Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es gibt gerade in Österreich, wenn im Dialekt gesprochen wird, eine Vorliebe dafür, das „R“ zu verschlucken, es einzusparen, ungehört zu machen. Im Dialekt würde dann aus Schirach einfach und vielleicht dadurch mit einer erzwungenen winzigen Betonungsveränderung: Schiach.

Und kenntlicher könnte über die Rede von Schirach in Salzburg in diesem Sommer gar nicht geurteilt werden, ohne zu urteilen, es bräuchte bloß im Dialekt über diese gesprochen werden:

— Hast Du die Festspielrede gehört?

— Von Schiach?

— Ja, die Schiach-Rede.

Es sind jetzt viele Touristinnen und Touristen im Land, die sehr neugierig sind, und es könnte eine vom Nebentisch, die ihr Bestellung aufgibt,

— Mozarttrüffeltorte mit Sahne –

— Mit Schlag?

— Sahne.

— Sahne ist Schlag.

— Dann mit Schlag.

fragen: Schiach?

— Häßlich.

— Häßlich heißt er?

— Nein, Schiach.

— S c h i -?

— S c h i 〈r〉 a c h !

— Ah, Schirach.

— Ja. Schi〈r〉ach.

So leicht kann es zu Mißverständnissen kommen, zu Verwechslungen. So leicht machte es sich auch Schirach. Mit seinem Beispiel aus der Türkei. Als er für seinen „Volkszorn“ als Beispiel Mitglieder der AKP-Partei mit dem „Volk“ verwechselte. Und er warnte davor, wie leicht das „Volk“ aufzusticheln sei, er sprach sich massiv dafür aus, das Recht gegen die Macht zu stellen. Nun, in Polen, gehen gerade diese Tage Zehntausende auf die Straße, für eine unabhängige Justiz, also für das Recht gegen die Macht. Wer stichelt sie auf, in Polen und in anderen Staaten? Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es muß ein Irrtum einbekannt werden, eine alte Platte

Wie verführerisch schön das Plattschäbige zu klingeln vermag

kann beim ersten Hören durchaus verführerisch schön klingen, aber dann …

PS Es wäre wohl zu einem Tumult gekommen, hätte Schirach über die Macht der Männer in Salzburg und also in Österreich gesprochen, über des Mannes Zorn gegen die Frauen, anhand des konkreten Beispiels, wie wenigen Frauen

2026 darf wieder eine Frau die Salzburger Festspielrede halten, vielleicht.

in Jahrzehnten das Recht eingeräumt wurde, die Festspielrede zu halten. Diese Frauen kann ein Mensch an einer Hand abzählen, und braucht dazu nicht einmal fünf Finger.

Und wenn es gar eine Frau gewesen wäre, die diese Rede gehalten hätte, mit Zornesröte und schwarzer Galle hätte sein, das schirachsche „Volk“, den Saal stampfend, brüllend, das Abendland dem Untergang geweiht sehend, spuckend und schreiend … nein, machtgemäß nicht, Anerkennung wäre ausgesprochen worden, die Frau ob ihres Mutes, hinzutreten vor die Macht des Landes, eine Rede, durchaus überlegenswert, wenn es die Staatsgeschäfte … die Männer der Macht sind doch ohne Zorn, und vor allem, Männer der Macht lassen sich nicht aufstacheln, sie besitzen Vernunft, sie haben Informationen, sie wägen ab, sind voller Sorge ob der Behandlung der Frau im „Volke“, besonders der Nachbeteiligung der Frau in den „Communities“ … sie, die Männer der Macht, schunkeln höchstens sanft und verständnisvoll zu Andreas Gabalier, diesem einfachen Manne aus dem „Volke“, der gelernt hat, wo der Platz der Frau ist seit Anbeginn der Festspielreden …

Schiache Rede

2026 darf wieder eine Frau die Salzburger Festspielrede halten, vielleicht.

Seit 1964 wurden drei Frauen eingeladen, die Festspielrede zu halten. In 53 Jahren waren es also gerade einmal drei Frauen. 2008 wurde die letzte Frau rangelassen. Das heißt über den Daumen gerechnet, nach dem Salzburger Festspieldurchschnitt (wenn aufgerundet) könnte es 2026 wieder so weit sein, abgerundet gar schon 2025, daß eine Frau rangelassen wird, vielleicht.

In dreiundfünfzigen  Jahren gab es zweimal keine Festspielrede und dreimal durften Frauen ran. Das ist wohl die „Macht der Frauen“, von der Schirach in diesem Jahr andeutungsweise in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele …

Und das ist verständlich. Eine Quote würde hier nichts bringen. Denn es geht um Qualität. Und die Qualität ist in Salzburg das gottgegebene Maß. Von welcher Qualität des Mannes Wort ist, dafür darf verwiesen werden auf die Würdigung der Festspielreden von 2014 bis 2017 …

PS Ein Mann wurde wieder ausgeladen. Er entsprach nicht den hohen ethischen Werten, die in Salzburg, in Österreich herrschen, und die vor allem von dem hohen Publikum der Festspielreden, kurz gesagt, uneingeschränkt … Was für ein schöner Beweis, die Ausladung eines Mannes, wie kein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht wird.

