Kurz vom Fetisch „Sippenhaftung“

„In Österreich wiederum hat sich die grüne Justizministerin Alma Zadic im Zuge einer Veranstaltung am 21. Februar im Innenministerium, bei der es um ein anderes Thema ging, nämlich um Opferschutz, zu einem Angriff gegen den Rechtsextremismus hinreißen lassen.“

„Angriff gegen den Rechtsextremismus“ … Zu dieser gesinnungsgemäßen Phrase der gesinnungsgemäß zensurierten Website der identitären Parlamentspartei in Österreich aus dem, kurz zusammengefaßt, Bunde identitärer Parteien, muß nichts mehr hinzugefügt werden — —

„Zadic sowie sämtliche Grüne (egal ob in der Bundesrepublik Deutschland oder Österreich) sollten lieber schweigen. Wie alternative Medien berichten, dürfte der Vater des Mörders namens Hans-Gerd Rathjen vor neun Jahren Kandidat von „Bündnis 90/Die Grünen Hanau“ für die Ortsbeiratswahl in Kesselstadt gewesen sein. Derzeit ist sogar noch der Artikel samt Bild bei den Grünen abrufbar.“

Auch zu diesem Absatz ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Außer. Gesinnungsgemäß können die, die meinen, Angriffen ausgesetzt zu sein, ihren Fetisch „Sippenhaftung“ nicht aufgeben. Und es ist nicht das erste Mal, wie beispielhaft in diesen Kapiteln gelesen werden kann,

Johann Herzog, „Pensionist“, lernt im Senioren-Parlament des Bundesrates endlich den Gesetzgebungsprozeß

Norbert Hofer, Volksmann gegen Verbotsgesetze und für Rechte mit Vätern

daß die, die meinen, Angriffen ausgesetzt zu sein, bei Morden ihren Fetisch „Sippenhaftung“ hervorholen …

„Andreas Unterberger schreibt auf seinem Blog sogar, dass die Grünen sofort versucht hätten, alle Spuren von Rathjen zu ihnen aus dem Internet zu entfernen: ‚Aber zu ihrem Pech ist das von Menschen, die ihnen vermutlich nicht sonderlich gut gesonnen sind, vorher noch schnell in einem Cache festgehalten worden (man muss nach unten scrollen, bis man das Photo der Kesselstadt-Kandidaten samt Namensnennung sieht)‘, schreibt Unterberger.“

Zu Andreas Unterberger muß tatsächlich nichts mehr hinzugefügt werden. Zu viele Kapitel bereits, in denen dieser Mann vorkommt, obgleich er selbst je nicht tatsächlich im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern er lediglich als Beispielgeber von Interesse ist , was für Menschen in Österreich, kurz gesagt, hohe und höchste Positionen …

Kurz vor den Nachrichten über die Morde in Hanau noch bewegte Bilder mit Operettengesang vom Opernball

„Damit trug die musikalische Sprache der Wiener Operette ebenso zu einem ‚falschen Bewusstsein‘ bei, zu einer Scheinwelt, die weder mit der sozio- kulturellen noch mit der sozio-politischen Realität in voller Übereinstimmung war, wie auch die märchenhafte Thematisierung der literarischen Sujets einer eher wirklichkeitsfremden Einschätzung Vorschub leistete. Es entstanden Klischees, die zuweilen bis in die Gegenwart der gesellschaftichen Zusammenhänge erhalten geblieben sind.“

Um die Nachrichten nicht zu versäumen, wurde am 20. Februar 20 der Apparat zu früh eingeschaltet. In den Nachrichten dann wurde von den Morden in Hanau berichtet, begangen von einem Mann, der offensichtlich ebenfalls der Mode erlegen ist, Morde mit Manifesten vorzubereiten.

