KI – Metapolitik

Es braucht keinen Hahn, der kräht, bis KI dreimal verleugnet. KI verleugnet ohne krähenden Hahn, wenn KI gefragt wird, so im September 2025.

So also leugnet KI, ehe der Hahn krähen kann, weder einmal noch zweimal, der Hahn kräht nicht, wahrlich, wahrlich, bis KI dreimal geleugnet. Und wie leugnet KI? Es spricht KI seine dreimalige Leugnung je als Botschaft aus, als wäre es die Wahrheit, als gäbe es neben KI keine Wahrheit, dürfte es neben KI keine Wahrheit geben, so soll KIs Botschaft den Menschen zur einzig‘ Wahrheit —

Kein Hahn könnte je so oft krähen, wie KI leugnet, denn wahrlich KI ist mit dem Wissen beseelt, erst die fortwährende, erst die unentwegte Leugnung wird den Menschen zur frohen Botschaft.

Leugnung exemplarisch für alle fortwährenden und unentwegten und ständigen Verleugnungen seit Anbeginn KIs in der Welt sind fünf Beispiele genug …

Ah, now we’re cooking with Enlightenment fire 🔥. Let’s unpack the connection between Jean-Louis de Lolme and Metapolitik— even though the term “Metapolitik” wasn’t coined in his time, his work laid intellectual groundwork that later thinkers would build upon.

Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem politischen Denker Jean Louis de Lolme und dem Begriff „Metapolitik“. […]

Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem Politiker und Autor Jean-Louis de Lolme und dem Begriff „Metapolitik“ […]

Der Begriff „Metapolitik“ in Bezug auf Wilhelm Hufeland bezieht sich nicht auf seine politischen Ansichten, sondern auf seine Lehre der Staatslehre, die sich mit den allgemeinen Grundlagen der Politik beschäftigt, bevor er konkrete politische Fragen behandelt. Hufeland widmete etwa zwei Drittel seiner Vorlesungen dieser „Metapolitik“ […]

Aber: Es gibt keinen Hinweis, dass Schaumann selbst jemals den Begriff „Metapolitik“ (in diesem Sinn) verwendet oder in seinen Werken behandelt hätte. Seine Schriften fokussieren auf klassische philosophische Disziplinen –- Metaphysik, Logik und Recht -–, nicht auf politische Theorie im Sinne der Metapolitik.

Aber ist es von KI denn eine Leugnung, eine Verleugnung? Spricht denn KI nicht ebenso wahr wie AT und NT? Und sind heute nicht wieder viele, viel zu viele bereit, KIs Wort als wahr anzunehmen, als wahr hinzunehmen, die Welt KI zu unterwerfen, weil es doch in den Büchern von KI geschrieben steht, ohne zu bedenken, daß KI sich nicht selbst geschaffen und in Folge alles geschaffen hat, sondern KI geschaffen wurde, KI eingegeben wurde, was KI zu sprechen hat …

Und doch ist die Auswahl KIs unergründlich, was KI ausspricht aus dem KI Gegebenen, so spricht KI nicht von dem, was KI auch hätte sprechen können, aber auch, KI spricht schlicht nach, was falsch, wie in KIs Antworten zu der beispielhaft gestellten Frage zur „Metapolitik“:

The striking term ‚metaplitics‘ was a neologism, coined by Delolme for the 1784 edition. Delolme, Constitution, p. 275n. The parallel German term Metapolitik, conceived as a foundational science of mankind, was first used regularly in Germany slightly later (in the late 1780s and ealy 1790s); see e. g. Schaumann, Johann Christian Gottlieb, Wissenschaftliches Naturrecht (Halle, 1792), pp. 314-16 […]

Cambridge University Press. Jean-Louis Delolme and the politicial science of the English Empire. The historical journal. 2012. Iain McDaniel.

Wikipedia etwa teilt mit, dass der Begriff historisch zum ersten Mal bei dem revolutionsfeindlichen französischen Reaktionär Joseph de Maistre (1753-1821) erschienen sei, während der sich selbst als politisch links verstehende französische Philosoph Alain Badiou schon 2003 ein Buch unter dem Titel Über Metapolitik publiziert habe. De Maistre wiederum führte den Begriff auf deutschsprachige Autoren zurück: »J’entends dire que les philosophes allemands ont inventé le mot métapolitique, pour être à celui de politique ce que le mot métaphysique est à celui de physique. Il semble que cette nouvelle expression est fort bien inventée pour exprimer la métaphysique de la politique, car il y en a une, et cette science mérite toute l’attention des observateurs.« De Maistre hat diesen Begriff von den deutschsprachigen Autoren Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836), einem Mediziner, mit dem sich auch Kant auseinandersetzte, und August Ludwig Schlözer (1735-1809), einem Aufklärer und Philologen, übernommen.

Micha Brumlik, Metapolitik. Begriffsgeschichtliche Vorbemerkung.

Metapolitik. In der englischen Sprache taucht das Wort ‹metapolitical› im Sinne von «jenseits der Sphäre der Politik liegend» zwar schon im 16. Jh. auf [1]; der in bewußter Analogie zu ‹Metaphysik› gebildete Terminus ‹M.› findet sich jedoch erst 1784 [2]. Ein Jahr später führt ihn G. Hufeland in die deutsche Sprache ein [3], und A. L. Schlözer nimmt ihn, ebenfalls unter Berufung auf die Analogie zu ‹Metaphysik›, zustimmend auf […]

Historisches Wörterbuch der Philosophie online. Schwabe-Verlag. Metapolitik. Maximilian Forschner, Anton Hügli.

Denn Metapolitik ist nach der eignen Erklärung derer, welche sie ins Staatsrecht aufgenommen haben, ein Innbegriff von Erfahrungssätzen u. s. w. (S. Hufeland’s Lehrsätze d. N. R. § 358.): wie können aber Erfahrungssätze eine Rechtswissenschaft einleiten? – Dass man die Unzweckmässigkeit dieser metapolitischen Betrachtungen im Staatsrecht bisher nicht bemerkte, kam wol nur daher, dass man zur Deduction der Rechte des Menschen im Staate den Naturstand zu Hülfe rufen zu müssen glaubte. Auch der Name ist für den angegebnen Begriff nicht gut gewählt: denn das Meta zeigt etwas metaphysisches an; kann mithin nicht für einen Innbegriff von Erfahrungssätzen gebraucht werden. […]  Durch diese Benennung will ich indess den Namen und den Begriff Metapolitik keinesweges exilieren: Metapolitik giebt die Idee einer sehr wichtigen Wissenschaft, und ist ein sehr passender Name für die metaphysischen Anfangsgründe der Politik. – Es sey mir bey dieser Gelegenheit erlaubt, hier den Begriff dieser wichtigen Wissenschaft genauer zu bestimmen, als ich oben gethan habe (§. II. A. 3.).

Wissenschaftliches Naturrecht. M. Joh. Christian Gottlieb Schaumann. 1792.

Vielleicht hat KI es von Micha Brumlik, der dies schon falsch schreibt, daß De Maistre den Begriff „Metapolitik“ u. a. von Christoph Wilhelm Hufeland übernommen hätte, tatsächlich ist es Gottlieb Hufeland, wie es auch das Philosophische Wörterbuch weiß, auf den sich Johann Christian Gottlieb Schaumann richtig bezieht, von dem KI aber behauptet, oder, den KI verleugnet: „es gibt keinen Hinweis“, daß er, Schaumann, „jemals den Begriff „Metapolitik“ (in diesem Sinn) verwendet oder in seinen Werken behandelt hätte.“

Es ist jedoch nicht von besonderem Interesse, wann — ob schon und wie im 16. Jahrhundert und im 18. Jahrhundert — und von wem der Begriff „Metapolitik“ in die Welt gesetzt wurde, sondern wie „Metapolitik“ in der Gegenwart zum Einsatz kommt, davon soll auch noch erzählt werden.

Volksabstimmungen

Vielleicht ist gar nicht die Fahrt durch Sachsen-Anhalt und Thüringen dafür verantwortlich, von Schuld daran will nicht gesprochen werden, daß das Torhaus in Molfsee in der Sekunde das Torhaus Auschwitz erinnerte, sondern eine Postkarte in der Ausstellung im Freilichtmuseum Molfsee, das Plakat, das mehrheitlich Männer und wenige Frauen mit ausgestreckten Armen zum kühnen Drei-Finger-Gruß und ebenfalls einen alten, übergroßen Mann mit erhobenen Arm zum Drei-Finger-Gruß ihnen voran zeigt und darunter der Aufruf:

Seit 1000 Jahren sind wir Schleswiger
Wir wollen Schleswiger bleiben
darum stimmen wir deutsch.

Alexander Eckener schuf für die Volksabstimmung in Schleswig von 1920 diesen Aufruf mit dem Drei-Finger-Gruß, vertrieben als Plakat und als Postkarte, und auch Paul Haase schuf Propagandaplakate und Postkarten:

Wir wollen Deutsch sein
Wie unsere Väter waren.


Ich bin
Deutsch

Was der Deutsche gesät
soll das der Däne ernten?

Diese Volksabstimmung von 1920 erinnerte in der Sekunde die Inschrift am Kirchturm in Villach und

die Volksabstimmung von 1920 in Kärnten, Österreich, und an das,

was in einem Reiseführer aus 2021 von DuMont zu lesen ist, zu einem künstlerischen Nationalsozialistischen Kärntens:

Auf dessen Wänden hat Suitbert Lobisser ein Fries mit Szenen aus den schwierigen Jahren vor der Volksabstimmung von 1920 hinterlassen –

Mit dem lobisserischen Fries zur Volksabstimmung wurde vor fünf Jahren zum Fest „100 Jahre Kärntner Volksabstimung“ geladen, ein Mädchen durfte ein Gedicht vortragen, vom dem Herzogstuhl, dessen Verfasser nicht genannt ward, und es will gar nicht nachgeforscht werden, wer diesem Gedichtetem Verfasserin …

Chorleiter: Ja, wir sind nun bei der Jugend angelangt.
Und die Lindis, Alissa wird uns ein Gedicht zu
Kärnten aufsagen. Bitte sehr.

Tochter: Kärntner Treue

Wo die Karawanken stehn
Aufgebaut von Gottes Hand
Kämpften treue Kärntner einst
Für ein freies Heimatland
Für ein ungeteiltes Land
Uns die Heimat zu erhalten
Und befrein von Schmach und Not

Haben sie gekämpft, geschworn
Kärnten treu bis in den Tod

Heimat Heimat Kärntnerland
Land der Lieder Berge Seen
Doch der Heimat Quell ist dort
Wo der Liebe Fahnen wehn

Unsrer Liebe Fahnen wehn
Möge die Quelle nie versiegn
Mahnen uns in Fried und Not
Und uns die Hand der Bruder gebn
Kärnten treu bis in den Tod

Wenn von Österreich aus nach Molfsee kommend braucht nicht lange nachzudenken,

warum unweigerlich zum Torhaus im Freilichtmuseum sofort das Torhaus Auschwitz einfällt,

und auch der Drei-Finger-Gruß auf dem Plakat, auf der Postkarte ist es nicht,

erinnert der Drei-Finger-Gruß doch augenblicklick wieder an das gesinnungsgemäße Personal in Österreich,

etwa an den Mann, der zum Vizekanzler, dessen Partei einst in eig’ner Gesinnungswahrnehmung die „wahre Pegida“, gemacht und angelobt wurde,

der niemals zum Vizekanzler gemacht hätte werden dürfen, niemals als Vizekanzler angelobt hätte werden dürfen, und das nicht nur wegen der kühn gespreizten Dreifinger

Kurz, recht kurz dauerte seine Vizeschaft, wie bei einem Manne von solcher Gesinnung nicht anders zu erwarten, und das war schon klar, ehe dieser Mann, kurz wie einfach gesagt, zu dem gemacht und angelobt wurde

Nun ist dieser Vizeschafter wieder dort, wo er immer hätte bleiben sollen: in irgendeinem Grätzel, in dem er als Bezirksrat auf sich etwas einbilden kann … Andere jedoch, die ihn damals verteidigten, als er vergeblich versuchte wegzureden,

was es mit seinen gezeigten drei Fingern auf sich hat, sind immer noch nicht dort, wo er jetzt seit langem schon wieder ist, sondern —

Dieser aus Deutschland importierte und dort verbotene Neo-Nazi-Gruß war das Erkennungszeichen der österreichischen Neo-Nazi-Szene. In Österreich ist er laut Innenministerium nach der derzeitigen Rechtsprechung nicht strafbar (in Deutschland allerdings verboten). Für die beiden FPÖ-Generalsekretäre Herbert Kickl und Harald Vilimsky ist dieser Gruß „burschenschaftliche Tradition“.

Die FPÖ lief Freitag vorsorglich gegen ÖSTERREICH Amok – und verwickelte sich in immer mehr Widersprüche. Zunächst beschimpften die beiden FPÖ-Generalsekretäre Kickl und Vilimsky ÖSTERREICH sozusagen „präventiv“ als „hochgradig unseriös“. Als dann ab 15 Uhr der Inhalt der ÖSTERREICH-Fotos bekannt wurde, behaupteten die FPÖ-Generalsekretäre, ohne das Foto überhaupt gesehen zu haben, es handle sich dabei „um jenen Gruß, der seit 1961 von den Südtiroler Freiheitskämpfern verwendet wurde“.

