen respektive bei ihm zutreffender in einer parteipolitischen Funktion, dann ist der Groschen

Zu einem weiteren Artikel der „Kronen Zeitung“ verlinkt er, Harald Vilimsky, jedoch nicht, und zwar zu diesem, vom 29. März 2024, in dem berichtet wird, wie ein identitärer Vizekanzler der vilimskyischen Partei „Support“

Lieber Heinz, habe meinen unbefristeten ORF Vertrag bekommen […] auch finanziell haben Sie nachgebessert. Zwar noch nicht das was wir wollen…aber für den Anfang ist es OK! Ich möchte Dir für Dein Vertrauen und Deinen Support danken! Franz hat gekämpft wie ein Löwe ..Steger hat nachgelegt!

dafür leistet, daß durch sie die Gehälter im ORF weiter in die Höhe getrieben werden, die jetzt von dieser wieder einmal für kurz gewesenen Regierungspartei gar so an den Pranger gestellt werden …

Es soll von der identitären Parlamentspartei damit, ist nun auch die Rede, wohl wieder einmal eine sogenannte Neiddebatte ausgelöst werden, also von der Partei, die für sich einnimmt, ja nur, alles nur recht gut gegen das Volk macht, und das noch, so wie der eben von dieser Partei in den Stiftungsrat abgestellte Mann, der bei einem anderen Fernsehsender „ohne Entgelt“, wie er sagt, arbeitet, kein Geld verdient, dafür also, um es volkstümlich auszudrücken, zu malochen ohne Kies …

Als würde diese Partei Sorge für eine gerechte Verteilung tragen, so will es diese Partei verkaufen, und will dabei doch nur ihre Gier nach Kies und Schotter, mit dem ihr Programm recht zutreffend auch umschrieben ist, und zu verkehren, daß ihre nun angeprangerten Gehälter einst die ihren …

„Who are the real barbarians here? Hayek’s bastards“

Es wurde bereits zitiert, es wird immer versprochen, auch diesmal wurde es versprochen, weiterzuschreiben, wenn es auch wieder ermüdet, wieder und wieder erschöpft, es muß weitergeschrieben werden, denn sie machen weiter, und so muß weitergeschrieben werden, gegen dieses ihr Weitermachen, sie machen nicht weiter, um besser zu scheitern, mit jedem Weitermachen scheitern sie schlechter, ihr immer schlechteres Weitermachen wird eines Tages enden, dann jedoch nicht für sie allein, sondern wird aufhören, für alle, eines schönes Tages, sich das vorzustellen, eines schönen Tages, imagine, daß dies aufhört, eines Tages dies endet

Es wurde bereits zitiert, mit dem Versprechen weiterzuschreiben, aus „Hayeks Bastarde. Die neoliberalen Wurzeln der Rechts[…]“ Geschrieben von Quinn Slobodian, veröffentlicht am 15. Juni 2021, deutschsprachige Veröffentlichung am 30. Juli 2021. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer. Das sind bald drei Jahre her, und der hayek’sche Einfluß hat sich weiter … hinzugekommen ist etwa ein struwwelpeterischer Präsident

In das Diagramm sind bloß ein paar weiter aufzunehmen, unter Berücksichtigung österreichischer Provenienz

Vielleicht kann der Ermüdung, der Erschöpfung dadurch entgangen werden, wenn nicht selbst geschrieben wird, was zu schreiben ist, sondern einfach das zitiert wird, in diesem Fall, was Quinn Slobodian geschrieben hat:

Republik
Das digitale Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.

Hayeks Bastarde
Die neoliberalen Wurzeln der Rechtspopulisten.
Von Quinn Slobodian (Text), Sarah Fuhrmann (Übersetzung), 30.07.2021

Es gibt eine Erzählung über die vergangenen fünf Jahre, die sich hartnäckig hält. Sie geht so: Der Rechts­populismus ist eine Graswurzel-Gegenreaktion auf etwas, das sich Neoliberalismus nennt. Dieser Neoliberalismus wird oft als Markt­fundamenta­lismus beschrieben; als die Überzeugung, dass alles auf der Welt ein Preis­schild hat, dass Grenzen überflüssig sind, dass die Welt­wirtschaft National­staaten ersetzen sollte und dass sich menschliches Leben auf einen Zyklus aus Verdienen, Ausgeben, Leihen und Sterben reduzieren lässt.
Die «neue» Rechte dagegen beansprucht für sich, an das Volk, die nationale Souveränität und die Bedeutung von Kultur zu glauben. Während etablierte Parteien Unter­stützung verlieren, scheinen die Eliten, die aus Eigen­interesse den Neoliberalismus unterstützt haben, die Früchte der Ungleichheit und der demokratischen Entmachtung zu ernten, die sie gesät haben.
Doch diese Geschichte ist falsch.
Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass wichtige Gruppierungen der neu entstehenden Rechten in Wirklichkeit Abwandlungen des Neoliberalismus sind. Schliesslich haben die als «rechts­populistisch» titulierten Parteien – von den USA bis zu Gross­britannien, Österreich und der Schweiz – nie als Rache­engel agiert, um die Globalisierung zu zerschlagen. Sie machten keine Vorschläge, wie man die Finanz­wirtschaft zügeln, ein goldenes Zeitalter der Arbeits­platz­sicherheit wieder­herstellen oder den Welt­handel beenden könnte.
Im Grossen und Ganzen kommen die Rufe der sogenannten Populistinnen nach Privatisierung, Deregulierung und Steuer­senkungen direkt aus dem gemeinsamen Handbuch der Welten­lenker aus den letzten dreissig Jahren.


Zum Autor
Quinn Slobodian lehrt Geschichte am Wellesley College in Massachusetts, USA. Sein neuestes Buch heisst «Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt des Neoliberalismus». Dieser Beitrag erschien am 15. Juni 2021 unter dem Titel «Hayek’s Bastards: The Populist Right’s Neoliberal Roots» im Magazin «Tribune».

