Am 31. Juli 1973, ohne sich entscheiden zu können, zum Leben gekommen zu sein, genau an dem Tag, ohne sich für das Leben entscheiden zu können, genau an dem Tag das Leben aufgehalst zu bekommen, ohne sich gegen das Leben entscheiden zu können, genau an dem Tag also, am 31. Juli 1973, als Guido Morselli sich dafür entschied, aus dem Leben zu gehen, dieser 31. Juli 1973 wäre, und wieder, ohne sich dafür und dagegen entscheiden zu können, genommen worden, als ein Tag zum Feiern, der 31. Juli aus jedem Jahr genommen worden, dieser 31. Juli, der seit Jahrzehnten nicht gefeiert wegen des Geburtstages, sondern wegen des Todestages.
Genauer: beinahe wäre der 31. Juli genommen worden gewesen, der aber, um genau zu sein, für eine ganze Woche auch tatsächlich genommen worden gewesen war. Genommen von Michael Krüger, der in seinem Nachwort zum in der deutschsprachigen Übersetzung betitelten Roman „Dissipatio humani generis oder die Einsamkeit“ als Todestag von Guido Morselli den 1. Juli 1977 festhält und damit den 31. Juli aus dem Kalender löscht —
[…] Alpen, dieser Mann, Guido Morselli, entschließt sich am 1. Juli 1977, seinem Leben mittels einer Pistole ein Ende zu machen.
Die Vorstellung, ohne den 31. Juli als Todestag weiterzumachen, läßt keine Wahl, keine andere Entscheidung zu, als diese: Es muß das von Michael Krüger in einem Suhrkamp-Buch geschriebene Datum überprüft werden.
Wie gut, das Nachwort von Michael Krüger nicht an einem 31. Juli gelesen zu haben, sondern weit danach, irgendwann spät im Herbst. Eine Entscheidung für eine Überprüfung wäre an einem 31. Juli eine Unmöglichkeit — aber so, weit später nach dem 31. Juli, stellt es sich dann spät im Herbst doch heraus, als nach einer ganzen Woche nach dem Abbbruch des Lesens des Nachworts an der Stelle des Todesdatums die Wahl auf die Prüfung fällt: Guido Morselli nahm sich tatsächlich am 31. Juli 1973 das Leben.
Am 31. Juli 1973 setzt Guido Morselli seine Entscheidung um, sein Leben erfüllt sich in eigener Entscheidung im Tod.
Und damit ist der 31. Juli als Tag der Feier des Todes gerettet.
Nun kann das Nachwort von Michael Krüger weitergelesen werden, und das erheitert. Wie er etwa auf Thomas Bernhard zu sprechen kommt.
Neben dem Kopf des Toten lag eine Mappe mit Briefen […] Neben diesen Briefen an den Schriftsteller Guido Morselli liegt ein Brief von seiner Hand an die Gemeinde von Varese, in dem er schreibt: „Non ho rancori – Ich verspüre keinen Groll“, es ist der Schlussstrich unter eine lange Reihe von Auseinandersetzungen, die der aufgeklärte Bürger mit dem Bürgermeisteramt geführt hat, unter anderem ging es um den Bau einer Versuchsstrecke für Automobile und Motorräder ganz in seiner Nähe, die der lärmempfindliche Schriftsteller um alles in der Welt verhindern wollte. (Man denkt unwillkürlich an die möglichen Beledigungsbriefe von Thomas Bernhard, die dieser geschrieben hätte, wenn es der Stadt Salzburg eingefallen wäre, den Bau einer Versuchsstrecke an seinem Besitz vorbeizulegen!)
Menschgemäß hatte Thomas Bernhard Besitz, aber im Oberösterreichischen, nicht im Salzburgischen; in Ohlsdorf, in Ottnang bei Wolfsegg, die Krucka am Grasberg, eine Wohnung in Gmunden —
Thomas Bernhard hatte, wird berichtet, als Berufsbezeichnung in seinem Reisepaß: „Landwirt“. Das hätte, schreibt Michael Krüger, Guido Morselli ebenfalls als Berufsbezeichnung …
Mit einem Bauern, der ihm, Thomas Bernhard, einen Schweinestall vor seinen Besitz in Obernathal hinstellen wollte, soll der geruchsbesorgte Bauer zu Nathal Auseinandersetzungen … Briefe schrieb Thomas Bernhard tatsächlich, beispielsweise einen lieblichen Leserbrief kurz vor seinem Tod, einen ganz ohne Groll, gesandt an die „Salzkammergut-Zeitung“, in dem er sich gegen die Einstellung der Straßenbahn in Gmunden …
Kurz vor seinem Tod beendete Guido Morselli seinen Roman, der vier Jahre nach seinem Tod, 1977 unter dem Titel Dissipatio H. G. erschien.
Die Menschen haben in dreißig Jahrhunderten ungefähr 5000 Kriege angezettelt. Sie haben das Unrecht begangen (der Gedanke stammt von Albert Camus), die Geschichte, auch wenn sie nicht von ihnen begonnen wurde, fortzuführen. Ich verurteile sie nicht. Ihre größte, oder jüngste, Schuld bestand in der Verunstaltung der Erde. Man pflegte weitere Vorwürfe hinzuzufügen: die Verschmutzung, die Verrohung (beziehungsweise, euphemistisch, die „Gewalt“). Die Inflation (ohne Euphemismus: die Geldpest).
Nur dieser Absatz aus diesem Roman soll zitiert sein, aus dem Buch, dem eine Inhaltsangabe, eine Nacherzählung nicht gerecht werden kann, nur die vollständige Abschrift, nur das Lesen des gesamten Romans.
Thomas Bernhard, vulgo Bauer zu Nathal, schrieb also kurz vor seinem Tod einen Brief der Ortsverliebtheit an eine Lokalzeitung, siebenundreißig Jahre schrieb zuvor Guido Morselli einen Brief an eine Zeitung, das war 1952 – vor siebzig Jahren, veröffentlicht von „La Prealpina“:
La difesa del verde è una necessità sociale.
Michael Krüger stellt neunundsechzig Jahre später – „Die Verteidigung des Grüns ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.“ – die Frage, ob „Morselli in dieser Hinsicht seiner Zeit voraus war, lange bevor Landschaftsschutz zu einer zentralen Kategorie der politischen Auseinandersetzung geworden ist“, die andere bereits vor ihm fragten, wenn auch erst nach seinem Tod, ob Guido Morselli ein ökologischer Vorläufer —
Dr. Lueger machte übrigens niemals ein Hehl daraus, daß er den antisemitischen Tendenzen seiner Partei innerlich fremd gegenüberstehe. Er schob die Verantwortung für das verübte Unrecht immer anderen Faktoren zu. Als ich ihn einmal wegen der Präterierung der jüdischen Bezirksräte interpellierte, antwortete er in offener Gemeindratssitzung, daß die Ernennung im Stadtrat in seiner Abwesenheit geschehen sei und daß er diesbezüglich jede Verantwortung ablehne.
Das Leben von Karl Lueger war zeitlich auf 66 Jahre beschränkt, davon 35 Jahre in vielen Funktionen, beteiligt an Gründungen, in vielen Ämtern, davon 13 Jahre als Bürgermeister …
Es müssen nicht die gesamten „persönlichen Erinnerungen“ von Dr. Oskar Hein zitiert werden, aber der eine und andere Absatz ist es doch wert, zitiert zu werden.
Wer ein objektives Urteil über die politische und kommunale Wirksamkeit abgeben wollten, müßte bei den vielfachen Wandlungen, die er durchmachte, zwischen den einzelnen Phasen dieser Tätigkeit eine scharfe Unterscheidung machen. Aus dem einstigen Demokraten Lueger, dem Parteigenossen Dr. Kronawetters und Verehrer Adolf Fischhofs, wurde der Führer der christlichsozialen Partei, die durch eine skrupellose, vor keinem Mittel zurückschreckende Opposition den Sturz der liberalen Gemeindeverwaltung herbeiführte, nachdem diese mit Preisgebung ihrer Parteiinteressen gegen den Widerstand seiner Partei das große Werk der Vereinigung Wiens mit den Vororten zustande gebracht hatte.
Zu den ersten Jahren nach Erlangung der so heiß ersehnten Macht war Dr. Lueger ein Parteibürgermeister und ein Gefangener der von ihm selbst in erbitterten Wahlkämpfen ausgegebenen Schlagworte.
Das schreibt Dr. Oskar Hein, der
An dem heutigen Tage, an welchem das Denkmal Doktor Karl Luegers enthüllt wird, will ich als der einzige Ueberlebende aus der liberalen Gruppe, die ihm als Opposition gegenüberstand, keinen politischen Artikel schreiben, der naturgemäß an vielen seiner Handlungen und Unterlassungen scharfe Kritik üben würde Ich beschränke mich auf einige von den zahllosen persönlichen Erinnerungen und senke die Fahne vor dem toten politischen Gegner.
„einzige Ueberlebende aus der liberalen Gruppe“ an dem Sonntag, an welchem das Denkmal …
Zu der Zeit, als ich in den Gemeinderat gewählt wurde, stand ich schon einem abgeklärten Manne gegenüber, der, im unbestrittenen Besitze der Herrschaft stehend, eifrig bemüht war, die Parteigegensätze abzuschwächen. Wenn ich um meine persönlichen Erinnerungen an Dr. Lueger gefragt werde, so muß ich wahrheitsgemäß feststellen, daß ich persönlich bei Dr. Lueger stets das weitestgehende Entgegenkommen gefunden habe Deshalb wurde ich damals in zahllosen Fällen ersucht, meinen Einfluß bei Dr. Lueger zu benutzen, um drohendes Unrecht abzuwehren oder begangenes Unrecht wieder gutzumachen. Einmal hatte mich eine Deputation des Lehrersvereines im zweiten Bezirk ersucht, bei dem Bürgermeister wegen des Avancements der seit einem Dezennium präterierten jüdischen provisorischen Unterlehrer zu intervenieren. Dr. Lueger, dem ich die Angelegenheit vortrug, sagte mir: »Sie sind ja auch Politik, Sie wissen ja, daß man der Partei, welcher man alles verdankt, Rechnung tragen muß.« Ich erwiderte, daß die Partei Dr. Lueger mehr verdanke als er der Partei. Dr Lueger erklärte, er sehe ein, daß diesen armen Lehrern Unrecht geschehe, er könne aber in diesem Punkte bei seiner Partei nichts ausrichten. Als ich dies bezweifelte, antwortete er mit einem echt Luegerschen Witzworte: »In den den Dingen, wo ich gescheiter bin als die anderen, setze ich alles durch, aber was ein Jud ist, das wissen die anderen ebenso gut wie ich.« Nach wiederholtem Drängen erhielt ich endlich die Zusage, daß der Stadtrat die Unterlehrer sukzessive ernennen werde. Diese Zusage wurde auch loyal eingehalten.
