Weltweite Sonderangebote: Krieg, Hunger, Mord

Weltweite Rüstungsausgaben Kriegstote Unterernährte Kinder 01-01-2018-06-04-2018

Es gibt in einer Stadt eine Passage: mit Zahlenreihen in Spiegelwänden.

Passantinnen werden informiert, etwa über:

Rüstungsausgaben weltweit seit 1. Jänner: 401389567690 Euro

401389567690 Euro Rüstungsausgaben nicht seit Anbeginn von Rüstungsausgaben vor Jahrtausenden, sondern seit dem 1. Jänner 2018.

Passanten werden informiert, etwa über:

Kriegstote weltweit seit 1. Jänner: 139957

139957 Ermordete nicht seit Anbeginn der Kriege vor Jahrtausenden, sondern seit dem 1. Jänner 2018. Wie viele Mörderinnen in Pflichterfüllung im Dienste von Staaten waren es, die vom 1. Jänner 2018 bis zum 6. April 2018 139957 Menschen ermordeten? Und wie viele Mörder sind vom 1. Jänner bis zum 6. April 2018 selbst ermordet worden? Dafür gibt es keine in die Passagenspiegel eingelassene Zählwerke.

Passantinnen werden informiert, etwa über:

Unterernährte Kinder weltweit: 92122362

Das soll wohl das Herz rühren. Unterernährte Kinder. Aber Passanten gehen nicht mit ihren Herzen, sondern mit ihren Füßen, unterwegs zu Sonderangeboten. Die Zahlen, die sie interessieren, haben sie bereits im Kopf: die Beträge in ihren Brieftaschen, die Summen auf ihren Konten, die Prozente der Ausverkäufe …

Keine Zahlenreihen in den Spiegeln gibt es, wie viele Menschen weltweit hungern, verhungern, sterben, also durch ein weiteres toleriertes, gesegnetes Morden …

„Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. 815 Millionen Menschen hungern, 2 Milliarden leiden an Mangelernährung.“ 

Diese Spiegelzahlen gibt es nicht. Hingegen die Zahlen darüber, wie viele Menschen in dieser Stadt gerade verliebt seien, wie viele Schnitzel seit dem 1. Jänner verzehrt …

Es ist, so wird es genannt, ein Medienkunstwerk. Passantinnen sollen, ist das Bestreben, in den Informationsfluß involviert …

Die Passanten gehen nicht auf die Spiegelzahlen zu, sie gehen an diesen vorbei, die rechts oder links (abhängig von welcher Seite in die Passage gestiegen wird) die Uferwand sind. Passantinnen sehen nicht nach links, sehen nicht nach rechts, sie fließen mit nach vorne gerichtete Augen in einem grundgesenkten Kopf dem nächsten Ausgang entgegen, der ihnen verheißt ein Eingang zu den Sonderangeboten …

„Direkte (demokratische) Kunst“

In der Ausstellung muß plötzlich beim Lesen von „Direkte (demokratische) Kunst“ innegehalten werden, es drängt sich die Frage auf, die zum Stehenbleiben zwingt, was ist aus all dem geworden, dem „direkt“ schon vor über vierzig Jahren vorangestellt war.

Damals, in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, in Wien, mit dem 1968 gehabten Höhepunkt im Hörsaal, von dem heute, vierzig Jahre später, in Österreich immer noch gezehrt wird, von einem einzigen je gehabten Höhepunkt.

Und dann fällt die Zeile auf: „direct art happing – Die happening-Päpste von Wien BRUS & MUEHL …“ — „Päpste“ … Hätte Otto Mühl zu dieser Zeit in sich hineingehört, hätte er bereits wissen können, was aus ihm werden wird, und was er war, ist er dann geworden, alles, nur eines nicht, ein herzeigbarer Repräsentant für „direkte (demokratische) Kunst“. Es hat schon die Richtigkeit gehabt, unfreiwillig oder, wie es auch gesagt werden kann, unbewußt formuliert, das demokratische von Klammern eingesperrt …

So lange also geht es schon um mit „direkte …“ — Und was ist daraus geworden? Wer trat die Nachfolge an? Wer lutscht immer noch an der „direkten“ Möhre, hält sie zwischen den wölfischen Zähnen dem sogenannten Volke vor die lange, lange Nase?

In Österreich ist es – wozu noch nennen, das jedem Menschen ohnehin bekannt …

Und es fällt noch ein „Aufruf“ auf, von damals, von 1969.