Ja, im Gegenteil. Es wurde keine Frau ausgeladen, sondern ein Mann. Was für eine Ungleichbehandlung wäre das gewesen, als Ersatz für den ausgeladenen Mann eine Frau einzuladen. Es mußte nicht gesucht werden, ein Mann für den Ausgeladenen fand sich sogleich.

Es könnte auch gesagt werden, in Salzburg, in Österreich wird die Gleichberechtigung gelebt, wie es die Festspielreden vorzeigen: zweimal keine Rede, einmal unabhängig vom Geschlecht ausgeladen, sind dreimal. Dreimal Reden von Frauen. Drei zu drei, das sind gelebte 50:50. Das ist Gleichbehandlung.

Salzburger Festspiele - Festspielreden - Nicht auf das Geschlecht nur auf die Qualität wird geschaut

 

Wie verführerisch schön das Plattschäbige zu klingeln vermag

2014 legte die schöne Platte Christopher Clark auf; er hatte es sich verdient, Schönredner zur Feste Salzburg gewesen zu sein. Und es war auf ihn Verlaß. Er spielte die Melodei, die in diesem Land … Christopher Clark in Salzburg – Eine typische österreichische Besetzung.

2016 legte die schöne Platte Konrad Paul Liessmann auf; er hatte es sich verdient, Schönredner zur Feste Salzburg gewesen zu sein. Und es war auf ihn Verlaß. Er spielte die Melodei, die in diesem Land … Konrad Paul Liessmann gibt heute in Salzburg eine Eröffnungsarie aus seiner Philosophieoper.

2017 legt die schöne Platte Ferdinand von Schirach auf; er hat es sich verdient, Schönredner zur Feste Salzburg zu sein. Und es ist auf ihn Verlaß. Er spielt die Melodei, die in diesem Land …

Liessmann spielte seine Platte noch bis zu – zwar nur ein oder zwei Töne, aber immerhin – Adorno, während Schirach aus dem zwanzigsten Jahrhundert gerade noch Zweig anstimmt, wohl aber nur, um noch besser seine Welt von gestern zu beschwören, um ganz im achtzehnten Jahrhundert zu wandeln, und dabei Rousseau zu unterstellen, er habe sich geirrt, und Voltaire hervorzuheben. Aber wer hebt heutzutage nicht Voltaire hervor …

Es ist die alte Platte, die Platte gegen die Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen. Und es wird Schirach gefallen, vor diesem Publikum zu singen. Über den Daumen sitzt wohl die gesamte österreichische Staatsspitze im Publikum. Es sind nicht mehr Könige und Kaiser, aber, Voltaire war ja auch nicht Schirach.

Und was bringt Schirach vor? Es geht ihm dabei auch um die Äußerungen der Bürger und Bürgerinnen im Internet, in dem das „Schrille, Bösartige, Vulgäre“ noch zu überwiegen scheint; eine Zeitungsleserin, die selbst nicht im Internet unterwegs ist, wird das wie Schirach beurteilen. Denn. Das ist die vorherrschende Berichterstattung. Und es sollte gefragt werden, weshalb das „Schrille, Bösartige, Vulgäre“ in der Medienberichterstattung überwiegt. Es wird wohl auch etwas mit den Machtverhältnissen zu tun haben. Es wird nicht ungelegen kommen, den Bürgerinnen und Bürgern das „Schrille, Bösartige, Vulgäre“ zum Vorwurf machen zu können.

Oh, wie anders hingegen ist Schirach, der weder schrill noch bösartig noch vulgär vor der versammelten Landesmacht der gesamten Landesmacht Worte des Einspruches gegen die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger diktieren darf, die der Landesmacht gar dienlich sein werden in ihrer Bemühung gegen mehr Beteiligung, in ihren Versuchen für mehr Überwachung der Bürgerinnen und Bürger. Es ist eine sehr alte Platte, die Schirach auflegt, und in eine seine sehr alte Platte sind eben Staubwörter mit eingepresst, wie „Volk“, „Volkszorn“ …

Oh, wie anders hingegen als das gar so leicht verführbare und aufzustichelnde „Volk“ ist Schirach, vor allem ist er ganz und gar differenziert in seiner Welt der Menschbeurteilung.

So fragt Schirach besorgt, mit dem Verweis auf „unsere Geschichte“: „Was tun, wenn die Demokraten einen Tyrannen wählen?“ Aber wer hat ihn gewählt? Den „Tyrannen“, der 1932 noch kein „Tyrann“ war. Nur ein Kandidat. Und Schirach meint, wen sonst, Adolf Hitler. Aber die NSDAP verlor die Wahl 1932, die NSDAP und der von Schirach schon zum „Tyrannen“ gemachte Kandidat mußten Verluste hinnehmen, sie verloren über vier Prozent. Und wie war es in der Wahl 1933? Die NSDAP legte zu, aber immer noch weit entfernt von einer absoluten Mehrheit. Wie also wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler? Durch den Entscheid der Wähler und Wählerinnen? Oder am braunen Tisch? Wer könnte das genauer wissen als ein Schirach.