… das erinnert daran, daß Jahrzehnte später wieder ein Politiker von der Partei, der alles … auch etwas Permanentes in Österreich — „Aber was ein Jud ist, das wissen die anderen ebenso gut wie ich.“ Lueger war also nur einer der vielen, in seiner Partei, in Wien, in Österreich, die wußten, „was ein Jud“ …
Wiederholt äußerte er zu mir, daß er die Opposition, sehr gern zu positiver Mitarbeit heranziehen würde, daß es ihm aber wegen Widerstandes seiner Partei nicht möglich sei. Oppositionelle Anträge wanderten damals fast ausnahmslos in den Papierkorb.
Dr. Lueger hatte eine überaus feine Witterung für die in der Bevölkerung herrschende Stimmung. Wenn er bemerkte, daß eine Interpellation der Volksstimmung Ausdruck gab, lehnte er sofort die Verantwortung und stellte sich auf Seite der Interpellanten. Als ich in meiner Interpellation den Stadtrat wegen der Verbarrikadierung der Ringstraße von Tribünen aus Anlaß des Festzuges angriff, kritisierte er in seiner Interpellationsbeantwortung die Anordnungen des Festkomitees womöglich noch heftiger als ich und sagte schließlich zu dem neben ihm stehenden Schriftführer und Obmann des Festkomitees Dr. Klotzberg: Das übrige, was ich mir denke, werde ich meinem lieben Freund Dr. Klotzberg am Abend nach dem Festzug sagen. »Ich hoffe,« sagte er zu mir gewendet, »daß Sie mit meiner Antwort zufrieden sind.« So nahm er den Interpellanten den Wind aus den Segeln.
Einmal hatte während der Spezialdebatte über das Budget in Anwesenheit Dr. Luegers wegen einer Aeußerung des Stadtrates Hraba und des hierauf erfolgten Ausschlusses zweier sozialdemokratischer Gemeinderaete mitten in der Nacht eine Obstruktion begonnen. Am darauffolgenden Vormittag hielt Reumann eine mehrstündige Obstruktionsrede über das Armenwesen in den einzelnen Bezirken, deren Ende nicht abzusehen war. Nachmittags eröffnete Dr. Lueger die Sitzung mit der Erklärung, daß er die Diskussion über das Armenwesen abbreche und die Post Bedeckung und Bilanz zur Abstimmung bringe. Da die Opposition darauf nicht vorbereitet war und sich niemand zu dieser Post zum Worte gemeldet hatte, war die Abstimmung rasch erledigt. Nunmehr sagte der Bürgermeister: Die Steuern sind bewilligt, wir werden daher die Fortsetzung der interessanten Darlegungen des Kollegen Reumann über das Armenwesen erst im nächsten Jahre (es war die letzte Dezembersitzung vor Weihnachten) nach dem Dreikönigstage anhören. Doktor Lueger war aber zu meiner Zeit ein objektiver Vorsitzender. Als ich in einer Debatte über die Versorgung der Vororte mit Gas die Mehrheit und den Bürgermeister selbst heftig augriff, wollte mich die Mehrheit am Reden verhindern. Dr Lueger verschaffte mir energisch Ruhe, indem er sagte, es müsse im Gemeinderat jedermann gestattet sein, seine Meinung zum Ausdrucke zu bringen.
Sehr ergötzlich waren die gegenseitigen Frotzeleien zwischen den beiden Urwienern Lueger und Schuhmeier. Einmal sagte Lueger zu Schuhmeier in offener Gemeinderatssitzung: »Ich habe Sie sehr gern, Sie haben mich auch sehr gern, so bieten wir der Welt ein Schauspiel von zwei feindlichen Brüdern, sehen Sie, tun Sie nicht so auffällig gegen mich, es kommt Ihnen doch nicht vom Herzen.« Ein anderes Mal sagte er: »Gemeinderat Schuhmeier wird gewiß auch finden, daß das, was ich schaffen will, im allgemeinen Interesse gelegen ist (Schuhmeier dazwischenrufend: »Das wir zusammen schaffen wollen.«) Darauf Lueger: »Ja, Sie werden auch mitarbeiten. Die Sache ist nämlich so: Ich werde arbeiten und Sie werden mich sekkieren.« Als Lueger starb, bewarb sich Schuhmeier um das Landtagsmandat der Leopoldstadt, das durch den Tod Luegers zur Erledigung gelangte. In der ersten Wahlversammlung sagte Schuhmeier, Lueger habe ihn immer seinen lieben Freund genannt, ihm aber nichts hinterlassen. Da melde er sich selbst zu einem Teile der Erbschaft.
Ob Lueger alles, was er so in Schwung und Umlauf brachte, auch wirklich selbst geglaubt hat, ob es in der Tiefe seiner Brust Überzeugung war, stehe dahin. Er hat die Juden wohl kaum in Wahrheit gehaßt. Er war sicherlich kein großer Mensch. Auch seiner Politik ermangelte die Größe, ihr fehlte der weite Horizont: sie blieb niederösterreichisch, wienerisch, sie blieb an Stadt und Gelände rund um den Stephansturm gebunden. Das Blut dieses wienerischen Volkes rollte in seinen Adern. Der wienerische, der niederösterreichische Dialekt war seine Muttersprache Die Ideale der Wiener Kleinbürger waren seine Ideale, ihr Behagen war das seine. Was ihnen Lebensgenuß und Sinnenfreude war, da bedeutete für ihn Lebensgenuß und Sinnenfreude. Deshalb saß er in den rauchigen Beißeln, in den verqualmten Sälen vorstädtischer Wirtshäuser nicht wie ein fremder Gast, nicht wie ein hochgebildeter, nobler Hof- und Gerichtsadvokat, der sich leutselig herbeiläßt, Wählerstimmen zu werben und dabei schlechte Luft zu atmen. Er saß da, als einer von den kleinen, Leuten, er gehörte zu ihnen, er suchte sich aus ihrer Mitte die Tauglichsten, machte sie zu seinen Generalstäblern und pfiff darauf, ob sie Bildung hatten oder nicht. Je weniger Bildung sie besaßen, desto lieber schienen sie ihm zu sein. Verstand mußten sie haben oder ein großes Mundwerk. Wenn er unter seinen Kleinbürgern und Vorstädtern saß, einer von ihnen, dann leugnete er alle anderen Menschenklassen und -arten, dann schimpfte er auf alle, die nicht dazugehörten, auf Professoren und Aerzte, auf Träger von Wissenschaft, auf geistige Arbeiter. Nichts schien zu existieren, nichts schien wert, daß es existierte, als der Kleinbürger, der Vorstädter und sie glaubten ihm. Sie liebten ihn, weil er wirklich einer der ihrigen war und weil sie ihm glaubten. Er hatte die führerlose Herde, zu deren Führer er sich nun aufschwang, schon auf vielen Wiesen und Weiden gesucht.
Vier Jahre später fallen Felix Salten, als er an Karl Lueger erinnert, wieder die Wiesen ein. Vielleicht deshalb, weil Karl Lueger keine Mutter wie das Rehkitz hatte,
Sie gingen weiter. Mit einem Male wurde es ganz hell vor ihnen, strahlend hell. Das grüne Gewirr von Büschen und Sträuchern war zu Ende, die Straße war zu Ende. Nur ein paar Schritte noch, und sie kamen hinaus in die lichte Freiheit, die sich vor ihnen öffnete. Bambi wollte vorwärtsspringen, doch die Mutter blieb stehen. »Was ist das?« rief er ungeduldig und schon ganz bezaubert. »Die Wiese«, antwortete die Mutter. »Was ist das, die Wiese?« drängte Bambi. Die Mutter schnitt ihm das Wort ab. »Das wirst du schon selber sehen.« Sie war ernst geworden und aufmerksam. Regungslos stand sie, hielt das Haupt hoch, lauschte angespannt, prüfte mit tiefen Atemzügen den Wind und sah ganz streng aus. »Es ist gut«, sagte sie endlich, »wir können hinaus.« Bambi sprang los, aber sie sperrte ihm den Weg. »Du wartest, bis ich dich rufe.« Im Augenblick stand Bambi gehorsam still. »So ist es recht«, lobte die Mutter. »Und nun merke genau, was ich dir sage.« Bambi hörte, wie erregt die Mutter sprach, und geriet in große Spannung. »Es ist nicht so einfach, auf die Wiese zu gehen«, fuhr die Mutter fort, »es ist eine schwere und gefährliche Sache. Frag‘ nicht, warum. Du wirst das schon später noch lernen. Für jetzt befolge genau, was ich dir sage. Willst du?« »Ja«, versprach Bambi. »Nun gut. Ich gehe also vorerst allein hinaus. Bleibe hier stehen und warte. Und schau‘ immer auf mich. Behalte mich unaufhörlich im Auge. Wenn du siehst, daß ich wieder zurücklaufe, hier herein, dann machst du kehrt und rennst davon, so schnell du kannst. Ich hole dich schon ein.« Sie schwieg, schien zu überlegen und fuhr dann eindringlich fort: »Jedenfalls laufe, laufe, was du kannst. Laufe . . . auch wenn etwas geschehen sollte . . . auch wenn du siehst, daß ich . . . daß ich zu Boden stürze . . . achte nicht auf mich, verstehst du? . . . Was immer du siehst oder hörst . . . nur fort, augenblicklich und so schnell wie möglich . . .! Versprichst du mir das?« »Ja«, sagte Bambi leise.
die Bambi vor der Wiese warnte, die ihm, auch wenn es sie selbst nicht vor einem grausamen Tod bewahrte, einbläute, auch auf der Wiese, stets auf der Hut zu sein.
„Bambi – Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“: veröffentlicht vor einhundert Jahren. Damals, vor einhundert Jahren, bekam tatsächlich nur ein Tier den Namen „Bambi“.
In den einhundert Jahren wurden viele Deutungen von „Bambi“ bemüht. Nicht wenige stopften etwa die Jahre nach dem ersten Erscheinen grausam einsetzende Geschichte mit den nationalsozialistischen und faschistischen Massenverbrechen und Massenmorden in „Bambi“ hinein, manche auch den wenige Jahre vor dem ersten Erscheinen beendeten Krieg, manche auch den ewigen sexuellen Mißbrauch, manche den habsburgischen Mythos, es will ihnen der Fürst genannte
»Er ist der Vornehmste im ganzen Walde. Er ist der Fürst. Es gibt keinen zweiten, der ihm gleichkäme. Niemand weiß, wie alt er ist. Niemand kann sagen, wo er wohnt. Niemand kann seine Verwandtschaft nennen. Nur wenige haben ihn jemals gesehen. Manchmal hieß es schon, er sei tot, denn er war so lange nicht sichtbar gewesen, daß man es glaubte. Dann wurde er doch wieder erblickt, nur für einen Augenblick, und so erfuhr man, daß er noch am Leben sei. Niemand hat es je gewagt, ihn zu fragen, wo er gewesen. Er spricht mit niemandem, und keiner wagt es, ihn anzureden. Er geht Wege, auf denen kein anderer geht; er kennt den Wald bis in die fernsten Fernen. Und für ihn gibt es keine Gefahr. Die andern Prinzen kämpfen bisweilen untereinander, manchmal nur zur Probe und zum Scherz, manchmal im Ernst. Mit ihm hat seit vielen Jahren keiner mehr gekämpft. Und von denen, die früher einmal mit ihm gekämpft haben, vor langer Zeit, ja, von denen lebt nun kein einziger mehr. Er ist der große Fürst.«
Felix Salten hätte es auch nennen können: eine Todesgeschichte aus dem W…
Bambi wandte sich ab, schlüpfte in den nächsten Busch und verschwand, noch ehe sich die beiden besinnen konnten. Er ging weiter. »Der Junge gefällt mir . . .« dachte er. »Vielleicht treffe ich ihn wieder, wenn er größer ist . . .« Er ging weiter. »Die Kleine«, dachte er, »auch die Kleine ist nett . . . so hat Faline ausgesehen, als sie noch ein Kind war.« Er ging weiter und verschwand im Walde.