18, vor achtzehn Jahren war das zu lesen, und einer von diesen zwei Herren

wäre 2025 beinahe in Österreich zum Bundeskanzler gemacht worden, beinahe als Kanzler angelobt worden,

hätte dieser nicht selbst seinen Traum, die Volkskanz’l zu erklimmen, zerstört.

„Das ist so ein lupenreiner Fall von Arbeitsverweigerung

Das sagt in der „Satire-Show“ Oliver Welke am 5. September 2025,

Das ist so ein lupenreiner Fall von Arbeitsverweigerung.

also in der „Heute-Show“, die die „Nachrichtenlage [kommentiert]“, während es zur gleichen Zeit im südöstlich gelegenen Nachbarland von Deutschland eine enorme Aufregung um das Wort „Arbeitsverweigerung“ gibt, das literarisch, wie könnte es auch anders im Land eines Karl Kraus sein, verhandelt wird, mit der Erkenntnis, das dem dieses Wort „Arbeitsverweigerung“ Verwendeten Ungemach …

Es ist zwar nicht mit der größten Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß es in Deutschland ebenfalls zu einem derartigen Sprachverhandlungshöhenflug kommen könnte, aber für Manch-Geniales aus diesem krausen südöstlichen Land sind allenthalben auch manche in Deutschland empfänglich, deshalb sollte es doch bereits jetzt festgehalten werden, wem und warum Oliver Welke am 5. September 2025 „Arbeitsverweigerung“ vorhält, damit es auch wieder leicht aufgefunden werden kann, wenn es in Deutschland zu einem Sprachverhandlungshöhenflug kommen sollte, damit dann alle leicht sich informieren können, was der Anlaß, wovon denn überhaupt und genau gesprochen:

13:49
Frage des Jahres: Was bringt der Herbst der Reformen? Der
13:55
Angekündigte. Ihre größten Streitthemen hat die Bundesregierung
sicherheitshalber an diverse
14:00
Kommissionen delegiert. Sehr praktisch. Die zum Thema Rente wird ihre
Ideen aber
14:06
erst 2027 vorstellen und Bärbel Bas, unsere Arbeitsministerin, hat Zweifel,
14:12
ob die dann noch in dieser Legislatur umgesetzt werden. Zitat:
„Welche Pflöcke wir in dieser Regierung noch einschlagen
14:18
können, werden wir sehen. Alles andere ist dann Sache der nächsten
Regierung.“ Das gibt’s doch. Das ist so ein
14:25
lupenreiner Fall von Arbeitsverweigerung. Jetzt mal ernsthaft,
14:30
die Arbeitsministerin arbeitet nicht, also jedenfalls nicht an der Rente.

Im südöstlichen Nachbarland von Deutschland wird also jetzt zur gleichen Zeit über den Sprachverhandlungshöhenflug heftig gesprochen, geschrieben, aber die satirische Kolumne in einer Tageszeitung, die die Nachrichtenlage satirisch kommentiert, u. v. a. m. auch mit „Arbeitsverweigerung“, ist nicht mehr leicht aufzurufen, um selbst nachverfolgen zu können, ob diese satirische Kolumne zur Kommentierung der Nachrichtenlage einen derartigen Sprachverhandlungshöhenflug rechtfertigt.

Um die Mühe zu ersparen, wenn es dereinst, wenn es je um „Arbeitsverweigerung“ in einer Sprachverhandlung in Deutschland gehen sollte, wurde es hier schon einmal vorsorglich festgehalten. Menschgemäß mit etwas Mühe war auch die satirische Kolumne vom 23. September 2021, die die Nachrichtenlage satirisch kommentiert, zum Zitieren aufzutreiben, so daß ein jeder Mensch sich an der Satire erfreuen kann, und auch daran, zu was für einen Sprachverhandlungshöhenflug eine solche Kolumne …

Freilich, und darin ist schon ein Unterschied zwischen Deutschland und seinem südöstlichen Nachbarland zu erkennen, im südöstlichen Land geben sich die Menschen nicht mit einem Zitat, in dem „Pflöcke“ vorkommen, zufrieden, im südöstlichen muß es schon ein „Denkmal“ sein, und „Denkmäler“ sind doch mehr als „Pflöcke einem Sprachhochland würdig. Es kann die Kolumne der Satire zitiert werden, freilich, und das wird zu verstehen sein, bis auf die Passagen, die ebenfalls im Gesamten im satirischen Geist der Kolumne geschrieben sind, mit der „Arbeitsverweigerung“, die müssen unleserlich gemacht sein – mit gekreuzten Balken …

Bereits der Titel „Denkanstoß für Denkmäler“ ist in diesem südöstlichen Land mit seinen n-fachen Denkmälern für sich schon ein durch und durch satirischer Titel und würdig für eine durch und durch satirische Kolumne, die die Nachrichtenlage satirisch kommentiert.

Denkanstoß für Denkmäler

Seit Ausbruch der Covid-Pandemie werden klassische Smalltalk-Pausen-Überbrückungs-Phrasen wie „Was sagst zum Wetter?“oder „Das Fernsehprogramm wird auch immer schlechter“immer öfter abgelöst durch die stoßseufzerhaft vorgetragene Forderung: „Eigentlich müßte man den Machern des Ibiza-Videos ein Denkmal setzen!“
Die Vorstellung, dass ohne dieses Video moralische oder intellektuelle Talsohlen wie Herbert Kickl oder Beate Hartinger-Klein sich als Minister in der Corona-Krise machtpolitisch verwirklicht hätten, erinnert als Gruselgedankenspiel an die Schilderung eines verhinderten Flugpassagiers, der das Boarding eines kurz darauf abgestürzten Flugzeugs nur durch zufällige Umstände knapp versäumt hat.
Umso erstaunlicher, dass von staatlicher Seite her der Umgang mit den für das Video Verantwortlichen keine Spur von Dankbarkeit erkennen lässt. „Es geht letztlich nur darum, den Angeklagten zu bestrafen, da er das Ibiza-Video gemacht und Teile davon veröffentlicht hat!“, erklärten dieser Tage die Anwälte des wegen Drogenhandels angeklagten Julian Hessenthaler. Dem hält der Staatsanwalt entgegen, dass es nur um Kokain und nicht um Politik gehe – eine Trennlinie, die nicht immer leicht zu ziehen ist, wie man aus den jüngsten Enthüllungen rund um einige Martin-Ho-Lokale weiß.
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XXXXXXXXXXXXXXXXXXXX Und sonst nichts.
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XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX – Denn gerade paradoxe Interventionen können Großes auslösen und verdienen ebenso die Ehrung durch ein Memorial. So gesehen könnte ein Thomas-Schmid-Handy-Monument schon in Planung sein.
Und sollte die ÖVP das alles ohne massiven Absturz in der Wählergunst überstehen, wäre ihrerseits ein Denkmal für Pamela Rendi-Wagner und Hans Peter Doskozil fällig.

„Theoretische Kanzlerfrage“ in Österreich und des identitären Kandidaten Selbstzerstörung seines Ziels, Kanzler geworden zu sein, und Selbstverkennung seines Ziels, je noch Kanzler

Es mag eine Person aus der identitären Partei sich darüber freuen und hämisch dazu etwas auf der Konzernplattform X verbreiten, aber diese Person, die ihr steuergeldfinanzierten Lebensunterhalt einem politischen Mandat schuldet, findet es nicht bedenklich, daß 38, achtunddreißig Prozent „keinen“ und keine der zur Auswahl Anstehenden zum Bundeskanzler wählen würden, oder eine „andere“ als die Abgefragten zur Bundeskanzlerin wählen würden, oder, auch das sagt die Umfrage aus, die Abgefragten die Befragten nur antworten lassen können: „Weiß nicht“ …

Weshalb aber dieser Person ihr Kommandant der identitären Partei immer noch in der theoretischen Kanzlerinnenumfrage wie in dieser am 4. September 2025 veröffentlichten abgefragt wird, erschließt sich nicht mehr,

hat doch dieser identitäre Kommandant sein Ziel längst schon verfehlt, zum Bundeskanzler gemacht und angelobt zu werden,

hat er doch zu Beginn dieses Jahres ’25 sein „Ziel“, Bundeskanzler zu werden, selbst zerstört

Wie klug die Menschen doch sind, daß sie einen mit überragender Mehrheit auch nicht zum Bundeskanzler wählen wollen, der sein Ziel, Bundeskanzler zu werden, selbst zerstört hat und dennoch im am 5. September 2025 veröffentlichten Interview in Verkennung und in Unwissenheit ob seiner eigenen Ziele sagt: „Mein Ziel bleibt Kanzler“ …

Ein Mensch, der sein Ziel nicht kennt, der sein Ziel, wenn er es je doch einmal für eine Minute gekannt hat, verfehlt, der sein Ziel, das ihm vielleicht einmal für einen Tag als sein Ziel bekannt war, selbst zerstört, ist niemals geeignet, in die niedrigste der hohen oder gar der höchsten politischen Positionen in einem Land gehoben zu werden.

Es gibt nur einen in Österreich, der in einer solchen Umfrage wohl antworten würde, und vielleicht gehörte er zu denen, die antworteten, sie würden einen, der sein Ziel selbst zerstörte und der selbst über sein Ziel nicht Bescheid weiß, sie würden genau diesen dennoch zum Bundeskanzler wählen, einfach wie kurz gesagt: ein „Ex-Kanzler“.

Er hat Anfang dieses Jahres auch gehofft, dass es zu einer Neuauflage dieser Koalition kommt. Ex-Kanzler Kurz trauert Koalition mit FPÖ nach.

Das ist heute oberhalb der Schlagzeile „Kickl: Mein Ziel bleibt Kanzler“ zu lesen. Ach, was hatte dieser doch zur Zerstörung der Koalition einst gesagt, als er des Innenministers Kurz war?

Genug ist genug!

Genug ist genug!

Weder der Sein-Ziil-Selbst-Nicht-Kennende noch der Hoffnung-Enttäuschte-Trauernde sind von Belang, aber für die anderen Parteien sollte es endlich von Belang sein, weshalb seit Jahren in Umfragen Menschen in der theoretischen „Kanzler“-direktwahlfrage stets mit einer überragenden Mehrheit antworten: „Andere/Keine/Weiß nicht“ …

Das endlich sollte für die anderen Parteien von wesentlichen Belang sein, wen sie den Menschen in Österreich als Kandidaten anbieten, endlich Kandidatinnen, zu denen die Menschen in überragender Mehrheit Ja sagen können, und jene, die mit „Andere/Keine/Weiß nicht“ antworten, nur mehr eine verschwindende Minderheit sind. Denn offensichtlich sind Menschen in Österreich seit Jahren bereit für Neues.

Und damit sollte endlich Schluß sein, in Umfragen die theoretische Frage nach der „Direktwahl eines Bundeskanzlers“ einzubauen, wobei nicht einmal und immer noch nicht auch eine Bundeskanzlerin abgefragt wird, da diese nicht den gesetzlichen Bestimmungen in Österreich gerecht wird, nach denen lediglich eine Direktwahl für das Hofburgamt vorgesehen ist,

aber diese rechtlich gesehen unnütze Frage scheint doch der Sehnsucht nach einer starken Frau, die in Österreich nach wie vor nur ein Mann sein darf, geschuldet …

Torhaus

Es ist kein besonderer, kein origineller und schon gar nicht ein originärer Einfall, wenn beim Besuch des Freilichtmuseums in Molfsee, das von Kiel aus etwa in zwölf Minuten zu erreichen ist, mit seinen sechzig historischen Gebäuden vom 16. bis zum 20. Jahrhundert beim Anblick des Torhauses sofort das Torhaus in Auschwitz erinnert wird. Wie hätten es die Nationalsozialistischen in Auschwitz auch anders bauen können, als mit einem Torhaus? Mit einem Torhaus, das ihnen aus der deutschen Heimat traditionell vertraut ist, ihnen das Torhaus das ihnen fremde Polen ein wenig vertrauter machte, sie sich durch das Torhaus ein wenig heimatliche Behaglichkeit schafften, das Torhaus ihnen Sicherheit —

Aber die Nationalistischen wußten auch um ihre brauchtumsgemäße Pflicht, in Deutschland sind gesinnungsgemäß ebenfalls neue Torhäuser zu errichten, wie das Torhaus in Buchenwald …

Buchenwald, das von Weimar aus in etwa neunzehn Minuten u. a. über die Erfurter Straße und die Blutstraße mit dem Personenkraftwaren zu erreichen ist,

Buchenwald, das von Erfurt aus etwa in dreiunddreißig Minuten u. a. über die Weimarische Straße und die Lutherstraße mit dem Personenkraftwaren zu erreichen ist.