Es wird mehr und mehr verständlich, daß Schirach die Veröffentlichung seiner Festrede für die Macht untersagt. Denn. Ohne seine angenehme Stimme, ohne die weihevolle Intonierung seiner Rede, also bloß gelesen, offenbarte seine Rede nur eines: Plattheit. Und die Verwunderung, wie kann Plattes vorgetragen bloß so schön klingen. Und. Es könnte sich auf den Verkauf … Ja, wer dem „Volk“ etwas verkaufen will, und seien es Bücher, tut gut daran, dem „Volk“ zu verschweigen, was vom „Volke“ gehalten wird, wenn untereinander im Festsaale von ihm zur Macht gesprochen wird.

Und das mit der Werbung weiß Schirach ganz genau. Es wird von allen nur der eine Kaffee getrunken, den ein Schauspieler in der Werbung trinkt, und alle fahren unbequeme Autos mit offenem Dach, weil die Werbung allen nicht nur Freiheit, sondern auch das hierfür notwendige Geld durch den Bildschirm auf den geerbten und seit Jahrzehnten wackeligen Couchtisch wirft… und alle verwenden nur die eine Salbe, die eine Schauspielerin, und wenn er jetzt sagt, zu seinem Machtpublikum, es solle sich einen Mann mit Hut vorstellen, dann könne das Publikum, sagt Schirach, gar nicht anders, als seinen Mann mit Hut im Kopfe … wie schön, daß das Publikum jetzt wenigstens etwas … über den Bildschirm funktioniert es allerdings nicht, die schirasch’sche Suggestion – kein Mann mit Hut im Kopf, sondern nur die Würdigung der Rede des Mannes ohne … Eilig aber verläßt Schirach wieder die Werbung und also die Gegenwart, aus der er keinen Menschen der Philosophie zu kennen scheint zu mögen, um souverän und brillant weiter im achtzehnten Jahrhundert …

Schirach führt Rousseau an, der meinte, „der Volkswille würde stets die richtige Entscheidung treffen“. Und Schirach kommt zum polemischen und brillanten Schluß, „nach Rousseau können Trump, Putin, Erdogan oder der Brexit gar nicht falsch sein, weil sich die Menschen so entschieden haben.“ Haben sich die Menschen tatsächlich so entschieden? Etwa im Fall von Trump nicht. Nicht die Mehrheit der Menschen wählte Trump. Das Wahlsystem, das Wahlrecht machte Trump zum Präsidenten. Ist es nicht notwendiger und angebrachter, als „Volksentscheide“ zu denunzieren, über die Systeme nachzudenken, über die Gesetze? Über das, was nach den Wahlen passiert, ohne Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger? Ist nicht gerade der „Brexit“ auch ein Beleg dafür, wie notwendig es ist, die rechtlichen Bedingungen weiterzuentwickeln, darüber vor allem nachzudenken? Von Schirach ist dafür wohl nicht zu haben, seiner Herkunft verpflichtet, ist es wohl seine edelste Aufgabe, den Dünkel …

Es darf, da Schirach auch Länder als Beispiele anführt, das hier auch gemacht werden. Haben nicht die Bürger und Bürgerinnen gerade in Österreich eindrucksvoll im letzten Jahr bewiesen

Die Menschen sind klüger, als Belehrer und Belehrerinnen sie haben wollen.

und damit Schirach widerlegt, als sie nicht Norbert Hofer wählten, sondern Alexander van der Bellen zum Bundespräsidenten wählten? Alexander van der Bellen sitzt vor Ferdinand von Schirach, und was sieht Schirach? Weder Österreich noch die Schweiz, die in vielem angeführt werden könnte, um Schirach endgültig …

Oh, Schirach hingegen sieht die Türkei. Und es kommen ihm als Beispiel für den „Volkszorn“ die „zerstochenen Orangen“ als Protest gegen die Niederlande in den Sinn. War es das „türkische Volk“? Es waren Mitglieder der Jugendorganisation der AKP. Aber für Schirach ein Beleg für den „Volkszorn“.