So endet der Roman, mit dem Salten etwas, wie ihm fortwährend unterstellt, durch Tiere von Menschen erzählen habe wollen, eines – und diese Deutung wird wohl auch schon irgendwann eine Deutende erfreut, irgendwo einen Interpreten erschaudern haben lassen – Bisexuellen mit inzestiösen …
Als Buch
„Bambi“, eine Lebensgeschichte aus dem Walde von Felix Salten, ist im Verlage Ulstein (Berlin) soeben zur Ausgabe gelangt.
Eine Jurorin in einer österreichischen Kleinstadt am See schreibt in einer deutschen Zeitung, in der sie als „eine der wichtigsten österreichischen Literaturkritikerinnen“ vorgestellt werden muß, zum Anlaße „90 Jahre Bambi“ im Jahre 2013. Neunzig von 2013 abgezogen, ergibt — einerlei, wert ist es, sie mit ihrem Zitat
Eine zeitgenössische Kritik in der Zeitschrift „Der Kunstwart“ setzt das in „Bambi“ gespiegelte soziale Milieu noch eine Stufe tiefer an und bemängelt, es werde im Vorwort von John Galsworthy die „Lebensgeschichte eines Rehs“ versprochen: „Aber ach, es ist nur die Geschichte eines Kleinbürgers, dem ein anderer die Gestalt eines Rehes verliehen hat.“
zu zitieren. Wenn bedacht wird, auf welchem Weg John Galsworthy sich befindet,
BAMBI is a delicious book. For delicacy of perception and essential truth I hardly know any story of animals that can stand beside this life study of a forest deer. Felix Salten is a poet. He feels nature deeply, and he loves animals. I do not, as a rule, like the method which places human words in the mouths of dumb creatures, and it is the triumph of this book that, behind the conversation, one feels the real sensations of the creatures who speak. Clear and illuminating, and in places very moving, it is a little masterpiece. I read it in galley proof on the way from Paris to Calais, before a channel crossing. As I finished each sheet I handed it to my wife, who read, and handed it to my nephew’s wife, who read, and handed it to my nephew. For three hours the four of us read thus in silent absorption. Those who know what it is to read books in galley proof, and have experienced channel crossings, will realize that few books will stand such a test. BAMBI is one of them. I particularly recommend it to sportsmen.
Mit dem von der Jurorin zitierten „Kleinbürger“ bei Karl Lueger, beim Kleinbürger, beim Denkmalkleinbürger angelangt, beinahe. Davor aber ist ein Unrecht an dem Fuchs doch noch gutzumachen. Vor etwas mehr als einem Jahr schreibt Michael Hille auf „TV-Spielfilm“:
Salten hatte über die Jahre mit angesehen, wie sich die Lage der Juden in der Wiener Gesellschaft immer weiter verschlechterte – und drückte das in seinem „Bambi“-Buch aus. Die Rehe werden bei ihm zur Metapher für das Judentum. Das Buch schildert, wie das Wild von einem gelobten Land träumt, in dem sie eines Tages sicher vor den Menschen sein werden – eine klare zionistische Botschaft. Ferner spielt Salten regelmäßig auf die jüdische Kultur an – und schreibt später von einem Fuchs, der heimtückisch die Menschen zu den Rehen führt und sie verrät. Ein aus heutiger Sicht düsteres Vorzeichen dessen, was nur wenige Jahre später in Europa zur Realität wurde. Der Fuchs als früher „Kollaborateur“ und „Denunziant“.
Aber es ist nicht der Fuchs, es ist der Hund.
Durch Schnee und Stauden, Zweige und Wurzeln sprang, kroch und schlüpfte der alte Fuchs. Gleich hinter ihm brach der Hund heran. Es war richtig ein kleiner Hund auf kurzen Beinen. Dem Fuchs war ein Vorderlauf zerschmettert und dicht darüber das Fell aufgerissen. Er hielt das zerschmetterte Bein hoch vor sich hin, das Blut sprang ihm aus den Wunden, sein Atem pfiff, seine Augen starrten weit vor Entsetzen und Anstrengung. Er war außer sich vor Schrecken und Zorn, er war verzweifelt und erschöpft. Mit einem Male machte er kehrt. Ein drehender Wischer, der den Hund verblüffte, so daß er ein paar Schritte zurückwich. Der Fuchs setzte sich in die Hinterbeine. Er konnte nicht weiter. Den zerschossenen Vorderlauf kläglich erhoben, den Rachen offen, mit zuckenden Lefzen fauchte er dem Hunde entgegen. Der aber schwieg keinen Augenblick. Seine hohe, gequetschte Stimme wurde jetzt nur voller und tiefer. „Da!“ schrie er. „Da! Da ist er! Da! Da! Da!“ Er schalt jetzt nicht auf den Fuchs, sprach in diesem Moment gar nicht zu ihm, sondern rief offenbar jemand anderm zu, der noch weit entfernt war. Bambi ebenso wie der Alte wußten, daß Er es war, den der Hund herbeirief. Auch der Fuchs wußte es. Das Blut strömte jetzt an ihm herunter, stürzte von seiner Brust in den Schnee und bildete auf der weißen eisigen Decke einen brennroten Fleck, der leise dampfte. Eine Schwäche wandelte den Fuchs an. Seine zerschmetterte Pfote sank kraftlos herunter, wurde aber bei der Berührung mit dem kalten Schnee von einem glühenden Schmerz durchstochen. Mühsam hob er sie wieder auf und hielt sie zitternd vor sich in die Luft. „Laß mich . . .“ fing der Fuchs zu reden an. „Laß mich . . .“ Er sprach leise und flehend. Er war ganz matt und ganz demütig. „Nein! Nein! Nein!“ fuhr der Hund mit bösem Jaulen ihn an. „Ich bitte dich . . .“ sagte der Fuchs, „ich kann nicht mehr weiter . . . es ist aus mit mir . . . laß mich fort . . . laß mich heim . . . laß mich doch wenigstens in Ruhe sterben . . .“ „Nein! Nein! Nein!“ heulte der Hund. Der Fuchs wurde noch inständiger in seinem Bitten. „Wir sind doch Verwandte . . .“ klagte er, „beinahe Brüder sind wir . . . laß mich heim . . . laß mich bei den Meinigen sterben . . . wir . . . beinahe Brüder sind wir . . . du und ich . . .“ „Nein! Nein! Nein!“ tobte der Hund. Da richtete der Fuchs sich auf, daß er ganz steil dasaß. Seine schöne spitze Schnauze senkte sich zur blutenden Brust, seine Augen hoben sich und er blickte dem Hunde gerade ins Gesicht. Mit völlig veränderter Stimme, gefaßt, traurig und erbittert knurrte er: „Schämst du dich nicht . . .? Du Verräter!“ „Nein! Nein! Nein!“ schrie der Hund. Der Fuchs aber fuhr fort: „Du Überläufer . . . du Abtrünniger!“ Sein zerrissener Leib straffte sich in Haß und Verachtung. „Du Scherge!“ zischte er. „Du Elender . . . du spürst uns auf, wo Er uns nicht findet . . . du verfolgst uns, wo Er uns nicht einholen kann . . . du lieferst uns aus . . . uns, die wir alle deine Verwandten sind . . . mich, der ich beinahe dein Bruder bin . . . und du stehst da und schämst dich nicht?“ Auf einmal wurden viele andere Stimmen laut ringsumher. „Verräter!“ riefen die Elstern von den Bäumen. „Scherge!“ kreischte der Häher. „Elender!“ pfiff das Wiesel. „Abtrünniger!“ fauchte der Iltis. Von allen Bäumen und aus allen Sträuchern zischte und piepte und schrillte es und aus der Luft kreischten die Krähen: „Scherge!“ Alle waren sie herbeigeeilt, hatten aus den Bäumen oben und aus sicheren Verstecken am Boden den Streit belauert. Die Empörung, die aus dem Fuchs hervorbrach, löste die alte erbitterte Empörung in ihnen allen, und das Blut, das hingeschüttet im Schnee vor ihren Blicken rauchte, machte sie rasend und ließ sie jegliche Scheu vergessen. Der Hund sah sich im Kreise um. „Ihr!“ rief er. „Was wollt ihr? Was wißt ihr? Was redet ihr? Alle gehört ihr Ihm, wie ich Ihm gehöre! Aber ich . . . ich liebe Ihn, ich bete Ihn an! Ich diene Ihm! Ihr wollt euch auflehnen . . . Ihr Armseligen, gegen Ihn? Er ist allmächtig! Er ist über uns! Alles, was ihr habt, ist von Ihm! Alles, was da wächst und lebt, von Ihm!“ Der Hund bebte vor Begeisterung. „Verräter!“ schrillte das Eichhörnchen. „Ja!“ zischte der Fuchs. „Verräter! Niemand als du . . . du allein . . .!“ Der Hund tanzte vor heiliger Erregung. „Ich allein . . .? Du Lügner! Sind nicht viele, viele andere bei Ihm . ..? Das Pferd . . . das Rind . . . das Lamm . . . die Hühner . . . von euch allen, aus allen euern Sippen sind viele bei Ihm und beten Ihn an . . . und dienen Ihm!“ „Gesindel!“ fauchte der Fuchs voll unermeßlicher Verachtung. Da hielt sich der Hund nicht länger und fuhr ihm an die Kehle. Knurrend, spuckend, keuchend rollten sie im Schnee, ein zappelndes, wild um sich schnappendes Bündel, von dem die Haare flogen, der Schnee aufstäubte und das Blut in feinen Tropfen sprühte. Aber der Fuchs konnte nicht lange kämpfen. Ein paar Sekunden nur und er lag auf dem Rücken, zeigte seinen hellen Bauch, zuckte, streckte sich und starb. Der Hund schüttelte ihn noch ein paar Male, ließ ihn dann in den zerwühlten Schnee fallen, stand breitbeinig da und rief wieder mit voller, tiefer Stimme: „Da! Da! Da ist er!“ Die anderen waren entsetzt nach allen Seiten geflohen. „Furchtbar . . .“ sagte Bambi in seiner Grube leise zum Alten. „Das Furchtbarste“, entgegnete der Alte. „Sie glauben an das, was der Hund da verkündigt hat. Sie glauben daran, sie verbringen ihr Leben voll Angst, sie hassen Ihn und sich selbst . . . und sie töten sich um seinetwillen.“
Der Hund ist der Verräter, der Scherge, der Abtrünnige, der Überläufer, der Kollaborateur, der Denunziant … Im Übrigen, Menschen werden in diesem Roman nicht „Menschen“ genannt. Es kommt, kann durchaus gesagt werden, einer, nur ein einziger vor, ein Mann muß es wohl sein, wird dieser doch stets „Er“ genannt, immer mit großem Anfangsbuchstaben, genauso wie jene Figur in den Lüften, die so viele als Mann träumen …
Es muß an diesem Sonntag, 19. September 1926, im Café Prückel — noch nicht.