Wenn an die ganzen Ferkeleien mit den völlig wirren Kommentaren gedacht wird, die heutzutage, Jahrzehnte später, in den Dunkelkammern von SM gelesen werden können, gedacht wird, gerade und vor allem auf der Website …, erscheinen plötzlich die Männer von damals, und es waren auch nur Männer, als Vorläufer, als Zeitgenossen von den heutigen Männern, und es sind wieder vor allem Männer, vielleicht mit dem Unterschied, daß heute ein paar Frauen mehr dabei sind, als damals … nein, die heutigen SM-Männer sind die Zeitgenossen von damals, sind in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, in denen Männer wie Wiener, Brus, Nitsch, Bauer …

„Aufruf

klaus und kreisky haben mit ihren organisierten schlägerbanden die macht in österreich an sich gerissen. ihre feile gerichtsbarkeit, diese feme des österreichischen frührentners, hat es zuwege gebracht, alle aufrechten österreicher über die grenzen ihrer heimat zu jagen. in bolzano fand sich ein häuflein der versprengten und beschloß, unter hintansetzung persönlicher interessen, gut und leben für die befreiung der gesamten österreichischen bevölkerung vom terror der austro-terroristen zu befreien. diese männer beschlossen, die österreichische exilregierung zu errichten.“

Von gestern zu gestern … es haben sich seither nur die Namen geändert. Josef Klaus und Bruno Kreisky sind schon lange nicht mehr im Amt. Aber sonst? Ein Inhalt wie 2018, und ist doch schon aus 1969.

Wie rührend sich 1969 die Herren „unter hintansetzung persönlicher interessen“ Ministerstühle zugeschoben haben. Nein, nicht Ministerstühle, sie alle wollten „Kaiser“ sein, „Kaiser für Volksgesundheit“, Militärkaiser“ und so weiter.

Freilich die Vorstellung, bereits im Weitergehen erstmals der perverse Gedanke, sich in eine Zeit der Vergangenheit, in die Zeit vor vierzig Jahren zurückzuwünschen, als es die Ferkeleien nur von einer Handvoll Männer gab, als solche „Aufrufe“ so selten waren, wie die Höhepunkte in den österreichischen Schlafzimmern es heute noch sind. Solche Ferkeleien es nicht in dem Ausmaß einer Sintflut, oder zeitgemäßer, wenn es denn zeitgemäßer ist, solche Ferkeleien es nicht in dem Ausmaß von Postinggushes gab wie heute, in den SM-Kammern.

Und noch etwas verleiht dem perversen Gedanken, in einer, in dieser Vergangenheit der 60er Jahre  des letzten Jahrhunderts zu sein sich zu wünschen, Charme. Diese Männer, nicht alle, sind etwas geworden, haben Karrieren gemacht, im künstlerischen Bereich. Eines jedoch sind sie nicht geworden: Minister, Kaiser, nie sind sie als Regierung angelobt worden – mit ihren Ferkeleien, was für ein bewundernswerter Gegensatz zu den 10er Jahren dieses Jahrhunderts, in denen Menschen mit ihren Ferkeleien jedweder und vor allem moralischer und ethischer Art auf Regierungsstühle gehievt …

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Mann alleen

avenidas y ramas 18 - BK
Im Prater wichsen wieder die Bewunderer

Ein Gedicht von Eugen Gomringer ist zum Mittelpunkt eines Disputes um Kunst und deren Freiheit geworden, es hat nun sogar die Philosophie, zu großes Wort, Konrad Paul Liessmann bewogen, etwas zu diesem Disput beizutragen.

„Die Barbaren sind mitten unter uns. Sie lauern nicht am rechten oder unteren Rand der Gesellschaft, sie gehören nicht zu den Bildungsfernen und Bildungsverlierern, sie kommen nicht aus unterentwickelten Regionen, sondern sie sitzen an den Schaltstellen von Kunst und Wissenschaft, schreiben in Qualitätsmedien, diskutieren an Universitäten, leiten Gemäldegalerien, dominieren die Talkshows. Barbaren sind sie dennoch. Denn im Grunde ihres Herzens verachten sie die Kunst. Unter dem Vorwand, gegen Sexismus und Rassismus zu kämpfen, übermalen sie Gedichte.“

So beginnt Konrad Paul Liessmann seinen Beitrag am 8. Februar 2018 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ …

Vollkommen unverständlich, derart zu beginnen. Denn. Gesinnungsgemäß kann es nicht der „rechte Rand“ sein. Diesem würde das dem Gedicht Vorgeworfene gar nicht stören, im Gegenteil, diesem wäre es, in dieser Interpretation gelesen, ein Gebet der gesinnungsgemäßen Männlichkeit. Gesinnungsgemäß kann es nur dann der „rechte Rand“ sein, wenn es gegen die sogenannte Moderne in Literatur und Kunst geht, die Werke also nicht reaktionär blümeln …

Vollkommen richtig. „Die Barbaren sind mitten unter uns.“ Ein Barbar ist ein Mensch, so wurde es einst verstanden, der die Sprache eines anderen nicht versteht, nur, sollte ihm dieses Glück beschieden sein, seine eigene Sprache. Konrad Paul Liessmann versteht die Sprache der Frauen nicht.

Im Prater blühn wieder die Bäume

Konrad Paul Liessmann versteht nicht, wenn Frauen davon sprechen, daß das Gedicht von Eugen Gomringer sie an sexistische Übergriffe, an sexistische Belästigungen erinnert, sie, die Frauen, zum Objekt des Begaffens verpflanzlichen.

Im Gedicht kommen Alleen vor.

avenidas y flores y mujeresIm Gedicht kommen Blumen vor. Und Frauen kommen im Gedicht vor. Auf einer Stufe. Zusammen an den Wegesrand gestellt, zum Bewundern, aber es kann ein abgründiges …

Wie leicht wäre es doch zu verstehen, daß Frauen von Männern nicht mit Blumen in Alleen in eine Reihe gestellt sich sehen wollen.

Aber Konrad Paul Liessmann versteht die Sprache der Frauen nicht. Wie sollte er erst tonlose Blumen verstehen können, die ihm einiges über Männer erzählen könnten. Sie könnten ihm erzählen, daß ihnen Männer wie Basho vielleicht lieber sind als Männer wie Goethe, Männer wie Tennyson ganz und gar ein Greuel, eine tödliche Gefahr, die sich in Gedichten mit ihnen … obgleich Basho, anders übersetzt, auch ein „Bewunderer“, letztlich ein Vereinigungsbegehrer … das könnten die am Rand auf der Prater Hauptallee ihm nicht erzählen, es treibt die Männer nicht die Wissenschaft, nicht die Dichtung in die Alleen, wo sie unruhig wichsen, wenn die Blätter treiben, wenn die Blätter nicht treiben.

Wie oft haben Frauen schon erzählt, auf der Prater Hauptallee an wichsenden Männern vorbeilaufen zu müssen, wenn sie die Prater Hauptallee zur sportlichen Ertüchtigung aufsuchen. (Es erschließt sich nun wie von selbst die tiefe Bedeutung des beliebten Liedes: „Im Prater blühn wieder die Bäume.“)

Es mag Konrad Paul Liessmann ein Kunstfreund sein, ein Gegner der Kunstzensur, aber ein Gegenwartsfreund, ein Fortschrittsfreund, ein Zukunftsfreund kann er nicht genannt werden, und er wird sich viele Freunde gemacht haben, unter den Bewunderern mit den Barbareneiern auf der Prater Hauptallee, mit seiner Unterzeichnung des „Briefes der 800“,

Heinz Mayer bestätigt die Notwendigkeit der Binnen-I-Schreibung – Teil 8 der Komödie in Fortsetzung

mit dem im Grunde nichts anderes gefordert wurde, als die Zensur der Sprache.

Dem Gedicht von Eugen Gomringer gebührt aber die höchste Auszeichnung. Es zieht Konrad Paul Liessmann die Hose aus, und zum Vorschein kommen …

Avenidas y gachósEin Elend ist aber stets das Interpretieren von Gedichten. Wer wird das Gedicht noch übermalen wollen, wenn dabei an die „Bewunderer“ auf der Prater Hauptallee gedacht wird, wie sie hinter Bäumen versteckt ihr kümmerliches und stets nur für Sekunden steifes Glied wichsen und wichsen, die ärmliche Hugo-Boss-Hose bis zu den Wadeln hinuntergelassen, mit ihren entblößten Bierschwangerschaftsstreifenbäuchen  – wer wollte dann nicht auch dieses Gedicht in Goldlettern in einem Goldrahmen an der Wand im besten Zimmer der Wohnung haben.