Auf noch grundsätzlicherer Ebene ist es sowohl ungenau als auch irre­führend, den Neoliberalismus als eine apokalyptische Über-Vermarktlichung von allem und jedem zu verstehen.
Wie viele Geschichts­bücher heute beschreiben, beschworen die Neoliberalen, die sich um die von Friedrich Hayek gegründete Mont Pèlerin Society scharten (Hayek verwendete den Begriff «Neoliberalismus» bis in die Fünfziger­jahre als Selbst­beschreibung), keineswegs eine Vision eines Kapitalismus ohne National­staaten herauf. Vielmehr stellten sie fast ein Jahrhundert lang Über­legungen an, wie der Staat neu gedacht werden muss, um die Demokratie einzuschränken, ohne sie abzuschaffen, und wie nationale und überstaatliche Institutionen benutzt werden können, um Wettbewerb und Handel zu schützen.
Wenn wir Neoliberalismus als ein Projekt verstehen, den Staat umzubauen, um den Kapitalismus zu retten, dann beginnt sich sein angeblicher Wider­spruch zum Populismus der Rechten aufzulösen.
Ein Streit in der Familie
Sowohl Neoliberale als auch die neue Rechte verachten Egalitarismus, globale ökonomische Gleichheit und Solidarität über nationale Grenzen hinaus. Beide halten den Kapitalismus für unvermeidlich und beurteilen Bürgerinnen nach den Massstäben der Produktivität und der Leistungs­fähigkeit. Dabei ist vielleicht am auffallendsten, dass beide sich aus der gleichen Ruhmes­halle der Helden bedienen. Ein Parade­beispiel ist Hayek selbst, der sowohl bei Neoliberalen als auch bei Populisten eine Ikone ist.
Als der selbst ernannte Populist Steve Bannon 2018 neben Marine Le Pen beim Partei­kongress des französischen Front National sprach, verteufelte er das «Establishment» und die «Globalisten», er baute seine Rede jedoch um Hayeks Metapher des Weges in die Knechtschaft auf und berief sich damit auf die Autorität des Meisters.
In der Woche zuvor hatte Bannon in Zürich ebenfalls auf Hayek Bezug genommen. Er war dort zu Gast bei Roger Köppel, Zeitungs­verleger, Politiker der rechten Schweizerischen Volks­partei und Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Köppel überreichte Bannon die Erstausgabe seiner Zeitung, der «Weltwoche», während er flüsterte, sie sei «von 1933» – einer Zeit, als ebendiese Zeitung die Macht­ergreifung der Nazis befürwortet hatte.
«Sollen sie euch doch Rassisten nennen», sagte Bannon bei einer seiner Wahl­kampfreden, «sollen sie euch Fremden­feinde nennen. Sollen sie euch doch Nativisten (Anm. d. Red.: in etwa «Einwanderungs­gegner») nennen. Tragt es als Auszeichnung.»
Das Ziel der Populisten, sagte er weiter, sei nicht, den Aktionärs­wert zu maximieren, sondern «den Wert der Staats­bürgerschaft zu maximieren». Das klang weniger wie eine Ablehnung des Neoliberalismus als wie ein Einbetten der ökonomischen Logik ins Herz der kollektiven Identität. Populistinnen verwerfen nicht die neoliberale Idee des Human­kapitals, sondern kombinieren sie mit nationaler Identität: ein Diskurs des Volkskapitals.
Während er in Europa war, traf sich Bannon auch mit Alice Weidel, früher Beraterin bei Goldman Sachs, damals eine von zwei Vorsitzenden der rechts­populistischen Alternative für Deutschland (AfD) sowie bis Anfang 2021 ebenfalls Mitglied der Hayek-Gesellschaft. Ein weiteres AfD-Mitglied, der frühere libertäre Blogger und Gold­experte Peter Boehringer, ist ebenfalls Mitglied der Hayek-Gesellschaft, momentan Bundestags­abgeordneter in Amberg in Bayern und Vorsitzender des Haushalts­ausschusses.
Im September 2017 veröffentlichte Bannons früheres Portal «Breitbart» ein Interview mit Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der Bundes­tags­fraktion der AfD und ebenfalls Mitglied der Hayek-Gesellschaft. Sie erklärte, wie Hayek sie zu ihrem Engagement für «die Wieder­herstellung der Familie» inspiriert habe. Im benachbarten Österreich war Barbara Kolm die Vermittlerin der kurzen Koalition zwischen der rechten FPÖ und der ÖVP. Sie ist sowohl Leiterin des Friedrich A. von Hayek-Instituts in Wien, beteiligt an Honduras’ Versuch, spezielle deregulierte Zonen ausserhalb der formalen staatlichen Kontrolle aufzubauen, als auch Mitglied der Mont Pèlerin Society.
Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist nicht so sehr das Aufeinander­prallen von Gegen­sätzen, sondern das öffentliche Aufflammen eines schon lange schwelenden Disputs im kapitalistischen Lager darüber, was notwendig ist, um den freien Markt am Leben zu erhalten. Ironischer­weise brach der Konflikt, der die sogenannten Globalistinnen und die Populisten spaltete, zum ersten Mal in den Neunziger­jahren aus – in dem Moment, als viele meinten, dass neoliberale Ideen die Welt erobert hätten.
Was ist Neoliberalismus?
Neoliberalismus wird oft als eine Reihe von Lösungen verstanden, als Plan mit Aufzählungs­punkten, um die soziale Solidarität und den Wohlfahrts­staat zu zerstören. Die linke Autorin Naomi Klein bezeichnet ihn als «Schock­strategie»: in Zeiten von Katastrophen einfallen, ausnehmen, öffentliche Dienste billig verkaufen und die Kontrolle vom Staat auf Firmen übertragen. Der Washington-Konsens, wie ihn der Ökonom John Williamson 1989 beschrieben hat, ist das berühmteste Beispiel für neoliberalen Solutionismus: eine Liste von zehn Must-dos für Entwicklungs­länder, von Steuer­reformen über Handels­liberalisierung bis zu Privatisierung.
Aus dieser Perspektive wirkt Neoliberalismus wie ein Kochbuch, ein Patent­rezept, ein Zauber­mittel in Einheitsgrösse.
Aber die Schriften der Neoliberalen selbst präsentieren ein anderes Bild – und hier müssen wir versuchen, die scheinbar wider­sprüchlichen politischen Erscheinungs­formen der Rechten zu verstehen. Wir sehen, dass neoliberales Denken nicht von Lösungen, sondern von Problemen durchdrungen ist.
Können Richterinnen, Diktatoren oder Geschäfts­leute verlässliche Hüterinnen der wirtschaftlichen Ordnung sein? Können Institutionen zerschlagen und neu aufgebaut werden, oder müssen sie wachsen? Wie können Märkte von den Menschen akzeptiert werden, obwohl sie oft grausam sind?
Das Problem, das den Neoliberalen in den vergangenen siebzig Jahren am meisten Sorge bereitet hat, ist die Balance zwischen Kapitalismus und Demokratie. Allgemeines Wahlrecht führte zu Bewegungen der ermutigten Massen, die immer drohten, die funktionierende Markt­wirtschaft aus der Bahn zu werfen. Dies, wenn die Bevölkerung ihr Stimm­recht dafür einsetzte, Politiker aus Sicht der Neoliberalen um immer neue Gefälligkeiten zu «erpressen», und dadurch die Staats­kasse leerte.
Viele Neoliberale befürchteten, die Demokratie habe eine innewohnende Tendenz zum Sozialismus.
Sie waren sich nicht einig darüber, welche Institutionen den Kapitalismus vor der Demokratie bewahren könnten. Manche verteidigten eine Rückkehr zum Gold­standard, während andere für das freie Floating von Währungen argumentierten. Manche kämpften für starke Kartell­gesetze, andere fanden bestimmte Formen von Monopolen akzeptabel. Manche waren der Meinung, Ideen sollten frei zirkulieren, andere plädierten für starke Rechte auf geistiges Eigentum. Manche hielten Religion für eine notwendige Voraus­setzung für eine liberale Gesellschaft, andere sahen sie als überflüssig an.
Die meisten betrachteten die traditionelle Familie als die grundlegende ökonomische und soziale Einheit, aber einige widersprachen. Manche fanden, es gehe beim Neoliberalismus darum, die richtige Verfassung zu entwerfen, andere sahen eine Verfassung in einer Demokratie als – eine unvergesslich geschlechts­spezifische Metapher – «einen Keuschheits­gürtel, dessen Schlüssel für die Trägerin immer in Griffweite ist».
Im Vergleich zu anderen politischen und intellektuellen Bewegungen jedoch war das Fehlen von gravierenden sektiererischen Gräben innerhalb der neoliberalen Bewegung am bemerkens­wertesten. Von den Vierziger- bis zu den Achtziger­jahren blieb der Kern mehr oder weniger stabil.
Der einzige grosse interne Konflikt entstand in den frühen Sechziger­jahren mit der Entfremdung eines der führenden Denker der Bewegung und des angeblichen intellektuellen Vaters der sozialen Markt­wirtschaft, des deutschen Wirtschafts­wissenschaftlers Wilhelm Röpke.
Hayeks Fremdenfeindlichkeit
Es deutete kommende Konflikte an, dass Röpkes Bruch mit den anderen Neoliberalen geschah, weil er Südafrikas Apartheid lautstark verteidigte und Theorien des biologischen Rassismus übernahm, die eine gemeinsame westliche Kultur und ein gemeinsames Erbgut als Voraussetzung für eine funktionierende kapitalistische Gesellschaft postulierten.
Offen pro weiss zu sein, das war in den Sechziger­jahren eine Aussenseiter­position. Doch später wird sich zeigen, dass sie die Kraft hat, die Neoliberalen nachhaltig zu spalten.
Während einige es vielleicht als Widerspruch sehen, Fremden­feindlichkeit und migranten­feindliche Ansichten mit Neoliberalismus – der angeblichen Philosophie der offenen Grenzen – zu verbinden, so war das nicht der Fall auf einem frühen Schau­platz eines neoliberalen Durchbruchs: in Margaret Thatchers Gross­britannien.
1978 schrieb Hayek, der als Emigrant aus dem faschistischen Österreich die britische Staats­bürgerschaft angenommen hatte, eine Reihe von Leitartikeln, die Thatchers Forderung nach einem «Ende der Einwanderung» vor ihrer Wahl zur Premier­ministerin unterstützten.
Um seine Ansichten zu begründen, blickte Hayek zurück auf seine Heimat­stadt Wien, wo er 1899 geboren wurde, und erinnerte an die Schwierigkeiten, die entstanden, als «eine grosse Zahl von galizischen und polnischen Juden» vor dem Ersten Weltkrieg aus dem Osten kam und Schwierigkeiten bei der Integration hatte.
Es sei traurig, aber wahr, schrieb Hayek: «So sehr der moderne Mensch auch im Prinzip das Ideal akzeptiert, dass die gleichen Regeln für alle Menschen gelten, gesteht er es doch im Grunde nur jenen zu, die er als ähnlich ansieht, und lernt nur langsam, die Bandbreite jener, die er für gleichwertig hält, zu vergrössern.»
Auch wenn Hayeks Vorschlag aus den Siebziger­jahren, dass eine gemeinsame Kultur oder Gruppen­identität für eine funktionierende Markt­ordnung notwendig sei, keineswegs absolut war, war er doch eine Abkehr von dem, was man davor als Entwurf einer neoliberalen Gesellschaft gesehen hatte – der viel eher verankert war in einer universalen Vorstellung von Menschen überall unter rechts­staatlichen Bedingungen.
Diese neue, restriktive Haltung fand vor allem bei den britischen Neoliberalen Anklang, die schon immer zu den konservativen Tories tendierten, im Gegen­satz zu den libertären Tendenzen der amerikanischen Neoliberalen. Es sei daran erinnert, dass kein Geringerer als Enoch Powell, ein Gegner nicht-weisser Einwanderung, Mitglied der Mont Pèlerin Society war und bei mehreren ihrer Treffen Vorträge hielt.
Die «kulturelle Evolution»
Eine der Neuheiten der Siebziger­jahre war, dass Hayeks Rhetorik der konservativen Werte mit Einflüssen aus einer neuen Philosophie verquickt wurde: jener der Soziobiologie, die selbst vermengt war mit seinem früheren Interesse an Kybernetik, Verhaltens­biologie und Systemtheorie.
Die Soziobiologie erhielt ihren Namen 1975 vom Titel eines Buches des Harvard-Biologen E. O. Wilson. Es behauptete, dass individuelles menschliches Verhalten mithilfe der gleichen evolutionären Logik verstanden werden könnte wie das von Tieren und anderen Lebewesen. Wir alle strebten danach, die Reproduktion unseres eigenen genetischen Materials zu maximieren. Das Schicksal der Merkmale bei Menschen könne auf die gleiche Weise verstanden werden: Selektions­druck merzt die weniger nützlichen Eigenschaften aus, und die nützlicheren vermehren sich.
Hayek war begeistert von den Erkenntnissen der Soziobiologie, hinterfragte jedoch ihre Überbetonung der Gene. Er schlug vor, dass menschlicher Wandel sich besser durch Prozesse der, wie er es nannte, «kulturellen Evolution» erklären liesse. Die US-Konservativen hatten in den Fünfziger- und Sechziger­jahren in William F. Buckleys Zeitschrift «National Review» einen sogenannten «Fusionismus» von Markt­libertarismus und kulturellem Konservatismus unterstützt. Hayeks Öffnung gegenüber der Wissenschaft führte letztlich zu einer neuen Fusion, die einen konzeptionellen Raum bot für wahllose Anleihen aus evolutionärer Psychologie, Kultur­anthropologie und sogar aus wieder­belebter Rassen­kunde. In den kommenden Jahrzehnten wurden Formen des Neoliberalismus wieder und wieder mit Formen des Neo-Naturalismus kombiniert.
In den frühen Achtziger­jahren hatte Hayek begonnen, von Tradition als einer notwendigen Zutat für die «gute Gesellschaft» zu sprechen. Vor der amerikanischen Heritage Foundation sprach er 1982 von «unserem moralischen Erbe» als Grundlage für gesunde Markt­gesellschaften. 1984 schrieb er: «Wir müssen zu einer Welt zurück­kehren, in der nicht nur der Verstand, sondern Verstand und Moral als gleichwertige Partner unser Leben bestimmen, in der die Wahrheit der Moral einfach eine moralische Tradition ist, nämlich die des christlichen Abend­landes, das die Moral in der modernen Zivilisation erschaffen hat.»
Die Schlussfolgerung war klar. Manche Gesellschaften hatten die kulturellen Eigenschaften der persönlichen Verantwortung, der Erfindungs­gabe und des rationalen Handelns über eine lange Zeit entwickelt, andere nicht.
Weil diese Eigenschaften ausserdem nicht einfach importiert oder übertragen werden konnten, mussten diese weniger kulturell entwickelten Gesellschaften – sprich, die Entwicklungs­länder – eine lange Zeit der Diffusion erleben, bevor sie den Westen einholen konnten. Ein Endpunkt, dessen Eintreffen Hayek nicht garantierte.
Die drei Problemfelder
1989 kam die Geschichte dazwischen, und die Berliner Mauer fiel. Als Folge dieses unvorher­gesehenen Ereignisses wurde die Frage, ob kapitalistische Kulturen übertragen werden konnten oder organisch wachsen mussten, schlagartig relevant. «Gesellschaft im Übergang» wurde ein neues Fachgebiet, als Sozial­wissenschaftlerinnen sich des Problems annahmen, wie ehemals kommunistische Länder kapitalistisch werden konnten.
Hayek erhielt 1991 eine Presidential Medal of Freedom von George H. W. Bush, als «Visionär», dessen Ideen «vor den Augen der Welt bestätigt wurden». Man könnte meinen, dass Neoliberale den Rest der Neunziger­jahre damit verbrachten, sich in Selbst­gefälligkeit zu sonnen und die Büsten von Ludwig von Mises in osteuropäischen Universitäten und Bibliotheken zu polieren.
Doch genau das Gegenteil war der Fall. Man erinnere sich, dass der Erzfeind der Neoliberalen seit den Dreissiger­jahren nicht die Sowjet­union war, sondern die Sozial­demokratie des Westens. Der Fall des Kommunismus bedeutete, dass der wahre Feind neue Gebiete für eine potenzielle Expansion hatte. Der Präsident der Mont Pèlerin Society, James M. Buchanan, verkündete 1990: «Der Sozialismus ist tot, doch Leviathan lebt weiter.» (Anm. d. Red.: Gemeint war der vom Philosophen Thomas Hobbes als «Leviathan» bezeichnete Staat, der den Bürgern soziale Sicherheit verspricht, dabei jedoch ihre Freiheit beschränkt.)
Aus Sicht der Neoliberalen brachten die Neunziger­jahre drei grosse Sorgen mit sich:
Konnte man von den gerade befreiten Staaten des Ostblocks erwarten, dass sie über Nacht zu verantwortungs­vollen Markt­akteuren wurden, und was wäre nötig, damit das passierte?
War das immer engere europäische Zusammen­wachsen Vorbote eines neoliberalen Kontinents oder einfach die Vergrösserung eines Super­staats der Wohlfahrts­politik, der Arbeitnehmer­rechte und der Umverteilung?
Und schliesslich die sich verändernde Demografie: eine alternde weisse Bevölkerung und eine wachsende nicht-weisse Bevölkerung. Waren vielleicht manche Kulturen – und sogar manche Ethnien – prädisponiert für Markt­erfolg und andere nicht?
Die Neunziger­jahre liessen einen Graben im neoliberalen Lager entstehen: Auf der einen Seite waren jene, die an überstaatliche Institutionen wie die EU, die WTO und internationales Investitions­recht glaubten – man könnte sie Globalisten nennen. Auf der anderen Seite jene, die fanden, dass neoliberale Ergebnisse am besten dadurch erzielt wurden, dass die Souveränität wieder zur Nation zurück­kehrt – oder sogar zu kleineren Einheiten der Abspaltung. Man könnte sagen, dieses Zusammen­wachsen von Letzteren bildete viele Jahre später die Grundlage für die Vereinigung von Populisten und Libertären, welche die Brexit-Kampagne vorantrieb.
Der ständig zunehmende Einfluss von Hayeks Ideen der kulturellen Evolution und die wachsende allgemeine Beliebtheit von Neuro­wissenschaften und evolutionärer Psychologie brachten auch viele im sezessionistischen Lager dazu, sich den härteren Wissenschaften zuzuwenden. Für manche erforderte die Suche nach den Grundlagen der Markt­ordnung, «tiefer ins Gehirn» vorzudringen, wie es Charles Murray, Mitglied der Mont Pèlerin Society, im Jahr 2000 in einem Artikel formulierte.
Die Krise, die 2008 folgte, verstärkte die Spannungen zwischen den beiden Lagern der Neoliberalen. Die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen in Europa im Laufe des Jahres 2015 bot die Gelegenheit für einen neuen erfolg­reichen politischen Hybrid, der Fremden­feindlichkeit mit Werten des freien Marktes verband. Es ist wichtig, klar zu sehen, was dabei auf der rechten Seite neu entstand und was aus der Vergangenheit vererbt wurde.
Die rechte Brexit-Kampagne zum Beispiel baute auf Grundlagen auf, die Thatcher selbst gelegt hatte. In einer berühmten Rede 1988 in Brügge erklärte Thatcher, dass «wir nicht die Grenzen des Staates in Gross­britannien erfolg­reich zurück­gedrängt haben, nur damit sie auf europäischer Ebene wieder­eingeführt werden, mit einem europäischen Superstaat, der von Brüssel aus eine neue Dominanz ausübt».
Inspiriert von der Rede (und der Frau, die ihn 1979 in ihren ersten Monaten als Premier­ministerin zum life peer ernannt hatte), gründete der frühere Präsident der Mont Pèlerin Society, Lord Ralph Harris vom Institute of Economic Affairs, im darauf­folgenden Jahr die Bruges Group. Heute behauptet die Bruges Group stolz auf ihrer Website, «den intellektuellen Kampf für die gewonnene Abstimmung, die EU zu verlassen, angeführt zu haben». In diesem Fall kommen die sogenannten Populisten direkt aus den Reihen der Neoliberalen.
Rasse und Nation
Während die Befürworterinnen eines EU-Austritts den National­staat preisen, tritt in Deutschland und Österreich die Bezugnahme auf die Natur deutlicher zutage. Vielleicht am bemerkens­wertesten an der neuen Fusion ist, wie sie neoliberale Markt­überzeugungen mit fragwürdigen Behauptungen aus der Sozial­psychologie vermischt. Besonders auffallend ist die Fixierung auf Intelligenz. Während man den Begriff «kognitives Kapital» mit französischen und italienischen marxistischen Theoretikern verbindet, hat ihn der Neoliberale Charles Murray schon 1994 in «The Bell Curve» benutzt, um zu beschreiben, was seiner Meinung nach die teilweise vererbten Gruppen­unterschiede bei der Intelligenz sind, die sich als IQ in Zahlen ausdrücken.
Der deutsche Soziologe Erich Weede, Mitbegründer der Hayek-Gesellschaft (der auch 2012 ihre Hayek-Medaille erhielt), folgt dem Rassen­theoretiker Richard Lynn darin, Intelligenz als den primären, entscheidenden Faktor für Wirtschafts­wachstum zu sehen. Reichtum und Armut von Ländern werden nicht durch die Geschichte erklärt, sondern durch die hartnäckigen Eigenschaften ihrer Bevölkerung, so das frühere Vorstands­mitglied der Bundes­bank Thilo Sarrazin. Von seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» wurden in Deutschland über 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Es befeuerte den Erfolg von islamophoben Parteien wie der AfD. Sarrazin zitiert auch Lynn und andere Intelligenz­forscher, um auf Basis des IQs gegen die Einwanderung aus Ländern mit einer muslimischen Mehrheit zu argumentieren.
Die Volkskapital-Ideen von rechten Neoliberalen weisen Ländern einen Intelligenz­durchschnitt zu, auf eine Weise, die das Konzept des «Human­kapitals» kollektiviert und als angeboren ansieht. Sie fügen Untertöne von Werten und Traditionen hinzu, die sich nicht statistisch festhalten lassen. Dafür lassen sie rhetorisch das nationale Wesen und den nationalen Charakter anklingen.
Die neue Fusion von Neoliberalismus und Neo-Naturalismus verwendet eine Sprache, die keinen humanistischen Universalismus des Marktes propagiert, sondern eine segmentierte Weltsicht, die auf Kultur und Biologie basiert.
Die Folgen dieser neuen Vision der menschlichen Natur erstrecken sich über die populistischen Parteien hinaus zum Separatismus der alternativen Rechten, zu Identitären und weissem Nationalismus.
Weniger Bruch als Kontinuität
Nicht alle Neoliberalen haben die Wende zu ausgrenzenden Konzepten der Kultur und Ethnie mitgemacht. Manche mobilisieren gegen das, was sie als feindliche Übernahme von Hayeks und Mises kosmo­politischem Erbe durch intolerante Fremden­feinde sehen. Doch die Vehemenz ihres Protests kann manchmal die Tatsache verschleiern, dass die angeblichen populistischen Barbaren an den Toren eigentlich aus dem Inneren der Festung genährt wurden.
Ein bemerkenswertes Beispiel ist Václav Klaus, in den Neunziger­jahren der Liebling der neoliberalen Bewegung in seiner Rolle als Finanz­minister, Minister­präsident und Präsident der post­kommunistischen Tschechischen Republik. Klaus, ein entschiedener Verfechter der Schock­therapie während der Wende, war Mitglied der Mont Pèlerin Society und regel­mässiger Redner bei Treffen. Er nahm Hayek als seinen persönlichen Weisen in Anspruch. 2013 wurde Klaus Senior Fellow am Cato Institute, der Hochburg des kosmo­politischen Libertarismus, die sogar ein «F. A. Hayek»-Auditorium hat.
Doch man schaue sich Klaus’ politische Reise an. Er begann in den Neunziger­jahren damit, den Ruf nach einem ordoliberalen starken Staat in einem Moment des Wandels mit einem hayekschen Bekenntnis zur Unvorher­sehbarkeit des Marktes zu verbinden. Zehn Jahre später war er dazu übergegangen, die Umwelt­politik der Europäischen Union immer vehementer anzugreifen. In den Nuller­jahren war er schliesslich ein kompletter Klima­wandel­leugner, der 2008 das Buch «Blauer Planet in grünen Fesseln» schrieb. In den Zehner­jahren entdeckte Klaus die populistische Bewegung endgültig als Kraft, rief nach einem Ende der Europäischen Union, einer Rückkehr zum National­staat und dem Schliessen der Grenzen für Migrantinnen.
Aber dieser taumelnde Schwenk nach rechts führte nicht zu einem Bruch mit der organisierten neoliberalen Bewegung.
Während sich die Mont Pèlerin Society in Pose warf, indem sie eine Konferenz zum Thema «Die populistische Gefahr für die gute Gesellschaft» veranstaltete, argumentierte Klaus im selben Jahr bei ihrer Konferenz: «Massen­einwanderung nach Europa (…) droht die europäische Gesellschaft zu zerstören und ein neues Europa zu erschaffen, das ganz anders ist als in der Vergangenheit und nicht der Denkweise der Mont Pèlerin Society entspricht.» Zusammen mit den Rechtsaussen­parteien, mit denen er im EU-Parlament zusammen­arbeitet, akzeptiert Klaus den Freihandel und die freie Bewegung von Kapital, während er bei bestimmten Menschen Grenzen zieht.
Ideologen wie Klaus lassen sich besser als fremden­feindliche Libertäre beschreiben denn als Populisten. Sie sind nicht so sehr Feindinnen des Neoliberalismus, die mit Fackeln und Mist­gabeln vom Land kommen, sondern vielmehr Kinder des Neoliberalismus, genährt von jahrzehnte­langen Gesprächen und Debatten darüber, welche Dilemmata der Kapitalismus überleben muss.
Das neue Dilemma findet sich bei Ethnie, Kultur und Nation und bedingt die neueste Strömung: eine Philosophie, die für den Markt ist und nicht auf der Vorstellung basiert, dass wir alle gleich sind, sondern dass wir auf grundlegende und vielleicht endgültige Weise verschieden sind. Trotz allem Rummel um den Aufstieg einer neuen Rechten sind wir nicht in eine politische Ära mit einer grund­legend neuen Geometrie eingetreten. Den Riss grösser zu machen, als er ist, bedeutet, die grundsätzliche Kontinuität zu übersehen.