Dieses sonderliche Erlebnis im Café Prückel an einem Sonntag vor sechsundneunzig Jahren kann nicht geboten werden, also zur Gänze, es können nicht die Hundertausenden aufgeboten werden, es können nicht die Hoch-Kunschak-Rufe zum Erschallen gebracht werden, aber das Erlebnis, Saltens „Erinnerung an Lueger“ zu lesen:
Das kann sonst gut und gern ein halbes, auch ein ganzes Jahrhundert dauern, bis einem großen, einem verdienten, einem merkwürdigen Mann sein Denkmal gesetzt wird. Die Nachwelt ist ja immer unberechenbar. Zuweilen besinnt sie sich sehr langsam. Dann wieder geht sie augenblicklich entschlossen ans Werk. Mit dem Lueger-Denkmal hat sie es offenbar recht eilig gehabt. Im Grunde kann dabei von einer Nachwelt kaum die Rede sein. Dieses Monument wird von der hinterbliebenen Mitwelt des merkwürdigen Mannes errichtet. Von seinen Zeitgenossen. Genauer: von der Partei, deren Begründer er war. Ganz genau: von denjenigen seiner Freunde, die durch seinen Aufstieg einst mit in die Höhe gelangten. Wer Luegers Aufstieg mit angesehen hat, diesen beispiellosen Aufstieg in eine beispiellose Popularität, kann es jetzt wie einst seinen Freunden, allen seinen Anhängern und Verehrern ruhig bezeugen, daß er ein merkwürdiger Mann gewesen ist, der Dr. Karl Lueger. Merkwürdig und interessant. Auf der politischen Bühne ein hochbegabter, ja, ein hinreißender Spieler. In den letzten Dezennien des alten Oesterreich die repräsentativste Gestalt. Das kann man wohl sagen, selbst wenn man gar keine Ursache hatte, sich seinen Freund oder seinen Verehrer zu nennen. Er war sicherlich kein großer Mensch, doch ebenso gewiß bleibt es, daß er ein voller und echter Mensch war wie sehr wenige. Auch seiner Politik ermangelte die Größe, ihr fehlte der weite Horizont: sie blieb niederösterreichisch, wienerisch, sie blieb an Stadt und Gelände rund um den Stephansturm gebunden. Aber auf diesem Boden war er ein meisterhafter Politiker, ein politischer Zauberer, für sich, für die von ihm geschaffene Partei, für den Augenblick. Diesen Boden da hat er verstanden, dieses Volk, dessen Bedürfnisse, dessen Neigungen und dessen Liebhabereien hat er verstanden wie kein anderer in seinen Tagen. Das Blut dieses wienerischen Volkes rollte in seinen Adern. Der wienerische, der niederösterreichische Dialekt war seine Muttersprache. Die Ideale der Wiener Kleinbürger waren seine Ideale, ihr Behagen war das seine. Was ihnen Lebensgenuß und Sinnenfreude war, da bedeutete für ihn Lebensgenuß und Sinnenfreude. Deshalb saß er in den rauchigen Beißeln, in den verqualmten Sälen vorstädtischer Wirtshäuser nicht wie ein fremder Gast, nicht wie ein hochgebildeter, nobler Hof- und Gerichtsadvokat, der sich leutselig herbeiläßt, Wählerstimmen zu werben und dabei schlechte Luft zu atmen. Er saß da, als einer von den kleinen, Leuten, er gehörte zu ihnen, er suchte sich aus ihrer Mitte die Tauglichsten, machte sie zu seinen Generalstäblern und pfiff darauf, ob sie Bildung hatten oder nicht. Je weniger Bildung sie besaßen, desto lieber schienen sie ihm zu sein. Verstand mußten sie haben oder ein großes Mundwerk. Wenn er unter seinen Kleinbürgern und Vorstädtern saß, einer von ihnen, dann leugnete er alle anderen Menschenklassen und -arten, dann schimpfte er auf alle, die nicht dazugehörten, auf Professoren und Aerzte, auf Träger von Wissenschaft, auf geistige Arbeiter. Nichts schien zu existieren, nichts schien wert, daß es existierte, als der Kleinbürger, der Vorstädter und sie glaubten ihm. Sie liebten ihn, weil er wirklich einer der ihrigen war und weil sie ihm glaubten. Damals wurden die äußeren Vorstädte gerade ins Gemeindegebiet Wiens miteinbezogen. Es gab auf einmal statt zehn Bezirke deren zwanzig. Der kleine Raum in Wien wuchs zu einer ungeheuren Zahl. Lueger vereinigte diese kleinen Leute zu einer ungeheuren Armee. Und mit dieser Armee erkämpfte er seine Macht. Es war eine Zwischenzeit damals.·Der Liberalismus hatte die breite Masse wohl nie erobert und verlor täglich mehr von den Anhängern, die er sonst besaß. Die. Sozialdemokratie konnte die Masse noch nicht durchdringen. Ihr standen zu starke obrigkeitliche Hemmungen entgegen. Aber die Masse war da, sie war wichtig, sie wurde wichtiger von Tag zu Tag. Lueger kam und fing sie ein. Er hatte die führerlose Herde, zu deren Führer er sich nun aufschwang, schon auf vielen Wiesen und Weiden gesucht. Er war bei den Liberalen gewesen, er war von ihnen weg zu den Demokraten gegangen;er hatte in Schönerers »Wacht am Rhein“ eingestimmt. Aber man liebte ihn nirgendwo und er selbst mochte nirgendwo bleiben. Den anderen schien sein Ehrgeiz zu heftig, sein Machtwille zu deutlich. Und ihm selbst wollte keines dieser politischen Lieder gefallen. Sie wirkten nicht. Sie hatten zu wenig Zündkraft. Sie brachten keine Popularität, er spürte das. Nicht die Popularität, nach der er sich sehnte. So begann er selbst ein Lied anzustimmen. Ganz in der Weise, wie den Kleinbürgern, wie ihm selbst der Schnabel gewachsen war. Es klang gassenhauerisch. Aber der Gassenhauer wirkte; er brachte den Erfolg, er brachte die heißersehnte Popularität, den großen Sieg und die Fülle der Macht. Ob Lueger alles, was er so in Schwung und Umlauf brachte, auch wirklich selbst geglaubt hat, ob es in der Tiefe seiner Brust Überzeugung war, stehe dahin. Er hat die Ärzte, die Professoren, die Bildung und die Juden wohl kaum in Wahrheit gehaßt. Er war ein echter Wiener Kleinbürger, das heißt also, er war kein richtiger Hasser, nur ein rechter Schimpfer. Aber er hatte den tiefen Brustton der Überzeugung, wenn er auf der öffentlichen Bühne stand und seine Reden schwang. Gott im Himmel, was waren das für Reden. Bekam ein denkender Mensch sie zu lesen, dann mußte er lächeln. Denn das alles schien demagogische Phrase, ohne rechten Kern, ohne stichhältigen Zusammenhang, manchmal im Sachlichen treffend, dann gleich wieder tendenziös reizend und für die billigsten Effekte hergerichtet. Hörte aber ein denkender Mensch zu, wenn Lueger redete, dann half es gar nichts, ein denkender Mensch zu sein. Dann vergingen einem die eigenen Gedanken, dann war man von einer elementaren Gewalt ergriffen und wehrlos mit fortgerissen. Aus Luegers Reden klang das aufbrausende Reschsein, der Jähzorn, die Schlagfertigkeit der Fiaker, der Greißler, der Bierwirte und Handelweiber. Aus seinen Reden sprühte der Humor, der Witz, die Frohlaune des Wiener Volkes, das Händepaschen und Dudeln der Heurigenschenken, das Schnalzen und Juchzen der Volkssänger, die Feierlichkeit, die bei Veteranenvereinen üblich ist, und gleich wieder die immer rauflustige Bereitschaft zum Zank, wie sie in kleinen Mietsparteien auf Stiegen, Gängen und in den Höfen riesiger Zinskasernen eigen ist. In Luegers Beredsamkeit war tatsächlich die Wiener Rednergabe zum Element gesteigert. In seiner vollen Baritonstimme, die gleichsam von den Rauchwolken zahlloser Versammlungen durchzogen schien, hörten sich die Wiener sprechen. Sie sahen sich verkörpert in Luegers hochgewachsener und doch behäbiger Figur. In seinem Antlitz sahen sie ihr Wesen erfüllt. Denn es war schön dieses Antlitz, trotz dem schielenden Doppelblick der kleinen hurtigen, klugen Augen, trotz dem spöttischen Zug des Mundes, den der Vollbart verbarg. Er war mit eben diesem in der Mitte geteilten Vollbart, war mit der hohen Stirne und der kleinen netten Nase eines kleinen netten Jungen immer ein schöner Mann, nach dem Geschmack der Vorstand von damals. Er war ein fabelhaftes Temperament, ein Menschenfänger ohnegleichen, ein genialischer Schauspieler und eine prachtvolle Natur. Auch die Gegner vermochten es kaum, dem Reiz seiner Persönlichkeit zu entziehen. Das war die Kraft des Liebenswürdigen, des Sinnlichen, des Lebensfreudigen, des Musikalischen, kurz des Wienerischen an Lueger. Wie hatte er die Massen bezaubert, zu denen er nur sprach, was sie gerne hören wollten, die er des Respektes entband vor allem, was sie ohnehin nicht begriffen und die er in ihrem geliebten, bequemen „Mir-san-mir“-Dünkel rückhaltlos bestärkt hat. Der Ehrgeiz dieses Mannes trachtete nicht nach dem Portefeuille des Ministerpräsidenten Er wäre, auf dem Gipfel des Erfolges, sicherlich an die Spitze der Regierung berufen worden, wenn er das gewollt hätte. Lueger hatte sich ein anderes Ziel gesetzt. Von Anfang an. Schon alo er bei den Liberalen begann, als er dann die Parteien wechselte, immer war es die Idee, die ihn beherrschte, war es das Leitmotiv seines Strebens: Bürgermeister von Wien zu werden! Zuerst, da er noch ein kleiner, unbekannter Abgeordneter war, hielt man solche Begehren für vermessen. Später schien dieser Wunsch des populärsten aller Politiker rätselhaft bescheiden. Bürgermeister von Wien, freilich, das·war immer ein·hohes, ein wichtiges Amt. Nur, daß die einzigartige Stellung Luegers ihn befähigte, nach höherem, nach dem Höchsten zu greifen. Doch er griff nicht danach. Er trug eine neue, eine größere Auffassung der Bürgermeisterrolle in seinem Herzen. Und er hat diese Rolle dann gespielt, so äußerlich blendend, wie nie einer je vor ihm. Er saß auf dem Bürgermeisterstuhle weitab von all den Machenschaften, die im Parlament so leicht eine ganze Ministerbank umstürzen. Er saß, der wechselnden kaiserlichen