Männer in Alleen allein. In Berlin – und der Disput geht um das Gedicht auf einer Mauer in Berlin. Stehen sie auch wichsend in den Alleen, und nicht nur in Wien, kann das Gedicht gerade in Berlin auch Erbarmen mit dem „Bewunderer“ hervorrufen, so „alleen“, das Kümmerliche in der Hand, mit sorgenvollem, einsamkeitsgefurchtem Gesicht, das können die Mimik der unverschämten Überlegenheit und die Posen der geilen Frechheit nicht verbergen, mit hilfloser Tonlosigkeit nach Aufmerksamkeit, nach einer Geste, mag diese auch ablehnend sein, der Zuneigung, mit dem Wichszeichen ständig den Satz „Lass mir nicht so alleene da stehn!“ …

Und ob Konrad Paul Liessmann wirklich ein Kunstfreund ist? Vielleicht von sehr alter Kunst. Es wäre stimmig. Kommt er doch auch bei der Philosophie nicht so recht an die Gegenwart heran, bleibt Jahrzehnte davor stehen, wie er so eindrücklich in Salzburg …

„Doch das ist nichts Neues“

… wo er gerade einmal bis …

Alleen und Männer

Übrigens, beim „Brief der 800“ war gesinnungsgemäß die FPÖ die treibende Kraft, also die Partei, in der die Männer meinen, Eier wie Odin (falls dieser überhaupt Eier haben kann) zu haben, und weil es ebenfalls sehr aktuell ist, dürfen die Burschenschaften nicht unerwähnt bleiben. Wie sehr würde sich wohl gerade in diesen Tagen die montagsgemachte identitäre Regierungspartei wünschen, es wäre die heutige Zeit noch eine so recht gute alte Zeit, in der ein Wortführer (gesinnungsgemäß ein Mann) einmal sagt, eine Debatte um die Burschenschaften brauche es jetzt nicht, und augenblicklich ist die Debatte beendet. Wie lange ist das schon her, daß Konrad Paul Liessmann

Rund um und aus Odin Wiesinger dampft es

genau das sagte, in einer Fernsehdiskussion – aber wer hört schon auf …

Das wäre jetzt ungerecht, zu sagen, er werde nicht gehört … es könnte ihm noch ein großer Aufstieg bevorstehen, zum ersten Philosophen, kein zu großes Wort, der FPÖ und der AfD …

Konrad Paul Liessmann - Aufstieg zum führenden Philosophen

Brandstifter bei Biedermanns oder Biedermann bei Brandstifters

Menschgemäß ist es unerhört, ein Stück nicht gesehen zu haben, und dennoch etwas zu diesem Stück zu schreiben, das ein „Volksstück“ genannt wird, während „Schasstück“ als Gattungsbezeichnung in Wahrheit die treffende ist.

Zu dieser Unerhörtheit zwingt aber Peter Turrini selbst, daß es diesmal vollkommen ausreicht, den Inhalt mit kurzen Tonausschnitten erzählt zu bekommen, wie Mitte dieser Woche am Morgen von einem österreichischen Radiosender. Kaum war der Bericht zu Ende, war entschieden, das Stück bietet nichts, in die Josefstadt zu fahren.

Es sträubt sich sogar alles, den Inhalt, wie er berichtet wird, dieses Schasstückes nachzuerzählen. Mit montierten Zitaten aus Zeitungsberichten über die Aufführung am letzten Donnerstag, 25. Jänner 2018, kann dem aber entgangen werden.

Salzburger Kleine Zeitung Standard Krone Tiroler Apa im Frendenzimmer von Peter Turrini

Das Schasstück könnte auch Zeitungsstück, Parlamentsstück, Josefstadtstück genannt werden, oder Standesdünkelverfestigungsstück, Einfallslosstück,  Bildungsbürgerinnenselbstvergewißerungsstück, Bildungsbürgertumselbstbestätigungsstück, Schlachtrufstück gegen die sogenannten Flächenbezirke in Wien …

Das alles fällt dazu ein, wie nun über dieses Stück berichtet wird, von den österreichischen Zeitungen …

„Föttinger verweigert einen Zimmer-Küche-Realismus. Statt in einer lichtarmen Wohnung in Wien-Donaustadt befinden wir uns stets auf der Bühne.“ 