„Wer sind hier die wahren Barbaren?“

Einmal noch Friedrich August von Hayek,

und einmal noch Andreas Tögel,

einmal noch Hayek-Institut, das von

Andreas Tögel veröffentlichte „Wer sind hier die wahren Barbaren?“,

dem „Ortner Online“ die Quelle —

Weil auf deren Frage „Hayeks Bastarde“ die Antwort ist.

Aus „Hayeks Bastarde“ zu zitieren, ist unvermeidlich.

Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass wichtige Gruppierungen der neu entstehenden Rechten in Wirklichkeit Abwandlungen des Neoliberalismus sind. Schliesslich haben die als «rechts­populistisch» titulierten Parteien – von den USA bis zu Gross­britannien, Österreich und der Schweiz – nie als Rache­engel agiert, um die Globalisierung zu zerschlagen. Sie machten keine Vorschläge, wie man die Finanz­wirtschaft zügeln, ein goldenes Zeitalter der Arbeits­platz­sicherheit wieder­herstellen oder den Welt­handel beenden könnte. Im Grossen und Ganzen kommen die Rufe der sogenannten Populistinnen nach Privatisierung, Deregulierung und Steuer­senkungen direkt aus dem gemeinsamen Handbuch der Welten­lenker aus den letzten dreissig Jahren.
Sowohl Neoliberale als auch die neue Rechte verachten Egalitarismus, globale ökonomische Gleichheit und Solidarität über nationale Grenzen hinaus. Beide halten den Kapitalismus für unvermeidlich und beurteilen Bürgerinnen nach den Massstäben der Produktivität und der Leistungs­fähigkeit. Dabei ist vielleicht am auffallendsten, dass beide sich aus der gleichen Ruhmes­halle der Helden bedienen. Ein Parade­beispiel ist Hayek selbst, der sowohl bei Neoliberalen als auch bei Populisten eine Ikone ist.
Als der selbst ernannte Populist Steve Bannon 2018 neben Marine Le Pen beim Partei­kongress des französischen Front National sprach, verteufelte er das «Establishment» und die «Globalisten», er baute seine Rede jedoch um Hayeks Metapher des Weges in die Knechtschaft auf und berief sich damit auf die Autorität des Meisters.
In der Woche zuvor hatte Bannon in Zürich ebenfalls auf Hayek Bezug genommen. Er war dort zu Gast bei Roger Köppel, Zeitungs­verleger, Politiker der rechten Schweizerischen Volks­partei und Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Köppel überreichte Bannon die Erstausgabe seiner Zeitung, der «Weltwoche», während er flüsterte, sie sei «von 1933» – einer Zeit, als ebendiese Zeitung die Macht­ergreifung der Nazis befürwortet hatte.
«Sollen sie euch doch Rassisten nennen», sagte Bannon bei einer seiner Wahl­kampfreden, «sollen sie euch Fremden­feinde nennen. Sollen sie euch doch Nativisten (Anm. d. Red.: in etwa «Einwanderungs­gegner») nennen. Tragt es als Auszeichnung.»
Das Ziel der Populisten, sagte er weiter, sei nicht, den Aktionärs­wert zu maximieren, sondern «den Wert der Staats­bürgerschaft zu maximieren». Das klang weniger wie eine Ablehnung des Neoliberalismus als wie ein Einbetten der ökonomischen Logik ins Herz der kollektiven Identität. Populistinnen verwerfen nicht die neoliberale Idee des Human­kapitals, sondern kombinieren sie mit nationaler Identität: ein Diskurs des Volkskapitals.
Während er in Europa war, traf sich Bannon auch mit Alice Weidel, früher Beraterin bei Goldman Sachs, damals eine von zwei Vorsitzenden der rechts­populistischen Alternative für Deutschland (AfD) sowie bis Anfang 2021 ebenfalls Mitglied der Hayek-Gesellschaft. Ein weiteres AfD-Mitglied, der frühere libertäre Blogger und Gold­experte Peter Boehringer, ist ebenfalls Mitglied der Hayek-Gesellschaft, momentan Bundestags­abgeordneter in Amberg in Bayern und Vorsitzender des Haushalts­ausschusses.
Im September 2017 veröffentlichte Bannons früheres Portal «Breitbart» ein Interview mit Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der Bundes­tags­fraktion der AfD und ebenfalls Mitglied der Hayek-Gesellschaft. Sie erklärte, wie Hayek sie zu ihrem Engagement für «die Wieder­herstellung der Familie» inspiriert habe. Im benachbarten Österreich war Barbara Kolm die Vermittlerin der kurzen Koalition zwischen der rechten FPÖ und der ÖVP. Sie ist sowohl Leiterin des Friedrich A. von Hayek-Instituts in Wien, beteiligt an Honduras’ Versuch, spezielle deregulierte Zonen ausserhalb der formalen staatlichen Kontrolle aufzubauen
, als auch Mitglied der Mont Pèlerin Society.
Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist nicht so sehr das Aufeinander­prallen von Gegen­sätzen, sondern das öffentliche Aufflammen eines schon lange schwelenden Disputs im kapitalistischen Lager darüber, was notwendig ist, um den freien Markt am Leben zu erhalten. Ironischer­weise brach der Konflikt, der die sogenannten Globalistinnen und die Populisten spaltete, zum ersten Mal in den Neunziger­jahren aus – in dem Moment, als viele meinten, dass neoliberale Ideen die Welt erobert hätten.