Gnade weniger erreichbar, inmitten der Liebe des Wiener Volkes und von ihr behütet. Nichts konnte sein Amt, nichts seine Macht erschüttern. Seine persönliche Macht hatte er dem Kaiser Franz Josef vorher schon gezeigt. Das war an jenem Morgen, da Lueger in der Fronleichnamsprozession dem Baldachin voranschritt. Als Vizebürgermeister. Damals durfte er nicht Bürgermeister sein, denn der Kaiser hatte ihm dreimal die Bestätigung geweigert. Nun schritt er in der Prozession vor dem Baldachin einher und auf dem ganzen Weg umbrauste ihn der Jubelruf der Wiener. Franz Josef, der dem Baldachin folgte, ging im Kielwasser dieser Lueger-Ovationen. Und das war bitter für ihn. Denn Franz Josef, eifersüchtig auf die Sympathie der Wiener, wurde gereizt, wenn sie einem anderen als ihm Hoch riefen. Er hatte in seiner eifersüchtigen Unduldsamkeit schon Minister entlassen und Erzherzoge verbannt, weil sie in Wien zu beliebt wurden. Den Mann vor sich da,·der alle Begeisterung in Anspruch nahm, der dem Kaiser nichts zurückließ als das eisige Schweigen der Menge, diesen Mann mußte er dulden, und er mußte ihn kurze Zeit nachher auch richtig noch als Bürgermeister bestätigen. Und Lueger wurde nicht bloß der Bürgermeister, er wurde der unumschränkte Gebieter, er wurde der gefeierte Liebling der neuen, großen Stadt Wien. Er wurde der Großunternehmer der Straßenbahn, der elektrischen Beleuchtung. Er nahm alles Erreichbare in städtische Regie, den Tod und das Leben, die Leichenbestattung und die Kinderschulen, Feuer und Wasser, sogar die monarchische Gesinnung und die Kaisertreue. Jetzt begriff man, was für ein großer Herr der Bürgermeister von Wien ist. Es kam eine Zeit des Siegesrausches für den Mann, der nun sein Ziel erreicht, seinen Daseinstraum verwirklicht hatte. Es kam eine Zeit der Orden und Titel für Lueger, dem man es danken mußte, daß Thron und Altar wieder so feste Stützen fanden. Es kam eine Backhendelzeit für alle seine Getreuen. Und es kam ein durch Jovialität gemildertes Gewaltregiment für die Gegner. Dann aber kamen andere Dinge. Der Schuhmeier kam und war ungefähr aus dem gleichen Holz, redete die gleiche Mundart, nur ursprünglicher, volkstümlicher. Und er war jünger. Er war ebenso elementar in seiner Beredsamkeit und in seiner erfrischenden Jugend. Wenn Lueger die Werke von Ibsen gekannt hat, mag er damals wohl öfter an den alternden Baumeister Solneß gedacht haben. Die Krankheit kam, die ihn zermürbte, die ihm das Augenlicht raubte und ihn zum Schatten seiner selbst werden ließ. So trat er, am leuchtenden Sommertag des Jubiläumsfestzugs, beim Burgtor an die Kaisertribüne. Franz Josef, der älter als war Lueger, aufrecht, gefeiert, von Ovationen umbrandet, und sah den gefährlichen Rivalen um die Gunst der Wiener vor sich als gebrochenen, vom Tod gezeichneten Mann. Jetzt wird ein völlig verändertes Wien das Lueger-Denkmal sehen. Ein Wien, das nicht mehr allzuviel an Franz Josef denkt und das von Lueger nicht mehr allzuviel weiß. Die Welt rollt weiter. Man hat ein seltsames Gefühl, wenn einem Menschen, dessen Schicksal miterlebt, dessen Werden und Vergehen man mitangeschaut hat, ein Monument gesetzt wird. Als man seine Aufrichtung beschloß, war das Lueger-Denkmal wohl als Siegeszeichen gedacht, als ein Werk, das die Pietät seiner glücklichen Erben künden solle. Jetzt ist es ein Erinnerungszeichen mehr an die Vergänglichkeit alles Irdischen, aller Erfolge und aller Macht. Und es wirkt wie ein Abschluß eines Kapitels aus der Geschichte Wiens und eines Oesterreichs, das einmal war.
„Die Skulptur, erschaffen von Nicole Six und Paul Petritsch.“
In Wien wird es herrlich verstanden, zu feiern, aus jedem Wochentag, an dem eröffnet wird, einen Sonntag zu machen. Und es kann auch vorkommen, daß ein Sonntag einer Eröffnung tatsächlich auf einen Sonntag fällt.
Gestern war es wieder einmal soweit.
Zeitungen berichten über den „Huldigungsfestzuge“ ausführlich, allen voran die „Reichspost“, viele Seiten lang.
Es war ein wahrer Feiertag. Ganz Wien spürte seine Weihe. Dieselbe Ringstraße hinab, über die einst so oft der große Volksbürgermeister unter dem donnernden Jubel der Wiener gefahren war, zogen an diesem strahlenden Herbstmorgen unabsehbare Scharen, ein unaufhörlich quellender Strom der Menschen, Fahnen und Standarten, umrauscht von den Harmonien alter, ruhmreicher Märsche. Und wieder erfüllte der Name und Geist Luegers Herz und Sinnen, kein geisterhafter, ferner Schatten, sondern eine mächtige lebendige, von allen gefühlte Wirklichkeit. Das Denkmal ist schön, dem dieser Zug der Hunderttausende galt, aber schöner, herrlicher noch enthüllte sich gestern das unwandelbare treue Andenken, die Dankbarkeit und die Liebe des Wiener Volkes für den dahingegangen großen christlichen Führer und Bürgermeister. Und das waren nicht nur die Alten, jene, die ihn noch miterlebt und seine Kämpfe mitgerungen, das war Jugend, prachtvolle Jugend in unendlichen Scharen, aus allen Ständen, das kommende, das heranwachsende Wien — Zukunft, die aufs neue die alte Fahne Luegers hinaustragen will. Nicht eine Feier der Vergangenheit war es, die gestern Wien beging, sondern ein Fest zukunftssicheren Vertrauens in die Unbesiegbarkeit der Ideen, die einst Lueger verkündete, in Grundsätzen formte und zum geistigen Inhalt der christlichsozialen Bewegung machte. Hier offenbarte es sich: Das christliche Wien ist unabhängig von Tageskonjunktur und augenblicklichen Erscheinungen und Zufällen, es lebt mächtig in diesem Volke und es wird wieder hervortreten, sich gebieterisch auf dem ihm gebührenden Platze niederlassen, wenn seine Stunde gekommen ist. Diese Bekundung war erhebend, sie war auch lehrreich für manche Kleinmütige auf der einen und für viele Hochmütige auf der anderen Seite. Nach der wuchtigen, von tiefster Empfindung durchtonten Rede des Obmannes der Wiener Christlichsozialen […]
Das mag aus dem seitenlangen Bericht, um zu vermitteln, wie herrlich in Wien zu eröffnen verstanden wird, genügen.
Denn mehr von dem Manne, der an diesem Tag im Mittelpunkt steht, ist zu berichten, von einem Matador, dem die Feier auch und vor allem nicht eine der Vergangenheit ist, sondern ein Fest zukunftssicheren Vertrauens in die Unbesiegbarkeit der Ideen, die einst Lueger verkündete, in Grundsätzen formte und zum geistigen Inhalt der Bewegung machte, und hervortreten, sich gebieterisch auf dem ihm gebührenden Platze niederlassen, wenn seine Stunde gekommen, lehrreich —
Die Zukunft, in die er sein Vertrauen propagandiert, die dann eine mit vielen, vielen, abervielen Matadorinnen, mit Hunderttausenden von Matadoren, die in keiner Arena mehr allein einen Stier töten, sondern mit ihrer einzigen Pflicht auf allen Plätzen, Menschen zu schlachten.
Ehe aber von diesem Mann, der auch ein Führer, berichtet wird, soll aus dem reichspostischen Huldigungsbericht noch eine Passage zitiert werden, die die Aufteilung in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit auflöst, alles Gegenwart sein läßt.
Man braucht nur den Namen Breitner neben den Luegers stellen, um in die Abgrundtiefe zu schauen, welche die heutigen Fiskalisten und Zerstörer des Wohlstandes und des Erwerbes der Wiener Bevölkerung von demjenigen trennt, der diese Stadt aus der Ausbeutung landfremder und jüdischer Kapitalisten befreit und in Wien alle schaffenden Kräfte zu einem nie gesehenen Aufschwünge gesammelt hatte. Ein Bankdirektor, der mit Vorauszahlungen auf Gas- und Elektrizität bei sinkender Währung spekuliert, in Aktiengeschäften macht, eine Partei, die mit dem Ruin des Baugewerbes Handwerk und Industrie erschlägt, die Stadt mit dem Elend der Arbeitslosen anpropft, den Mittelstand mit erbarmungsloser Zielbewußtheit ausrottet, durch die steuerpolitische Erdrosselung des Kunstlebens selbst die Seele dieser schönheitsfreudigen Stadt in Fesseln legt […]
Nun aber zum Matador selbst, der, als das dieses Morden vorbei, wieder einen Sonntag seiner Erhebung erlebt, alle Übersetzungen für Matador überschrieben sind, überbleiben nur dürfen Stierkämpfer, allenfalls noch Schlüsselfigur —
Nun trat Altbundeskanzler Dr. Seipel vor und wandte sich an die Versammelten: Wir gehen heute nicht von diesem Festplatze weg, ohne ein Wort des herzlichen Dankes unserem Freunde Kunschak gesagt zu haben. Ohne ihn, ohne seine treue Liebe zum Andenken Dr. Luegers, ohne seine Tatkraft, ohne seinen Mut, die Bevölkerung aufzurufen, hätten wir heute dieses Denkmal noch nicht vor uns gesehen. Er hat wackere Mitarbeiter aus den Reihen unserer Parteigenossen gefunden, aber sie alle sind einig mit mir, daß das eigentliche Verdienst an diesem Werke unserem Kunschak gebührt. (Zustimmung.) Wir begrüßen dankend unseren Kunschak, von dem wir zugleich alle Tage uns überzeugen, daß er es ist, der die Traditionen unserer Luegerzeit in Wien auch weiter aufrecht erhält. (Beifall.) Wir Christlichsoziale von Wien und von ganz Oesterreich werden ihm folgen und wenn er uns das Erbe Lueger auslegt und neu vor Augen stellt, dann werden wir wissen, wir handeln im Geiste des großen Mannes, der im Denkmal auf dich, lieber Kunschak und auf uns alle herabsieht. Stimmen Sie ein mit mir in den Ruf: „Kunschak der Erbe des Luegergeistes, er lebe hoch! hoch! hoch! (Begeisterte Hochrufe.)