Ach, wie gut wäre dieses Land, wären da nicht diese Menschen in den „lichtarmen Wohnungen“, wären diese Menschen aus den Gemeindebauten nicht so verstockt, so lernresistent, ja, selbst so lichtarm, würden sie nur ein wenig das annehmen können, was täglich in den österreichischen Zeitungen so gut geschrieben wird, über die Menschen, die nach Österreich kommen, alles wird ihnen, den „Alltagsfaschisten“, in den österreichischen Zeitungen so gut erklärt, all die Zusammenhange wirtschaftlicher, politischer, geschichtlicher Natur, Trotzdem wollen sie nicht ablassen von ihren „Vorurteilen“, von ihren „Vorverurteilungen“, sie „formulieren“ so vor sich hin, wollen dabei gar nicht daran denken, „dass Sprache die schärfste Waffe“ …

Täglich also werden sie belehrt, von den österreichischen Medien, wie es recht ist, über Menschen, die nach Österreich kommen, zu denken, wie diesen recht zu begegnen ist, aber in ihren „lichtarmen Wohnungen“ reicht das Licht nur, um ihre eigenen Formulierungen zu schreiben, mit denen von der Donaustadt aus die ganze Welt überschwemmt wird, mit verheerenden Folgen. Allein die auf „Zimmer-Küche“ ersonnene Formulierung „Kampf der Kulturen“ …

Das Stück, ist zu lesen, soll ein „Märchen“ sein.

Ein Märchen muß, wie gewußt wird, immer erst entschlüsselt werden.

Vielleicht aber ist das Stück von Peter Turrini ganz anders zu lesen, von ihm ganz anders gemeint. Bereits der Titel „Fremdenzimmer“ nicht der wirkliche Titel, sondern: Biedermann bei Brandstifters.

Und wenn das „Märchen“ auf andere Weise zu lesen sein soll, will gerne der Inhalt nicht zitiert, sondern entschlüsselt werden, nein, nicht entschlüsselt, das wäre anmaßend, Entschlüsselungsversuche angeboten werden.

Biedermann bei Brandstifters

Es kommt ein Junge in die Bude zu Leuten, die eine Homepage betreiben, da er auf ihrer Seite gelesen hat, bei ihnen könne Sebastian, so heißt der Junge in Wahrheit, sein Handy aufladen.

Gustl ist in Wahrheit der Nachname, und mit Vornamen heißt er Hans.

Der wahre Ort, wo das Märchen spielt, ist nicht eine Zimmer-Küche-Wohnung von „lichtarmen“ Menschen in der Donaustadt, sondern das Parlament

Herta, die in Wahrheit auch anders heißt, trällert im Parlament nicht Lieder von Abba nach, sondern Reden von …

In einem Märchen kann eine Person viele Personen sein. So kann Sebastian einmal der Junge sein, dann auch wieder der Gustl, der Briefträger, der seine Arbeit verlor, dem die Menschen, die nach Österreich kommen, das dringlichste Problem, also dem zurzeitigen Bundeskanzler das größte Problem, wie Gustl eben erst wieder, gestern oder vorgestern, in Tirol deklamiert hat, es gäbe viele Probleme in Tirol zu losen, und das erste von ihm genannte: „illegale Migration“ …

Der Titel kann auch umgedreht werden:

Brandstifter bei Biedermanns

Der Briefträger oder der Junge kommt zu den Biedermanns, die in der nächsten Szene schon Brandstifter wieder heißen können, zum Essen aufs Land, aber, wenn er als Junge kommt, weiß er, bei den Brandstifters bekommt er auch Strom für sein Handy, weil der Gustl, der in Wahrheit anders heißt, ist kein Ungustl, auch wenn ihn jetzt die Krone sogar als „Alltagsfaschisten“

Die „lichtarme Wohnung“ könnte in Wahrheit auch eine bestens ausgeleuchtete Wohnung in einem altehrwürdigen Palais in der Josefstadt, in Hietzing sein, und Herta, die in Wahrheit anders heißt, nimmt nicht nur den Jungen gerne auf, Platz hat sie ja genug

Und während das Handy vom Jungen aufgeladen wird, sieht sich Herta mit Sebastian, der zwar nur einfachste Sätze sprechen kann, aber alles recht genau versteht, was gesprochen wird, den Gustl im Fernsehen an, der ihr, der „Mindestrentnerin“, ihr verlorener Sohn ist …

Gustl heißt, ist zu lesen, mit Nachnamen Knapp. Knapp, der „frühpensionierte Briefträger“, kurz: Bundeskanzler, und der Junge er selbst, als er noch nicht frühpensioniert war, und stets auf der Suche nach Strom für sein Handy, an alle Türen klopfend, bei den Biedermanns, bei den Brandstiftern …