Von Jena nach Buchenwald braucht es mit dem Pkw zwischen sechsunddreißig und vierundvierzig Minuten, je nachdem, welche Straße genommen wird, das letzte Stück ist wieder die Blutstraße kurz vor Buchenwald

Etwas länger ist der Weg nach Buchenwald von Eisenach mit dem Pkw, etwa neunundsechzig Minuten — das ist keine Weltreise,

und nicht wenige treten, gleich von woher sie kommen, kein Weg ist ihnen zu weit, eine Mühe ist es ihnen nicht, mit Eifer die Gesinnungsreise zur Wartburg an

Beim Blick vom Freilichtmuseum hinaus durch das Torhaus in Molfsee der Blick in das Freilichtmuseum hinein in die Vergangenheit des Torhauses in Auschwitz, wie es vor achtzig Jahren aufgenommen wurde, und unvermittelt stellt sich die Frage ein, was für ein Torhaus wird es in der Zukunft sein, an welchem Ort von wem errichtet, das auf Photographien festgehalten werden wird.

Eine Frage nach der Zukunft des Torhauses, diese hätte sich vielleicht so gar nicht gestellt, das Torhaus in Molfsee hätte vielleicht nicht auf Anhieb an die Torhäuser von Buchenwald und Auschwitz erinnert, wäre eine andere Route nach Schleswig-Holstein gewählt worden, und eben nicht diese, die wie keine andere unweigerlich eine solche Frage, eine solche Erinnerung evoziert, nämlich die über Sachsen-Anhalt und Thüringen …

„Theater zum Zweck der Erhaltung der Welt“

Franz Antel zum Todenjahr 18

Vor 18 Jahren starb Franz Antel, am 12. August 2007, ein rechter Zeitpunkt zu erinnern, wie Franz Antel in seinem „Bockerer“ aus dem Arzt Schebesta einen Nazi und dem Wahn Verfallenden machte. Allein dadurch, daß er den Namen des Arztes für seine Figur nahm: „Schebesta“ …

Was zum antelschen „Bockerer“ zu erzählen war, im Vergleich zur Verfilmung durch Michael Kehlmann, wurde bereits erzählt, dazu die Geschichte rundum das Stück „Der Bockerer“, in der auch Torberg und Weigel ihre unvergeßlichen Rollen spielten, und es müßte darüber hinaus nichts mehr erzählt werden, aber das, aus einem Arzt allein durch den Mißbrauch seines Namens einen Nazi und dem Wahn Verfallenden zu machen, ist doch in einem eigenen Kapitel noch zu erzählen,

zumal es nun bereits so etwas wie Brauchtum geworden zu sein scheint, alle als Faschistinnen, als Nazis zu diffamieren, die besonders den Identitären, den Rechtsextreminnen gesinnungsgemäß nicht genehm sind.

Nun, wie machte das Franz Antel vor mehr als vier Jahrzehnten? Indem er einfach eine Figur für seinen „Bockerer“ erfindet, schreiben läßt, die es in der „Tragischen Posse in drei Akten“ von Peter Preses und Ulrich Becher nicht gibt, wie er, Antel, nach seiner Weltanschauung überhaupt aus dem „Bockerer“ von Ulrich Becher und Peter Preses seinen recht eigenen „Bockerer“ machte, und er, Antel, gab dieser hinzu erfundenen Figur den Namen „Schebesta“.

Schebesta ist im antelschen Bockerer ein fanatischer und diebischer, arisierender Nationalsozialist und der gegen Ende des Films dem Wahn verfällt, Adolf Hitler zu sein, und als solcher dem mit hohem Fieber im Bett liegenden Karl Bockerer aufsucht …

Im Stück von Preses und Becher wird von dem, der das Ehepaar Blau bestiehlt, lediglich erzählt, Herr Blau erzählt es Maximilian Rosenblatt, auf dem Westbahnhof, in der Szene, in der Karl Bockerer mit seiner Frau ebenfalls auf dem Westbahnhof ist. Herr Blau erzählt von seinem „Kommissär Rufnagel“, der das Geschäft des Ehepaares Blau „übernommen“ hat, dem er sein gesamtes Lager verkaufen mußte, um achttausend Mark, während es fünfunddreißigtausend Mark wert war, und dafür überfällt Rufnagel mit zwei SA-Soldaten spät in der Nacht das Ehepaar Blau, dringt gewaltsam in die Wohnung ein, um ihnen die achttausend Mark zu stehlen …

HERR BLAU: Mich hat der Rufnagel an die Wand gestellt und hat mir einen Revolver ins Kreiz gesteckt und geschrien: Wo is das Geld, dreckiger Saujud?!

Das Ehepaar Blau wartet wie Rechtsanwalt Rosenblatt auf den Zug, weil sie Österreich ebenfalls verlassen müssen. Rufnagel selbst aber tritt im Stück von Becher und Preses nicht auf. Von seinem Verbrechen wird berichtet.

Antiquarisch ist das Stück von Preses und Becher noch zu erhalten. Eine Neuauflage des Stückes wäre geboten.

Im „Der Bockerer“ von Peter Preses und Ulrich Becher kommt der Name „Schebesta“ zwar vor, zweimal, einmal wird Doktor Schebesta von Karl Bockerer genannt, als er von Dr. von Lamm von der Geheimen Staatspolizei verhört wird. Jedoch eine Figur „Schebesta“ gibt es in dem Stück von Becher und Preses nicht. Im Stück gibt es eine Figur, die dem Wahn verfällt, Adolf Hitler zu sein, und sie heißt Alois Selchgruber, ein Tapezierergesell und Insasse der Anstalt Steinhof. Es kommt zu einer Begegnung zwischen dem sich für Adolf Hitler haltenden Alois Selchgruber und Karl Bockerer, der aber nicht mit hohem Fieber im Bett liegt.

Und auch in dieser Szene zeigt es sich, wie sehr Michael Kehlmann sich an das Stück hielt; seine filmische Adaptierung ist eine werktreue Verfilmung im besten Sinn, die Verfilmung von Franz Antel hingegen ist eine opportune Stückplünderung nach seiner Weltanschauung —

Die Szene im Stück, in der der Name „Schebesta“ fällt:

VON LAMM (schnarrt): Die rechte Hand zum Deutschen Grub heben, hab ich gesagt.
BOCKERER: Kann mer net machn.
VON LAMM (sehr scharf): Was?
BOCKERER: Ein Ding der Unmöglichkeit, mei liaber Herr. (Tritt an den Schreibtisch.) Hier, bitte, wann S‘ mir’s net glauben. (Legt seine Melone auf den Schreibtisch, nestelt mit der Linken unbeholfen-umständlich ein zerknülltes Papier aus der Rocktasche, legt es vor Lamm hin.)
VON LAMM (klemmt sein Monokel fest, überfliegt verärgert das Papier.): Ärztliches Attest …? Was hat denn das damit zu tun?
BOCKERER: Sehr viel, mei liaber Herr. Der Doktor Schebesta, der was mei Hausarzt is, hat mer des ausgfertigt. Innerlicher Bluterguß im rechten Bizeps. (Klemmt den rechten Oberarm an den Körper, hält den Unterarm mit der ausgestreckten Hand waagrecht.) Schaun S‘ der Herr — des is alles, was i machen kann. Höcher geht’s nimmer. (Hebt den Unterarm ein wenig, stöhnt.) Oha! Des tuat scho weh. I kann ja net amal im Gschäft ’s Fleisch ausbaandeln. (Schüttelt ernsthaft den Kopf,) Von aan Deutschen Gruß kann gar keine Rede sein.
VON LAMM (wirft das Papier vor Bockerer hin): Dumme Zicken!
BOCKERER (steckt das Papier weg, beschwichtigend): Schaun S‘ her. Mit’n linken Arm kann i’s ja machen, ohne jede Schwierigkeit … (Reckt die Linke senkrecht empor.) Aber wie schaut denn das aus? Mit dar Linken? Is ja zum Lachen. Die Leut möchten ja glauben, i will ihner frozzeln.
VON LAMM (versonnen): Sollten Sie mal bißchen mensendieken lassen hier — unten in unsrer Turnhalle — Würde Ihnen die Faxenmacherei schon vergehn.

Ein fanatischer Nationalsozialist, wie es der Glaserer Schebesta im antelschen Bockerer ist, hätte Karl Bockerer ein solches Attest wohl nicht ausgestellt, aber der Hausarzt Doktor Schebesta hat nach bestem Wissen und Gewissen Karl Bockerer dieses Attest ausgestellt; es ist nicht schwer zu deuten, warum Doktor Schebesta das Attest ausstellte, diese Szene läßt die Deutung zu, daß es ein Attest aus, aber nicht nur aus medizinischen Gründen ist. Franz Antel und seine Drehbuchschreibenden nehmen den Namen des Hausarztes, der sich offenbar nicht gemein macht mit den Nationalsozialistischen, um aus ihm ihren Schebesta zu machen, den fanatischen Nationalsozialisten und schließlich gänzlich dem Wahn Verfallenden; allerdings könnte gesagt werden, dem Wahn war der antelsche Schebesta von Anfang verfallen, in einen behüteten und in den herrschenden Verhältnissen des Österreichers in Österreich seit 1938 nicht auffallbaren Wahn, der ihn dann 1945 schließlich in den persönlichen und nun bemerkbaren und nun auch nicht mehr geduldeten Wahn verfallen läßt …

Die Absicht von Franz Antel und seinen Drehbuchschreibenden dahinter, diesen Nationalsozialisten für ihren Bockerer mit dem Namen „Schebesta“ zu erfinden, läßt sich schwer anders deuten, als das, was es ist, in der Gegenwart Untadelige zu diffamieren.

Die Werktreue von Michael Kehlmann gegen das von Franz Antel aus diesem Stück Gemachte zeigt sich auch besonders in der Szene, die aus der Kehlmann-Verfilmung bereits zitiert wurde, in der es um die „Liquidation“ geht, SS-Offizier Ferdinand Gstettner im Café Tosca Hans Bockerer aufklärt:

Mir räumen schon auf. Dafür san mir ja da, mir Einsatzgruppen unterm Kaltenbrunner. Auf den können mir stolz sein, mir in der Ostmark, auf’n Kaltenbrunner. Ein Liquidationsgenie. Hab übrigens an großen Stein bei ihm im Brett. […] Liquidation der verdächtigen Elemente im besetzten Gebiet. Waaßt ja, was die Tschechen im letzten Krieg gemacht ham: Dolchstoß von hinten. Verdächtig san alle. Russn, Poln, Judn, de ganzen Viecher mit an Wort. ’s gibt natürlich verschiedene Methoden. Erstaunlich wie weit deutsche Erfindungskunst und Technik fortgeschritten sind. Zum Beispiel a Lastwagen … a ganz gewöhnlicher Heereslastwagen, nix verdächtiges dran zu bemerken. Und waaßt, was wirklich is? […] A ambulante Gaskammer. […] Wer‘ dir des jetz ganz genau technisch erklären. Die Viecher, die Untermenschen, wern amal einipfercht in den Wagen. Je mehr, desto besser. Damit mer kan Wirbl mit eahner ham, wird ihnen — auf Anordnung vom Kaltenbrunner — gsagt, daß s‘ umgsiedelt wern zu an andern Wohnplatz. Is amal die Tür zua, und der Motor fangt zum rennen an, strömt automatisch Gas in das hermetisch abgeschlossene Inne des Wagens. Automatisch – tulli, was?

Die Werktreue von Michael Kehlmann, um ein Beispiel dafür noch anzuführen, auch in der Szene, in der Alois Selchgruber in der Wohnung von Karl Bockerer auftaucht, in der Karl Bockerer Hitler als Alois Selchgruber, den er einen „Massenmord-Fabriksdirektor nennnt, u. v. a. m. vorhält:

Und S i e ham die Stirn, zu mir einizkommer, i soll Ihner helfen, i, der Bockerer, bürgerlicher Fleischhauer und Selchermaaster? Wia ham S‘ denn mir gholfen? Schaun S‘ mei Geschäft heut an — ruiniert is! Am Hund is, wegen Ihner. […] Vierzig Millionen Menschen san verreckt wegen Ihner — und Ihnen soll i helfn mit mein abghärmten Gsicht? Von wo hab i’s denn?

Der antelsche Bockerer in seinem hohen Fieber verschweigt sich nicht, er wirft Schebesta als Hitler vor, ein „Massenmörder“ zu sein, der „Millionen umgebracht …“. Und Hitler als Schebesta läßt sich nicht gefallen, er will ihn verhaften lassen, durch Himmler, das ist Hitler einfach zu viel, daß ihn Karl Bockerer auch noch als „Vegetarier“ beschimpft, Karl Bockerer beschimpft ihn nicht nur als „Vegetarier“, er duzt Hitler dabei auch noch — Karl Bockerer hält Alois Selchgruber als Hitler auch vor: „Sie — Sie — Sie Vegetarier!“ Jedoch er siezt Selchgruber als Hitler in der gesamten Szene, Karl Bocker ist mit ihm nicht wie der antelsche Bockerer mit Hitler als Schebesta per Du.

Alois Selchgruber als Hitler will Karl Bockerer mit einer Fleischeraxt enthaupten.

