Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es gibt gerade in Österreich, wenn im Dialekt gesprochen wird, eine Vorliebe dafür, das „R“ zu verschlucken, es einzusparen, ungehört zu machen. Im Dialekt würde dann aus Schirach einfach und vielleicht dadurch mit einer erzwungenen winzigen Betonungsveränderung: Schiach.

Und kenntlicher könnte über die Rede von Schirach in Salzburg in diesem Sommer gar nicht geurteilt werden, ohne zu urteilen, es bräuchte bloß im Dialekt über diese gesprochen werden:

— Hast Du die Festspielrede gehört?

— Von Schiach?

— Ja, die Schiach-Rede.

Es sind jetzt viele Touristinnen und Touristen im Land, die sehr neugierig sind, und es könnte eine vom Nebentisch, die ihr Bestellung aufgibt,

— Mozarttrüffeltorte mit Sahne –

— Mit Schlag?

— Sahne.

— Sahne ist Schlag.

— Dann mit Schlag.

fragen: Schiach?

— Häßlich.

— Häßlich heißt er?

— Nein, Schiach.

— S c h i -?

— S c h i 〈r〉 a c h !

— Ah, Schirach.

— Ja. Schi〈r〉ach.

So leicht kann es zu Mißverständnissen kommen, zu Verwechslungen. So leicht machte es sich auch Schirach. Mit seinem Beispiel aus der Türkei. Als er für seinen „Volkszorn“ als Beispiel Mitglieder der AKP-Partei mit dem „Volk“ verwechselte. Und er warnte davor, wie leicht das „Volk“ aufzusticheln sei, er sprach sich massiv dafür aus, das Recht gegen die Macht zu stellen. Nun, in Polen, gehen gerade diese Tage Zehntausende auf die Straße, für eine unabhängige Justiz, also für das Recht gegen die Macht. Wer stichelt sie auf, in Polen und in anderen Staaten? Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es muß ein Irrtum einbekannt werden, eine alte Platte

Wie verführerisch schön das Plattschäbige zu klingeln vermag

kann beim ersten Hören durchaus verführerisch schön klingen, aber dann …

PS Es wäre wohl zu einem Tumult gekommen, hätte Schirach über die Macht der Männer in Salzburg und also in Österreich gesprochen, über des Mannes Zorn gegen die Frauen, anhand des konkreten Beispiels, wie wenigen Frauen

2026 darf wieder eine Frau die Salzburger Festspielrede halten, vielleicht.

in Jahrzehnten das Recht eingeräumt wurde, die Festspielrede zu halten. Diese Frauen kann ein Mensch an einer Hand abzählen, und braucht dazu nicht einmal fünf Finger.

Und wenn es gar eine Frau gewesen wäre, die diese Rede gehalten hätte, mit Zornesröte und schwarzer Galle hätte sein, das schirachsche „Volk“, den Saal stampfend, brüllend, das Abendland dem Untergang geweiht sehend, spuckend und schreiend … nein, machtgemäß nicht, Anerkennung wäre ausgesprochen worden, die Frau ob ihres Mutes, hinzutreten vor die Macht des Landes, eine Rede, durchaus überlegenswert, wenn es die Staatsgeschäfte … die Männer der Macht sind doch ohne Zorn, und vor allem, Männer der Macht lassen sich nicht aufstacheln, sie besitzen Vernunft, sie haben Informationen, sie wägen ab, sind voller Sorge ob der Behandlung der Frau im „Volke“, besonders der Nachbeteiligung der Frau in den „Communities“ … sie, die Männer der Macht, schunkeln höchstens sanft und verständnisvoll zu Andreas Gabalier, diesem einfachen Manne aus dem „Volke“, der gelernt hat, wo der Platz der Frau ist seit Anbeginn der Festspielreden …

Schiache Rede

Tiroler Schützenkompanie schnupft Schwarzpulver

Oder die Schützinnen schreiben begnadet gottgetränkte Satiren, verbreitet etwa als Presseaussendung …

Heutzutage muß es ja stets für alles eine Erklärung geben, so wird es auch hierfür mehrere geben, allerdings, die mit dem Schnupfen von Schwarzpulver scheint nächstliegend und erklärte aufgrund seiner Zusammensetzung auch einleuchtender als andere das Geschwefel: etwa und vor allem dieser Presseaussendung …

„… Andreas Hofer  … ‚Gottlosen‘ … ‚Volksfremden‘ …  sichergestellt … zukünftiger … Gott … dem Heiligen Vater … glaubhaft Treue … zur … Einheit Tirols … der Diözesangrenzen … 1919 (ohne Vorarlberg) … Mitgliedschaft … Bozen-Brixen in der österr. Bischofskonferenz …“

Was auch für diese Erklärung spräche, die alttirolerischen Schützinnen, die sich als „junge Menschen“ sehen, sind nicht die einzigen, die mit ihren Näschen recht besondere Stoffe aufnehmen … aber nicht nur mit den Näschen, auch mit ihren Äuglein … und je einen rechten Teil mit ihren Mündchen wieder auszuscheiden …