Am Ende des Märchens soll auch ein Flugzeug vorkommen, mit dem der Junge, Gustl und Herta fortfliegen, weit weg. Das freut besonders Gustl, endlich einmal geradeaus, nicht immer im Kreis, und er telefoniert freudig mit seinem Freund Wolfgang Zamanik, ihm gleich aufgeregt das zu erzählen, und auch, was für ein Glück er mit seinem Jungen …

Es ist ein Märchen, ist zu lesen, aber es ist ein Märchen, für das es keinen Schlüssel bedarf, um es zu verstehen, die Tür zu diesem Märchen steht weit offen, es gibt den Blick frei auf eine Bühne, die, ist zu lesen, mehr oder weniger leer sein soll, bis nach hinten, bis zur Brandmauer, nichts als Leere … es scheint, als hätte wenigstens der Bühnenbildner begriffen: Leere kann nur durch Leere dargestellt werden.

Es ist ein Stück für die Menschen, die nicht in der Donaustadt wohnen, nicht im sogenannten Gemeindebau, ein Stück für die Menschen, die es sich behaglich eingerichtet haben, in ihren Redaktionsstuben, in ihren Parteiräumen, in ihren Parlamenten, in ihren Cottage-Zimmerfluchten, in ihren Theatern mit ihren Vorstellungen von den „lichtarmen Wohnungen“ der Menschen, denen sie alle Schlechtigkeit der Welt zuschieben können.

Und spätestens jetzt kann auch verstanden werden, weshalb ein Peter Turrini für einen Christian Benger ein Kulturpreiswürdiger ist, den es nicht schert, wen ein Kulturgremium vorschlägt.

Benger wird wohl in die Josefstadt pilgern, um sich das anzusehen, und dann zufrieden feststellen: Genauso sei es, so müsse die Diagnose der Gesellschaft sein, und wir, also Benger, sind ja recht gut, aber die in der Donaustadt, die sind nicht so, noch mit Tränen in den Augen, ganz gerührt noch davon, den Jungen im Trachtenjanker gesehen zu haben, ist ihm doch der Kärntner Weltkulturebe …

Fremdenzimmer

Mit einem Kanzler Sebastian Kurz Weltspitze in Kunst- und Kulturlosigkeit

Nun will Sebastian Kurz also die erst im letzten Jahr von seiner Partei erhöhte Umsatzsteuer für Beherbergung wieder reduzieren. (Das zeugt eindrucksvoll von der Fähigkeit der kurz’schen Partei, so richtig langfristig, gar weit in die Zukunft hinein zu denken, zu planen …)

Eine Rücknahme der ebenfalls erst im letzten Jahr von seiner Partei erhöhten Umsatzsteuer im kulturellen Bereich, eine Rücknahme der ebenfalls erst im letzten Jahr von seiner Partei und also auch von ihm erhöhten Umsatzsteuer für „Künstler“ fällt Sebastian Kurz nicht ein.

Wie auch?

Es darf mit Recht gefragt werden, ob Sebastian Kurz die Wörter Kunst und Kultur überhaupt geläufig sind.

Denn.

Zu Kunst und Kultur ist von Sebastian Kurz nichts bekannt. Bis auf die Präsentation der Großbauerin, die für ihn, Kurz, stehe für …

Zur Kultur gehört auch die Rede. Und wenn die gar vielen Aussagen von Sebastian Kurz an der Kultur der Rede gemessen werden, begreift Sebastian Kurz von Kultur die Kulturlosigkeit. Und bei der Kunst in jedweder Form gibt es von Sebastian Kurz nichts, mit dem eine Messung möglich wäre.

Es ist für dieses Land auch bezeichnend, daß Kunst und Kultur keine Themen sind, zu denen es mediale Fragen an Kandidaten und Kandidatinnen der Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 gibt. Sebastian Kurz nicht danach zu fragen, nun, bei ihm mag dafür christliche Nächstenliebe ausschlaggebend sein, nach dem Bibelwort: Schonet aber die mit Überforderung Beladenen …

Es richten sich bereits viele, viel zu viele darauf ein, es ergeben sich bereits viele, viel zu viele schicksalshörig einer Vergangenheit, die in der Wahlreklame Zukunft genannt wird, daß Sebastian Kurz der nächste Bundeskanzler … kann ein Land aber wie Österreich, das gar so stolz darauf sein möchte, ein Kunst- und Kulturland zu sein – für den Tourismus gewiß ein hergerichtetes ist, im Verkehr mit Fremden gewiß keines – sich tatsächlich einen Bundeskanzler leisten, dem Kunst und Kultur gar nichts sagen, nichts bedeuten, dem Kunst und Kultur so unverständlich sind wie wohl den meisten Menschen die schwarzen Löcher im Universum, sein gesamtes Universum der Kunst und Kultur Finsternis …