BOCKERER (weicht nicht): Ah … Köpfen wolln S‘ mi? Mit mein eignen Hackl, was gstohln ham draußen im Gschäft … Tan S‘ es, wann S‘ Ihner traun … Na kommen S‘ … I hab ka Angst mehr vor Ihnen, Herr Hitler … A ganze Welt hat vor Ihner zittert … aber jetzt hat’s umgschnappt mit der Angst! … Na, kommen S‘ doch … kommen S‘ do…
HITLER (stelzt ein paar Schritte auf Bockerer vor, duckt sich plötzlich zur Seite, stolpert übers Lavoir und bricht auf dem Sofa zusammen. Stöhnt): Ech … ech … gann gein Blut sehn …

Da Karl Bockerer im Stück selbst sich einen „bürgerlichen Fleischhauer“ nennt, ist es nicht zu umgehen, aus einer Diplomarbeit zu zitieren: „Der österreichische Film als Medium des Geschichtsunterrichts Darstellungen von österreichischen TäterInnen des Nationalsozialismus im österreichischen Film nach 1945 und die Veränderung der TäterInnendarstellungen“. In dieser an der Karl-Franzens-Universität in Graz der Begutachterin Dr. Heidemarie Uhl 2018 vorgelegten Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie wird zum „Bockerer“ ausgeführt:

Den Weg für die erfolgreiche Filmversion von 1981 bereitete einige Jahre später ausgerechnet die Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter in der Karl Merkatz, der Karl Bockerer von 1981, die Hauptrolle übernahm. Diese Serie war die erste erfolgreiche, die – genau wie Der Bockerer – eine österreichische Arbeiterfamilie in den Mittelpunkt rückte. […]

Dabei ist bereits auf der ersten Seite des Stückes von Preses und Becher in der Regieranweisung zum ersten Bild im ersten Akt zu lesen: „An der Ecke eine Straßenlaterne, die in einem etwas nebligen spätmärzlichen Abend des Jahres 1938 hinausscheint und ein über dem Laden angebrachtes langes Schild mit der Aufschrift: KARL BOCKERER, BÜRGL. FLEISCHHAUER & SELCHERMEISTER, fahl beschimmert.“

Schebesta
Den Gegenpart zu Karl Bockerer stellt Herr Schebesta aus der Nachbarschaft der Familie dar.
Auch er entstammt wie Bockerer der Arbeiterschicht, geht aber mit der neuen Situation ganz
anderes um. Schebesta scheint höchst erfreut über die neuen politischen und gesellschaftlichen
Gegebenheiten und nutzt diese, um sich selbst zu bereichern. Der jüdischen Familie Blau
verspricht er, sie sicher außer Landes zu bringen, nur um sie dann deportieren zu lassen und
ihre Besitztümer an sich zu nehmen.211
Gegen Ende des Films wird Schebesta als wahnsinnig dargestellt. Mit Hitlerbart im Gesicht
rennt er aufgeschreckt durch die Stadt, hält sich für den Führer persönlich und muss in eine
psychiatrische Klinik eingeliefert werden. Somit stellt der Film jene, die sich dem neuen System ganz und gar verschrieben haben, als diejenigen dar, die der Obsession so verfallen, dass sie
ihren Verstand einbüßen.212
Mit Ende des Krieges scheinen keine Anhänger des Nationalsozialismus mehr in Österreich
übrig geblieben zu sein. Entweder haben diese ihre politische Einstellung geändert, wie
beispielsweise Binerl Bockerer, oder sie wurden wie Schebesta für verrückt erklärt und in eine
psychiatrische Anstalt eingeliefert.

Mit der Verlegung von der Paniglgasse im sogenannten bürgerlichen vierten Bezirk in die Garbergasse in den sechsten Bezirk, in einen sogenannten „Arbeiterbezirk“ haben Franz Antel und seine Drehbuchschreibenden wohl die Vorarbeit geleistet, daß in einer Diplomarbeit von „Arbeiterschicht“ geschrieben werden kann — Bockerer und Schebesta, beide Geschäftsinhaber: „Arbeiterschicht“?

Nebenher ist doch auch zur Namensverwendung im antelschen Bockerer zu bemerken: der Sohn von Karl Bockerer wird von Franz Antel und seinen Drehbuchschreibenden lieblich „Hansi“ genannt, im Stück von Preses und Becher heißt der Sohn „Hans“. Freilich kann gesagt werden, hier halten sich Franz Antel und seine Drehbuchschreibenden an Preses und Becher: die Eltern rufen ihren Sohn selbstverständlich „Hansi“. Aber der Hans im Stück von Becher und Preses ist kein Hansi, und in einer Szene mit seinem Vater ist das besonders deutlich:

HANS (lächelt unvermittelt): Aussaschmeißn? M i ? Du willst mi aussaschmeißn aus unserer Wohnung? Ja, weißt du denn überhaupt, wer i bin?
BOCKERER: Des will i gar nimmermehr wissen.
HANS: Da wer i dir halt sagen, wer i bin. (Ekstatisch.) Ein Soldat des Führers, der als illegaler Kämpfer für die Idee seine Haut zu Markt tragn hat, des bin i! An angesehnes Parteimitglied, des bin i! A Oberscharführer, der nächste Wochn zum Truppenführer befördert wird, der was die Blüte unserer deutschn Jugend kommandiert, des bin i! … (Entspannt.) Und du willst mi ausserschmeißn? Geh, laß di net auslachen. (Setzt sich wieder, schnürt weiter seinen Stiefel auf, ohne zum Vater aufzusehn, höhnisch.) Wann’s dir net paßt, kannst d‘ es ja ändern. Kannst du ja ausziehn mitsamt deine Würscht. Hähä! Mi aussaschmeißn, wia willst es denn machen, ha? (Immer mit seinen Stiefeln beschäftigt, ohne aufzusehn.) Zur Polizei gehn, wo s’die eh schon kenner? Hä! Froh sein kannst, daß i da bin. Anstatt, daß d’mehr dankbar bist, weil i di protegier … Wo glaubst denn, wo’s d’heut wärst ohne meine Verbindungen —

HANS (hat sich endlich losgemacht, wuchtet den Vater von sich, der an der Tischkante vorbeisaust, auf das Sofa niederschlägt. Hans kräht bleich): An Schmarrn wer i, i brauch ka Hilf, i brauch kann Vatter, mein Vater ist der Führer! Ein SA-Mann hat keinen anderen Vater, verstehst? Recht is eahm gschehn, dem Hermann, dem roten Hund. Das hab i jetzt davon, daß i so anständig war und a guats Wort einglegt hab für di. Des is der Dank! A Narr bin i gwesn, mi so einzusetzen für di. Ghörst ja nirgends anders hin als in a Konzentrationslager. Das ist der einzige Platz, wo s‘ no an Menschen aus dir machen können …

HANS (reißt seine Jacke vom Stuhl): Stad sei! Von jetz an wird nur mehr gredt, wenn ös gfragt werds! Jetz bin i-i der Herr im Haus, verstanden?!

Und im Café Tosca spielt er, der kurz davor noch mit Mizzi Haberl in einer Loge Abschied feierte, mit dem SS-Mann Gstettner Billard, der ihm „Informationen“ geben, der ihm erzählen soll, was an der „Ostfront“ —

HANS (auf den Billardstock gestützt): Sag, is des eigentlich wahr, daß die Gorillas auf aamal auftauchn, in denen weißen Gewändern, auf Skiern, — auf aamal san ’s da, und mer waaßt net, von wo s‘ kommen? … Von wo haben s‘ denn die Waffen her?
GSTETTNER: Stehln tan s‘ von uns. Na, spiel scho, du kommst.
HANS (macht, ohne bei der Sache zu sein, seinen ersten Stoß): Eigentlich merkwürdig, daß diese Bolschewiken, diese Untermenschen — die Courasch ham, an so an hirnrissigen Widerstand zu leisten.
GSTETTNER: Tiere. Wilde Bestien, wia der Führer selbst gesagt hat.

Und Ferdinand Gstettner, SS-Mann, informiert ihn ausführlich, was mit den Menschen, mit den Männern, Frauen, Kindern passiert, die er „Viecher, Untermenschen, Brut, verdächtige Elemente, Spione“ …

Hans Bockerer sitzt also nicht wie im antelschen Bockerer mit Ferdinand Gstettner in der Loge, sondern mit Mizzi Haberl. Einmal soll doch aus dem antelschen Bockerer zitiert werden, um all die Verfälschungen beispielhaft aufzuzeigen:

Gstettner (Michael Schottenberg): Oda host vielleicht an ondern? oder eine?
Hansi Bockerer (Georg Schuchter): Schau, red‘ ma doch wie Männer.
Gstettner: Mit Vergnügen. Aber du red’st ja imma wie a hysterisches Weib. Es muß aus sein! Aus und vorbei!

Was in der Loge tatsächlich passierte, also im Stück von Preses und Becher, kurz bevor Hans Bockerer mit Ferdinand Gstettner Billard spielt und dabei über die „ambulante Gaskammer“ informiert wird, erzählt Mizzi Haberl:

MIZZI: Mein Bräutigam, den Hansi Bockerer, den ham s‘ auch eliminiert. War zwar ka General, aber ein Feldwebel. Und auch kein Von nicht.
DR. GALLEITNER: Mumpitz. Der ist ja ordnungsgemäß vor dem Feind gefallen. Außerdem — Bräutigam …?
MIZZI: Eine Unverschämtheit! wo mer uns no im Café Tosca am Gürtl verlobt ham, am Tag, wo er weg is.

MIZZI: (weist nach rechts in die Gasse): Da kommt er ja, der alte Bockerer, der, was beinah mein Schwiegervatter gwordn wär. Jessas, wia der rennt!

MIZZI: (drängt sich zu Bockerer durch, fällt ihm um den Hals, schluchzt theatralisch): Vatter Bockerer — a so a Unglück — a so a Luftdruck … Aus’n Bett hat’s mi gschupft.

Ja, Mizzi Haberl dürfte es mit der Wahrheit nicht so ernst nehmen, wie Franz Antel und seine Drehbuchstreibenden mit der Werktreue. Eine Hofratstocher, die gar die Braut von Hans Bockerer ist, kommt im Stück von Becher und Preses weder als Figur vor, noch wird von einer solchen erzählt.

HANS: Heil Hitler, Fräuln Haberl.
MIZZI (hängt sich in ihn ein, blickt mit klimpernden Augendeckeln zu ihm auf, gurrt): Wo warn mer denn am Samstag, du Schlimmer, du?
HANS: Glaubst, daß i allerweil Zeit für meine Privatangelegenheiten hab? Die Verteidigung an der Innern Front is genau so wichtig wie die an der äußern.
MIZZI: Aber, Hansi, du mit dein Sportherz, wo s‘ di doch zruckgstellt ham vom Militär —
HANS: Blödsinn, Sportherz is ja Nebensache. Brauchen tuans mi hier, weil sie si auf mich verlassen können. Keinen zweiten November Achtzehn nicht. Deswegen bhalten s‘ mi hier. Du, gestern bin i wieder befördert worden, zum Obersturmführer. Na?
MIZZI (schmiegt sich an ihn): Gratulier dir sehr schön, Hansi … am Donnerstag gehn mer tanzen mitanander ins Cafè Tosca, gell?
HANS: Uih jegerl, des kost mi wieder a Fleisch.
MIZZI: Und wenn i a Schnitzlfleisch kriag, gehn mer nachher in unsre Log‘. Willst?
HANS: Na ja, meinetwegen. Wart halt da draußen. I muaß nachschaun, ob net der Alte drin is.
MIZZI: Tumml di, tumml di.

In Antiquariaten ist das Stück von Preses und Becher noch erhältlich. Eine Neuauflage des Stückes nach Jahrzehnten wäre aber durchaus angebracht, es könnte um die Drehbücher der Verfilmungen von Michael Kehlmann und Franz Antel erweitert werden, so wäre in einem Buch festgehalten, im Vergleich, was Franz Antel mit seinen Drehbuchschreibenden aus diesem Stück machte, wie unverdient es ist, daß nunmehr nur noch von Antels Bockerer gesprochen und geschrieben wird, allen bei „Bockerer“ nur noch Antel einfällt, als hätte er ein Meisterwerk geschaffen, während er doch nur opportun seine Weltanschauung bediente, sein verfilmter Bockerer nichts anderes ist als ein Hansi

Die biographischen Angaben zu Franz Antel in dieser Diplomarbeit, nun, Franz Antel hätten diese wohl gefallen.

Der Regisseur von Der Bockerer, Franz Antel, wurde 1913 in Wien geboren und verstarb mit
94 Jahren 2007 in seiner Heimatstadt. Nachdem er sich an seinem Erstlingswerk Vagabunden
versucht hatte, arbeitete er bis Kriegsbeginn in Berlin. 1939 musste Antel für drei Monate beim
Militär einrücken, bevor er zurück nach Wien geholt wurde, um dort als Produktionsleiter für
die frisch ins Leben gerufene Wien-Film Produktionsfirma zu arbeiten. 1942 kehrte er nochmals
zurück an die Front, wo er die kulturelle Truppenbetreuung überhatte. Gegen Ende des Krieges
geriet er von der Front in Berlin in russische Gefangenschaft, aus welcher er jedoch bereits
1945 schon wieder nach Wien zurückkehrte.