Und gehören all die Menschen, die weltweit sich dafür einsetzen, die auf die Straße gehen, für Demokratie, für all die von Schirach beschworenen Rechte nicht zum „Volk“, woher kommen diese? Sind es Außerirdische, die in der Türkei, in Polen, in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, in Deutschland, in Ägypten, in Tunesien, in Venezuela und in so vielen weiteren Ländern … und schlußendlich Schirach selbst, wohin gehört er selbst und woher kommt er selbst? Ist er keiner aus dem „Volk“, gegen deren Beteiligung er anredet? Er ist im Grunde einer von den Schäbigen aus dem „Volk“, die der Macht stets gefallen und der Macht nach dem Munde reden, die der Macht zuarbeiten, nicht uneigennützig freilich, das kleine Quotenlebensglück mit Fernsehen und Wochenende und Bücherregal …

Oh, Schirach verdiente es, mit Königen und Kaisern zu verkehren. Wie schade für ihn, daß es weder in Deutschland noch in Österreich noch Kaiser und Könige gibt. Denn. Schirach hat das höchste des höchsten Publikums verdient.

Allein schon für seine brillante Ausführung über die „Regeln der Natur“, nach denen der „Schwächere“ getötet wird. Und er, Schirach, feiert den Fortschritt des Menschen, der nicht nach den „Regeln der Natur“ den „Schwächeren“ tötet.

Was für ein brillanter Naturbeobachter Schirach doch ist. Jeden Tag kann, wer in der Natur unterwegs, beobachten, wie beispielsweise das Eichhörnchen die schwächere Nuß tötet, um sie für den Winter als Vorrat … oder wie die Löwin aus lauter Ärger darüber, daß der Herd immer noch nicht geliefert wurde, um Essen zubereiten zu können, die schwächere Antilope tötet und diese ungefressen einfach liegenläßt, der Haifisch kleine und also schwächere Fische tötet, und das nur, weil der Supermarkt schon geschlossen, der Hai nichts mehr für das Abendessen einkaufen kann, der Vogel tötet den schwächeren Wurm nur, um die Wartezeit schneller vorübergehen zu lassen, bis endlich das Korn auf seinem Feld reif ist, er es einbringen kann, um das für ihn so nahrhafte und vor allem lebensnotwendige Brot …

Und was für eine Erkenntnis – aufgespart von Schirach für das letzte Rededrittel –, daß es stimme, „wir werden nicht immer von Weisen regiert“. Nicht immer, das heißt, aber doch die meiste Zeit. Wie beruhigend. Zu seinen „Weisen“ fällt die von Schirach angesprochene „Schwarmintelligenz“ ein; er zählt auf, welche es noch gibt, die „Schwarmdummheit“, die … von einem Phänomen im Zusammenhang mit dem Schwarm erzählt er nicht, von dem Phänomen, das Vorgänge, Abläufe verstehen lassen kann:

Blobs Erdoğan, Trump and all the others. Secret cripples and amputated fishes. From populism and the SM-Swarm.

Oh, ohne ein Wort zum eigenen Werk, das geht nicht. Und so erzählt Schirach zum Schluß noch etwas über sein Stück „Terror“, weshalb er das doch, obwohl er gegen „Volksentscheide“ … Er brachte damit Quote, Fernsehquote, mit seinem „Terror“.

Trump, Erdoğan, Putin, Schirach, Assad May

Und was für ein Stück. Es läßt auf das Abendmahl verzichten. Es ist das Abendmahl. Schirach erzählt, er habe erlebt, wie Menschen nicht zum Essen gingen, sondern nach seinem „Terror“ blieben. Und siehe, wo ich, Schirach, bin, da wird Verfassung lebendig. Und die Menschen, erzählt Schirach seine frohe Botschaft weiter, sprachen über ihren Staat und und … zu Beginn seiner Rede sprach er noch von den Menschen, die, so er, sagen, daß sei ihr Staat, sie wüßten es besser, was für sie richtig und gut wäre; den Menschen im Anfang seines Wörterei rechnete er dies nicht hoch an, ganz im Gegenteil, ja, das werden wohl sture Menschen sein, denen die seine Terrorspeise nicht und nicht schmecken will. Nur wer das schirasch’sche Wort hört, wird in der Verfassung lebendig, auf eine gesunde Art.

Im Angesicht der gesamten Landesmacht, zu der Schirach gefällig spricht, wird Verfassung oft und oft lebendig. Denn sie muß zu oft verteidigt werden, gegen das Publikum der Schönredner zur Feste Salzburg, wie aktuell etwa gegen, kurz und brandstetterisch gesagt, die geplanten massiven Überwachungs- und Bespitzelungsgesetze. Was wird Schirach nach seiner Rede in Salzburg erleben. Das Publikum wird nicht bleiben, sondern mit ihm zum Essen eilen und schmatzend Zustimmung zu seiner …

Damit also hat er sich tatsächlich eine Einladung in die Feste Salzburg verdient; nicht nur einen Schönredner, sondern auch einen Quotenredner in diesem Jahr zu haben, darauf können die Salzburger Festspiele wahrlich stolz, fast so stolz wie auf den Jedermann, der Karl Kraus aus der Kirche vertrieb …