Was für Senkungen neben der Umsatzsteuer fallen Sebastian Kurz noch ein? Es sind die Förderungen. Welche Förderungen zu senken es sein werden, auch sein werden, dazu bedarf es keiner Phantasie. Einem Menschen wie Kurz, dem zu Kunst und Kultur nichts einfällt, kann nur eines sofort einfallen, im Bereich von Kunst und Kultur die Förderungen …

Hierzu paßt auch das von der kurz’schen Partei ebenfalls erst im letzten Jahr mitbeschlossene Auslaufen der Bildungsfreibeträge, der Entfall der Bildungsprämie …

Vor langer Zeit wurde gerne die Formulierung für Unentdecktes verwendet: es gäbe weiße Flecken auf der Landkarte. Im Fall der kurz’schen Partei könnte nach dem 15. Oktober 2017 eine neue Formulierung sich durchsetzen: Dank der kurz’schen Partei ist Österreich heute ein schwarzer Fleck auf der Landkarte, was Kunst, Kultur, Bildung … so ein schwarzer Fleck, wie das kurz’sche Programm bereits jetzt ist. Und wie schwarz die kurz’sche Schwärze ist, Sie sich davon eine Vorstellung machen können, wie schwarz die Zukunft in Österreich werden – ein Blick genügt: Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei …

Und wenn Sie einen Blick auf die kurz’sche Finsternis werfen, denken Sie dabei unbedingt auch daran, wie noch schwärzer es werden könnte, mit seiner identitären Partnerin in der Regierung, mit dieser Parlamentspartei mit ihrem recht ausgeprägten … das muß gar nicht weiter, nicht wieder groß ausgeführt werden, eine Zeile von Josef Weinheber bringt es auf den Punkt, seine Bestellung in einem Kaffeehaus …

PS Wie seltsam doch Künstlerinnen und Künstler sind. Sie dienen sich auch jenen an, denen sie vollkommen egal sind, wollen sie nach wie vor Knechte und Mägde der Macht sein und sogar von jenen, von denen sie sich dafür in günstige Position bringend meinen, sie werden die Macht erlangen, und sei es auch nur eine klitzekleine Macht in einem klitzekleinen Staat. Wie Jiny Lan, die Sebastian Kurz malt, mit dem Parlament als Hintergrund; zutreffender allerdings als Hintergrund wäre der unweit vom Parlament gelegene Volksgartentempel, vor dem eine Figur von Josef Müllner steht zur Kenntlichkeit der geistigen Verfaßtheit in diesem Land damals wie heute …

Jiny Lan malt Sebastian Kurz mit falschem Hintergrund

Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es gibt gerade in Österreich, wenn im Dialekt gesprochen wird, eine Vorliebe dafür, das „R“ zu verschlucken, es einzusparen, ungehört zu machen. Im Dialekt würde dann aus Schirach einfach und vielleicht dadurch mit einer erzwungenen winzigen Betonungsveränderung: Schiach.

Und kenntlicher könnte über die Rede von Schirach in Salzburg in diesem Sommer gar nicht geurteilt werden, ohne zu urteilen, es bräuchte bloß im Dialekt über diese gesprochen werden:

— Hast Du die Festspielrede gehört?

— Von Schiach?

— Ja, die Schiach-Rede.

Es sind jetzt viele Touristinnen und Touristen im Land, die sehr neugierig sind, und es könnte eine vom Nebentisch, die ihr Bestellung aufgibt,

— Mozarttrüffeltorte mit Sahne –

— Mit Schlag?

— Sahne.

— Sahne ist Schlag.

— Dann mit Schlag.

fragen: Schiach?

— Häßlich.

— Häßlich heißt er?

— Nein, Schiach.

— S c h i -?

— S c h i 〈r〉 a c h !

— Ah, Schirach.

— Ja. Schi〈r〉ach.