Davor aber muß ein Lied angehört werden, eines von Emmerich Kálmán, aus der Operette „Die Csárdásfürstin“, die bekannt ist auch als „The Gypsy Princess“, „La Princesse Tzigane“ …

Davor muß also ein Lied aus der „Zigeunerprinzessin“ angehört werden, mit bewegten Bildern aus der Wiener Staatsoper angesehen werden, die Menschen zeigen, ergriffen, rührselig dem Liede lauschen, die Menschen zeigen, von denen gesagt werden könnte, sie repräsentieren die sogenannte ehrenfeine Gesellschaft in Österreich, von der sogenannten Staatsspitze je nach Standplatz abwärts oder aufwärts …

Und unweigerlich fällt zu diesem Liede und zu diesen Theatergesellschaftsbildern die Arbeit „So elend und so treu“ zur Wiener Operette ein, aus der das an den Beginn des Kapitels gestellte Zitat entnommen ist.

Unweigerlich kommt dabei in den Sinn die bevorstehende Premiere des „Zigeunerbarons“ in der Volksoper und eine Schallplattenhülle von „Emerich Kalman, Richard Wagner“ aus dem Jahre 1952, wohl deshalb, weil die Darstellung der „Zigeuner“ auf diesem Cover so sehr der Darstellung gleicht, die für die Aufführung in 2020 in der Volksoper frisch gezeichnet wurde, kein Unterschied zu erkennen, als wären seit dem keine 68 Jahre vergangen … es sind in Österreich keine 68 …

Wie gut Wagner und Wiener Operette zueinander passen, der eine wie die andere so frei von — und deren tönenden Worte geliebt von …

Nach den Nachrichten über die Morde in Hanau wurde in „So elend und so treu“ gleich nachgelesen, was zur „Zigeunerprinzessin“ geschrieben wurde, und dabei blitzen immer wieder die bewegten Bilder des Opernballs 20 …

„Ebenso geschieht es in jeder einzelnen der in dieser Arbeit behandelten Operetten des Werkkanons. Ob man nun die rassige Zigeunerin Frasquita von Franz Lehár und den Librettisten Alfred Maria Willner und Heinz Reichert auf der Bühne tanzen sieht oder den schmachtenden Tassilo in der Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán, Julius Brammer und Alfred Grünwald ‚Komm Zigan, spiel mir was vor‘ singen hört – sobald bei einer Wiener Operette von ‚Zigeunern‘ gesprochen wird, kann man davon ausgehen, dass es sicher nicht um real existierende Romgruppen im Gesamtstaat geht, sondern dass vielmehr ‚Zigeuner‘ dargestellt werden: das stereotype Fremdbild einer ethnischen Minderheit, dass im Bewusstsein der europäischen Mehrheitsgesellschaft seit dem 15. Jahrhundert basierend auf Vorurteilen und Ablehnung gegen eine Marginalgruppe gewachsen ist. Das Konstrukt ‚Zigeuner‘ prägt eine Vielzahl von Operetten. In unmittelbarer Weise natürlich in Stücken wie dem Zigeunerbaron oder dem Zigeunerprimas (Musik von Emmerich Kálmán, Libretto von Fritz Grünbaum und Julius Wilhelm), Csáky, wo das betreffende Wort ‚Zigeuner‘ schon im Titel präsent ist, aber auch in Operetten wie der Csárdásfürstin (Kálmán/Leo Stein und Bela Jenbach), wo die ‚Zigeuner‘ nur zitiert werden und sogenannte ‚Zigeunermusik‘ in die Komposition einfließt. Es erscheint also logisch zu fragen, welche besondere Position die Romgruppen in der österreichischen Gesellschaft einnahmen, sodass in der Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ‚Anschluss‘ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 in continuo Operetten produziert wurden, in denen das Zigeunerstereotyp auf der Bühne behandelt wurde. Ob die Operette generell nur Klischees und Stereotype von allen ihren Protagonisten zeigt, scheint dabei nebensächlich, da in Hinsicht auf die Romgruppen zusätzlich ein rassistischer Aspekt augenscheinlich wird. Die Darstellung von ‚Zigeunern‘ und ‚Zigeunerkultur‘ als Betrachtungsgegenstand überwiegt an Immanenz gegenüber der Klischeedarstellung beispielsweise eines Gefängniswärters Frosch in der ‚Fledermaus‘, den man z.B. als das stereotype Abbild eines alkoholkranken österreichischen Beamten verstehen kann. Selbstverständlich sind ein Verständnis des Massenkulturphänomens ‚Operette‘, sowie auch die Erörterung der Ursprünge und Ausbildung von Zigeunerstereotypen unerlässlich bei der Beschäftigung mit der Frage nach der Konstruktion und Funktion von Zigeunerstereotypen in der Wiener Operette.