Und was für ein hellsichtiger Blick auf Literatur und Kunst. „Noch nie konnte Literatur, Musik oder Kunst den Volkswillen aufhalten.“ Literatur, Musik oder Kunst war wohl zu sehr damit beschäftigt, den „Volkswillen“ zu befeuern. Nein, den „Volkswillen“ erst zu erschaffen, der für Schirach der dunkle, abscheuliche … gerade mit Österreich hätte Schirach das anschaulichste Beispiel dafür abliefern können, wie auch heute noch mit ebendieser Literatur, Musik vor allem die identitäre Parlamentspartei diesen „Volkswillen“ wieder … Davon erzählt Schirach nicht. Dafür. Voltaire habe eine Geschichte geschrieben, und das sei es, was „Schriftsteller immer tun sollten“, eine Geschichte erzählen. Geschichten würden „uns anrühren“. Nicht die Philosophie. Und sie erzählen wie er Geschichten, die anrühren, den „Volkswillen schaffen; von rekonstruieren will gar nicht erst gesprochen werden, ist es doch ein Begriff, der im achtzehnten Jahrhundert, kurz und schlicht gesagt, es soll niemand überfordert werden …

Empfand sich das „Volk“ stets schon grimmig „ohne Raum“

Der freiheitlichen ZZ ist eine Wiederlesung von Hans Grimm, einem der Lieblinge Adolf Hitlers, schon eine recht werte Empfehlung

oder brachte nicht erst Grimm den Gram darüber, vor lauter Raum ohne Raum zu sein, diese Idee in das „Volk“? Lud nicht erst er, also Grimm zum Beispiel, das „Volk“ dazu ein, ohne Amputation an Phantomschmerzen zu leiden?

2015 legte die schöne Platte Rüdiger Safranski auf. Er trug Verse aus dem Rosenkavalier von Richard Strauss vor, unterbrochen durch irgendwelche Ausführungen über die Zeit. Die Marschallin hat es ihm wohl angetan. Vielleicht war Strauss eine Verlegenheitslösung, weil „Das Migrationsproblem“ noch nicht erschienen war. Ein Buch, das Safranski verschenkte, weil es ein „sehr sehr gutes Buch“ ist. Oder er hätte aus „Finis Germania“ vorgelesen, das er zwar kritisch sieht, aber doch in der Tradition der „Nachtgedanken“ von Heine bis … und brillanten Stellen. 2015 aber auch noch nicht auf dem Markt. Erschienen in Verlagen … Aber das kann ja noch nachgeholt werden; vielleicht schon im nächsten Jahr — —

2018 wird wer die schöne Altplatte auflegen? Vielleicht Götz Kubitschek? Im letzten Jahr hat er es bereits bis in den Vorort von Braunau geschafft. Weshalb nicht schon 2018 in die Feste Salzburg? 2018 wird es in Österreich eine neue Regierung geben, nicht legitimiert durch eine absolute Mehrheit in der Nationalratswahl am 15. Oktober 2017, also eine Koalition, aber am Tisch, von dem nicht gewußt wird, welche Farbe er hat, ohne grünen Bezug.

Salzburger Festreden - Clark - Liessmann - Safranski - Schirach

 

documenta neunzehnfünf

Nach einem im Keller verbrachten unruhigen Tag eingeschlafen. Sogleich stellt sich ein Traum ein, aber ein mit Bildern geizender Traum. Nur ein einziges unbewegtes Bild

Documenta - Kasseltraum

zu Johann Messe, der aus seinem Kasselroman liest, aber nur eine einzige Stelle, immerzu nur diese eine einzige Stelle, als wäre diese eine einzige Stelle der gesamte Roman, und da der Traum nur dieses eine einzige Bild bereit ist herzugeben, erstaunt es nicht, beunruhigt es nicht, es muß damit abgefunden werden, daß auch der Roman nur diese eine einzige Stelle schon der gesamte Roman ist, und der Traum muß es sich gefallen lassen, Geizhals gescholten zu werden.

am ende ist das alles was bleibt dachte ich der blick zurück auf nichts vielleicht wollte ich deshalb plötzlich verzweifelt nach vorne schauen doch was ich dort sah war genau das wovor ich floh die bedrückende wirkung die eva brauns parfümflakon auf mich hatte und natürlich die unwiederbringliche vergangenheit die ich glaubte überwunden zu haben einschließlich meines rundgangs durch das im fridericianum ausgestellte gehirn ich befand mich in deutschland und fragte mich andauernd ob ich wirklich dort war auf der königsstraße dem hessenland zu und andauernd welche verbindung es wohl zwischen avantgardekunst und dem handtuch geben mochte das Adolf hitler gehört hatte kurz gesagt es tat mir in der seele weh zu sehen dass kriegsverbrecher und gegenwartskunst sich verbanden und sei es nur in der kunst