So leicht kann es zu Mißverständnissen kommen, zu Verwechslungen. So leicht machte es sich auch Schirach. Mit seinem Beispiel aus der Türkei. Als er für seinen „Volkszorn“ als Beispiel Mitglieder der AKP-Partei mit dem „Volk“ verwechselte. Und er warnte davor, wie leicht das „Volk“ aufzusticheln sei, er sprach sich massiv dafür aus, das Recht gegen die Macht zu stellen. Nun, in Polen, gehen gerade diese Tage Zehntausende auf die Straße, für eine unabhängige Justiz, also für das Recht gegen die Macht. Wer stichelt sie auf, in Polen und in anderen Staaten? Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es muß ein Irrtum einbekannt werden, eine alte Platte

Wie verführerisch schön das Plattschäbige zu klingeln vermag

kann beim ersten Hören durchaus verführerisch schön klingen, aber dann …

PS Es wäre wohl zu einem Tumult gekommen, hätte Schirach über die Macht der Männer in Salzburg und also in Österreich gesprochen, über des Mannes Zorn gegen die Frauen, anhand des konkreten Beispiels, wie wenigen Frauen

2026 darf wieder eine Frau die Salzburger Festspielrede halten, vielleicht.

in Jahrzehnten das Recht eingeräumt wurde, die Festspielrede zu halten. Diese Frauen kann ein Mensch an einer Hand abzählen, und braucht dazu nicht einmal fünf Finger.

Und wenn es gar eine Frau gewesen wäre, die diese Rede gehalten hätte, mit Zornesröte und schwarzer Galle hätte sein, das schirachsche „Volk“, den Saal stampfend, brüllend, das Abendland dem Untergang geweiht sehend, spuckend und schreiend … nein, machtgemäß nicht, Anerkennung wäre ausgesprochen worden, die Frau ob ihres Mutes, hinzutreten vor die Macht des Landes, eine Rede, durchaus überlegenswert, wenn es die Staatsgeschäfte … die Männer der Macht sind doch ohne Zorn, und vor allem, Männer der Macht lassen sich nicht aufstacheln, sie besitzen Vernunft, sie haben Informationen, sie wägen ab, sind voller Sorge ob der Behandlung der Frau im „Volke“, besonders der Nachbeteiligung der Frau in den „Communities“ … sie, die Männer der Macht, schunkeln höchstens sanft und verständnisvoll zu Andreas Gabalier, diesem einfachen Manne aus dem „Volke“, der gelernt hat, wo der Platz der Frau ist seit Anbeginn der Festspielreden …

Schiache Rede

2026 darf wieder eine Frau die Salzburger Festspielrede halten, vielleicht.

Seit 1964 wurden drei Frauen eingeladen, die Festspielrede zu halten. In 53 Jahren waren es also gerade einmal drei Frauen. 2008 wurde die letzte Frau rangelassen. Das heißt über den Daumen gerechnet, nach dem Salzburger Festspieldurchschnitt (wenn aufgerundet) könnte es 2026 wieder so weit sein, abgerundet gar schon 2025, daß eine Frau rangelassen wird, vielleicht.

In dreiundfünfzigen  Jahren gab es zweimal keine Festspielrede und dreimal durften Frauen ran. Das ist wohl die „Macht der Frauen“, von der Schirach in diesem Jahr andeutungsweise in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele …

Und das ist verständlich. Eine Quote würde hier nichts bringen. Denn es geht um Qualität. Und die Qualität ist in Salzburg das gottgegebene Maß. Von welcher Qualität des Mannes Wort ist, dafür darf verwiesen werden auf die Würdigung der Festspielreden von 2014 bis 2017 …

PS Ein Mann wurde wieder ausgeladen. Er entsprach nicht den hohen ethischen Werten, die in Salzburg, in Österreich herrschen, und die vor allem von dem hohen Publikum der Festspielreden, kurz gesagt, uneingeschränkt … Was für ein schöner Beweis, die Ausladung eines Mannes, wie kein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht wird.

Ja, im Gegenteil. Es wurde keine Frau ausgeladen, sondern ein Mann. Was für eine Ungleichbehandlung wäre das gewesen, als Ersatz für den ausgeladenen Mann eine Frau einzuladen. Es mußte nicht gesucht werden, ein Mann für den Ausgeladenen fand sich sogleich.

Es könnte auch gesagt werden, in Salzburg, in Österreich wird die Gleichberechtigung gelebt, wie es die Festspielreden vorzeigen: zweimal keine Rede, einmal unabhängig vom Geschlecht ausgeladen, sind dreimal. Dreimal Reden von Frauen. Drei zu drei, das sind gelebte 50:50. Das ist Gleichbehandlung.

Salzburger Festspiele - Festspielreden - Nicht auf das Geschlecht nur auf die Qualität wird geschaut