Als die letzten Töne verrauscht waren, trat der Obmann des Denkmalkomitees Leopold Kunschak an die Stufen des Standbildes und hielt folgende Festrede: Zwei Ereignisse sind tief eingegraben in die Geschichte der Stadt Wien. Der erste Amtsantritt des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger und der Tod dieses großen Mannes. Dazwischen eingebettet liegt ein 13jähriger, glanzvoller Ausschnitt der ruhmreichen Geschichte unserer Vaterstadt. Die Vereinigung der ehemaligen Vororte mit dem alten Wien hatte für die Entfaltung der Stadt zur Großstadt den breiten Rahmen geschaffen. Diesen Rahmen auszufüllen mit blühendem Leben und selbst strahlenden Glanz zu geben, das war die Aufgabe, die dem Bürgermeister Dr. Lueger von der Geschichte überantwortet worden war. Diese Aufgabe restlos erfüllt zu haben, das ist Lebenswirkung über das Grab, Glanz, der den Schatten des Todes tilgt, das ist die Unsterblichkeit des Namens Lueger, dessen Glanz und Preis. Wir stehen vor einem anderen, bedeutungsvollen Ereignis — der Enthüllung des Denkmals für Dr. Karl Lueger. Nicht will ich dieses Ereignis als bedeutungsvoll bezeichnen, nur im Hinblicke auf Lueger und dessen Wirken. Lueger bedarf keines Denkmales aus Erz und Stein, sein Name ruht in der sicheren Hut seiner Daten, deren Spuren erkenntlich sein werden, so lange noch in dieser Stadt ein Stein auf dem anderen liegt. Die Bedeutung des heutigen Ereignisses liegt an uns, in uns, liegt an Wien und den Wienern, an Oesterreich und den Oesterreichern, deren Schicksal glücklich zu gestalten, Lueger mit klugem Verstand und selbstverleugnender Hingebung stets sich mühte. Des Wieners und des Oesterreichers Seelenschmuck ist sein, ihm aus christlich-deutscher Geistes- und Gemütskultur erfließendes Verbindlichkeitsbewußtsein, sein Sinn für hohe Ritterlichkeit und edlen Dank. Krieg und Umsturz, Auflösung und Zusammenbruch, zermürbende Sorgen um das nackte Alltagsleben mögen als Erklärung, ja selbst als Entschuldigung dafür gelten, daß dieser Seelenschmuck im Schatten vielfach aufgezwungener, widerlichen Tatenlosigkeit verdüsterte. Die Besinnung ist wiedergekehrt; man hat sich wiedergefunden und aufgerafft zu christlich-deutschem Tugendbekenntnis. Der böse Schatten ist gebannt und in hellem Lichte ragt empor als Zeuge der Dankbarkeit eines Volkes, dem so viel gegeben ward — das Denkmal des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger! Das ist die eigentlich tiefste Bedeutung des heutigen Ereignisses. Glücklich der Mensch, der aus den Ereignissen zu lernen versteht! Unüberwindlich das Volk, dem die Ereignisse nicht blindes Walten, sondern Wege zur Erkenntnis sind! Möge das Ereignis von heute, möge der Aufblick zu Luegers Standbild im Bewußtsein unseres Volkes den Sinn, die Begeisterung, die feste Gebundenheit an Pflicht, die Liebe und Treue zu Volk und Vaterland, zu jenen Höhen tragen, auf welchen Dr. Luegers Lebensweg verlaufen. Ja, Lueger war der Mann der Pflicht, hart und unerbittlich, der Mann voll edler Begeisterung und siegender Tatkraft, in Liebe und Treue seinem Volke zugetan. Als Wiener durch und durch war Lueger der große Geist, der die Arbeit für Volk und Stadt an der Glut reinster, vaterländischer Gesinnung zu höchstem Weihedienst an Oesterreich gestaltet. Als stolzes Wahrzeichen Wiens, als ernste Mahnung zur Pflichterfüllung, als Ermunterung für die Zagenden und Wegweiser für die Tatfrohen möge dieses Denkmals Sprache hell bis in die fernsten Zeiten klingen. Des Denkmals Sprache künde auch das Lob, das auszusprechen die Pflicht als Obmann mir gebietet, das Lob, auf den Opferwillen der Bevölkerung, die gern und freudig Groschen um Groschen zum Baufonds häufte, das Lob des Künstlers, und das Lob der braven Arbeitshände, die des Künstlers genialen Geist aus Erz und Stein zu sprechender Wirklichkeit geformt. Es falle die Hülle!
Und dann geht es durch dreieinhalb Stunden weiter: Gruppe um Gruppe defiliert vor den Festgästen, Hunderte Fahnen, viele mit dem Luegerbild geschmückt, neigen sich grüßend vor dem erzenen Bild des unvergeßlichen Bürgermeisters. Ununterbrochen branden Rufe der Begeistsrung zu ihm empor. „Hoch Lueger!“ „Hoch der V o l k s b ü r g er m e i s t e r!“ ,,Hoch das christliche Wien!“ hallt es ohne Unterlaß. In diese Rufe mengen sich Kundgebungen für den Obmann des Luegerdenkmalkomitees Nationalrat Kunschak. „Hoch Lueger!“, „Hoch Kunschak!“, diese Rufe vereinen sich immer wieder, auch im gemütlichsten Wiener Dialekt Dann lauten sie ungefähr so: „Steig aber, Karl!“, „Servus Poldl!“ Auch den übrigen Festgästen, insbesondere Altbundeskanzler Dr. Seipel und Kardinal Erzbischof Dr. Pissl, jubeln die vorbeimarschierenden Gruppen zu. Immer wieder stimmen die Musikkapellen den Luegermarsch und das „O, du mein Oesterreich“ an, die sich fast symbolisch ergänzen. Einige Augenblicksbilder von der Defilierung: Die Pfadfinder ziehen mit zum Treueschwur erhobenen Fingern an dem Denkmal vorbei, die Turnerinnen grüßen es mit einem „Gut Heil!“ im Sprechchor. Stürmisch ist die Begeisterung der Frauen. Sie winken dem Denkmal zu, jauchzen und jubilieren und wollen gar nicht mehr weiterziehen. Die Ordner müssen sie fast mit Gewalt antreiben. Rührend der Aufmarsch der alten Garde, der Bürgervereinigung. Die graubärtigen Herren waren das treueste Gefolge des Mannes, dessen Erzbild sie nun huldigen. Es ist keine Schande, wenn da unwillkürlich die Erinnerung an verflossene glanzvolle Tage lebendig wird und sich in die Silberfäden des einen oder anderen Bartes eine Tränenperle hängt. Aus der Gruppe der Trachtenvereine treten zwölf Linzerinnen mit ihren glitzernden Goldhauben […]
So aber erklang zu Füßen des Luegerdenkmals aus dem Munde Doktor Seipels ein hundertmal verdientes Wort des Dankes und des Vertrauens zu Leopold Kunschak, dem einstigen Mitkämpfer Luegers und Führer der christlichsozialen Wiener Gemeinderatspartei. Hier ist der legitime Erbe Luegerischen Geistes. Dieser Feiertag wurde zum Gelöbnis. Es schwang nun auf in den begeisterten Kundgebungen am Ring, es klang aus der Rede Kunschaks, es brannte in den Augen und Herzen von Jungen und Alten, von Hunderttausenden, die gestern das christliche Wien verkörperten. Alten reinen Luegergeist zu pflegen und zu verbreiten, wird innere Aufgabe der christlichsozialen Bewegung sein, alten tapferen Luegermut, den Mut der Stürmer und Sieger der Neunziger Jahre, zu bewahren, die Aufgabe nach außen gegenüber einem Gegner, der unbekümmert um die Wohlfahrt des Volkes und des Staates, vor keinem Mittel zurückschreckt, seine tödliche Diktatur über das ganze Land aufzurichten. So wie gestern in allen Bezirken Wiens der alte befeuernde Klang des Luegermarsches ertönte und wiederum als Parole der alte Ruf „Hoch Lueger!“ erscholl, so soll auch in den kommenden Kämpfen unvergessen und gehalten sein Luegers Wort: „Kopf hoch, Nase zu und mittendurch!
150.000 Teilnehmer am Festzuge, über 300.000 Menschen bilden Spalier. Die Defilierung vor dem Denkmal dauert 3 1/2 Stunden. „Hoch Lueger!“ war die Losung des gestrigen Sonntages, an dem Wiens größter Bürgermeister sein Denkmal erhielt. Von den frühesten Morgenstunden bis in den Nachmittag hinein war das Stadtbild von einer Kundgebung beherrscht, wie eine gleich eindrucksvolle und mächtige schon seit Jahren nicht zu verzeichnen war. Eine Armee von über 400.000 Menschen war auf den Beinen, 150.000 marschierten im Festzug, dessen Defilierung vor dem Denkmal genau 3 1/2 Stunden dauerte; 300.000 standen einen halben Tag lang in dem dichten Spalier, das sich über den ganzen Ring zog. Frohe Marschweisen, begeisterter Jubel und unausgesetzte Hochrufe brausten zum Himmel empor, der sich wolkenlos und lachend über die Stadt spannte. Das christliche Wien, das christliche Oesterreich hat Dr. Karl Lueger gehuldigt und überwältigend dargetan, daß der Geist noch lebt, den der Gründer der christlichsozialen Partei geweckt hat … Morgens auf den Bahnen. Der Gedenktag des großen Volksführers sandte seine festlichen Strahlen weit über die Grenzen der Stadt. In der Umgebung Wiens, in den ländlichen Vororten an der Peripherie war trotz des strahlend schönen Sonntages ein viel stärkeres Zuströmen zur Stadt als umgekehrt zu bemerken. Auf der Südbahnstrecke sind die Züge, die in halbstündigen Pausen nach Wien abgelassen werden, mit Festgästen überfüllt. Aus Laxenburg, aus Perchtoldsdorf und aus Rodaun kamen Korporationen und Vereine, die Abzeichen und Fahnen mit reichem Blumenschmuck mit sich tragen. Weiß ist die Farbe des Tages. Eine Fülle von weißen Astern, Dahlien und Nelken sind dem großen Bürgermeister zu Ehren aus ländlichen Gärten mitgenommen worden. Unter den Fahrgästen gibt es eine Menge von alten Männern und Frauen, die sonst nicht so leicht die für ihre Begriffe mühselige und kostspielige Reise nach Wien unternehmen würden. Aber sie sind Altersgenossen des großen Verblichenen, sie haben den „Dr. Lueger“, oder „den Karl“ oder „den Bürgermeister“, wie sie ihn schlangweg nennen, gekannt, sie erzählen unterwegs den jüngeren Leuten von ihm und kramen allerlei Erinnerungszeichen aus, eine vertrocknete Blume, ein Abzeichen von einem Festzug bei dem „er“ mit dabei war. „So wollen wir halt dem Herrn Bürgermeister noch einmal auf der Erd‘ die Ehre erweisen, hevor wir ihn im Himmel wiedersehen“, sagt ein altes Mutterl, das mit ihrem weißhaarigen Ehegespons aus Wiener Neustadt zu der Wiener Festfeier gepilgert kommt.