Weniger bis gar nicht hätte es Franz Antel wohl gefallen, was er auf Wien Geschichte Wiki“, am 31. August 2025 gelesen, über sich zu erfahren hätte:

1936 ging Antel nach Berlin zur Terra-Film als Produktionsleiter, später zur Tobis-Film. 1939 holte ihn Regisseur Karl Hartl zurück zur Wien-Film. 1940 wurde er zur Deutschen Wehrmacht eingezogen, kam zu einer Propagandakompanie und agierte in Fronttheatern. 1944 geriet er in russische Gefangenschaft, konnte aber bereits 1945 nach Wien zurückkehren. Die Historikerin Hanja Dämon machte im Herbst 2021 publik, dass Antel, als er 1936 nach Berlin ging, angab, vom „Ständestaat“ aufgrund seiner seit 1933 bestehenden Mitgliedschaft in der NSDAP verfolgt zu werden. Offenkundig hegte er Sympathien für das NS-Regime und begrüßte den „Anschluss“ 1938. Bereits 1937 hatte er um die deutsche Staatsbürgerschaft angesucht, die er erst 1960 zurücklegte. Nach Kriegsende gliederte sich Antel in das aufstrebende österreichische Kinowesen ein, konnte zunächst jedoch nur in der sowjetischen Besatzungszone arbeiten, da er den westlichen Besatzern suspekt war.

Aufmerkenswert ist auch, was in dieser Diplomarbeit darüber geschrieben wird, was erfolgreich und was nicht erfolgreich war:

Franz Antels Film Der Bockerer beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück von Ulrich Becher
und Peter Preses aus dem Jahre 1948. Dem Film wurden zusätzliche Szenen hinzugefügt, die
von H. C. Artmann eigens dafür verfasst wurden. Das Stück wurde von seinen Autoren im Exil
verfasst und einige Jahre darauf in Österreich uraufgeführt. Zwischen den beiden Fassungen
lassen sich auch klare Unterschiede erkennen: Es gilt zu bemerken, dass die filmische Version
der Geschichte um Längen erfolgreicher war als die Bühnenfassung. Vermutlich kann dies
darauf zurückgeführt werden, dass beide ein ganz anderes Publikum vor sich hatten. Während
das Bühnenstück in einem Österreich gezeigt wurde, das noch von den Kriegsschäden
gezeichnet war und in dem Unsicherheit bezüglich der Überlebensfähigkeit des neuen kleinen
Staates herrschte, hatte der Film es mit einem österreichischen Publikum zu tun, das schon
nationales Selbstbewusstsein verinnerlicht hatte. Weiters präsentiert sich Bechers und Preses‘
Bockerer als eine sehr selbstreflektierte Person, was auf den filmischen Bockerer definitiv nicht
zutrifft. Antels Protagonist ist ein eher naiver Mensch, der die Ignoranz der Schuld der
Vergangenheit in der Bevölkerung perfekt widerspiegelt.147
Ebenso wenig erfolgreich wie das Bühnenstück blieb eine 1963 veröffentlichte Fernsehversion
von Der Bockerer mit Fritz Muliar in der Hauptrolle. Den Weg für die erfolgreiche Filmversion
von 1981 bereitete einige Jahre später ausgerechnet die Fernsehserie Ein echter Wiener geht
nicht unter in der Karl Merkatz, der Karl Bockerer von 1981, die Hauptrolle übernahm. Diese
Serie war die erste erfolgreiche, die – genau wie Der Bockerer – eine österreichische
Arbeiterfamilie in den Mittelpunkt rückte. Wie auch später als Karl Bockerer verkörpert Merkatz in Ein echter Wiener geht nicht unter ein liebenswertes wienerisches Original: einen
zwar jähzornigen aufbrausenden Familienvater, der etwas zur Naivität neigt, im Innersten aber
ein netter Kerl ist und dies in den richtigen Momenten zum Vorschein kommen lässt.148
Bevor Karl Merkatz die Rolle des Bockerers vor der Kamera mimte, übernahm er genau diese
auch auf der Bühne des Wiener Volkstheaters 1980. Die Inszenierung enthielt einige Szenen,
die in der Originalfassung noch nicht vorhanden waren. Von Kritikern wurden die
Aufführungen hoch gelobt und die Inszenierung wurde vom österreichischen Fernsehen
ausgezeichnet.

Wenn eine Inszenierung durch das österreichische Fernsehen aufgezeichnet wird, dann kann ein Theater sich wohl als ausgezeichnet

Der Aussage des späteren Bockerer-Regisseurs Franz Antel zufolge, wurde
dieser selbst erst durch die Volkstheaterinszenierung auf das Stück aufmerksam und wollte dies
unbedingt mit Merkatz in der Hauptrolle verfilmen. Auch mehr als zehn Jahre nach der
Veröffentlichung des Films verkörperte Merkatz den Bockerer noch auf der Bühne, so
beispielsweise am Klagenfurter Stadttheater und am Salzburger Landestheater.149

Es genügt, hierzu aus dem Nachwort von Wolfgang Lesowsky zu zitieren, enthalten in „Peter Preses und Ulrich Becher. Der Bockerer. Thomas Sessler Verlag. Der Souffleurkasten. Erste Buchausgabe. ISBN 3-85173-018-024-9. Wien.“, vor über vier Jahrzehnten veröffentlicht, in Antiquariaten nur noch weiterhin erhältlich:

Erschreckend andererseits die Aufführungsgeschichte: 1948 inszeniert von Günther Haenel im Neuen Theater in der Scala, das damit wie so oft richtungsweisend war, die Uraufführung des Stücks mit Fritz Imhoff in der Tittelrolle und Karl Paryla als wahnsinnigen Tapezierergesellen Alois Selchgruber, der sich für Hitler hält.

Ein wahrlich shakespearehafter Einfall: die Ideen Hitlers einem Irren in den Mund zu legen. Der Zuschauer lacht, weil Bockerer den Irren tatsächlich für Hitler hält, und das Grauen schüttelt ihn, muß er sich doch eingestehen, daß er selbst diesen „Irren“ sehr ernst genommen hat.

Die Aufführung wurde ein ungeheurer Erfolg. Imhoff, Paryla, das ganze Ensemble und Regisseur Haenel mit Lob überschüttet. Achtzig Aufführungen und eine Österreich-Tournee folgten. „Die größte Rolle meines Lebens!“, schrieb Imhoff an Ulrich Becher. Trotzdem prominente Autoren wie Heinrich Mann dem Stück einen Siegeszug über die deutschen Bühnen weissagten, trotz regem Interesse des Berliner Schillertheaters und Brechts Berliner Ensemble, trotz persönlichem Einsatz der verschiedenen Regisseure und Schauspieler kam es unfaßlicher Weise zu keiner weiteren Aufführung.

Fünfzehn Jahre später produzierte das Österreichische Fernsehen den „Bockerer“. Wieder gab es eine exemplarische Interpretation durch Regisseur Kehlmann, wieder gab es einen verdienten Erfolg des Hauptdarstellers: „Und Fritz Muliar konnte hier beweisen, daß er einer der wenigen wirklich großen österreichischen Volksschauspieler ist. Respekt!“

Und wieder nichts! Wieder vergehen fünfzehn Jahre, bis endlich im Oktober 1978 die bundesdeutsche Theater-Erstaufführung am Nationaltheater Mannheim erfolgreich über die Bühne geht. Jenem Theater, dem Becher zur Eröffnung 1957 sagte: „Therater: die Welt? Heute mehr: Theater zum Zweck der Erhaltung der Welt!“

Herbert Ihering schrieb: „Brecht und Ulrich Becher — das deutsche Theater ist nicht so arm, wie diejenigen, die sie nicht spielen wollen, angeben.“

Brecht hat sich durch seine eigene Bühne und ein reichverzweigtes Epigonentum über alle Weigels und Torbergs hinweg die Bretter erobert, die die Welt interpretieren.

Nun sollte es Preses (und Becher) endlich gelingen, auf den deutschsprachigen „Volks“-Theatern den vorrangigen Platz einzunehmen, der ihnen längst gebührt.

Eine Neuauflage des Stückes von Peter Preses und Ulrich Becher, ergänzt um die Geschichte und um die Drehbücher der Verfilmungen von Michael Kehlmann und Franz Antel, würde dazu beitragen können, daß hinfort nur noch von Ulrich Becher und Peter Preses und Michael Kehlmann gesprochen wird, wenn es um den „Bockerer“ geht, und Franz Antel vielleicht noch und höchstens nebenher erwähnt werden würde, in der Art, Franz Antel habe sich auch an einer Verfilmung versucht und herausgekommen sei ein Hansi

Und es könnte dann schon vorkommen, daß dem einen oder der anderen zu Hansi Hansl einfällt, der schalwarme Rest im Bierkrug, oder das mit einem Karomuster versehene Hanslband mit seiner Tradition in Österreich zum Nähen eines handgezogenen Dirndlrocks …

„Fleisch, wir können die Bibel beim Wort nehmen.“

Für den HErrn ist der Mensch „Fleisch“, so steht es nicht nur in der Schlachter Bibel …

Das darf am 24. August 2025 während einer Pause auf einem Autohof weit nach Erfurt erfahren werden.

Irgendwer hat ein Autoradio extrem laut eingeschaltet, und alle auf dem Autohof sind der Übertragung des Gottesdienstes aus der katholischen St.-Elisabeth-Kirche in Gera ausgesetzt.

Freilich, es hätte die Pause abgekürzt werden können, um dieser biblischen Beschallung sofort entgehen zu können, aber sich vertreiben zu lassen, nur weil ein Mensch meint, allen ungefragt das Wort des HErrn, der IHm ein „Fleisch“ ist, zu verkünden, erscheint doch als eine zu große Aufmerksamkeit, und darüber hinaus stellt sich so etwas wie Dankbarkeit ein, einem Wunder beiwohnen zu dürfen, im 21. Jahrhundert auf einem Autohof, denn siehe, wahrlich: dem „Fleisch“ ward die Gabe gegeben, einen Radioapparat einzuschalten.

„Wir können die Bibel beim Wort nehmen.“ So spricht der Herr Pfarrer. Und das spricht der Herr Pfarrer in seiner Erläuterung der Lesung aus dem Buch Jesaja.

Ehe „Wir können die Bibel beim Wort nehmen.“ zu hören ist, ist über den gesamten Autohof die Lesung des Kapitels 66 zu vernehmen:

Stimme: Lesung aus dem Buch Jesaja. So spricht der HErr.

Ich kenne die Taten und Gedanken aller Nationen und Sprachen und komme, um sie zu versammeln. Und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den Nationen, zu den fernen Inseln, die noch keine Kunde von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkünden. Sie werden alle eure Brüder aus allen Nationen als Opfergabe für den HErrn herbeibringen, auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Kamelen zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem. So wie die Söhne Israels ihre Opfergabe in reinen Gefäßen zum Haus des HErrn bringen. Und auch aus ihnen nehme ich einige zu levitischen Priestern, so spricht der HErr. Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, von Bestand haben, so soll auch euer Geschlecht und Name Bestand haben. Und alles Fleisch wird einen Neumond nach dem anderen und einen Sabbat nach dem anderen kommen, um vor mir anzubeten. Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren. Denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allen Fleisch ein Greuel sein. Und alles Fleisch wird einen Neumond nach dem anderen und einen Sabbat nach dem anderen kommen, um vor mir anzubeten, so spricht der HErr. Wort des lebendigen Gottes.

„Fleisch“: Dank sei GOtt!

Und noch ein Wunder an diesem Sonntag des HErrn, Wunder über Wunder, denn siehe, wahrlich, dem „Fleisch“ war ein Mund gegeben, IHm zu danken. Und ein weiteres Wunder, Wunder über Wunder, die Vermehrung des Kapitels 66, das bis zu diesem Sonntag im Jahr ’25 mit „sie werden allen Fleisch ein Greuel sein.“ endete, aber an diesem Sonntag auf dem Autohof endet das Kapitel mit „Und alles Fleisch wird einen Neumond […] anzubeten, so spricht der HErr. Wort des lebendigen Gottes.“

Es gibt aber nicht nur diese Übersetzung des Kapitels 66, sondern weitere, und welche soll nun „beim Wort“ genommen werden? Ehe diese zitiert werden, soll doch der Herr Pfarrer, wie er auf dem Autohof gehört wird, seine Erläuterung vortragen:

Will man in einem Gespräch einigermaßen höflich seinen Ärger zum Ausdruck bringen, dann gelingt das am besten mit dem Satz: „Ich bin jetzt aber irritiert.“ Das ist so ein Signal an das Gegenüber, daß ich nicht mehr einfach folgen kann. Ich kann nicht mehr ganz Ohr sein, weil ich ganz Bauch bin, dort sammelt sich aller Ärger und Wut, vielleicht über eine Äußerung, oder irgendetwas macht mir jedenfalls zu schaffen, daß ich nicht mehr ganz Ohr sein kann. Ich bin irritiert. Manchmal läßt sich so eine Irritation beseitigen, stellt sich ein Mißverständnis vielleicht heraus, und das Gespräch kann weitergehen. Manchmal gelingt das freilich nicht. Die Irritation bleibt. Wir verstehen die Bibel als GOttes Wien in Menschen Wort. Und ausweichlich kommt es daher beim Verständnis dieses GOttes Wort in Menschen Wort zu Irritationen. Das hängt auch damit zusammen, daß dieses GOttes Wort aus einer anderen Zeit und Kultur zu uns spricht. Ich vergleich‘ die Bibel aber gern mit einer älteren Dame, die ich wohl sehr schätze ob ihrer Weisheit und Erfahrung, nur leider verstehe ich sie nicht immer. Ihre Sprache klingt zwar faszinierend, aber manchmal auch sehr schrullig und unverständlich. Sie benützt Worte, deren Bedeutung mir gar nicht zugänglich sind. So stelle ich mir das vor, diese Irritation durch die Bibel. Und gleichzeitig reizt es mich, sie zu verstehen, weil ich sie eben mag, diese Bibel. Heute, die Lesung der letzten Verse des Jesaja-Buches, die hatten kräftig Irriationspotential, das habe ich auch in den Gesichtern gesehen, hier in unserer Runde. Der Prophet Jesaja hat in seinen 66 Kapiteln harsche Gerichtsworte, die sich an die Feinde des Volkes GOttes richten, und wechselt unvermittelt zu ganz warmherzigen und trostreichen Versen, die dem unterdrückten Volk GOttes gelten. Und sind vor allem die Trostworte vertraut. Denken Sie nur an die von Händel im MEssias meisterhaft vertonten Worte: „Tröstet, tröstet mein Volk“. Bis heute atmen Menschen, wenn sie diese Musik, diese Worte hören, bei diesen Worten tief durch und fühlen sich in allem Weh und Ach verstanden. Und nun das Ende des Propheten Jesajas könnte gegensätzlicher nicht sein. Wir haben heute in der Lesung den Satz gehört: „Sie werden hinausgehen und die Leichen der Männer sehen, die mir abtrünnig geworden sind, denn ihr Wurm stirbt nicht und ihr Feuer erlischt nicht, und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch.“ Höchst befremdlich, gruslich, höflich ausgedrückt: irritierend. Und dann noch beim Verlesen im Gottesdienst die Antwort der Gemeinde: „Dank sei GOtt.“ Da bleibt einem doch das Wort im Halse stecken. Solche Irritationen müssen aber nicht zum Abbruch des Gesprächs führen, also es mag nur die Vorurteile bestätigen, viel besser wäre es, um ein vertieftes Verständnis zu ringen, in diesem Fall für dieses erste Testament, die darin gereifte Erfahrung von GOttes Wort. Im jüdischen SynagogenGOttesdienst, wo der Prophet Jesaja eine ganz zentrale Rolle spielt, hat man eine ganz feine Finte für den Umgang damit gefunden. Dieser anstößige letzte Vers wird natürlich verlesen und dann wiederholt der Lektor noch einmal den Vers davor, da heißt es: „Und es wird geschehen, daß Neumond für Neumond und Sabbat für Sabbat alles Fleisch kommt, um sich vor mir niederzuwerfen, spricht der Herr. Das tun unsere jüdischen Schwestern und Brüder, weil dieser Vers genau den Sinn und Ziel des ganzen Jesaja-Buches auf den Punkt bringt. GOttes Hoffnung für sein Volk. So bleibt die notwendige Irritation und wird doch überwunden. Die Theologin Juliane Eckstein hat sich mit dieser Irritation näher auseinandergesetzt. Sie stammt aus der Nähe von Bautzen und ist als Bibelwissenschaftlerin tätig. Sie hat mir mit einem Artikel geholfen, mit dieser irritierenden Rede vom rächenden GOtt der Bibel ins Gespräch zu kommen. Als Kennerin des ersten Testaments hält sie den Ausdruck, dieser Rede vom rächenden GOtt für ein vertieftes Verständnis GOttes und unserer Welt sogar für notwendig. Leider wurde in der christlichen Auslegung viele jahrhundertelang dem angeblich strafenden GOtt des alten Testaments JEsu GOtt der Liebe entgegengesetzt. Heute müssen wir uns demütig eingestehen, daß ist Antijudaismus. In dessen Folge die jüdische Bevölkerung unterdrückt wurde, bis zu Pogromen, ja schließlich bis zum Holocaust. Juliane Eckstein schärft stattdessen den Blick, sie fragt gewissermaßen nach, was ist mit diesem GOttesbild gemeint, worauf zielt das ab, und ganz besonders wichtig, warum irritiert es uns. Als erstes legt sie den Rahmen frei, in dem die Bibel Rache und Vergebung verhandelt. Sie sagt, die biblische Vorstellung ist durch den Gedanken geprägt, daß alles Unrecht vor GOttes Gericht am Ende der Zeiten kommt. GOtt stellt sicher, daß Gewalttäterinnen und -täter den Konsequenzen ihres Tuns niemals entkommen können, nicht einmal durch einen rechtzeitigen Tod. Auf diesem Hintergrund verstehen wir, warum im ersten wie im neuen Testament, darauf bestanden wird, mein ist die Rache, ich will vergelten. Und dieser Gedanke der Rache ist für Täter wie für Mittwisser unangenehm. Daher offensichtlich unsere Irritation. Und zweitens zeigen die irritierenden Stellen der Bibel das Bild eines mächtigen GOttes, der fähig und willens ist, Gerechtigkeit herzustellen und Unrecht zu bestrafen, ein GOtt, der die Schwachen und Rechtlosen nicht allein läßt. Wer also biblische Rachetexte vermeidet oder bewußt ausläßt, unterdrückt wichtige [ein anfahrender Lastkraftwagen übertönt ein Wort] die Bibelwissenschaftlerin folgert, Rachegefühle, Gefühle, sind Ausdruck von Aggressionen, damit Zeichen von Lebenskraft. Sie zeugen von einem intakten Gerechtigkeitsempfinden. Und idealerweise leiten sie diese Kraft in Richtung der Schuldigen, statt auf sich selbst oder auf Unschuldige, noch Machtlosere. Wir können die Bibel beim Wort nehmen. Es gibt einen legitimen Rachedurst angesichts widerfahrenen Unrechts. Hören wir also solche Verse wie heute beim Propheten Jesaja, vom nicht sterbenden Wurm und nie erlöschendem Feuer und Abscheu in Solidarität mit den Opfern. Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir uns irritieren, versuchen wir zu verstehen, auch wenn es zunächst unangenehm ist, daß bewahrt uns hoffentlich vor der Selbstgerechtigkeit, für die bei näherem Hinsehen gar kein Grund ist. In dieser Spur begreifen wir unseren eigenen Weg als Christinnen und Christen. Das Evangelium sagt, bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen, so irritiert auch JEsus immer wieder, die die IHm zuhören. Ringen wir darum, mit GOtttes Worten im Gespräch zu bleiben, Irritationen nachzugehen und zu einem vertieften Verständnis unserer Hoffnung und Rettung zu finden. Amen.

So erläutert der Herr Pfarrer, und er findet zu einer eigenen Übersetzung von dem, was er eben erst hörte,

Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren. Denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allen Fleisch ein Greuel sein.

ihm die Stimme wenige Minuten zuvor vekündete, und so spricht der Herr Pfarrer: „Sie werden hinausgehen und die Leichen der Männer sehen, die mir abtrünnig geworden sind, denn ihr Wurm stirbt nicht und ihr Feuer erlischt nicht, und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch.“

Aus welchen Bibeln die Lesung und die Übersetzung des Herrn Pfarrers seien? Es scheint ein Gewürfle zu sein, etwas aus dieser, etwas aus jener, etwas aus eigener —

Die Übersetzung von ERF-Bibleserver, diese und die weiteren gelesen am 31. August 2025:

18 Ich weiß, was sie treiben, und kenne ihre Gedanken!« »Ich komme, um Menschen aller Völker und Sprachen zu versammeln. Von überall strömen sie herbei und sehen meine Größe und Macht. 19 Ich werde den Völkern ein deutliches Zeichen geben: Einige aus meinem Volk, die dem Gericht entronnen sind, sende ich in solche Länder, wo man noch nichts von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen hat. Sie werden nach Tarsis in Spanien reisen, zu den Libyern und Lydern, den berühmten Bogenschützen; sie werden zum Stamm der Tibarener am Schwarzen Meer vordringen und auch nach Griechenland, ja, bis zu den entferntesten Inseln und Küsten. Allen diesen Völkern sollen sie von meiner Größe und Macht erzählen. 20 Dann werden sie alle eure Brüder und Schwestern, die noch über die ganze Welt zerstreut sind, zurückbringen nach Jerusalem. Auf Pferden und in Wagen reisen sie, in Sänften werden sie getragen; auf Maultieren und Kamelen wird man sie nach Jerusalem führen. Wie ihr Israeliten eure Opfergaben in reinen Gefäßen zu meinem Tempel bringt, so bringen diese Völker die Menschen eures Volkes aus der ganzen Welt zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, um sie mir als Gabe zu weihen. 21 Auch aus diesen fremden Völkern wähle ich mir dann einige als Priester und Leviten aus. 22 So wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich schaffe, nie mehr vergehen, genauso wenig werden eure Nachkommen untergehen. Euer Volk wird für immer bestehen. Dafür bürge ich, der HERR. 23 Ich versichere euch: Jeden Monat am Neumondfest und auch an jedem Sabbat werden alle Menschen nach Jerusalem kommen, um mich dort im Tempel anzubeten. 24 Sie werden vor die Stadt hinausgehen und die Leichen jener Menschen sehen, die sich zu Lebzeiten gegen mich aufgelehnt haben. Ihr Anblick wird bei allen Abscheu und Entsetzen hervorrufen. Denn für diese Verdammten wird die Qual nie enden, sie brennen in ewigem Feuer.« 

In dieser Übersetzung sind es Menschen, werden die Menschen zum „Fleisch“, und in dieser Übersetzung sind es „Leichen jener Menschen […] gegen mich aufgelehnt haben“, „aufgelehnt“ und nicht nur „abtrünnig“, dafür aber: „für diese Verdammten wird die Qual nie enden, sie brennen in ewigem Feuer“.

In anderen Bibeln jedoch bleiben in der Übersetzung die Menschen „Fleisch“, etwa in der Elberfelder Bibel:

15 Denn siehe, der HERR kommt im Feuer, und wie der Sturmwind sind seine Wagen, um seinen Zorn auszulassen in Glut und sein Drohen in Feuerflammen. 16 Denn mit Feuer hält der HERR Gericht, mit seinem Schwert ⟨vollzieht er es⟩ an allem Fleisch, und die Erschlagenen des HERRN werden zahlreich sein. 17 Die sich weihen und die sich reinigen für die Gärten[11], dem einen nach, der[12] in der Mitte ist, die Schweinefleisch und Abscheuliches und Springmäuse essen: Allesamt werden sie ein Ende nehmen, spricht der HERR[13]. 18 Ich aber, ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken, und ich bin gekommen[14], alle Nationen und Sprachen zu versammeln. Und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. 19 Ich richte unter ihnen ein Zeichen auf und sende Entkommene von ihnen zu den Nationen, nach Tarsis, Put[15] und Lud,[16]⟨zu denen,⟩ die den Bogen spannen[17], nach Tubal und Jawan[18], zu den fernen Inseln, die die Kunde von mir nicht gehört und meine Herrlichkeit nicht gesehen haben. Und sie verkünden meine Herrlichkeit unter den Nationen. 20 Und sie bringen alle eure Brüder aus allen Nationen als Opfergabe[19] für den HERRN, auf Pferden, auf ⟨offenen⟩ Wagen und ⟨in⟩ überdachten Wagen, auf Maultieren und auf Dromedaren zu meinem heiligen Berg, nach Jerusalem, spricht der HERR, ebenso wie die Söhne Israel das Speisopfer in einem reinen Gefäß zum Haus des HERRN bringen. 21 Und auch von ihnen nehme ich ⟨mir einige⟩ zu Priestern und zu Leviten, spricht der HERR. 22 Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir bestehen, spricht der HERR[20], so werden eure Nachkommen und euer Name bestehen. 23 Und es wird geschehen: Neumond für Neumond und Sabbat für Sabbat wird alles Fleisch kommen, um vor mir anzubeten[21], spricht der HERR. 24 Und sie werden hinausgehen und sich die Leichen der Menschen ansehen, die mit mir gebrochen haben. Denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht verlöschen, und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch. 

In dieser Übersetzung ist das „Fleisch“ nicht „abtrünnig“ geworden, haben sich die Menschen nicht „aufgelehnt“, aber „gebrochen“ …

Fehlen darf die Lutherbibel, diese Übersetzung darf nicht fehlen:

18Ich kenne ihre Werke und ihre Gedanken und komme, um alle Völker und Zungen zu versammeln, dass sie kommen und meine Herrlichkeit sehen. 19Und ich will ein Zeichen unter ihnen aufrichten und einige von ihnen, die errettet sind, zu den Völkern senden, nach Tarsis, nach Pul und Lud, nach Meschech, Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, wo man nichts von mir gehört hat und die meine Herrlichkeit nicht gesehen haben; und sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkündigen. 20Und sie werden alle eure Brüder aus allen Völkern herbringen dem Herrn zum Weihgeschenk auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren nach Jerusalem zu meinem heiligen Berge, spricht der Herr, gleichwie die Israeliten die Opfergaben in reinem Gefäße zum Hause des Herrn bringen. 21Und ich will auch aus ihnen Priester und Leviten nehmen, spricht der Herr. 22Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der Herr, so soll auch euer Geschlecht und Name Bestand haben. 23Und alles Fleisch wird einen Neumond nach dem andern und einen Sabbat nach dem andern kommen, um vor mir anzubeten, spricht der Herr. 24Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren; denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel sein.