«Sollen sie euch doch Rassisten nennen», habe Bannon bei einer seiner Wahl­kampfreden gesagt, «sollen sie euch Fremden­feinde nennen. Sollen sie euch doch Nativisten nennen. Tragt es als Auszeichnung.» Das erinnert an eine Aussage eines kleinen Gebirgsjägers in den tälerischen Tiefen Österreichs im Jahr ’24:

[…] als rechtsextrem beschimpft werde, dann trage ich diese Beschimpfung wie einen Orden.
„FPÖ-Neujahrstreffen 2024“ am 13.1.2024. (Quelle: FPÖ-TV)

Und dieser kleine Gebirgsjäger trat u. r. v. a. (unter recht vielen anderen) in Linz einem Kongreß auf, in dessen Zusammenhang schon vor Jahren der Name Mises zu nennen war, für dessen Institut in Deutschland auch ein Andreas Tögel ein Schreibender, ein Interviewter ist — „Hayeks Bastarde“, noch einmal:

Nicht alle Neoliberalen haben die Wende zu ausgrenzenden Konzepten der Kultur und Ethnie mitgemacht. Manche mobilisieren gegen das, was sie als feindliche Übernahme von Hayeks und Mises kosmo­politischem Erbe durch intolerante Fremden­feinde sehen. Doch die Vehemenz ihres Protests kann manchmal die Tatsache verschleiern, dass die angeblichen populistischen Barbaren an den Toren eigentlich aus dem Inneren der Festung genährt wurden.

„Europa 2030. Wie wir in zehn Jahren leben“: Zu diesem Buch wurde Andreas Tögel vom Mises-Institut interviewt, zu dem, so Tögel, Werner Reichel die Idee gehabt hätte, ein Buchtitel, der an die Rede des österreichischen Zurzeitigen aus ’23 erinnert, mit der diese versuchte, einfach wie kurz gesagt, bis 2030 zu denken, und dabei über den Tag der Rede doch nicht eine Minute hinauskam

Wie oft mußte schon geschrieben werden, es ermüdet, und so manches Kapitel mußte schon, einfach wie kurz gesagt, plötzlich, vollkommen erschöpft, abgebrochen werden, mit dem Versprechen, es irgendwann weiterzuschreiben.

So ist es auch mit diesem Kapitel, es wird weitergeschrieben werden, also doch, einmal noch Hayek

„Handle so gegen andere, wie Du an ihrer Stelle behandelt zu werden wünschtest.“

In der Dokumentation über die Exekutive des Österreichers, ausgestrahlt vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk Österreichs, am 23. März 2024 wurde auch der Spruch „Die Polizei, dein Freund und Helfer“ behandelt. Ein Spruch, der bis zum heutigen Tag nicht nur bestens bekannt ist, sondern auch nach wie vor reichlich verwendet wird.

Was für ein Schrecken, zu erfahren, daß es ein Spruch vom „Reichsführer SS, Chef der deutschen Polizei sowie Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (ab 1939), später auch Reichsinnenminister (ab 1943) und Befehlshaber des Ersatzheeres (ab 1944) hatte Himmler vor allem während des Zweiten Weltkriegs eine Machtposition, die nur von der Hitlers übertroffen wurde. Mit Hilfe der SS, des Sicherheitsdienstes, der Geheimen Staatspolizei (Gestapo)“

Aber, der Schrecken dauert nur kurz. Es ist dann sofort klar, das ist kein nationalsozialistischer Spruch, diesen Spruch gab es schon früher, Jahre früher, bald wird dieser Spruch einhundert Jahre lang gesprochen worden sein, ein Spruch mit einem vollkommen anderen Sinn, mit einem dem Nationalsozialismus gänzlich entgegengesetzten Sinn, ein Spruch, der vom Nationalsozialismus in seine Gesinnung umgedeutet und also mißbraucht wurde, auch von diesem, einfach wie kurz seine Funktionen zusammengefaßt, Innenminister, vor neunzig Jahren. Die einzige Fähigkeit, die der Nationalsozialismus besaß, war, zu stehlen, in einer mörderischen Katastrophe für alle unterzugehen. Nationalsozialismus: Räuberischer Untergang.

Bereits 1934 umschreibt Heinrich Himmler die Rolle der Polizei wie folgt: „Die Polizei im nationalsozialistischen Deutschland hat es sich zum Ziel gesetzt, vom deutschen Volk als sein bester Freund und Helfer, von Verbrechern und Staatsfeinden als schlimmster Gegner angesehen zu werden. Und als solche wird die Exekutive auch in der Öffentlichkeit inszeniert.
Florian Wenninger: Wie widersprüchlich diese Erzählung vom Freund und Helfer ist, sieht man an einer relativ frühen Maßnahme nach dem Anschluß 1938, daß nämlich der österreichischen Polizei mit großem medialem Echo die Gummiknüppel abgenommen werden. Es sei dem deutschen Staatsbürger nicht zumutbar, dem deutschen Volksgenossen sich von der Polizei mit dem Gummiknüppel prügeln zu lassen. Das wird also als ein Akt der Egalisierung verkauft, das Ganze wird inszeniert und verkauft als ein Schritt der Humanisierung, des Näherrückens der Polizei. In Wirklichkeit rückt sie nicht näher, sie rückt höher.
ORF III. Zeit.Geschichte

„Die Polizei, dein Freund und Helfer“ – dieser Spruch ist in der öffentlichen Kommunikation der Polizeidirektion Görlitz tabu. Sprecher Sven Möller begründete die „Anweisung von oben“ mit der Herkunft der Redewendung – angeblich aus der Nazi-Zeit. Der Ursprung liegt aber nach unserer Recherche in der Weimarer Republik. Der damalige preußische Innenminister Grzesinski (1879-1947) gebrauchte den Spruch erstmals 1926. Er wurde zum Motto einer internationalen Polizeiausstellung („Die Polizei, dein Freund und Helfer – Bitte treten Sie näher“). Später wurde die Redewendung von SS-Reichsführer Himmler übernommen und in eine breite Öffentlichkeit gebracht. Der SPD-Politiker Grzesinski floh im März 1933 aus Deutschland. Er starb in den USA.
Antenne Sachsen

An diesem Beispiel zeigt es sich wieder, wie alles mißbraucht wurde, gegen den ursprünglichen Sinn auf brutale Weise gewendet wurde, und daß dieser brutale Mißbrauch und diese brutale Umdeutung nicht vorbei ist, ist heutzutage zu erleben etwa bei Begriffen wie Demokratie, Meinungsfreiheit und so weiter,

und das nicht nur in Österreich

Keine Gesinnung wagt es heutzutage, sich beispielsweise nicht als Demokratie zu verkaufen, während sie in Wahrheit zugleich ein System gegen die Demokratie errichten will.

Ein Satz fiel in dieser Dokumentation über die Exekutive des Österreichers besonders auf, der nur zu lesen ist, wenn der Film angehalten wird, ein Satz aus den nationalsozialistischen „Grundsätze[n] für die Polizei“:

Handle so gegen andere, wie Du an ihrer Stelle behandelt zu werden wünschtest.

Wem fiele hierzu nicht sofort der deutsche Philosoph ein, dem in seinem Buch der Zeitungsartikel der villacherische Filosof beispringt, geradeso, als ob nicht jede Zeit diesen Philosophen für ihre Gesinnung, so leicht macht es sich dieser, vereinnahmen, mißbrauchen, gebrauchen würde können, der, wie zu lesen ist, auch für die nationalsozialistische Gesinnung ein Spruchgeber, ein Stich-Wortgeber, mit seinem pflichtgemäßen kategorischen …

Zurzeitiger Innenminister schiebt Zigeuner, also EU-Bürgerinnen, ab

Wenn hier von Zigeunern geschrieben wird, müßte Zigeuner unter Anführungszeichen gesetzt werden, weil es immer und ausschließlich als Zitat verwendet wird, nachdem aber Zigeuner nach wie vor weit verbreitet ist, jedoch nicht in Anführungszeichen gesetzt, wären Anführungszeichen eine Verharmlosung, wären Anführungszeichen gegen die Wirklichkeit der Menschen, in der sie als Zigeunerinnen vorgeführt werden.

Sie werden vorgeführt und — abgeschoben

Am 21. März ’24 verkündet der zurzeitige Innenminister mit texingtalerischem Stolz ’23 als „das Jahr der Abschiebungen“ und Medien folgen ihm brav mit Aufmachern, sie schreiben zwar, „12.900 Personen mussten das Land verlassen, der Großteil betraf Bürger und Bürgerinnen aus europäischen Staaten.“ Sie schreiben zwar die Staaten auf, in die sie abgeschoben wurden, nach Ungarn, in die Slowakei, nach Rumänien, aber sie fragen nicht, wie hoch der Prozentsatz der Zigeuner ist, die allein ’23 abgeschoben wurden. Sie schreiben nach, „Bürger und Bürgerinnen“, ach, wie einfach kann vergessen werden auf Geschichte, Verantwortung, und Lebensgegenwart der Menschen, die für so viele noch einfach Zigeuner sind, wie vor achtzig und vor weit mehr als achtzig Jahren …

Und auch der zurzeitige Innenminister nennt nicht ihren Namen, bringt nicht einmal ihren sogenannten politisch korrekten Namen über seine Lippen, er gibt keine Zahl an, keinen Prozentsatz an, wie viele Zigeuner unter den Abgeschobenen nach Ungarn, nach Rumänien, in die Slowakei, nach Tschechien, nach Bulgarien … einfach wie kurz gesagt, wie viele Zigeunerinnen unter den Angehörigen europäischer Staaten sind, die allein ’23 in europäische Staaten abgeschoben wurden. Stattdessen verbrämt es der zurzeitige Innenminister darüber hinaus noch mit „Flüchtlingen“, mit „Asylpolitik“, mit „Schleppern“, geradeso, als ob er hier etwas zustande gebracht hätte … Er, der zurzeitige Innenminister, läßt nicht die Namen der Länder auf der Website seines Ministeriums im Bericht über seine Pressekonferenz zu den Abschiebungen nennen – und das ist verständlich, allein die Namen der europäischen Staaten, in die er abschieben läßt, zu nennen, offenbart seine, wie es nennen, vielleicht in Anlehnung an Gewinnwarnung, die Gewinnverlust prognostiziert, offenbart seine Leistungswarnung …

Menschgemäß kann der zurzeitige Innenminister nicht verlautbaren, er und seine Bundesregierung schiebe massenweise Zigeuner ab, denn das widerspräche dem, was einen Tag später, am 22. März ’24, der zurzeitige Bundeskanzler im Morgenjournal um sieben wieder einmal aufsagt …

[…] verwendet die Menschen, die Kinder, die Frauen […] als Schutzschilde, um ihr grausames Geschäft tatsächlich weiter betreiben zu können. Und ich seh schon in österreichischer Verantwortung auch darauf hinzuweisen, wer ist der Verursacher […] dieser menschlichen Tragödie […] Wir haben eine historische Verantwortung […] Vor achtzig Jahren haben Österreicherinnen und Österreicher […] ermordet, drangsaliert, gefoltert, geschändet und es ist unsere historische Verantwortung, aus der Geschichte heraus, daß dieses „Niemals wieder“, von dem wir so oft sprechen, auch tatsächlich umgesetzt und gelebt wird.