Wie sind Zigeunerstereotype in der europäischen Majorität entstanden und welche Transformation haben sie erfahren, bis sie schließlich im 19. und 20. Jahrhundert zum Gegenstand des Genres Operette wurden? Wie wurden sie eigens für diese passend gemacht? Vereinfacht ausgedrückt beschreibt dies das Spannungsfeld, in welchem sich die Thesen dieser Arbeit bewegen. Die Analyse der Stereotype, die in den jeweiligen Operetten des Werkkanons sowohl in musikalischer als auch in dramaturgischer Hinsicht relevant sind, ist dabei ebenso wegweisend wie die Auseinandersetzung mit der Funktion und den sich daraus ergebenden Folgen der stereotypen Darstellung von Romgruppen im Operetten-Theater. Gerade die Operette muss als ‚Kind ihrer Zeit‘ verstanden werden, weshalb es naheliegend ist, parallel zur Betrachtung der Ausgestaltung des Zigeunerstereotyps auf der Bühne auch einem soziologischen Aspekt Raum zu geben und die Position von Romgruppen in der Gesellschaft der Doppelmonarchie näher zu untersuchen. Hierbei kann von der Frage ausgegangen werden, warum es für die Mehrheitsgesellschaft interessant gewesen sein könnte, in diesem volksnahen Genre überhaupt einen Fokus auf das Stereotyp ‚Zigeuner‘ zu setzen. Wenn man den ‚Zigeuner‘ als persona non grata des Vielvölkerstaates begreift, scheint es berechtigt, sich zu überlegen, warum der ‚Outcast‘ zum Gegenstand einer kommerziellen Unterhaltungsindustrie wurde, was die Operette zu Zeiten ihrer Hochkonjunktur ja de facto war. Aus dieser Überlegung erschließt sich recht geradlinig, warum nicht ein authentisches Bild der Marginalgruppe, sondern ein verzerrtes und verkitschtes Klischeebild, ein ‚Zigeunerbild‘ präsentiert wurde. Die Missstände, in denen die Romgruppen teilweise bzw. überwiegend lebten, wurden ebenso außer Acht gelassen wie die Tatsache, dass die meisten Romgruppen zur Zeit der Entstehung der hier kanonisierten Operetten schon fast zur Gänze sesshaft und an die Mehrheitsgesellschaft angegliedert waren und nicht im sprichwörtlich gewordenen ‚grünen Wagen‘ durch die Lande zogen. Die Realität war aber nicht umfassend publikumstauglich, und deshalb wurde sie für die Operettenbühne entsprechend beschönigt. Davon ausgehend lässt die schon angesprochene Tendenz zur Couleur locale, die in der Kunst der Romantik immer wieder als Folie für die eigene Gesellschaft diente, eine Art ‚Zigeuner-Mode‘ denkbar werden, die sowohl musikalisch als auch dramaturgisch den Geschmack des Publikums rund um das Fin de siécle traf.

Bei genauerer Betrachtung scheint dies allerdings eine zu einfache Antwort auf die Frage, warum der ‚Zigeuner‘ überhaupt in der Operette auftaucht. Die Art und Weise, wie in Handlung und Komposition mit ‚Zigeunerischem‘ verfahren wird, lässt vielmehr darauf schließen, dass die Zigeunerstereotype in der Gesellschaft so obligat waren, dass sie nicht zuletzt vom Publikum der Wiener Operette für bare Münze genommen wurden. Die Funktion des Zigeunerstereotyps mag also, in Ansätzen und sehr vereinfacht formuliert, Ausdruck einer gewissen Mode oder vielmehr einem großösterreichischen Eskapismus entsprechen; seine Konstruktion hingegen ist mehr als eine Mode: sie ist das Produkt einer jahrhundertelangen Ausgrenzung und Verfolgung von Romgruppen durch die Mehrheitsgesellschaft in Europa, die in der Wiener Operette weiterlebt.