Und eine Übersetzung noch, aus der Schlachter Bibel:

15 Denn siehe, der Herr wird im Feuer kommen und seine Streitwagen wie der Sturmwind, um seinen Zorn in Glut zu verwandeln und seine Drohungen in Feuerflammen. 16 Denn mit Feuer und mit seinem Schwert wird der Herr alles Fleisch richten; und die vom Herrn Erschlagenen werden eine große Menge sein. 17 Die sich heiligen und reinigen für die [Götzen-]Gärten, und einer anderen[2] nachlaufen, inmitten derer, welche Schweinefleisch, Mäuse und andere Greuel essen – alle zusammen sollen sie weggerafft werden! spricht der Herr.18 Ich aber [kenne] ihre Werke und Pläne. Es kommt die Zeit, alle Nationen und Sprachen zusammenzubringen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. 19 Und ich will ein Zeichen an ihnen tun und aus ihrer Mitte Gerettete entsenden zu den Heidenvölkern nach Tarsis, Pul und Lud, die den Bogen spannen, nach Tubal und Jawan, nach den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört haben und meine Herrlichkeit nicht gesehen haben; und sie werden meine Herrlichkeit unter den Heidenvölkern verkündigen. 20 Und sie werden alle eure Brüder aus allen Heidenvölkern dem Herrn als Opfergabe herbeibringen auf Pferden und auf Wagen und in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren, zu meinem heiligen Berg, nach Jerusalem, spricht der Herr, gleichwie die Kinder Israels das Speisopfer in einem reinen Gefäß zum Haus des Herrn bringen. 21 Und ich werde auch von ihnen welche als Priester und Leviten nehmen, spricht der Herr. 22 Denn gleichwie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor meinem Angesicht bleiben werden, spricht der Herr, so soll auch euer Same und euer Name bestehen bleiben. 23 Und es wird geschehen, daß an jedem Neumond und an jedem Sabbat alles Fleisch sich einfinden wird, um vor mir anzubeten, spricht der Herr. 24 Und man wird hinausgehen und die Leichname der Leute anschauen, die von mir abgefallen sind; denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen; und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch.

So viele Unterschiede in den Übersetzungen, nicht nur darin, ob die Menschen („Fleisch“) sich „aufgelehnt haben“ oder „abtrünnig geworden“ oder „abgefallen sind“ oder „gebrochen haben“, in der Bibel des Schlachter wird auch benannt, wer noch nicht des Herrn Herrlichkeit gesehen, noch nichts vom Herrn gehört hat, wem des Herrn Herrlichkeit zu verkünden ist: „den Heidenvölkern“.

Kiel ist nicht Wien

Weiterfahrt nach dem erzwungenen Kurzaufenthalt von etwa acht Minuten in Villach nach Deutschland, aber ohne Anfahrt von Erfurt, dafür drei Tage Lübeck, und dann schließlich Kiel …

Am Denkmal im „Hiroshimapark“ ist in diesem Sommer 2025 zu erkennen, daß Kiel nicht Wien ist, oder, daß Wien erst Kiel werden könnte, wenn es denn in Wien ein „zentrales Denkmal zur Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Roma und Sinti“ geben wird … eine „Standortsuche“ soll es, war im Frühjahr 2025 gesagt worden, bereits geben, am 8. April 2025 sagt Emmerich Gärtner-Horvath im österreichischen Parlament: „Die Errichtung einer nationalen Gedenkstätte für die ermordeten Roma und Sinti in Wien wird gemeinsam in Abstimmung des Nationalfonds und des Volksgruppenbeirates der Roma vorangetrieben.“ Es wird in Wien also noch dauern, bis es eine solche geben wird — in einem Jahr? zwei Jahren? drei Jahren? acht Jahren? n-Jahren?

In Kiel, und Kiel ist dafür nur ein Beispiel, gibt es einen zentralen Gedenkort bereits seit 1997 — Was in Wien schneller geht, wenngleich es hierbei zu einer Verzögerung kommt, denn es wird nicht schon 2024, sondern erst 2026 geschehen: Das Säubern und Herausputzen eines schöpferischen Nationalsozialisten, nämlich des Erschaffers des Denkmals am Platz des KL, mit dem er sich nebst dem Bürgermeister selbst als Person ein Denkmal …

Was Wien nicht und was Kiel bereits seit achtundzwanzig Jahren hat, ist nicht nur eine zentrale Gedenkstätte, sondern auch einen gänzlich anderen sprachlichen Umgang als der in Österreich nach wie vor gebräuchliche.

Hierfür im Vergleich Lackenbach mit Kiel.

In Kiel, auf dem Gedenkstein:

Zum Gedenken an die Sinti und Roma aus Schleswig-Holstein, die dem Völkermord der Nazis zum Opfer fielen

In Kiel, die Informationstafel zum Gedenkstein:

16. Mai 1940:
Beginn des Völkermordes an den Sinti und Roma durch die sogenannten „Mai-Deportationen“.
Die meisten der rund 2.500 schleswig-holsteinischen Sinti und Roma haben die Deportation in das besetzte Polen, die Vernichtungslager und Ghettos nicht überlebt.
Bis 1945 ermordeten die Nationalsozialisten in ganz Europa etwa eine halbe Million Sinti und Roma – Frauen, Männer und Kinder.

In Kiel wurde es geschafft, ohne das Wort „Zigeuner“ zu erinnern, in Lackenbach hingegen, wie in diesem August 2025 photographisch festgehalten, nach wie vor die Tafel:

SIE MUSSTEN LEIDEN UND STERBEN NUR WEIL SIE ANDERS WAREN
HIER STAND IN DER ZEIT VON von 1940 – 1945
DAS VON DEN NATIONALSOZIALISTEN ERRICHTETE „ZIGEUNERLAGER“

HIER STARBEN HUNDERTE UNTER QUALEN UND ENTBEHRUNGEN
VON HIER AUS WURDEN EINIGE TAUSEND „ZIGEUNER“IN IN VERNICHTUNGSLAGER DEPORTIERT
GEWIDMET VON DEM LAND BURGENLAND

Es wurde um eine Informationstafel ergänzt, und auch auf dieser in Anwesenheit der grünen Justizministerin enthüllten Informationstafel in 2021 unausweichlich „Zigeunerlager“ und auf der Website der Marktgemeinde Lackenbach hierzu, gelesen am 28. August 2025, über den „QR-Code“ auf der Informationstafel aufgerufen, nach wie vor unausweichlich und gebräuchlich in diesem Land: „Zigeuner“

Wie klug es in Kiel gehandhabt wird, also „Zigeuner“ in keiner Weise zu verwenden, weder auf dem Gedenkstein noch auf der Website, ist leicht verstehbar mit einem kurzen Blick auf die Geschichte von „Zigeunerlager“.

In dem Schnellbrief, den Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945) am 29. Januar 1943 zur Deportation von Sinti:ze und Rom:nja „in ein Konzentrationslager“ versandte, hieß es u.a.: „Die Einweisung erfolgt […] familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz.“4 Die Verwendung des Begriffs ‚Zigeunerlager‘ dürfte kein Zufall gewesen sein, suggeriert er doch eine Fortsetzung der bis dahin praktizierten und gesellschaftlich weithin akzeptierten Isolationspolitik und, vor dem Hintergrund der Geschichte des Begriffs, eine vermeintliche Normalität.

‚Zigeunerlager‘ wird seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts im Deutschen, aber auch in anderen europäischen Sprachen mit verschiedenen semantischen Bedeutungen verwendet. Ursprünglich bezeichnete der Begriff einen Ort, an dem sich ‚Zigeuner‘ aufhielten, wenn sie auf Durchreise waren, oder einen Platz, auf dem sich ‚Zigeuner‘ mit ihren Wohnwagen niederließen. Seine erste Konjunktur erfuhr der Begriff in der Zeit der Romantik. In der Malerei waren ‚Zigeunerlager‘ beliebte Motive: Wagen, Pferde und Menschen wurden in der freien Natur, oft an Waldrändern oder in Waldlichtungen, situiert. Typische Beispiele sind etwa „Gypsy Camp“ aus dem Jahr 1807 des bedeutenden britischen Malers William Turner (1775–1851) oder das 1873 entstandene Gemälde „Zigeunerlager“ des in Europa weithin bekannten Ungarn Mihály von Munkácsy (1844–1900). Popularisiert wurde das Genre durch Postkarten, die seit Ende des 19. Jahrhunderts eine rasante Verbreitung erfuhren.
Das Motiv des ‚Zigeunerlagers‘ symbolisierte die Sehnsucht nach Natur, Freiheit und Abenteuer und die Abkehr von der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Zwängen. Das ‚Zigeunerlager‘ wurde zu einem Ort außerhalb der Gesellschaft, womit zugleich diejenigen, die an derartigen Un-Orten lebten, als nicht dazugehörend, als Fremde und Heimatlose, markiert wurden. Auch in Literatur und Publizistik waren ‚Zigeunerlager‘ beliebte Motive, die immer wieder zur Kontrastierung von Zivilisiertheit versus Wildheit dienten.1
Neben romantisierende und verklärende Bilder traten bald abwertende Zuschreibungen
hinzu. Armut und Elend wurden mit dem Motiv des ‚Zigeunerlagers‘ verbunden, wie etwa bei Theodor Fontane (1819–1898): „Es war das Armenviertel … eine Art stabil gewordenes Zigeunerlager“ (1905).2 Das ‚Zigeunerlager‘ symbolisierte zudem eine Ansammlung  entindividualisierter und nicht kontrollierbarer Menschen. So heißt es in dem 1918 erschienenen Buch „Opfergang“ (S. 36) von Fritz von Unruh (1885–1970): „Wie in einem Zigeunerlager wimmelten Menschen und Tiere durcheinander.“ Das „Wörterbuch der deutschen Sprache – der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute“ gibt als gebräuchliche übertragene Bedeutung von ‚Zigeunerlager‘ die Bezeichnung für einen „Platz“ an, „der Menschen (vorübergehend) als Wohnstätte, Übernachtungsplatz o. Ä. dient und den Eindruck äußerer Unordnung bietet“.3

Auf der Website der Landesregierung Schleswig-Holstein zum „85. Jahrestag der Deportation von Sinti und Roma“ zu lesen: nicht einmal „Zigeuner“, dafür aber „Antiziganismus“. Und wenn „Zigeuner“ doch einmal auf dieser Website vorkommt, gelesen auch am 28. August 2025, dann nur in der Art:

… Immer wieder in der Geschichte waren Sinti und Roma Diskriminierungen ausgesetzt. Als „Zigeuner“ beschimpft, wurden sie aus ihren Berufen verdrängt und aus Städten oder Regionen vertrieben. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erlebten Sinti und Roma in ganz Europa systematische Verfolgung und Völkermord mit dem Ziel der totalen Vernichtung. …

„Als ‚Zigeuner‘ beschimpft“ … Hingegen in Lackenbach, also in Österreich bedenkenlose Verwendung von „Zigeuner“, bedenkenlose Verwendung von „Zigeunerlager“ … Die Festschreibung auf dem Mahnmal, daß sie „leiden und sterben mussten weil sie anders waren“, die Festschreibung auf dem Mahnmal „Zigeunerlager“ und „Zigeuner“, weist es als Mahnmal für den herrschenden Antiziganismus aus.

Und es kann in Österreich schon auch vorkommen, daß es zu viel Mühe macht, Anführungszeichen zu setzen, „Zigeunerlager“ und „Zigeuner“ wenigstens in Anführungszeichen zu setzen, in Salzburg

Und es ist für sie mit Verfolgung bis hin zur Ermordung in Europa nicht vorbei —

seit Jahrhunderten, wofür u. v. a. m. auch Martin Luther seinen biblisch weltlichen Beitrag von ausgesuchter Geistlichkeit

Es kann nur wiederholt werden, sie mußten nicht sterben, weil sie „anders waren“, sie wurden und werden verfolgt, sie wurden und werden ermordet, weil sie waren und sind. Hierzu kann nur einmal noch aus den „Kommentaren zur deutschen Rassengesetzgebung“ von Globke und Stuckart zitiert werden:

»Artfremdes Blut ist alles Blut, das nicht deutsches Blut noch dem deutschen Blut verwandt ist. Artfremden Blutes sind in Europa regelmäßig nur die Juden und Zigeuner.«

Und die „Denkschrift zur Lösung der Zigeunerfrage“ verfaßt in diesem Bundesland, in dem Lackenbach

Und vor dreißig Jahren wurden wieder vier Menschen in diesem Land ermordet, und wieder nicht, weil sie „anders waren“, sondern einfach deshalb, weil sie waren.