Es wird, wenn historisch, eine historische Erbverantwortung, die etwas gänzlich anderes ist als die vom Zurzeitigen aufgesagte „historische Verantwortung“, in Österreich „umgesetzt und gelebt“, das sich nach wie vor einen anderen Staatsnamen geben könnte, und es dennoch sofort als Österreich

Der Zurzeitige bezieht sich mit seinem sonntagsbraven Aufgesagten nicht auf die Zigeuner, sondern auf Menschen, die er sehr wohl zu benennen weiß, jedoch

es geht ihm mehr um seinen und seiner Regierung Beistand für einen Gesinnungsfreund …

Steinalt – Heinzlmaier – Plakolm – Sellner und StA

Nicht für jedes Kapitel läßt so einfach eine Überschrift sich finden. Diesem Kapitel hätte durchaus vorangestellt werden: Heinzlmaiers Gespür für Liedgut … Zu viele jedoch würden meinen, das Kapitel würde in der Hauptsache von Bernhard Heinzlmaier handeln, während Heinzlmaiers als Typologie … aber es kann kein wissenschaftlicher Begriff geschaffen werden, der auf dem Namen von Bernhard Heinzlmaier fußt. Es will nur etwas erzählt werden. Es paßte als Überschrift durchaus „Ohne Titel“, aber manches Kapitel erzählt schon alles, wenn seine Überschrift einfach die Namen der Figuren sind, von denen im Kapitel erzählt wird.

Es will erzählt werden, das versprochen wurde, dieses Kapitel hat seinen Ausgang bei Bernhard Heinzlmaier, der einem Liedgut derart ergeben ist, daß er es der ganzen Welt, also seiner Welt Österreich zeigen muß, das Liedgut der Band „Steinalt“ … Es begann mit einer Pressekonferenz, in der er nicht Lieder von „Steinalt“ zum Besten gab, sondern bloß das Logo dieser Band herzeigte, neben ihm oder er neben ihr Claudia Plakolm, Staatssekretärin für Jugendangelegenheiten, Zivildienst und seit kurzem auch für Digitalisisierung. Hätte Bernhard Heinzlmaier in dieser Pressekonferenz nicht ein T-Shirt getragen, das nur einen Teil des Logos von „Steinalt“ zeigt, also die augenblicklich zur Aufregung gewordenen Runen, sondern das gesamte Logo von „Steinalt“, also auch die Äxte, damit sofort erkennbar als Logo der Kapelle aus dem Niederösterreichischen, es wären die Runen gar nicht sehr aufgefallen …

was für ein Gelächter hätte das gegeben, eine Staatssekretärin für Jugend, Zivildienst und nun auch für Digitalisierung lädt zur Pressekonferenz zum „Bericht der Lage der Jugend“ mit einem alten Mann mit steinalten Äxten auf seiner …

Die kurze Aufregung wie immer in Österreich kurze Aufregung auch um Runen auf der heinzlmaierischen T-Shirtbrust endete nach einer Prüfung aufgrund einer Sachverhaltsdarstellung mit der Bekanntgabe der Staatsanwaltschaft Wien:

„Das ist ein Bandlogo.“

Es würde keinen Anfangsverdacht und keine Ermittlungen geben. Das wurde am 28. Oktober 2023 berichtet. Zu diesem Zeitpunkt war die Aufregung um die Runen längst wieder —

„Steinalt“ — das Liedgut, von dem nicht nur Bernhard Heinzlmaier recht angetan ist, sondern offensichtlich auch Martin Sellner, wie am 19. März 2024 auf der Konzernplattform „Youtube“ zu lesen ist, auf der mit einem Herz zum Danke einbekannt wird: „Martin Sellner brachte mich hier her“ … und „danke für die empfehlung hr. heinzlmaier“ —

Allein die Titel der „Steinalt“-Lieder, ein jeder recht als Shirtdruck: „Schrei gen Norden“ — „Schwert der Ahnen“ — „Wolfskönigin“ — „Der Untergang“ — „Met in den Adern“ … Und wenn die „Steinalt“-Lieder alle zusammen zur selben Zeit abgespielt werden, was für eine —

geboren mit schand und reue sucht man das Herz im land der treue der mond steht hoch und der wille ist stark der wind weht durchs knochenmark so fühlt man sich geborgen im stillen schrei gen norden wohoho, so erzählt man sich yehehe, es geht nördlich wohoho, der ruf erschallt yehehee, stahlkalt mythen, berge, wald und meer heimat im herzen schwer trägt hinfort die reine landschaft die götter, ja, besitzen die kraft man kämpfe für seinen lord doch der weg sei verloren, der weg nach nord entführt, sie waren überall die wölfe sie heulten, die nacht wird ewig sein, instinktiv sütrmen sie nach vorn, das menschenherz pocht schon haben sie verloren. die erste reihe der armseligkeit herben ihre schilde formieren sich. glauben was sie tun das ist ihre pflicht, nein sie stehen vorm gericht. gemetzel geheule köpfe aufgespiesst, der prinz der menschen glaubte doch noch an den sieg. die königin das blut getrunken, die ehre so sagt man von den göttern werde man geführt von jenen töchtern in ein land voller stolz und ehre mut und kraft geben himmel und see im innern so spürt man, die einst vergessene lehre dort thronen die götter, in und um die meere feuer mög‘ man spüren, in brust und bein so wird der gott des krieges mit uns sein die see braust auf, der wind weht übers land ertrage viel zu lang des gottes schand hinter diesem schleier liegt die kraft hoch empor erhoben, erhaben, überall sie wacht eis und feuer wurden geboren so erschallt der hammerschlag der gipfel, der heilige ort den ehren wir, wir halten wort eis und feuer wurden geboren so erschallt der hammerschlag der gipfel, der heilige ort den ehren wir, wir halten wort wohoho, so erzählt man sich yehehe, es geht nördlich wohoho, der ruf erschallt yehehee, stahlkalt mythen, berge, wald und meer heimat im herzen schwer trägt hinfort die reine landschaft die götter, ja, besitzen die kraft in frieden leben sie, in einklang mit der natur. am alten fluss das stehen sie, das wa ein genuss. eine helle nacht es heute ist, der mondschein lässt sie niemals ahnen, das heute das licht sich bricht, durch unheil und blutigen tagen. das wolfsrudel stand vor einer prüfung, das werk ist vollbracht, nieder mit den wölfen eine blutige nacht. sie spürten keine schuld, erkannten keine reue, sie schrien in den wald, unser alles die königin den ansturm sah. es sind die ach so stolzen menschen, reuelos den wald rücken die menschen weiter vor, so verbreitet sich die kunde. die königin erlag an ihren wunden schon, durch spiesst vom speere des hauptmanns. durchbohrt mit dem speer so erlosch ihr licht, das heiligtum das zerbricht. ein feuer ewig heil gebrannt, erloschen durch feige menschenhand. der altar aus stein zerbrach betraten. sie lachten und tobten, der menschen schon versunken. reihen vielen, schädel wolfskönigin tod und enthauptet so starb sie, so erlosch ihr licht! der hauptmann stark vor verwesung rollten, den eigenen tod ist, was sie wollten für die wölfe war die jagt nun aus, so gingen sie in frieden in den wald in ihr zu haus. so gingen sie in den wald in ihr zu haus was bleibt ist der graus, der menschendreck entfernt friede kehrt ein noch lange nicht, blutdurst herrscht zur stunde. so wie eis, den menschen vertrauen, hatte seinen preis! der mensch feierte wohl bald! der hauptmann trank ihr blut zum sieg, der wald er schrie vor trauer! alles zertrampelt menschendreck, so errichteten sie eine mauer. sie litt, sie starb, sie heulte vor todesqualen. schon, sein fluch wird ihn zermalmen. der tod wünscht sich schon sehnlichst her, die gnade, bekommt er nicht. ein feuer, ewig heil gebrannt, erloschen durch feige menschenhand. der altar aus stein zerbrach wie eis, den menschen vertrauen, hatte seinen preis! wie geht es nun weiter zerstört dieser hain, das nennt ihr für gott wie dumm muss man sein. es ist nicht nur unser sondern auch euer heim!

Ein Liedgut von „Steinalt“, das eine Band unverändert übernehmen könnte, die nicht in Pressekonferenzen mit wedelnden Fahnen auftritt, aber auf Veranstaltungen der —

Wie stimmungsreich müssen mit solch einem Liedgut auch die Sommersonnwendfeiern von „Steinalt“ —

„Wir sehen uns am Wödanas dag.“ Ist von „Steinalt“ auf der Konzernplattform X-Twitter zu lesen … wer wohl zum „Wödanas dag“ gekommen ist?

Von Wölfen singt „Steinalt“; welch anderer Gruß als der Wolfsgruß könnte rechter sein, wie auf dem am 8. Februar aktualisierten Titelbild von „Steinalt“ zu sehen ist, am 19. März 2024 —

Eine Band, die nicht nur wegen ihres Liedgutes ein rechter Anlaß einmal sein könnte,

für ein Filosofikum in den Bergen

mit den drei Filosofen

Das ist ein Kapitel, das endlich sich anbietet, auch einmal schreiben zu können: Und die Moral von der Geschichte — na ja, Geschichte — Die Moral von dem Kapitel ist: „Das ist ein Bandlogo.“

„I would prefer not to“

Dem Kant zur Vorhaltung macht, daß er das N-Wort verwendet hat. Das ist halt eine andere Zeit, ein anderer Konnex gewesen, also i man, do würd i aufpassen […]

Da würde Bernhard Heinzlmaier aufpassen, sagt er am 15. März 2024 in der fellnerischen Fernsehanstalt, nur, er, Kant, hat nicht bloß das „N-Wort verwendet, sondern Einteilungen der Menschen vorgenommen, die —

Jedoch, das ist nicht von Belang, heute von Belang ist, weshalb jene, die recht rassistisch unterwegs sind, nicht von Kant das lernen wollen, wofür Kant ihnen ein Wegweiser sein kann, nämlich sich weiterentwickeln zu können, also von einer rassistischen Gesinnung hin zu einer unrassistischen … Und von Belang ist, heute, nicht was Kant, einfach wie kurz gesagt, rassenkundlerisch und rassenhierarchisch schrieb, sondern, welcher Kant für wen heute ein sogenanntes Vorbild ist, welcher Kant auf wen Einfluß, heute Einfluß nimmt; es ist kaum bis gar nicht vorstellbar, daß etwa ein Vladimir Putin den Kant, der sich weiterentwickelte, weg vom, einfach wie kurz gesagt, Rassistischen entwickelte, verehrt —

Aber auch Bernhard Heinzlmaier selbst ein Beispielgeber für Entwicklung, wie er sich von einem Auftritt zum nächsten entwickelt, wie klug er Medien für seine Ausbreitungen zu wählen weiß,

aber auch die Medien, die ihn einladen, wie er selbst Vertreterinnen des Qualitativsten, das es zurzeit in Österreich —

Keinen Einfluß aber übt Hermann Melville, der Schreiber des Satzes, den diesmal Bernhard Heinzlmaier mit seinem Shirt der Öffentlichkeit empfiehlt, auf Bernhard Heinzlmaier aus: „I would prefer not to“. „Ich möchte lieber nicht.“

Verantwortlich dafür, daß Bernhard Heinzlmaier, gänzlich unmotiviert und zusammenhanglos von Kant spricht, könnte ein Filosof sein, der sich selbst als „Kantianer“ … ein „Kantianer“, dem die heinzlmaierischen Studien Quelle

Eine im Jahr 2021 pulizierte Studie des Instituts für Jugendkulturforschung untersuchte […]

für seine — soher ein Beispiel der schönsten und großartigsten gegenseitigen Befruchtung zweier Filosofen abgeben könnte, die mit dem vom „Kantianer“ ausgeborgten Titel „Szenen einer Jugend“ eine treffliche Beschreibung

Für Bernhard Heinzlmaier, der, wie in der Sendung hergezeigt, die Shirtwerkausgabe besitzt, den Shirtdruck im Original ganz gelesen hat, kommt die Empfehlung von Zadie Smith, daß nicht nur dieses Werk, sondern auch ein Werk einer Schriftstellerin, das im letzten Jahr zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen ist, mit dem noch einmal auf das „N-Wort“ zurückgekommen werden kann, jedes Kind lesen sollte, wohl um Jahrzehnte zu spät —

Bernhard Heinzlmaier weiß aber nicht nur, wo aufzupassen ist, sondern er weiß auch Beispiele für Umgänge anzugeben, wie ebenfalls von ihm am 15. März 2024 vorgetragen im Shirt „I would prefer not to.“:

Wie man mit der FPÖ umgeht, ja,

das hat der Sebastian Kurz wunderbar gezeigt, ja, er hat einfach gesagt, ja, ich nimm das ernst, was die kritisieren, jo, und nimma den Teil, jo, und moch des sölba und sog, ich mochs bessa wie die und

zack,

ja, hat er eine Wahl noch der ondern gwonnen, also man könnt ja amol davon ausgehen, daß irgenda Problem, das de in die Hond nehmen, irgendwie einen realen Kern hot und irgendwo gesellschoftlich relevant is.