Die akribische Konstruktion des Zigeunerstereotyps, die in der Mehrheitsgesellschaft über Jahrhunderte hinweg stattfand, ist also conditio sine qua non für die Funktion, die diesem in der Operette zukommt. Es geht hier nicht in erster Linie darum, den Konflikt zwischen zwei differierenden Gesellschaftsformen darzustellen, wie das etwa in stereotypisierenden Operetten wie beispielsweise dem Land des Lächelns (Lehár/Herzer, Löhner-Beda, Léon) oder der Blume von Hawaii (Ábráham/Flödes, Grünwald, Löhner-Beda) der Fall sein mag. Bei den Wiener Operetten, die in irgendeiner Weise ‚Zigeuner‘ zitieren oder darstellen, ist davon auszugehen, dass das Stereotyp ein gewichtiger Teil des Gedankenguts der Gesellschaft war, in der sie entstanden sind.

Von Rassismus zu sprechen, bedeutet hier sowohl den Sozialchauvinismus der österreichischen Majorität im 19. und frühen 20. Jahrhundert mitzudenken als auch eine lange Kette von Stereotypenbildung miteinzubeziehen. Die Konstruktion des Zigeunerstereotyps in der Wiener Operette ist ergo nur die ‚Spitze des Eisbergs‘, ein Zeuge davon, dass noch in der Moderne immer wieder unreflektiert auf Stereotype zurückgegriffen wird, die in der Gesellschaft seit mehreren Jahrhunderten bestehen. Dass diese Stereotype nicht hinterfragt wurden und sich über die Zeit ihres Bestehens nur geringfügig verändert haben, lässt die Lücke zwischen der dargestellten und der tatsächlichen Realität zur Entstehungszeit der Wiener Operetten immens werden. Interessant wird diese Tatsache, wenn man sich des Charakters der Operette bewusst wird, die als ein Genre zu verstehen ist, dass sich dezidiert mit gesellschaftlichen Belangen und Problemen ihrer Zeit auseinandersetzt.

Ein Beispiel: In der Csárdásfürstin, die ihre Premiere 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg erlebte, wird sowohl eben dieser Weltkrieg und die Haltung der Gesellschaft zum Krieg, die Rolle der modernen, sich emanzipierenden Frau als auch die Borniertheit der österreichischen Aristokratie in der untergehenden Habsburgmonarchie thematisiert. Brandaktuelle Themen also, mit denen sich das Publikum täglich auseinandersetzte. Gleichzeitig wird der ‚Zigeuner‘ dargestellt, wie es ihn, wenn überhaupt je, 1915 sicher nicht gegeben hat: als höriger Musikant, der in einer Art zufriedener Abhängigkeit zur Mehrheitsgesellschaft aufspielt und diese mit einem ‚Feuercsárdás‘ auf andere Gedanken bringt. Der Csárdás, das Aufspielen für den ‚Gadzo‘ (das Romanes-Wort für den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft), die Stilisierung zum käuflichen Dienstleister – all dies sind Auswüchse des tradierten Zigeunerstereotyps.“

Zwei Zigeuner im Land des Matriarchats

„Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen.“ 

Das ist aus der Stellungnahme der Dramaturgie und Direktion Meyer der Volksoper zu ihrer braven Inhaltsangabe, mit der sie versuchen zu erklären, wann sie Anführungszeichen verwenden, wann sie keine Anführungszeichen verwenden.

Was es mit dem besonderen Verwenden von Anführungszeichen und von keinen Anführungszeichen auf sich hat, das wurde in einem Kapitel bereits ausführlich dargelegt.