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Irmgard Griss sur Pouls quatre: Au nom du peuple en France et en Autriche

Früge wer in diesen Tagen nach dem Unterschied zwischen Frankreich und Österreich, könnte die Antwort lauten: in dem einen Land gehen Rechtsextreme mit dem diffusen „Im Namen des Volkes“, in dem anderen Land geht die Mitte mit dem diffusen „Au nom du peuple“ …

In beiden Ländern sind es Frauen, die stolz mit dem diffusen „Im Namen des Volkes“ vorangehen,  mit bannière diffus …  eine davon ist eine Rechtsextreme, die andere ist eine, nun ja, was, es muß das nicht noch einmal überlegt werden, eine, wie bereits ausgeführt, im politischen Wachkoma.

Würde eine Künstlerin gefragt worden sein, was hätte sie von ihr für ein Portrait angefertigt, wäre sie im Falle, Madame Juge wäre Bundespräsidentin geworden, eingeladen worden, einen Entwurf zur Massenfertigung vorzulegen für die Klassenzimmer, die Amtsstuben, die Gerichtsäle, die Haftanstalten, sie hätte, sagt sie, diesen in der Zwischenzeit entsorgten vorgelegt, dessen letztes vorhandenes Bild sie nun ebenfalls …

 

Griss Irmgard Studio Im Namen des Volkes.jpg

Prozgenta

Inri - Wir sind das Volk - Prozgenta.jpg

„Der französische Laizismus ist, glaube ich, nicht unser österreichisches Modell. Wir wollen nicht eine Gesellschaft, in der religiöse Zeichen einfach verschwinden.“

Das sagt der Kardinal, auch, im Zuge der Erregungen um Foulards, wie gelesen werden kann in

Die Angst des Kardinals vor dem „Burkaverbot“.

Ob dies die Ansage ist zur Gründung der Prozession gegen die Entkreuzung des Abendlandes (schlicht und kurz: Prozgenta)  und wann werden die ersten Märsche auf dem Stephansplatz oder anderswo im tirolerischen Österreich … mit dem Kardinal voran, der ein Kreuztransparent mit dem Slogan inri – prozgenta – wir sind das volk in die Höhe …

„Wir sind das Volk“: Der globalisierte Dummschrei der gefährlichsten Sorte

Als die DDR unter den Rufen „Wir sind das Volk“ endlich und endgültig zusammenbrach, hatte das Skandieren von „Wir sind das Volk“ durchaus seinen Witz und mehr noch durchaus seine konkrete Berechtigung, denn die DDR nannte sich eine „Volksrepublik“ …

We the people - Globalized most dangerous stupid sayingIm Grunde aber ist „Wir sind das Volk“ nichts anderes als ein globalisierter Dummschrei. Zumeist mehr gefährlich als förderlich. Wie dumm und wie gefährlich wird gerade aktuell von über 270.000 Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrer Unterzeichnung einer Petition bewiesen, wieder einmal bewiesen, die die Entfernung eines einzelnen Menschen aus ihrer Gesellschaft, die die Deportation eines einzelnen Menschen aus den USA verlangen. Mit einer Petition, die eingeleitet wird mit „We the people …“ und deren letzter Satz ebenfalls mit „We the people …“

Es wird nicht viel, genauer, nichts über diesen bestimmten Menschen gewußt, außer, was so nebenher mitbekommen wurde, in letzter Zeit, irgendwelche Aufregungen um Autorennen, Drogen … Vor beinahe sechzig Jahren kam ein amerikanischer Film in die Kinos – „Rebel without a Cause“, dessen deutschsprachiger Titel heute seine Berechtigung erhält, bezogen aber auf diese Petition: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Es geht in diesem Film auch um Autorennen. Autorennen, Drogen – der Hauptdarsteller, heute noch kultisch verehrt, James Dean … Mit überhöhter Geschwindigkeit, aber nicht im Film, in den Tod …

Und nun wollen über 270.000 Menschen, vereint unter der Dummschrift „Wir, das Volk“ einen einzelnen Menschen deportieren, aus ihrer Gesellschaft entfernen, der nichts anderes macht, als eine amerikanische Ikone vormachte, der von niemandem sonst beinflußt sein kann, als von ebendiesem amerikanischen Filmheiligen …

Bedarf es je eines weiteren Beweises, wie höchst gefährlich, wie abgrundtief dumm dieser globalisierte Schrei „Wir sind das Volk“ …

Aber es gibt nach wie vor Staaten, die unter dem Ruf „Wir sind das Volk“ endlich und endgültig zusammenbrechen müssen, weil in diesen Staaten der Ruf „Wir sind das Volk“ durchaus seinen Witz und mehr noch durchaus seine Berechtigung hat … Beispielsweise Nordkorea. Denn Nordkorea nennt sich eine Volksrepublik …