Ja, besser gemacht, derart besser, ja, gemacht, daß schon kurz danach dieser Partei irgendein Problem je ausgegangen ist, um jetzt im März 2024, so besser, ja gemacht, um nun seit Monaten in allen Umfragen … ja, besser als die heinzlmaierischen Rezepte des Umgangs, um Wahl um Wahl auf lange, lange Zeit hinaus zu gewinnen, sind nur noch seine Empfehlungen des von ihm recht heftig beworbenen Liedgutes, von dem noch zu erzählen sein wird.

Hans reicht, was Hänschen gelernt

Halbwahrheiten, Meinungsblasen, Propaganda, Euphemismen, Fake News, Verschwörungstheorien […]

ist auf dem Umschlag zu lesen, damit wäre alles vom Buch von Konrad Paul Liessmann gesagt, fiele dazu nicht eine weitere tiefdenkende Persönlichkeit und eine ebenso große kennende der Tierwelt ein, nämlich Markus Krall

Die Brücke ist eine Sache des Menschen. Die Natur kennt keine Brücken. Tiere folgen vielleicht ihren Bahnen, aber sie legen keine Wege an, noch weniger Brücken.

Lauter lügen, auf Seite 242 ist das zu lesen, geschrieben von Paul Konrad Liessmann, und er zitiert hier zu seinem Beistand Georg Simmel, der wußte, was Konrad Paul Liessmann noch weiß: „Der Wegebau ist eine spezifisch menschliche Leistung; auch das Tier überwindet fortwährend und oft in der geschicktesten und schwierigsten Weise einen Abstand, aber dessen Anfang und Ende bleiben unverbunden, es bewirkt nicht das Wunder des Weges. Im Bau der Brücke gewinnt diese Leistung ihren Höhepunkt.“ Und auch Friedrich Nietzsche hat zur Brücke etwas zu sagen, das zitiert ebenfalls wissend Konrad Paul Liessmann, und er, Liessmann, folgert: „Der Mensch benützt nicht Brücken, sondern er selbst wird zur Brücke, auf der andere an ein anderes Ufer gelangen werden. Was es aber bedeuten mag, den Menschen selbst als Brücke zu nehmen, hat niemand so eindringlich in Worte gefasst wie Franz Kafka“

Aber, Ameisen bauen ebenfalls Brücken, auch eine Ameise wird selbst zur Brücke, auf der andere Ameisen an das andere Ufer gelangen —

Lauter lügen, Konrad Paul Liessmann, Paul Zsolnay Verlag, 1. Auflage 2023, mit freundlicher Unterstützung der Stadt Wien

[U]nd wie sagte doch Jean-Claude Juncker, der sich gerne als moralische Instanz gab: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ Haben wir das schon vergessen? Und als es darum ging, gute Stimmung für Flüchtlinge zu erzeugen, scheuten auch sogenannte Qualitätsmedien nicht davor zurück, jenseits der Fakten von […]

Konrad Paul Liessmann, auf Seite 18; zwei Jahre davor hat Jean-Claude Juncker auf Nachfrage auch dieses Zitat erklärt. Wer dieses Zitat von Jean-Claude Juncker sonst noch recht verbreitet, sind jene auch aus der Gesinnungsschaft, denen es wohl eine rechte Ehre war, ihn, Liessmann, als Mitunterzeichner des „Briefes der 800“ zu haben, mit dem sie gegen das Gendern unterschrieben,

wohl auch deshalb, wie Konrad Paul Liessmann auf Seite 18 wieder einmal auf das Gendern kommt und schreibt: „[D]ie Nonchalance, mit der in Genderdebatten Verweise auf biologische Fakten ignoriert und ins rechtskonservative Eck abgeschoben werden.“

Lauter lügen, Konrad Paul Liessmann, Paul Zsolnay Verlag, 1. Auflage 2023

Wirklich konsequent vertraten lediglich Augustinus und Immanuel Kant die Auffassung, dass es unter keinen Umständen erlaubt sein könne, zu lügen, da damit der menschlichen Kommunikation, die auf Vertrauen beruht, der Boden unter den Füßen weggezogen würde.

Unter keinen Umständen, so Liessmann auf Seite 22, könne es erlaubt sein, zu lügen; Augustinus auf Pferden allerdings

und Putin wird diese Auffassung von Kant ganz und gar teilen, dem er in Dankbarkeit für das Gelernte sein Haus …

Die „Kritik der reinen Vernunft“ als nicht mehr zeitgemäß zu verdammen, weil sich in Immanuel Kants vorkritischen Schriften Formulierungen finden, die heute den Tatbestand der rassistischen Äußerung erfüllten, mag ein Beispiel dafür sein, wie sehr ein moralischer Anachronismus blind machen kann gegenüber jenen Erkenntnisssen und Einsichten aus vergangenen Tagen, die sich alles andere als überlebt haben.

Lauter lügen, Seite 92. 2020 erhielt Dr. Susanne Schröter, zu der Konrad Paul Liessmann

Das kann nur bedeuten, dass das Andere der Freiheit, der Zwang, die Unterwerfung, als beglückende Norm empfunden wird. Zum Störenfried des Common Sense wird, wer sich dieser Norm nicht einmal widersetzt, sondern darauf verweist, dass es in diesen und ähnlichen Fragen unterschiedliche Zugangsweisen gibt, die jeder für sich entscheiden und verantworten könne. Das Anliegen des Studenten passt ins Bild. Nur ein Beispiel: Im Jahr 2019 forderten selbsternannte Antirassisten, dass ein Symposium an der Universität Frankfurt, das von der renommierten Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter organisiert worden war, abgesagt und die Professorin entlassen werden sollte, da unter anderem auch die Islamkritikerin Necla Kelek eingeladen war. Der Vorwurf des antiislamischen Rassismus war in diesem Zusammenhang zwar vollkommen unzutreffend, er zeigt aber, dass die Denunziation, die sich als Empörung tarnt, mittlerweile in bestimmten Kreisen zum Common Sense geworden ist.

auf Seite 146 schreibt, den „Immanuel-Kant-Preis“ der „Initiative Aufbruch 2016“ … nun, zu Susanne Schröter könnte viel geschrieben werden, aber es muß nicht, denn, in der heutigen Zeit ist es leicht, sich selbst zu informieren. Ein Wort, das allenthalben vorkommt, im Zusammenhang mit Susanne Schröter, ist: Kontroverse. In Österreich vielleicht von Interesse, das soll erwähnt sein, sie folgte 2018 einer Einladung des kleinen Gebirgsjägers zu einer „nicht öffentlichen Konferenz ‚Europäische Werte, Rechtsstaat, Sicherheit‘ unter Leitung des damaligen österreichischen Innenministers“, der sich dafür ihr gegenüber dankbar … Nicht alle folgten der Einladung des kleinen Gebirgsjägers, aber wenn ein scheinbar mächtiger ruft, sind Willfährige stets bereit. Wer im Gesinnungsbund des kleinen Gebirgsjägers tatsächlich willkommen ist, davon erzählen die Eingeladenen von derartigen Zusammenkünften, mögen diese Konferenz oder anders genannt werden, nicht immer so hochtrabend,

manchmal schlicht wie kurz „Podiumsdiskussion“ … Dr. Susanne Schröter erhielt den „Immanuel-Kant-Preis“ und gleich dazu das „neue Buch des Aufbruch-Mitgründers Alexander Mitsch“ … Was zu lesen vorgesetzt wird, wenn nach Alexander Mitsch gesucht wird, u. a. m. seine Forderungen: „Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe“, „Einschränkung der „Frühsexualisierung in Bildungseinrichtungen“, „deutliche Reduzierung von Abtreibungen“, mit Roland Tichy in der „Stiftung Meinung & Freiheit im Vorstand“ …

Alexander Mitsch und die „Werteunion“ — auch so eine Geschichte, und mit der „Werteunion“ noch einmal bei Markus Krall angelangt, noch so eine Geschichte mit der „Werteunion“ … eine weitere Geschichte „Werteunion“ und „AfD“, all das braucht hier nicht erzählt zu werden, es ist leicht, all dem selbst nachzugehen — Übrigens, 2022 erhielt den „Immanuel-Kant-Preis“ Birgit Kelle, in österreichischen Fernsehanstalten recht beliebt … am 7. März 2024 war es wieder einmal so weit —

und sie recht gelobt von Andreas Unterberger

Auf Seite 147 fällt ein Name auf – Richard David Precht … Konrad Paul Liessmann hebt an mit einem Bericht über eine „Utopie-Konferenz, die auf Initative von Richard David Precht im Jahre 2018 an der Universität Lüneburg stattfand, um dann über seine Lieblingsmeinung Bildung … Der „ewige Schwätzer“, wie ihn Jürge Kaube nennt, hat seine Professur in Lüneburg aufgegeben, nach seiner Äußerung bei Markus Lanz …

Denken vor dem Reden könnte helfen: Show-Philosoph Richard David Precht verplappert sich antisemitisch. Lanz findet das „richtig“ – und das ZDF liefert eine Entschuldigung, die keine ist. Welchen Beruf hat Richard David Precht? Schwer zu sagen, denn er besteht aus nichts als Meinungen, Meinungen zu allem Möglichen. Was immer ihm durch den Kopf gegangen ist, und sei es erst Minuten her, spricht er selbstgewiss aus. Das hat ihm, Verfall der Begriffe, den Ruf eines Philosophen eingetragen. Tatsächlich personifiziert Precht aber den Small Talk, der unter dem Titel „Öffentlichkeit“ beansprucht, auch ein Big Talk und also von Gewicht zu sein. So unterhält er sein Publikum. Bildung, Corona, Ukraine, Medien, Israel – es gibt kein Gebiet, auf dem Precht nicht mit scharfen, obgleich kenntnisarmen Meinungen hervortritt. Corona nichts anderes als Grippe, Trump wird 2020 wiedergewählt, Moskau steht binnen vier Tagen in Kiew.
Jürgen Kaube

Man fragt sich allerdings, warum dafür wieder einmal die Sprache geschunden werden muss. Wäre es nicht einfacher, schon den Grundschülern den Unterschied zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht klarzumachen, und sie zu einer stilvollen und sensiblen Verwendung des generischen Maskulinums zu ermuntern, die ohne HIntergedanken auskommt und im Bürger natürlich das Mitglied einer politischen Gemeinschaft erkennt, ohne Abstufung und ungeachtet seines sexuellen Selbstverständnisses?

Lauter lügen, Seite 60.