Auch das wurde bereits in einem Kapitel angesprochen, mit ihrer Stellungnahme lüftet die Direktion Meyer ein großes Geheimnis. Strauß und Schnitzer waren Zigeuner. Es muß Zigeuner nicht in Anführungszeichen gesetzt werden, weil ja, so die Direktion Meyer, „nicht von einer Fremdbezeichnung“ gesprochen werden, da doch die Zigeuner Schnitzer und Strauß in ihrem Tonwerk selber diesen „Begriff“ verwenden.

Weil aber auch die österreichische Bundestheater-Holding diese brave Inhaltsangabe der Direktion Meyer verbreitet, ist doch ein weiterer Blick auf diese Inhaltsangabe zu werfen. Diesmal aber nicht auf die „Anführungszeichen“.

„Die Uraufführung des ‚Zigeunerbaron‘ 1885 bescherte Johann Strauß zu Lebzeiten den größten Bühnenerfolg . Eine sumpfige Landschaft irgendwo im habsburgisch-verwalteten Banat rund um das Jahr 1740. Der Vielvölkerstaat vereint hier Großbauern und Lebenskünstler: im Gutshof den Schweinezüchter Zsupán, daneben eine Gruppe von Zigeunern unter dem Matriarchat der alten Czipra. Als der in der Fremde aufgewachsene Sándor Bárinkay in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehrt, fordert er die ihm zustehenden Güter ein, erklärt sich jedoch gleichzeitig als williger Heiratskandidat: Ein willkommener Eidam für Zsupán. Doch ein Schlitzohr übertrumpft das noch größere und man kommt zu keiner Einigung. Die schöne und selbstbewusste Saffi wendet das Blatt, Bárinkay wird zum Baron der Zigeuner erklärt und die Liebe fügt alles zum Guten. Wäre da nicht der ‚lange Arm der Monarchie‘, der mittels Graf Homonay im Banat Soldaten für einen bevorstehenden Krieg anwirbt …“

Auch dazu gibt es bereits ein Kapitel, welche Rolle „Zigeuner“ in der Operette zu spielen haben, damit sie keine Rolle vor den Theatern spielen, wofür sie in den Operettenhäusern weiter gebraucht werden, sie weiter in Dienst sein dürfen, damit sie vor den Häusern weiter …

Die Inhaltsangabe scheint brav die Kriterien einer Inhaltsangabe zu erfüllen, wie sie in der Schule gelehrt werden. Knapp und sachlich soll die Sprache sein, verzichtet soll werden auf die eigene Meinung, keine sprachlichen Ausschmückungen …

Nun, erfüllt das die Inhaltsangabe? Mehr als das.

„Gruppe von Zigeunern unter dem Matriarchat der alten Czipra“ — — „Matriarchat“ …

Es ist wahrlich eine Inhaltsangabe der Aufklärung. Eine durch das Werk der zwei Zigeuner durch und durch gedeckte Definition des Matriarchats …

Schlagen Sie nach bei Liefhold …

„Czipra, die ‚alte Zigeunerin‘, wird schon in der ersten Szene von Ottokar als ‚alte Hexe‘ eingeführt. Der Zusammenhang, der hier zwischen Zigeunerfrau und schwarzer Magie hergestellt wird, erscheint so beiläufig, als sei es eine allgemein Tatsache, dass alte Zigeunerinnen notwendig Hexen sein müssen.“

„Czipra ihrerseits, spricht einen Aspekt des Zigeunerstereotyps an, das geschlechtsspezifisch die Zigeunerfrau betrifft: ‚Als Jugend Wang‘ und Aug erfrischt, / warb man um Czipra minniglich, / doch nun Zeit den Reiz verwischt / nennt man die alte Hexe mich.‘ Hierbei handelt es sich um die von der Mehrheitsgesellschaft evozierte Annahme, dass die junge Zigeunerin, überaus attraktiv, erotisch und anziehend, schneller als andere Frauen zu einem hässlichen alten Weib würde. Gerade zu diesem Aspekt konnten Beobachtungen gemacht werden, dass in der Literatur die schöne junge ‚Zigeunerin‘ gehäuft in Begleitung einer hexenhaften alten Zigeunerin auftritt: Die erotische junge Frau wird an die Vergänglichkeit und das Alter erinnert. Es wird aufgezeigt, was die schöne ‚Zigeunerin‘ zwangsläufig werden wird: eine hässliche Hexe, vor der man sich in Acht nehmen muss.‘ Für die Rollenkonstellation Czipra / Saffi ist dies natürlich ebenfalls sehr interessant, da im Zigeunerbaron die oben beschriebene stereotype Tradition fortgesetzt wird und der jungen Heldin die alte ‚Mutter‘ zur Seite steht, die durch ihre Charakterisierung als Hexe ihre ‚Tochter‘, die ebenfalls offenbar mit hellseherischen Fähigkeiten begabt ist, in gewisser Weise spiegelt.“