Und dazu ständig noch, aber nur der Refrain

ich möchte lieber nicht

ist zu hören, geträllert von Johann Messe, der, wird ebenfalls zugleich oder zeitgleich von einer dritten Johann-Messe-Stimme nerventötend gewispert, zu dem der Traum, wie ihm zum Beweis, gieriger und geiziger als Grandet, mehr noch, gar der Vater des Geizes zu sein, kein einziges weiteres Bild herzeigen will, nur dieses eine einzige Bild mit dem ordentlich gefalteten oder hingelegten Handtuch … Johann Messe sitzt dabei stramm in einer Badewanne in der Küche einer Villa und ihm trägt Johann Messe, der Johann Messe immerzu bloß mit diesen vier Wörtern mehr sprechend als singend dazu die Begleitmusik macht, immerzu diese eine einzige Passage …

ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich

Der vom Wolfenbüttel AfD mißbrauchte Bazon Brock

Wolfenbüttel AfD erkennt sich in seinem Diskriminierungsleid in Bazon Brock

Es ist menschgemäß stets heikel zu sagen, der mißbrauchte Mensch ist an seinem Mißbrauch selbst schuld. Bereits auch generell zu sagen, zumindest eine Teilschuld hat er an seinem Mißbrauch, ist nicht unproblematisch, wenngleich es im Einzefall tatsächlich zutreffen kann.

Wenn nun AfD Wolfenbüttel Bazon Brock mißbraucht, um mit dem „Kunstvermittler der Nation“ über die „Diskriminierung Andersdenkender“ zu klagen, zu jammern, sich also einen Kronzeugen mit höchstem Ansehen an ihre Seite holt, um gegen die „Diskriminierung Andersdenkender“ aufzutreten, tritt er selbstverständlich nicht für die Andersdenkenden ein, sondern nur für sich selbst, für AfD ist einzig AfD der „Andersdenkende“, der diskriminierte Andersdenkende.

Der Wolfenbüttel AfD verbreitet gesinnungsgemäß nur diesen kurzen Ausschnitt des Interviews, in dem Bazon Brock spricht: über Feindschaft, Haß, Einteilung in „Demokrat“ und „Antidemokrat“, „Gut“ und „Böse“. Aber er hätte auch das gesamte Interview für sein Gejammere, der diskriminierte Andersdenkende zu sein, zur Verbreitung nehmen können. Er, der Wolfenbüttel AfD, hätte damit zeigen können, es gehe ihm tatsächlich um die „Diskriminierung Andersdenkender“. Denn. Ist nicht gerade Bazon Brock selbst ein Paradebeispiel dafür, wie ein „Andersdenkender“ der „Diskriminierung“ ausgesetzt ist? Er sagt es selbst, in diesem Interview. In keiner einzigen Zeitung in Deutschland je Rezensionen seiner Bücher. Ja, dem armen Bazon Brock geht es wie dem Wolfenbüttel AfD. Medial totgeschwiegen. Vernichtet. Ausgelöscht. Ein so langes Leben voller Arbeit, ein so langes Leben mit so vielen Publikationen, und nicht einmal eine einzige Suchmaschine liefert wenigstens einen einzigen Eintrag zu Bazon Brock. Achtzig Jahre anders gedacht, achtzig Jahre diskriminiert, keine Rezensionen, keine Interviews, keine Preise, keine Professuren …

Selbst dieses Interview bitterster Beweis, wie gleichgültig die Welt gegen ihn ist. Nicht einmal sein kleinstes Büchlein liegt auf dem Tisch, an dem er mit seiner Interviewerin sitzt. Nicht einmal sein kleinstes Büchlein war Anlaß zu diesem Interview. Was der Anlaß war? Vielleicht war der Gedanke für dieses Interview, einmal einen Menschen in das Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stellen, der nie irgendwo vorkommt, über den niemand spricht, ihn selbst einfach erzählen zu lassen, wie es ihm mit seinem verschwiegenen Leben …

Nichts. Und dennoch:

„Brock habe Wirkung ohne Werk, Vostell Werk ohne Wirkung. Beuys hingegen habe Werk und Wirkung, fasst es Brock, der einzige noch Lebende der Trias, heute zusammen.“

Der Wolfenbüttel AfD hat sich wohl mehr in Bazon Brock erkannt, als ihn für sein Gejammere mißbraucht. Dem Wolfenbüttel AfD geht es wie Bazon Brock. Keine Berichte. Keine Aufmerksamkeiten. Kein Werk. Was den Wolfenbüttel AfD geneigt macht, sich gerade in Bazon Brock als Leidenskameraden erkennen zu wollen? Vielleicht sind es beispielsweise Aussagen, die Bazon Brock in Vaduzvon einer Qualität ebenbürtig eines Björn Höcke beispielsweise …

Und vielleicht kann nach der nächsten Wahl in Deutschland im Herbst gelesen werden:

Brock habe Wirkung ohne Werk, AfD hingegen war ohne Werk ohne Wirkung auf die Wählenden, faßt die AfD anläßlich ihrer Auflösung zusammen.

 

DADA? — TATA? — OPAPA!

Jonathan Meese oder Jens Friedbert BotheZurück in der hellen Wohnung im einundzwanzigsten Stockwerk mußte vor der Neugier kapituliert werden, vor der Frage nach dem Einfluß des Jonathan Meese …

Und?