Was Hänschen gelernt, mehr braucht Hans zu lernen nimmermehr. Über das „generische Maskulinum“ hat Konrad Paul Liessmann wohl alles für ein ganzes Leben in seiner Grundschulzeit gelernt. Und das in einer Zeit, in der das „generische Maskulinum“ …

Wo kommt das generische Maskulinum, der liebste Gender-Streitapfel im Deutschen, eigentlich her? Wurde der geschlechtsunspezifisch gemeinte Gebrauch des Maskulinums irgendwann einmal bewusst eingeführt? So war es nämlich im Englischen, wo 1850 per Gesetz festgeschrieben wurde, dass als generisches Personalpronomen nicht das bis dahin übliche they (das inzwischen seine Rückkehr feiert) zu verwenden sei, sondern das aus dem Maskulinum stammende he. Aus Formulierungen wie „anyone may live their dream“ wurde: „Anyone may live his dream“. Ein vergleichbares „patriarchales normatives Ergreifen“ gab es bei uns nicht, stellt Ursula Doleschal in ihrer Rückschau der deutschen Grammatikschreibung vom 16. bis ins 21. Jahrhundert fest. Allerdings war das generische Maskulinum wohl auch nicht seit jeher so in Gebrauch, wie wir es heute kennen. Für die generische, also geschlechtsunspezifische Bezugnahme auf Personen kannten die Grammatiker der Renaissance noch ein geschlechtsneutrales „genus commune“. In der Aufklärung ab dem 18. Jahrhundert wurde das Neutrum in ähnlicher Funktion beschrieben. Spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts wurden dann aber Neutrum-Ausdrucksweisen wie „Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich“ als altmodisch empfunden und der generisch-maskuline Sprachgebrauch setzte sich stärker durch („jeder ein Mensch für sich“). Erst dann finden sich auch systematische Beschreibungen des generischen Maskulinums in den Grammatiken.
Martin Krohs

Auf der Rückseite

Halbwahrheiten, Meinungsblasen, Propaganda, Euphemismen, Fake News, Verschwörungstheorien […]

des Schutzumschlags ist zu lesen, damit ist alles, was im Buch …

Lauter lügen … Nicht unzitiert aber kann gelassen werden, das ist wirklich das Letzte, das doch noch zu zitieren ist, was auf Seite 36 Konrad Paul Liessmann schreibt:

Einer der verhängnisvollsten Gemeinplätze der Gegenwart besagt, dass Sprache Wirklchkeit schafft. Dieser schrängen Vorstellung verdanken wir das Binnen-I, die Gendersternchen und die Säuberung der Sprache von Begriffen, die als verletztend empfunden werden. Sprachpolizeiliche Maßnahmen lassen die Realität allerdings ungeschoren und fungieren deshalb eher als Gesinnungsnachweis und Feigenblatt für Machtansprüche aller Art. Zu diesen Strategien gehören aber auch standardisierte Formulierungen, die durchaus wohlmeinend eine Wirklichkeit suggerieren, die es nicht gibt. Dazu zählt die Aufforderung, dass Menschen auf Augenhöhe kommunizieren sollten, um Dominanzansprüche zu vermeiden und ein diskriminierungsfreies Zusammenleben ermöglichen.

Es muß dafür nicht die nun doch schon weiter zurückliegende Vergangenheit herangezogen werden, um zu zeigen, wie „Sprache Wirklichkeit schafft“, „Gesinnungsnachweis“ ist, als feigenblattlose Machtansprüche fungieren, gerade in Österreich ist dies müßig, wird hierfür nur als Beispiel die in Sprache abgefaßte „Denkschrift“

„Let’s make America great again“, eine inflationär gebrauchte Formulierung der Gegenwart, die bereits Ronald Reagan vor bald 45 Jahren in seinem Wahlkampf verwendete, und was für eine Wirklichkeit durch diese Formulierung als Beispiel geschafft wurde und weiter werden will, vor allem gepaart mit der Formulierung „America first“, nachgesprochen von vielen in anderen Ländern, die ihr Land ebenfalls first , hat Konrad Paul Liessmann nicht unrichtig beschrieben,

es ist eine Wirklichkeit, die es nicht gibt, aber gesinnungsgemäß auf Sprache erritten werden will …

Recht zum Einsatz kommen auch standardisierte Formulierungen, mit denen eine Wirklichkeit geschafft werden soll, die es nicht gibt, wie, sie seien gegen ihn — von ihm nicht als generisches, sondern als natürliches Maskulinum verwendet –, weil er für … und, auch immer wieder das Herbeireden einer Wirklichkeit, die es nicht gibt: „Einfach ehrlich“ —

Lauter lügen, ein ganzes Buch; es wurde jetzt immer von einem Buch gesprochen, aber es sind Zeitungsartikel, nur Zeitungsartikel, bloße Zeitungsartikel zu einem Buch gebunden. Das ist nichts Ungewöhnliches, Zeitungsartikel zu binden, das wird wohl jede Redaktion auch heute noch machen, ihre Artikel binden, zwischen zwei Deckeln, für den Archivkeller … Zeitungsartikel, nach dem Motto, das ein Schriftsteller einst als Buchtitel nahm: „Was der Tag mir zuträgt“, im Dialekt gesprochen: „Was der Dag …“

Er sei, ist auf dem Schutzumschlag zu lesen, „ein großer Philosoph unserer Zeit, ein Universalgelehrter, der wahnsinnig informativ …“

PS Die in Schutzpapier eingewickelten Zeitungsartikel wurden in einem Waggon auf der Reise von Wien nach Villach von einer Reisenden vergessen; das wurde aber zu spät bemerkt, um sie, die in Wöllersdorf ausstieg, noch darauf aufmerksam machen zu können, sie habe vergessen, ihre Lektüre wie ihre Heute und ihre Jause wieder in ihren Rucksack zu packen. Es wird wohl auch so etwas wie ein freudsches Vergessen geben, aber es ist müßig, spekulieren zu wollen, weshalb sie lauter lügen vergessen …

„How many bubbles in a bar of soap?“

Wer in Österreich Staatsbürgerin werden will, muß einem „Staatsbürgerschaftstest“ sich unterwerfen, wer in Österreich Staatsbürger werden will, hat je nach Bundesland unterschiedliche Fragen, die sich auch auf das jeweilige Bundesland, in dem die um die „Staatsbürgerschaft“ Bemühenden ihren Wohnsitz haben, beziehen, zu beantworten.

„Wie viele Blasen macht ein Stück Seife?“ Diese Frage wird in keinem Bundeslandtest gestellt. Es ist aber eine Frage, die in einem Land einst gestellt wurde, jedoch nicht um eine „Staatsbürgerschaft“ zu erlangen, sondern das Recht, zu wählen. Und diese Frage, wie viele Blasen mache ein Stück Seife, fällt beim Lesen der Fragen zur Erlangung der österreichischen „Staatsbürgerschaft“ unweigerlich ein, hängt doch mit der „Staatsbürgerschaft“ untrennbar zusammen das Recht, zu wählen. Über die Testfragen also zur Erlangung der „Staatsbürgerschaft“ zum Wahlrecht, das ist der Weg, um in Österreich das Recht verliehen zu bekommen, zu wählen. Wenn u. a. m. die Prüfung bestanden wird, mit Fragen, die an die Frage zum Erlangen des Wahlrechts, wie viele Blasen mache ein Stück Seife, an die Frage zur Wahlzulassung, wie viele Blasen mache ein Stück Seife …

„Mit welcher Bahn würden Sie von Wien nach Wr. Neustadt fahren?“ Das wird in Niederösterreich gefragt. „Südbahn“ ist eine unter vier Antworten vorgegebene Antwort zum Ankreuzen; es sind stets vier Antworten vorgegeben, aus denen die „richtigen Antworten“ auszuwählen sind. Wer würde schon sagen, „mit der Südbahn“, die meisten würden sagen, mit der Schnellbahn; manche pedantische Person würde vielleicht hinzufügen, sie fahre mit der S-Bahn von Wien nach Wiener Neustadt, die auf der Südbahn verkehrt …

„Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges endet auch die Monarchie. 1918 wird die Republik Österreich ausgerufen. Wer wurde der erste Staatskanzler? Johann Schober – Sebastian Kurz – Josef Klaus – Karl Renner“ … Das wird in Wien gefragt. Ein sozialdemokratischer Mann und drei christlichsoziale Männer werden als Antworten zum Raten vorgegeben. Einer davon, Sebastian Kurz – nicht nur Fragen, auch Antworten erinnern an die einstige Frage, wie viele Blasen … Johannes Schober, an den erinnert bloß noch die Forderung von Karl Kraus:

„Ich fordere Sie auf, abzutreten.“

„Wie heißt der derzeitige Bundeskanzler bzw. die derzeitige Bundeskanzlerin? Sebastian Kurz – Brigitte Bierlein – Christian Kern – Karl Nehammer“, das wird auch in Salzburg gefragt, und wieder als eine der Antworten Seb. Kurz —

Und eine weitere Frage in Salzburg: „Wer prägte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zu seinem Tod 1989 entscheidend die Salzburger Festspiele? Christian Kern – Karl Heinrich Waggerl – Tobias Reiser – Herbert von Karajan“ … Wie viele Blasen mache ein Stück Seife? Tobias Reiser, der Sohn? Oder Tobias Reiser, der Vater? Tobias Reiser, der Vater als „überzeugter Nationalsozialist“ mit seinem „Maxglaner Zigeunermarsch“ aus 1971, der „bei der Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 am 9. Juni 2006 bei einer Plattlereinlage einem breiteren Publikum bekannt“ gemacht wurde — in Deutschland, seinem „Trachtenverbot für Juden“, mit seinem mit Karl Heinrich Waggerl initiierten „Salzburger Adventsingen“, mit seiner Gründung des „Salzburger Heimatwerkes“ … Oder doch Tobias Reiser, der Adventvolkswerksingheimatfußstapfensohn … Karl Heinrich Waggerl, der Adventler der Identitären … Die Antwort ist der Generalmusikdirektor; Christa Ludwig hätte sofort das Rechte anzukreuzen gewußt und vielleicht so manch recht gute Erinnerung hinzugeschrieben, wenn es erlaubt wäre, ausführlich zu antworten …

„Welche Familie regierte ab dem Jahr 1273 Österreich“ Die „Familie von und zu Guttenberg“ aus Deutschland als eine der Antworten vielleicht deshalb, weil ein Mitglied aus dieser eine österreichische Privatstiftung seit 2009 und ein Mitglied aus dieser erst vor kurzem im aschermittwöchlichen Klagenfurt in 2024 aufgetreten ist und vom Bundeskanzler in seiner Rede immer wieder direkt angesprochen wird, er ihn dabei stets bei seinem Vornamen aufruft, als säße im Saal vor dem um Applaus bittend redenden Bundeskanzler einzig „Karl-Theodor“ …

„Von wem wurde Niederösterreich 1529, 1532 und 1683 schwer angegriffen?“ „Von wem wurde Niederösterreich 1529 und 1683 schwer angegriffen?“ Fragen —

„Wie viele Blasen macht ein Stück Seife?“

„Wie lange dauerte die Römerzeit?“ Eine Frage in Salzburg. „Was ist das Budget?“ Eine weitere … „Was ist ein Diktator?“ Eine Frage in Tirol. „Zu welcher Besatzungszone gehörte Osttirol?“ Eine weitere …

„Wie viele Blasen …“

In Oberösterreich. „Auf welche Zeit gehen die ältesten Hinweise auf menschliches Leben im Raum des heutigen Oberösterreich zurück? Völkerwanderung – Römerzeit – Altsteinzeit – Bronzezeit“ …“In Kremsmünster, Engelhartszell (Engelszell), St. Florian, Aigen-Schlägl, Wilhering, Lambach, Schlierbach und Reichersberg befinden sich Einrichtungen des religiösen Lebens. Um welche Einrichtungen handelt es sich? Fabriken – Schulen – Klöster – Fahrschulen“ …

„… Blasen …“

Das also sind die Fragen mit ihren vorgegebenen Ankreuzungen in den Bundesländern, den schon genannten und den weiteren Bundesländern Burgenland, Oberösterreich, Vorarlberg, Steiermark …

„Nach dem Aussterben der Babenberger wurde Otakar II. Premysl in Österreich Landesfürst. In welchem Land war er schon vorher König?“ „Wodurch endete die Römerzeit?“ „Welcher Fluss bildete in der Römerzeit die Grenze zum Römischen Reich?“ “Seit wann ist das ‚Dachsteinlied‘ die offizielle Landeshymne?“

„How many bubbles in a bar of soap?“

“Wann wurden im Burgenland politische Gegner, Juden, Sinti und Roma besonders verfolgt? Nach dem Ersten Weltkrieg – In den sechziger Jahren – Vor und während des Zweiten Weltkrieges – Vor dem Ersten Weltkrieg“ …