Naheliegend wäre es, gerade nach dieser Bundesmännerwahl, als Kapitelüberschrift etwas mit Kasperlei, mit Clownerei zu nehmen, aber das klänge, als wäre es mit der Kasperliade vorbei, wie es mit der Bundesmännerwahl vorbei ist, jedoch, es ist nicht vorbei, und die Clownerei begann auch nicht mit der Auslobung der Bundesmännerwahl für einen Sonntag des Herrn in Mehrzahl in Österreich im Herbst ´22, und deshalb soll das Kapitel einfach wie kurz Eric Frey genannt sein, nach einem Mann mit diesem Namen benannt, der einmal einen Stellvertreter als Hauptfigur in diesem Kapitel für die in diesem Land ewigwährende …
Wer in dieser Wahlnacht seinen Ausführungen lauschte, wird möglicherweise auf den zu späten Wunsch gekommen sein, mit ihm als achten Bewerber für dieses Staatsamt wäre die Auswahl vervollkommnet gewesen. Denn. Einen, der so tief zu denken vermag, wie wurde das von den Bewerbern vermißt, wie wurde einer mit einer derartigen Gedankentiefe herbeigesehnt, wieviel leichter wäre die Stimmabgabe —
So soll wenigstens nach geschlagener Wahl das von ihm vorgetragene Tiefgedachte festgehalten werden:
Ein Bundespräsident in Österreich hat nicht sehr viel politische Gestaltungsmöglichkeiten. Er kann auch nicht sehr viel falsch machen. Und deswegen hat auch Van der Bellen, hat auch nichts falsch gemacht. Deswegen hat er zurecht, hat er auch, wurde er wiedergewählt, so wie alle seine Vorgänger auch, die wieder angetreten sind. Er war ein flauer, ein ein lauer Wahlkämpfer. Das hat ihn sicher ein paar Stimmen gekostet. Was ihm wahrscheinlich viel Stimmen gekostet hat, war das Antreten von diesem Dominik Wlazny. Das sind ja eigentlich alles, fast alles Van-der-Bellen-Wähler, junge, eher links, grüne, Leute, die irgendwie gefunden haben, ach, ich möcht was Neues, was Frisches, was Junges, der ist ja auch völlig ohne Programm, ohne Alternative zum Van der Bellen angetreten. Da könnte man fast, diese diese Prozentzahlen, könnte man fast zu ihm dazuzuzählen. Er stand gegenüber vier rechten Kandidaten, die eigentlich gemeingefährlich waren in ihren Ansagen. Weil zu sagen, ich entlasse eine Regierung und löse eine Regierungskrise aus, ohne jetzt einen wirklichen Grund zu haben, eine demokatische, also lauter völlig verrückte Ansagen. Ich glaub, der Herr Rosenkranz hat sich gar nicht so wohl gefühlt damit, aber er hat halt mitmachen müssen, weil er halt auch da von Grosz und Wallentin und anderen, solchen Extremisten getrieben war. Daß da Van der Bellen wiedergewählt wird, ist schon einmal ein großes Glück für uns und daß es auch halbwegs ordentlich ist.
Nicht nur Alexander Van der Bellen wird diese tiefschürfende Analyse mit Interesse erfahren haben, daß er ein Programm hatte, daß auch für ein Amt „ohne viel Gestaltungsmöglichkeiten“ ein Programm gebraucht wird, soher er Dominik Wlazny war, der „ohne Programm angetreten“, und soher die „Prozentzahlen“ des Dominik Wlazny ihm, Van der Bellen, „dazuzuzählen“ —
Einen Verteidiger von Herrn Rosenkranz werden in dieser Nachtsendung viele sofort ausgemacht haben, in seinem Gesinnungskameraden in der Trachtenjacke, der in österreichische Fernsehanstalten stets eingeladen wird, wenn vorgeführt werden soll, auch in diesem Land gibt es Denkende, und nicht nur einen, sondern zuhauf, wie in dieser Nacht wieder vorgeführt wurde, die dem rosenkranzischen Gesinnungskameraden ebenbürtig sind.
Das ist nicht die Aufgabe des Bundespräsidenten. Er hat nicht die Aufgabe, die großen Herausforderungen der Republik anzusprechen. Er kann schöne Worte sagen, er kann beruhigend sein. Er hat keine politische Funktion im Sinne von Gesetzgebung, Gestaltung. Er kann gelegentlich appellieren, er kann, das hat Van der Bellen immer wieder ganz gut gemacht. Aber gerade auch, was wir jetzt gesehen haben, in einer Stimmung, die eher polarisiert ist, wo es einige Jahre, wo es Leute mit Radikalen, Aggression auf die Straße gegangen sind, um gegen vernünftige Gesundheitsmaßnahmen zu protestieren, als würde ihnen, all das kann der Bundespräsident gar nicht das Land vereinen. Ich glaube, er wird weitermachen wie bisher, das ist auch richtig so. Er ist ein vernünftiger, kluger Mann, der sich, der der der, nicht irgendwelche auf Abenteuer sich einläßt. Und genau das ist das Richtige auch in der Hofburg. Die Queen of England oder der jetzige König hat auch keine politische Gestaltungsfunktion und trotzdem wurde die Queen […] findet sich eine Funktion für ein Staatsoberhaupt, was letztlich keine andere Aufgabe hat als Staatsoberhaupt zu sein. Und in ganz bestimmten, in wirklichen Krisensituationen möglicherweise einzugreifen. Von einer Krisensituation, wo die Republik wirklich gefährdet ist, sind wir zum Glück sehr sehr weit entfernt. Was gefährlich ist, eine Regierung zu entlassen und dann eine neue Regierung einzusetzen, die keine Mehrheit im Nationalrat hat, das ist eine Regierungskrise. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist eine politische total fragile Situation ohne funktionale Regierung.
Er wird wieder zu seiner Bierpartei gehen, wird wieder Satire machen, ohne, völllig ohne Programm, Herr Grosz macht wahrscheinlich weiterhin bei oe24 seine eigene Sendung. Das Ganze war ein Werbegag für alle, für die drei bzw. für vier, für Herrn Staudinger auch. Eigentlich ein falsches System, wo man mit 6.000 Unterschriften, die man relativ leicht bekommen kann, eigentlich einen unglaublichen Werbewert, Gratisauftritte in allen Medien bekommen kann, ohne irgendwas wirklich ernsthaft […] Ich würde die Schwelle für das Antreten deutlich erhöhen. Sechstausend Unterschriften sind in der heutigen Zeit, wo man über soziale Medien oder wie im Falle von Herrn Wallentin über eine Doppelseite bei der Kronen-Zeitung sehr leicht aufbringen kann. Ist es zu einfach. Da kommen solche, Mischung aus aus aus Rabauken und Kasperln da hinein, die eigentlich nicht in einer Bundespräsidentschaftswahl antreten sollten.
Dazu lese ich gerne Twitter oder schaue mir andere soziale Medien, aber das ist doch nicht, für, ich meine, aber aber diese Leute haben ja nicht ernsthaft dieses Amt angestrebt. Sie haben alle gewußt, daß sie keine Chance haben. Was wirklich, also eine Art Selbstvermarktung gemacht. Das ist ein Mißbrauch der Demokratie in diesem Fall. Herr Staudinger will seine Schuh verkaufen, Herr Grosz möchte noch mehr Zu, Zu, Einschaltungen haben, bessere Quoten für seine seine Sachen. Das sind einfach keine, ich meine, da da, jetzt wird Herr Wlazny wieder Marco Pogo wahrscheinlich werden, wird mit seiner Bierpartei versuchen, die ja auch eine Scherzpartei ist, wird er versuchen, wieder hier ein paar Stimmen dazuzubekommen. Ich glaube, auf diese Weise wird unsere Demokratie mißbraucht, und da muß man sich was überlegen.
Aber dieses Staatsoberhaupt, man darf nicht von ihm erwarten, daß er jetzt politisch gestaltet, und er soll auch nicht politisch gestalten.
Es wurden in dieser Sendung noch viele andere Themen angesprochen, und zu allen Themen hatte Eric Frey Tiefgedachtes zu sagen, zu Inflation, Migration und so weiter und so fort.
Ein paar Zitate noch von seinem Tiefgedachten zu diesen Herausforderungen unten, nein, doch nicht …
Die Perlen seines Tiefgedachten sind oben bereits präsentiert.
Eine tiefgehendere Reformierung des „Bundespräsidentenwahlgesetzes“ als eben von Eric Frey vorgebracht, die Zahl der Unterstützungserklärungen zu erhöhen, eine wahre Erhebung der Demokratie zur Hürdendemokratie, so visionär wie Eric Frey gingen vielleicht nur noch die Männer von 1929 an das Denken heran, als sie die vom Gesinnungskameraden in dieser Nachtanalyse angesprochene Bundesverfassung —
Vorbereitungen für die Bundespräsidentschaftwahl in ganz Österreich. Wichtig ist, daß sich die Wählerinnen und Wähler zurechtfinden, daß alles reibungslos funktioniert. Sieben Kandidaten treten an. Eine Frau hat sich nicht beworben.
Aber brav, wie es modern heißt, wird gegendert, oh, und die Großzügigkeit, der Stimmzettel wird ihnen nicht vorenthalten, das wird ihnen zugetraut, einen Zettel auszufüllen, schließlich, das kennen und können sie, auf Zettel die Einkaufsliste zu schreiben, und wie einfacher hingegen muß es doch für sie dann sein, einen Stimmzettel … sie brauchen nicht einmal selbst zu schreiben, bloß ein Kreuz …
Das ist doch heiter. Armin Wolf möchte gegen einen Bewerber Stimmung machen, und legitimiert damit erst recht einen Bewerber.Vielleicht hätte er davor den Herrn fragen, den Mitbewerber, fragen sollen, ob eine Mitgliedschaft in diesem Orden für ihn eine Disqualifikation darstelle.
Der lautere Wahlkampf hat Armin Wolf wohl davon abgehalten, etwa beim Bundesministerium für Landesverteidigung nachzufragen, wie ehrenwert dieser Orden als „wehrpolitisch relevanter“ —
Der Trägerverein des St. Georgs-Orden ist seitens des Bundesministeriums für Landesverteidigung in Österreich (BMLV) als „wehrpolitisch relevanter Verein“ – nunmehr mit dem Begriff „Partner des Bundesheeres“ bezeichnet – anerkannt. Darüber hinaus dürfen die Distinktionen des St. Georgs-Orden laut Trageordnung des BMLV zur Ausgangsuniform des ÖBH getragen werden.