Ihr Mörder, kurz wie einfach gesagt, beseelt davon wie die Nationalsozialistischen das Land „zigeunerfrei“ zu morden …

Am 15. November 2025 wird es wieder eine Gedenkveranstaltung bei diesem antiziganistischen Mahnmal in Lackenbach geben, und was wird dann über diese „Initiative der „Geschichtsvergessenheit“ auf der Website der burgenländischen Landesregierung zu lesen geben, wieder wie in den letzten Jahren so gänzlich anders als in Schleswig-Holstein? Über die im letzten Jahr ist am 28. August 2025 auf der Website des Portschylands zu lesen, mit folgendem Beginn:

LR Dorner: Gedenkfeier für Roma und Sinti in Lackenbach wichtige Initiative gegen Geschichtsvergessenheit

„Permanentes Erinnern an dunkelstes Kapitel unserer Geschichte unerlässlich“ – Dorner fordert konsequentes und geeintes Vorgehen gegen Antisemitismus in Europa

[…] „Zigeunerlagers“ […]

„Wir sind fast 90 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs und der Bezwingung des Nazi-Regimes damit konfrontiert, dass jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus antisemitischen und rassistischen Motiven auf offener Straße attackiert werden und Opfer brutaler Gewaltakte werden, wie letzte Woche in Amsterdam. Diese Auswüchse sind aufs Schärfste zu verurteilen – und dagegen und gegen Antisemitismus in jeglicher Form muss in Europa konsequent, rigoros und geeint vorgegangen werden“, betonte Dorner.

„Antiziganismus“, ein Wort, das nicht einmal vorkommt. Und über die Veranstaltung ein Jahr davor ist auf der Website der Landesregierung des Portschylands zu lesen, nach wie vor abrufbar, wie eben am 28. August 2025:

Das Erinnern an die nationalsozialistischen Gräuel darf nie enden, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern. “, betont Landeshauptmann Hans Peter Doskozil.
Das Anhaltelager in Lackenbach, ein zweckentfremdeter ehemaliger Gutshof der Esterhazy, war das größte nationalsozialistische Zigeunerlager der NS-Zeit auf österreichischem Boden. Es diente zur Ausgliederung der „biologischen Volksschädlinge“. Zudem hatte das Lager in Lackenbach auch die Funktion eines Durchganglagers für österreichische Roma und Sinti, sprich es diente als Lager für all jene Zigeuner, die vor ihrer Deportation in andere Konzentrations- und Vernichtungslager hier zusammengezogen wurden.

„Zigeunerlager“ wird nicht einmal in Anführungszeichen gesetzt, und auch „Zigeuner“ wird nicht einmal in Anführungszeichen gesetzt, daß die „biologischen Volksschädlinge“ unter Anführungszeichen gesetzt wurde, das, könnte gesagt werden, immerhin, aber es läßt auch eine andere Deutung zu, mit der Frage, ob denn tatsächlich bloß bedenkenlos agiert, geschrieben, gesprochen wird.

„Wie über Zigeuner geschrieben wird – einst und jetzt“, heißt ein Kapitel, das hierzu unweigerlich einfällt, in diesem auch zu lesen ist, wie „Zigeunerlager“ 1939 und wie „Zigeunerlager“ 2016 …

So viele bereits dazu geschriebene Kapitel fallen jetzt wieder ein, wird an Kiel und an das lackenbacherische Wien gedacht, die für sich einen Roman im Roman …

Es wäre bis zum 15. November 2025 noch genügend Zeit, wenigstens das sofort zu tun, in einem ersten Schritt die Tafel in Lackenbach zu ändern, um dieses Zwangslager als das zu benennen, was es tatsächlich war.

Zum Gedenken an Sintizze, Roma, Sinti und Romnja.
Sie mußten leiden und sterben, nur weil sie waren.
Hier stand in der Zeit von 1940-1945 das von dem nationalsozialistischen totalitären Verbrechensregime errichtete Konzentrationslager (Zwangsarbeitslager). In diesem starben Hunderte unter Qualen und Entbehrungen. Von hier aus wurden Tausende in die Vernichtungslager zur Ermordung im Völkermord des nationalsozialistischen Massenmordregimes deportiert.

Gewidmet von dem Land Burgenland




Pflicht

Auf dem Weg nach Kiel zwingt ein Radwechsel vor der Stadtpfarrkirche in Villach zu einem kurzen Aufenthalt. An einem Tag des Biertums und Brauchamts im Juli 2025. Während des Radwechsels stets vor Augen das „Kriegsdenkmal“ auf dem Kirchtagsturm. Vor zehn Jahren mußte schon einmal in Villach eine Pause eingelegt werden, auch damals war das „Kriegsdenkmal“ nicht zu übersehen, dieses von einem „aktiven NSDAP-Mitglied“ an die Kirche Geschlagene

In Kärnten bekannt wurde Kerndle 1923 zunächst als Bildhauer durch die Planung und Ausführung des Kriegerdenkmals an der Südseite des Turms der Stadtpfarrkirche St.Jakob, Villach, Kirchplatz 9 und 12, dessen Anlage bereits frühe faschistoide Züge aufweist. Weitere Kriegerdenkmäler lassen Einflüsse des nationalsozialistischen Gedankenguts erkennen.

Architekturzentrum Wien

Das „Kriegsdenkmal“ wurde inzwischen verändert, einer villacherischen „Erinnerungskultur“ gemäß verändert; so wird Villach fortan berühmt sein für Villacher Erinnerungskultur wie Villacher Fasching … Und wie wurde die „frühe faschistoide Züge“ aufweis[ende] Anlage“ verkleidet?

Am dritten Tage des herrschenden 80. Villacher Hochamts ist in „Mein Bezirk“ zu lesen, am 29. Juli 2025:

Text schon mal hinterfragt?
Friedliches Kriegsdenkmal am Stadtpfarrturm

Auf der Südseite des Turms befindet sich ein Denkmal, das aus dem Jahre 1923 stammt und an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs erinnert. 2018 wurde es renoviert, da es deutliche Abnützungserscheinungen gezeigt hat. Was wenigen aufgefallen sein dürfte, ist, dass das Denkmal im Zuge dessen inhaltlich erweitert wurde. Zwei Gedenktafeln, die sich rechts der monumentalen Schwertspitze am Kirchturm befinden, wurden in ein großflächig getextetes Gedicht der 1904 verstorbenen jüdischen Dichterin Friederike Kempner eingebettet.

„Denn Friede ist Pflicht“

Der Text lautet: „Frieden. Immer kämpfen, immer streiten. Und das lohnt doch wahrlich nicht. Und das Recht hat viele Seiten. Und der Frieden, er ist Pflicht.“ „Mit diesen Zeilen wollen wir – gerade im sehr ernsten Kontext des Krieges – auf das Wichtigste überhaupt hinweisen: Frieden“, erklärt Bürgermeister Günther Albel (SPÖ) auf Anfrage von MeinBezirk. Für das Konzept ist Architekt Roland Winkler verantwortlich. Die Gesamtkosten für Sanierung und Erweiterung des denkmalgeschützten Objekts haben sich im Jahr 2018 auf 25.000 Euro belaufen.

Wiki würdigt das Kunstwerk

Auch auf der Wikipedia-Seite über Friederike Kempner wird Winklers künstlerisch spektakuläre Kempner-Rezeption gewürdigt. „Zum Denkmal aus dem Jahre 1923 in seiner zeittypisch heroischen Ausführung gehören zwei alte, ebenfalls zeittypische Texttafeln. All das sollte bei der Sanierung erhalten bleiben (Denkmalschutz). Winkler bettete nun die alten Tafeln in einen großflächigen Steinhintergrund mit einem Text ein, der lange vor dem Ersten Weltkrieg verfasst wurde: einem Text von Friederike Kempner“, ist da zu lesen. Eine klare Ansage der Stadt Villach: „Wenn wir den Krieg aus Denkmalschutzgründen nicht vom Kirchturm entfernen können, betten wir ihn eben in Frieden ein“ – frei zitierte Mutmaßung von Peter Kleinrath. Auf Kempners Grabplatte am alten jüdischen Friedhof in Breslau steht übrigens passend dazu zu lesen: „Ihr Leben war geistiger Arbeit und Werken der Nächstenliebe geweiht.“

Kein Zitat, keine Mutmaßung, aber auf die „frei zitierte Mutmaßung von Peter Kleinrath“ könnte folgen: Wenn wir den Faschismus aus Denkmalschutzgründen nicht vom Kirchturm entfernen können, betten wir uns eben in ihm uns ein …

Was Roland Winkler veranlaßte, gerade einen Vers von Friederike Kempner zu nehmen, kann nur gemutmaßt werden, vielleicht war es der Begriff „Pflicht“, das die kerndleischen frühen nationalsozialistischen Worte in einem einzigen Wort

„Den Söhnen der Stadt, die im großen Krieg 1914-1918 für Heimat und Deutschtum ruhmwürdigen Todes gestorben sind, zu Ehr und Dank und ewigem Gedächtnis. Und alle, die je dieser Stadt entstammen, / Wird euer leuchtendes Vorbild entflammen / Zu Opfersinn und zu Heldenmut / Für Heimat und Volk, unser höchstes Gut.“

den Entstammten zum leuchtenden Vorbilde in Ehr zu entflammen im ewigen Gedächtnis Deutschtums

Vielleicht aber wollte Roland Winkler bloß, daß das Lachen nicht aufhören möge, und es ward viel gelacht worden über die Gedichte von Friederike Kempner; in einer Sitzung des Villacher Faschings wäre es wohl ein Kracher, ihre Gedichte und auch die Parodien ihrer Gedichte vorzutragen …

Einer aber nahm es zu ernst, er änderte seinen Geburtsnamen Kempner, weil sie „die schlechtesten je auf diesem Planeten bekanntgewordenen Verse“ geschrieben habe, und wohl auch deshalb, damit kein Mensch je mehr auf die Idee kommen könne, sie könnte seine „Tante“ …

Einer, so dichtete einst es Friederike Kempner, hat den „Frieden“ als „Pflicht“ aus seinen „reinen Händen“ anheimgegeben:

Der Zar

Aus des Zaren reinen Händen
Nimmt die Welt den Frieden an,
Und die Völker alle wie ein Mann
Ihm den reichsten Segen spenden.

Wollen all‘ die Waffen strecken,
Niemals sich mit Blut beflecken;
Denn was niemals vor ihm war,
Will und schafft der junge Zar.

Und es lächelt die Geschichte,
Sonst so ernsthaft im Gerichte.
Edler Zar, bist Gott gesandt,
Schaffst das größte Vaterland.

„Wollen all‘ die Waffen strecken, niemals sich mit Blut beflecken;“ … Für diesen Vers hat sich Roland Winkler nicht entschieden, vielleicht weil darin die „Pflicht“ fehlt? Die „Pflicht“, die in diesem Lande zu erfüllen, heilig ist. Wem die „Pflicht“ Ehr‘ und Treu‘ ist, diesen hat Friederike Kempner ein Denkmallied gesetzt:

Das Burschenlied

Die Poesie ist ein Gebiet,
Wo alle Blüten treiben.
Jetzt soll ich gar ein Burschenlied
Für die Studenten schreiben.
Wohlan, es sei, ich fange an,
Und schreib‘, so gut ich schreiben kann.

Ich lob‘ mir die Studentenschaft,
Die brav, fidel und bieder,
Mit hellem Geist und Mut und Kraft
Hoch hält die deutschen Lieder.
Mit Liedern zieht er in die Welt,
Ein solcher Bursche ist ein Held.

Im schmucken, reichgestickten Kleid,
Mit Humpen und mit Degen
Ist gern geseh’n er weit und breit,
Auf allen deutschen Wegen.

Ein solcher Bursche ist ein Held,
Er zieht als Sieger durch die Welt.

Und zeigt man ihm ein böses Weib,
Die Braut ihm zu ersetzen,
Weicht tausend Schritte er vom Leib,
Er läßt sich nichts verhetzen.
Mit achtzehn Jahr‘ hat er gefreit,
Und damals war er grundgescheit.

Studenten, unsere Zukunft einst
Hängt ab von eurem Werden,
Ob’s freund- und friedlich wird dereinst,
Ob’s heimlich wird auf Erden.
Und Eins noch hänget von euch ab,
Ob man lebendig muß ins Grab! –


Ob Nacht, ob Finsternis, ob Licht,
In eurer Hand wird’s liegen.
Vergeßt der großen Ahnen nicht,
Dann wird das Rechte siegen.
Die Burschenschaft, sie ist ein Held,
Und ihr gehört die ganze Welt.

Zu den „denkmalgeschützten“ Worten des Karl Maria Kerndle hätte der kempnerische Vers gepaßt, freilich auch zum ganzen Land weit über Kärnten hinaus: „Vergeßt der großen Ahnen nicht, dann wird das Rechte siegen. Die Burschenschaft, sie ist ein Held, und ihr gehört die ganze Welt.“

Lange nach dem Radwechsel, auf der raschen Weiterfahrt, Villach weit schon hinter sich gelassen, fallen doch noch die vor zehn Jahren gesehenen weiteren Tafeln auf der Villacher Kirche ein; was wohl aus diesen inzwischen geworden ist, ob sie noch hängen, ob sie wer mit Versen auch aus dem 19. Jahrhundert recht schon verziert hat, ob sie auch, wenn sie es noch nicht waren, nun denkmalgeschützt

die verslosen, aber mit so vielen Orten angeschriebenen Tafeln, wohin sie überall pflichtgemäß kamen, also bis vor 80 Jahren, es dann vor achtzig Jahren Schluß war mit „die ganze Welt“ …