„Wie viele Blasen macht ein Stück Seife?“

Diese Frage ist aus einem Artikel, erschienen am 20. August 1957 im „Spiegel“, über das Wahlrecht in den USA; wie ungeniert damals, vor siebenundsechzig Jahren, das Wort „Neger“ verwendet wurde, mit was für einer Selbstverständlichkeit. Ach, wie viel hat sich doch in beinahe sieben Jahrzehnten zum Besseren gewandelt, im Spiegel, in den jetzt auch Menschen nicht nur morgens schauen können, die weit von sich weisen würden, eine Prüfung zur Erlangung des Wahlrechts zu verlangen, und ganz und gar wohlüberlegte Fragen und ihre ganz und gar recht überlegte Antworten denen stellen, die die österreichische „Staatsbürgerschaft“ erwerben möchten, in der unerschütterlichen Überzeugung, eine derartige Prüfung zur Verleihung der „Staatsbürgerschaft“ ist unumgänglich, mit der auch das Wahlrecht …

Wie finster es einmal war, wofür dieser Artikel ein Beispiel, um das zu veranschaulichen, und wie hell es seitdem geworden ist, scheint es angebracht, zur Feier der Gegenwart, diesen Artikel in seiner Gesamtheit zu zitieren …

Wie viele Blasen macht ein Stück Seife?
Am 11. August 1956 erklärte Gouverneur James P. Coleman von Mississippi, daß die Neger in seinem Staate das volle Wahlrecht genießen. Die Präsidentschaftswahlen im folgenden November zeigten indes ein ganz anderes Bild: Als die Neger ihre Bürgerrechte wahrnehmen wollten, wurden sie in fast jedem der 82 Landkreise von Mississippi daran gehindert, wurden eingeschüchtert und sogar bedroht. Gouverneur Coleman selbst hatte 1954 als Generalstaatsanwalt von Mississippi eine Statistik über die Beteiligung der Neger an den Wahlen zusammengestellt. Sie zeigte, daß sich in 13 Landkreisen überhaupt kein Neger, in neun Landkreisen nur sechs und in 29 Landkreisen weniger als hundert Neger in die Wahllisten hatten eintragen lassen. Zweifellos wußte der Gouverneur auch, warum sich in Mississippi – wie in anderen Südstaaten der USA – so wenige Neger in die Wahllisten eintragen. Nehmen wir das Beispiel des Landkreises Lowndes. Dort gibt es 9200 wahlberechtigte Neger, aber nur 52 ließen sich bei den Wahlen registrieren. Die Neger erhielten anonyme Briefe wie etwa den, der einen Mann namens Caleb Lide erreichte: »Letzte Warnung. Wenn Du lebensmüde bist, dann wähle und stirb.« Im Landkreis Forrest – dort trugen sich 16 von 13 000 Neger-Wählern in die Listen ein – verschwand plötzlich der Registrierbeamte, als sich Neger für die Wahl anmelden wollten. Als sie ihn schließlich aufgetrieben hatten, hieß es, sie sollten später wiederkommen; dann sagte man ihnen, die Wahllisten für Neger stünden gerade jetzt nicht zur Verfügung; ein anderes Mal rief man ihnen ein glattes »Nein!« entgegen. Oder man prüfte die staatsbürgerliche Reife eines schwarzen Wählers mit der Frage: »Wie viele Blasen macht ein Stück Seife?« Einige Neger in diesem Landkreis zahlen ihre Wahlsteuer seit mehr als 30 Jahren in der verzweifelten Hoffnung, eines Tages wählen zu dürfen. Im Landkreis Humphreys durften die Neger bis 1953 nicht einmal die Wahlsteuer zahlen, die den Neger in den Südstaaten zur Eintragung in die Wahllisten berechtigt. Als 17 Neger schließlich den Sheriff des Landkreises verklagten, verbot ein Bundesgericht diese Praktiken. 1953 durften 485 Neger ihre Wählsteuer bezahlen. Aber gegen diese 485 begann bald eine harte Einschüchterungs-Kampagne, so daß sich nur 200 von ihnen registrieren ließen. Ein Jahr später waren es nur noch 126. Unmittelbar vor den Gouverneurswahlen im Jahre 1955 gab es noch 92 Neger-Wähler. Sie hielten jedem Druck stand, bis die Gegenseite zum Revolver griff. Am 7. Mai 1955 wurde einer der Negerführer des Landkreises Humphreys, Pfarrer George W. Lee, aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Seine Mörder wurden niemals gefaßt. Der Sheriff behauptete, Lee habe wahrscheinlich einen Herzanfall erlitten und sei kurz darauf gestorben; bei den Bleikugeln im Gesicht des Lee handele es sich möglicherweise um Plomben aus seinem Gebiß. Mit dieser Erklärung war der Fall erledigt. Dann trat der »Weiße Bürgerrat« (eine Art Nachfolgeorganisation des Ku Klux Klans) auf den Plan. Er kontaktierte den Neger-Führer Gus Courts und erklärte ihm: »Wir werden nicht erlauben, daß Neger in unserem Landkreis wählen. Sie aber versuchen, die Neger für die Wahl zu mobilisieren. Wir werden Ihnen das Handwerk legen.« Und sie taten es. Am 25. November 1955 wurde Gus Courts in seinem Kolonialwarenladen angeschossen und schwerverletzt; auch in diesem Fall wurden die Schüsse aus einem fahrenden Auto abgegeben. Gus Courts überlegte nicht lange. Er packte seine Sachen und verließ Mississippi. Gelingt es aber den Negern, ihren Stimmzettel abzugeben, so wird er oft ignoriert. Das zeigt das Beispiel der sogenannten Vorwahlen (Primaries). Bei den Vorwahlen von 1955 wies der Vorsitzende der Demokratischen Partei von Mississippi, Tom Tubb, die Parteileitungen in den Landkreisen an, die Neger -Stimmen nicht mitzurechnen**. Er begründete: Die Neger hielten ohnehin nichts von den politischen Grundsätzen der Demokratischen Partei Mississippis und seien daher nicht geeignet, an den Vorwahlen teilzunehmen. Zu diesen politischen Grundsätzen zählte Tubb die Rassentrennung, die Wahlsteuer, die Gesetze gegen rassische Mischehen und »die Traditionen des Südens«. Die Neger waren auf diese Weise nachträglich von den demokratischen Vorwahlen ausgeschlossen worden – den einzigen Wahlen, die in Mississippi von Bedeutung sind. Im Landkreis Bolivar gibt es das Städtchen Mound Bayou, das ausschließlich von Negern bewohnt wird. Ihre Stimmzettel sind noch nie gezählt worden. (Neger-)Bürgermeister Ben Green sagt: »Sie können ja unsere Stimmzettel in den Papierkorb werfen, aber es ist unser gutes Recht, wenigstens den Stimmzettel abzugeben. Wir werden weiterwählen.« Von den 700 Neger-Wählern des Städtchens zahlen 295 ihre Wahlsteuer und wählen, obwohl sie wissen, daß es nur eine leere Geste ist. Im Sommer des letzten Jahres überprüfte die Bundeskriminalpolizei (FBI) eine Reihe von Klagen, die von Negern aus Mississippi und anderen Südstaaten stammten. Am 24. Oktober 1956 veröffentlichte der stellvertretende (Bundes-) Justizminister Warren Olney, Leiter der Kriminalabteilung im Washingtoner Justizministerium, einen Zwischenbericht über die Untersuchungen des FBI. Da die Präsidentschaftswahlen bevorstanden, warnte Olney: »Wir werden jeden Fall gerichtlich verfolgen lassen, bei dem feststeht, daß einem Bürger wegen seiner Hautfarbe das Wahlrecht verwehrt wurde.« Entrüstet wandte sich der Gouverneur von Mississippi gegen die Erklärung Olneys. »Kein Bürger aus Mississippi hat jemals die Verfassung verletzt«, wetterte er. »Wer eine solche Beschuldigung erhebt, begeht Massendiffamierung. Wir werden persönlich vor jedem Bundesgericht erscheinen, wo Menschen aus Mississippi wegen dieser aufgebauschten Behauptungen angeklagt werden. Und wir werden die Bürgerrechte jedes Menschen aus Mississippi vor einem Schwurgericht, das mit Mississippi-Bürgern besetzt ist, wahren.« Der letzte Teil dieser Erklärung hatte freilich für die Neger einen faden Beigeschmack. Denn ihnen erscheint es überaus unwahrscheinlich, daß jemals ein Geschworenengericht des Staates Mississippi einen weißen Wahlbeamten, einen Sheriff, einen demokratischen Politiker oder einen Führer des »Weißen Bürgerrates« verurteilen wird, nur weil er sich ein so leichtes Vergehen, wie die Verletzung des Wahlrechts der Neger zuschulden kommen ließ.
*Aus der amerikanischen Zeitschrift »The Reporter«. ** Die Vorwahlen sind Abstimmungen innerhalb einer Partei, in denen die Kandidaten für öffentliche Ämter nominiert werden. Zu den Vorwahlen sind auch Bürger zugelassen, die keine Parteimitglieder sind. Werden die Negerstimmen nicht mitgerechnet, so wird praktisch nur mit weißen Stimmen entschieden, wer als Vertreter seiner Partei für ein Amt kandidieren darf.
Edward Gamarekian

Die Algorithmen, der Menschen Ich im eigenen Haus?

Vor fünfundachtzig Jahren starb Sigmund Freud, von dem seit einhundertundfünfundzwanzig Jahren wieder und wieder variantenreich vorgetragen wird, der Mensch sei nicht Herr im eigenen Haus, der Mensch sei nicht Herr seiner selbst, das Ich sei nicht Herr im eigenen Haus, und nun, fünfundachtzig Jahre nach seiner Lebensaufgabe, einhundertfünfundzwanzig Jahre nach seiner zum Evergreen gewordenen Proposition schickt der Algorithmus, wenn es denn ein Ich gibt, sich an, so jedenfalls scheint es, Herr im Haus, im eigenen Haus des Menschen Herr, das Ich zu sein.

Wie anders kann es denn verstanden werden, wenn der Algorithmus vorschlägt, wem zu folgen wäre, was gefallen könnte, etwa fpö nein, weil vorschlägt, es könnte fpö nein, weilHarald Vilimsky“ und „Gerald Grosz“ und „FPÖ_TV“ und „Heimo Lepuschitz“ gefallen, der Algorithmus vorschlägt, fpö nein, weil sollte „Björn Höcke“ und „Harald Vilimsky“ und „Gerald Grosz“ folgen, all das kann der Algorithmus doch nur vorschlagen, wenn er, der Algorithmus, mehr über fpö nein, weil weiß, als fpö nein, weil selbst über sich weiß, wenn der Algorithmus der Herr, das Ich im Haus von fpö nein, weil … Denn. Es muß dem Algorithmus doch bekannt sein, daß fpö nein, weil weder Gerald Grosz noch Harald Vilimsky noch FPÖ_TV noch Björn Höcke weder je gefällt noch je bereit ist, diesen zu folgen. Und dennoch schlägt der Algorithmus diese unentwegt, unbeirrbar vor.

Es kann doch auch anders verstanden werden. Der Algorithmus, auch kein Herr seiner selbst, wird verwendet, um das Geschäft von diesen zu besorgen, also auch denen einzureden, es könnte ihnen, um bei diesen Beispielen zu bleiben, ein „Gerald Grosz„, ein „Harald Vilimsky„, ein „Björn Höcke“, das „FPÖ_TV“ gefallen, die bislang davor gefeit waren, an ihnen Gefallen zu finden, die bislang davor gefeit waren, ihnen zu folgen.

So wird es zu verstehen sein, der Algorithmus ein Knecht im Hausdienst … ein im Auftrag programmierter Knecht, mürbe zu machen —

Und nicht wenige erliegen dem Algorithmusknecht, meinen, gegen den Algorithmusknecht zu agieren, wenn sie ihm nachgeben und plötzlich beginnen jenen zu folgen, von denen sie meinen, sie würden entgegengesetzte Meinungen vertreten, die also, so meinen sie, durch den Algorithmusknecht nicht ihre eigene Blase weiter bedienen lassen wollen … Für den Algorithmusknecht aber ist das nur eine weitere Vollzugsmeldung — Und jene, denen der Algorithmusknecht neue, weitere Follower zuführt, können prusten, so viele, viele Folgende