Eine Wahl, die wieder einmal auffällig macht, die Macht der Testosteronverklumpung, die Verfaßtheit des Landes: sieben Männer als Bewerber in einem Jahr, sieben Frauen als Bewerberinnen in siebenundsiebzig Jahren.
In einem Interview mit Conrad Seidl vor sieben Jahren skizziert Alexander Van der Bellen für politische Amtsträgerinnen, wann die Unwahrheit gesagt werden darf, und will dies nicht als sein „Programm eines Präsidentschaftskandidaten“ —
„Kaum wo wird da die Position vertreten, dass die Annexion der Krim im März 2014 auch eine Vorgeschichte hatte, nämlich verantwortungsloses Gerede von einem Nato-Beitritt der Ukraine, womit Russland vom Schwarzen Meer praktisch abgeschnitten gewesen wäre. Glaubte wirklich jemand, Wladimir Putin würde dem tatenlos zusehen? Wer Kritik an der ukrainischen Regierung übt, wird sofort als ‚Putin-Versteher‘ abgestempelt. Gerät auch die Unabhängigkeit der Meinungsbildner ins Wanken? Ist aus der Pressefreiheit, die sich durch eine Vielfalt an Meinungen auszeichnen sollte, eine freiwillige Gleichschaltung der Medien geworden?“
Wie sparsam, wird nun gedacht, damals das Buch nicht gekauft zu haben, in dem Sätze stehen, die mit „Kaum wo wird da“ beginnen … Und menschgemäß verspricht allein dieses Zitat nicht nur kein Lesevergnügen, sondern auch inhaltlich keinen Gewinn. Als wäre es aus einem Verlag, der Heimstatt für identitäre —
Offenkundig gibt es nicht nur einzelne Leute, sondern ganze Gruppen, die sich durch Plakate mit mehr oder weniger entblößten Frauen beleidigt fühlen. Vielleicht fehlt das Pendant: entblößte Männer. Ich hätte gedacht: It’s a free country! Man sollte sexuelle Anspielungen und erotische Chiffren unter Erwachsenen nicht so ernst nehmen.“
Kurz in Deutschland wegen „Achse Berlin-Wien-Rom“ in Kritik Medien kritisieren mangelndes „sprachliches Feingefühl“ und sogar „Nazi-Rhetorik“ mit Blick auf die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg. So titelten mehrere Regionalzeitungen der Funke-Mediengruppe gleichlautend in ihren Online-Ausgaben: „Kurz eckt mit Nazi-Rhetorik an.“ Weiters hieß es: „In den sozialen Medien fand die begriffliche Verirrung des österreichischen Bundeskanzlers am Mittwoch ein großes Echo. Abgesehen davon, dass eine ‚Achse Rom-Berlin-Wien‘ rein optisch irgendwie einen Knick hätte, gab es Kritik an der Wortwahl, aber auch Kopfschütteln über die offensichtliche Gedankenlosigkeit bei der Formulierung.“ Historisch gesehen, so die Funke-Medien, „ist die ‚Achse Berlin-Rom‘ eine Bezeichnung für das Bündnis zwischen den Machthabern Adolf Hitler in Nazi-Deutschland und Benito Mussolini in Italien, das beide 1936 besiegelten. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs 1938 gehörte dann gewissermaßen auch Wien dazu. Japan komplettierte den Pakt der ‚Achsenmächte‘.“
Das schrieb vor vier Jahren und ein paar Monaten der „Guardian“ u. a. über die vom Kurzkurzkanzler noch recht größer gesehen gewollte „Achse“:
„Russian president in contact with two capitals that share belief in nation-first politics and mistrust of alliances.“
„Zwei Hauptsstädte [Wien, Rom], mit denen der russische Präsident in Kontakt ist, die mit ihm den Glauben an eine Nation-Zuerst-Politik [Austria first, Italy first] und das Mißtrauen gegen Allianzen teilen.“
„Suddenly, Vladimir Putin has some useful friends in the west.“
„As he looks to improve relations with Europe, at a new low since the March nerve-agent attack on Sergei Skripal and his daughter Yulia in Salisbury, the Russian president knows he can count on the backing of at least two capitals.“
„[…] der russische Präsident weiß, er kann zumindest auf die Unterstützung von zwei Hauptstädten [Wien, Rom] zählen.“
„Both Austria and Italy’s new governments, formed late last year and last month, include populist, far-right parties that make little secret of their sympathy for Moscow – and have even signed cooperation agreements with Putin’s ruling United Russia party.“
„Österreichische und italienische neue Regierungen […] mit populistischen, rechtsextremen Parteien verheimlichen nicht ihre Sympathie für Moskau – und haben sogar Kooperationsvereinbarungen mit Putins regierender Partei Einiges Rußland unterzeichnet.“
„The FPÖ leader, Heinz-Christian Strache – now also Austrian vice-chancellor – went further, telling local media that Europe must “end these sanctions … and normalise political and economic relations with Russia”.
„EU–Russian relations have been badly strained by Russia’s actions in Crimea, Eastern Ukraine and Syria, as well as by accusations of interference in assorted European elections and, most recently, the Skripal affair. But Putin, apparently now eager to build bridges, has recently begun signalling a clear desire to re-engage with Europe. Russia “does not aim to divide the EU”, he assured Austrian broadcaster ORF ahead of his Vienna visit. ‚We want to see a united and prosperous EU, because the EU is our biggest trade and economic partner. The more problems there are within the EU, the greater the risks and uncertainties for us.‘ Those words may ring hollow in most EU capitals, which – unlike Vienna and Rome – responded favourably and fast to Britain’s request for a coordinated diplomatic response to the Salisbury attack.“
„[…] Diese Worte mögen in den meisten EU-Hauptstädten hohl klingen, die – im Gegensatz zu Wien und Rom – positiv und schnell auf die Bitte Großbritanniens um eine koordinierte diplomatische Reaktion auf den Angriff von Salisbury reagierten.“
„The previous Italian government decided only belatedly to expel two Russian diplomats, in a move immediately criticised by the League – then in opposition – while Austria declined to send anyone back to Moscow because it wanted “to keep lines of communication to Russia open”.
„Die frühere italienische Regierung entschied erst verspätet, zwei russische Diplomaten auszuweisen, was von der Lega – damals in der Opposition – sofort kritisiert wurde, während Österreich sich weigerte, jemanden nach Moskau zurückzuschicken, weil es „die Kommunikationswege nach Russland offen halten“ wollte.“
„The FPÖ and the League, both now junior coalition partners, signed ill-defined ‚cooperation accords‘ with Putin’s United Russia last year based on their shared beliefs in nation-first politics and a mistrust of international alliances. Matteo Salvini, the League leader, has denied borrowing Russian money to fund his election campaigns, as Marine Le Pen of France’s far-right Front National has had no qualms doing. But Salvini has often expressed his admiration for Putin and said last month he wanted ‚to work for peace, not war‘. Austria’s Strache, meanwhile, besides calling frequently for EU sanctions to be lifted, has forcefully criticised Nato’s expansion eastwards, arguing it ‚wasn’t Russia who, in recent decades, has been the aggressor‘.„
„It is too early to say what the consequences – if any – of this isolated outbreak of goodwill towards Moscow might be, for the sanctions or Russia-EU relations in general. Kurz was at pains to reassure his EU partners that Austria’s loyalty is of course to Brussels, not Moscow. But Putin will not be unhappy. This article was amended on 7 June 2018 to clarify that the Italian government belatedly agreed to expel Russian diplomats.“
Die Wahlsiegerin und Chefin der italienischen Rechtsaußenpartei Fratelli d’Italia (FdI/Brüder Italiens), Giorgia Meloni, und der Koalitionspartner und Lega-Chef Matteo Salvini sind heute in Rom zusammengetroffen, um das Wahlergebnis zu analysieren. Dabei signalisierten die beiden Parteichefs Kooperationsbereitschaft im Rahmen einer möglichen Rechtsregierung. Das Treffen, das erste nach dem Wahlsieg der Mitte-Rechts-Parteien, habe in einer „Atmosphäre der Zusammenarbeit und der Einigkeit statt“ stattgefunden, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung der beiden Parteien. „Beide Politiker haben ihre Genugtuung über das Vertrauen zum Ausdruck gebracht, das die Italiener der Koalition entgegengebracht haben, und das große Verantwortungsbewusstsein bekräftigt, das dieses Ergebnis mit sich bringt.“
Vor allem der Strich im Logo der Fratelli d’Italia gilt vielen als Symbol für das Grab des faschistischen Diktators Benito Mussolini. Neben dem weiteren Auffälligen zum Logo des Diktators, wie die Farben der Flagge, die von den Brüdern als Flamme symbolisiert. In einem Logo aber ist alles symbolisiert, auf das Notwendigste reduziert, und doch derart, daß es erkennbar bleibt. So kann der Strich der Brüder das Symbol sowohl für das Grab des Diktators als auch für das Rutenbündel mit Beil sein, wie beispielsweise in der Kampfflagge dargestellt, die von Benito Mussolini per Dekret angeordnet. Der Adler aber, könnte gesagt werden, würde im Logo der Fratelli fehlen. Nun. Fehlt der Adler tatsächlich? Über der Flaggenflamme schweben noch ein paar Striche, wie ein weiteres eigenes Symbol, etwas abgesetzt von der Flamme, somit nicht der Flamme zugehörig, damit auch einer symbolischen Darstellung der Flagge im Grunde widersprechend, stellte es mit diesen roten Strichen doch sofort eine gänzlich andere Flagge dar, von irgendeinem Land, das vielleicht gar nicht existiert. Was aber dieses Symbol über der symbolischen Flagge darstellen können soll, ist ein symbolischer Adler, ein stilisierter auffliegender Adler, ein Adler auf das Notwendigste und dennoch Erkennbare reduziert, auf seinen gen Himmel streckenden Kopf. So stellt der Strich im Logo der Brüder, wie gesagt wird, das Grab des Massenmörders und zugleich das Rutenbündel mit Beil mit darüber lodernder Flamme dar, die einen Adler in der Luft hält. Was Flammen aber einzig vermögen, das wurde nicht nur in der Vergangenheit bitter erfahren. Das Logo der Brüder somit auch eine unfreiwillige und, ohne sich selbst bewußt darüber im Klaren zu sein, eine dem Versprechen einer blühenden Zukunft widersprechende Botschaft: Wer aber unter einem solchen Banner marschiert, will eine Zukunft der Vergangenheit, nichts als verbrannte Erde hinterlassen, alles enden lassen in Not, Elend, Grab.
Vor vier Jahren schrieb der „Guardian“ über den Aufstieg der extremen Rechten in Österreich und Italien. Vier Jahre später kann wieder nur über den Aufstieg der extremen Rechte in Italien und in Österreich geschrieben werden.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.