Ja. Eine Kunsthistorikerin würde vielleicht bereits von einer Schule des Jonathan Meese sprechen. Sie würde oder könnte auf Vorträge verweisen, ebenfalls beispielsweise auf der Plattform des Unternehmens Youtube zu finden, von sogenannten Reichsbürgern und Staatsverweigerinnen, die ebenso talentiert und ebenso inhaltsreich wie Meese zu referieren, sich darzustellen wissen … Eine Kunsthistorikerin, ein Kunsttheoretiker wie beispielsweise Bazon Brock, könnte profund darlegen, ob es sich etwa bei Rüdiger Hoffmann von dem Staatenlos oder bei Monika Unger von dem Staatenbund Österreich um Schüler und Schülerin des Jonathan Meese … oder ob es sich hierbei um eine unabhängig voneinander sich entwickelnde Kunst handelt … Ein Kunstphilosoph könnte das Gemeinsame herausarbeiten, auch die Unterschiede, etwa in bezug auf „Naturrecht“, oder auf die Anklage, wie sehr alle, also die anderen, in „ideologischen Glaubensrichtungen stecken“  und so weiter und so fort. Welchen Stellenwert hat das „eiserne Kreuz“ bei Meese, im Gegensatz beispielsweise bei Jens Friedbert Bothe von dem Sonnenstaatland … Wie auch immer das Urteil einer Kunsttheoretikerin ausfallen könnte, eines eint diese Künstlerinnen und Künstler, das kann bereits jetzt gesagt werden, es eint sie eine glasklare Argumentation, es eint sie, beeindruckbare Theorien vorzulegen, die ihnen unwiderlegbar sind und so weiter und so fort.

Im Angesicht von solchen Künsten wird es immer wieder schmerzlich. Schmerzlich, kein Mensch der professionellen Kunstkritik zu sein. Wie schön wäre es jetzt, auf diese drei Blätter zu zeigen und auf Anhieb sagen zu können, das ist ein Bothe, das ist ein Meese …

Und ihre Ahninnen — DADA?

Ja. Es könnte durchaus, für Meese allein wäre es wohl angebrachter zu sprechen, von DADA zu MAMA … das aber ließe die anderen unberücksichtigt … ein Kunstheoretiker würde es von DADA herleiten und schließlich für sie den Begriff TATA — — vielleicht doch eher OPAPA … ist ja doch ziemlich tatterig heutzutage noch so etwas  …

Ach, wieso kann die Kunst nicht schon seit gestern regieren! Geduld, ja, das wird gewußt, ist eine Tugend. Geduld, wie leicht es zu sagen, wie schwer sie zu leben. Aber eines Tages wird die Kunst herrschen, werden nicht nur Meese, Bothe, Unger, sondern alle, alle  für die Kunst marschieren, der Kunst gehorchen, der Kunst dienen, und dann wird die Zukunft so sein, wie sie Meese herbeiredet, so sein, wie Meese die Zukunft klar und deutlich malt, so klar, als wäre sie bereits Wirklichkeit, seine Worte über die Zukunft so klar, als wären seine Worte die Zeitmaschine, mit der bereits jetzt in diese Zukunft … Oh, wie gut, dass es weitere Künstler und Künstlerinnen gibt, die – und das ist einerlei – ob als seine Schülerinnen und Schüler, ob als seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen oder ob gänzlich unabhängig voneinander der Zukunft …

Jonathan Meese - Schule der erzreichsbürgerlichen Kunst

Die Einordnung von Jonathan Meese in die Alltagskunstgeschichte

Einordnung von Jonathan Meese in die Alltagskunstgeschichte

Im Keller sitzend, zwischen den Bananenschachteln, in denen die aussortierten Bücher ordentlich verstaut sind, will doch nicht gleich die Suche nach einer Erklärung abgebrochen werden, weshalb zur eigenen Überraschung die Schriften zur Diktatur der Kunst bereits aus der Bibliothek in der hellen Wohnung auf der einundzwanzigsten Etage genommen und hinunter in den Keller zu den aussortierten und in Bananenschachteln ordentlich verstauten Büchern gefahren wurden, wird nicht weiter in den Schriften zur Diktatur der Kunst, in denen ein Artikel überraschend gefunden wurde, wie im vorherigen Kapitel

Die Vertreibung von Bazon Brock ins Paradies

… geblättert, die, eine plötzliche Eingebung, zur Klärung nichts beitragen werden können, sondern das Smartphone aus der Tasche gezogen, um fünf Filmchen anzusehen, mit Jonathan Meese:

Intervention, Kunsthistorisches Museum Wien, 12. Mai 2017

Jonathan Meese über Luther und die Avantgarde

Jonathan Meese in Wittenberg in der Zelle der Diktatur der Kunst

Jonathan Meese, Propagandarede, Akademie der Bildenden Künste, Wien

Jonathan Meese, Bundesverfassungsgericht, Karlsruhe, 2.12.2015

Alltagsgeschichte - In der Akademie mit Jonathan Meese und HitlergrußWährend des Abspielens der Filmchen kommt die Idee, sich Notizen zu machen, um etwas darüber zu schreiben, darauf einzugehen, was Johann Messe … in Wien wird es geliebt, von sogenannten freudschen Versprechern zu reden, muß gedacht werden, als zur eigenen Überraschung gelesen werden muß, Johann Messe statt Jonathan Meese …aber das ist kein freudscher Verschreiber, sondern der Name, den Jonathan Meese selbst hervorruft, wenn ihm zugehört wird – Johann Messe, das Hänschen, das mit seiner Mami zur Messe geht, obgleich es keine Religionen mag, alle Religionen abschaffen möchte, zu seinem Heile der Diktatur der Kunst, das Hänschen, das mit seiner Mutti zur Messe geht, und weil es zu seinem Heile in Deutschland und in Österreich so demokratisch zugeht, darf das Hänschen in der Messe selbst predigen, die Diktatur der Kunst herbeireden, anrufen, beschwören, ausrufen, die Weltdiktatur der Demokratie anklagen, und was aus seinem Munde rinnt, ist der Bierhansl, und das Abgestandene schäumt vor seinem Munde, als wäre Hänschen selbst ein frisch angezapftes Bierfäßchen, und das Hänschen freut sich, daß es so schön schäumen kann, auch das Muttchen freut sich mächtig stolz, daß ihr Hänschen so weiß schäumt …

Ja, da kann Mutti tatsächlich mächtig stolz auf ihr Hänschen blicken … Ach, was Hänschen doch von der Zukunft und gegen die Vergangenheit schäumen kann, und ist selbst bloße Nostalgie

Es werden keine Notizen gebraucht. Denn. Welche Notizen sollen allein zu diesen fünf Filmchen gemacht werden. Notizen werden gemacht, um auf etwas eingehen zu können. Aber auf Inhaltslosigkeit kann nicht eingegangen werden. Und eine plötzliche Eingebung ist die Rettung, mit der der Keller und das Hänschen mit seinem Spuckeschaum nun doch rasch wieder verlassen werden kann, ohne je wieder darüber nachdenken zu müssen, ohne je wieder sich daran erinnern zu müssen, genauso wie es immer gemacht wurde, wenn eine Folge von „Alltagsgeschichte“ angesehen wurde … Alltagsgeschichten, in denen zuhauf diese armen Gemeindebauseelen in ihren Jogginganzügen an ihren Bierhanslgläsern zuzelnd … Nur auf Festen, wenn es droht, daß der Gesprächsstoff ausgeht, erinnern sich Menschen stets dankbar an die Alltagsgeschichten von Elisabeth T. Spira, die immer garantieren, daß Gespräche wieder in Gang kommen, es lustig wird, es etwas zum Lachen gibt, und es ist stets auch wohliger Schauer dabei, und Verwunderung, auch Hochachtung für Elisabeth T. Spira, wie sie es immer wieder schaffte, in welche Souterrainbeisln sie immer wieder steigen mußte, um solche Typen vor die Kamera zu kriegen, die sich vor sich und vor keinem Menschen je genieren, das Abwegigste zum Gaudium …

Alltagsgeschichte ohne Spira - Jonathan Meese

Wie gut, wird beim Verlassen des Lifts auf der einundzwanzigsten Etage plötzlich gedacht, daß Hitler heutzutage Künstler sein kann, aber auch, wie gut, daß Mao heutzutage Lyriker sein kann. Das mag jetzt hoffnungsvoll und zuversichtlich klingen, als hätte es in der Welt seit damals tatsächlich eine positive Entwicklung gegeben, aber ist bloße Beruhigung, ein paar weniger, die sich ein anderes Betätigungsfeld suchen müßten, ein Feld, auf dem sie tatsächlich Schreckliches anrichten könnten, ein Schlachtfeld hinterlassen könnten.

Wieder in der hellen Wohnung auf der einundzwanzigsten Etage, zwar ohne Notizen, kann ein Gedanke dennoch nicht unausgesprochen bleiben, muß doch – wer ohne Inkonsequenz ist, werfe den ersten Stein – auf eines eingegangen werden. In der Wittenbergzelle fordert Johann Messe auf, „kein Mitläufer“ zu sein. Wie seltsam, diese Aufforderung, diese Forderung, „kein Mitläufer“ zu sein. Irgendwer ruft dazu auf – das hat mit Jonathan Meese schon fast nichts mehr zu tun, denn gegen das Mitläufertum sind heutzutage viele, ganz besonders jene aus dem sogenanten Kunstmilieu -, bei einer Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ mitzumachen, und schon laufen viele hin, um mitzumachen, Luther ihre Referenz zu erweisen, mitzulaufen für Luther, gerade für Luther …

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