„Czipra kann als Paradebeispiel der stereotypen alten Zigeunerin gelesen werden. Sie vereint in sich sowohl das Stereotyp der Zigeunerfrau als Hexe, das der Wahrsagerei und Schatzgräberei und, wie später noch aufzuzeigen ist, das des Kindsraubs.“

„Abgesehen davon, dass der Drudenfuß ein weiterer Verweis auf Czipras Hexenkünste ist, wird hier außerdem der Analphabetismus thematisiert. Wenn man bedenkt, dass ‚im Ausgang des 18. Jahrhunderts […] Schriftlichkeit die entscheidende Zivilisationsschwelle‘ ist, wird verständlich, warum die Zigeunerin in der Operette nur einen ‚Drudenfuß‘ malen kann. Sie wird damit gleichsam als unzivilisierte Wilde gezeichnet, die abseits der normierten Schriftlichkeit lebt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch der Schweinefürst Zsupán nicht schreiben kann. Ob dieser sich seinen Platz in der bürgerlich-zivilisierten Gesellschaft durch seinen Reichtum angeeignet hat, oder ob er vielmehr als Nicht – Zigeuner von vorne herein seinen Zivilisierungsgrad nicht über den Alphabetismus beweisen muss, wäre hier zu überlegen. Der Analphabetismus ist Czipra und Zsupán gemeinsam, trotzdem wird sie zur unzivilisierten Zigeunerin, weil sie nicht schreiben kann, und dafür vom Chor mit einem satten ‚Ein Drudenfuß! Hahahaha!‘ verlacht, während Zsupán im Schweinehändler-Couplet (Nr. 3, ‚Ja, das Schreiben und das Lesen, / Ist nie mein Fach gewesen‘) mit seinem Defizit sogar noch kokettiert. Hier zeigt sich der Gegensatz zwischen den als Naturmenschen stereotypisierten Zigeunern und den Kulturmenschen der Mehrheitsgesellschaft.“

„Der Zigeunerbaron“ in der Volksoper wird wahrlich eine umjubelte Premiere der Aufklärung gewesen sein, mehr noch, die modernste Aufklärung überhaupt, ist sie doch nicht nur eine schriftliche, sondern auch eine grafische und animierte …

Ein Minister außer Dienst wird vielleicht aus dem Steiermärkischen zur Premiere voller Freude angereist sein, um mit seinem Kulturmenschen sein Leiblied inbrünstig mitgesungen zu haben …

„Der Kulturmensch Zsupán kann beruhigt singen, dass „das Schreiben und das Lesen“ für ihn nicht von Bedeutung ist und behält trotzdem seinen Status als zivilisierter Mensch, während das ‚Naturkind‘ Czipra ihrer Unfähigkeit wegen verlacht wird und ihr Drudenfuß wird zum Wegweiser aus der Gemeinschaft der zivilisierten Kulturmenschen.“

Direktor Meyer auf der Probebühne

„Günter Kaindlstorfer: „Das regt mich wirklich auf?“

Robert Meyer: „Die derzeitige europäische Politik. Die Art und Weise, wie man mit Fremden umgeht. Der schreckliche Rechtsruck, nicht nur in Österreich, überall leider in Europa und, wie wir jetzt in Brasilien gesehen haben, selbst dort.“

Im Oktober 18, auf der Probebühne der Volksoper, in der in wenigen Tagen „Der Zigeunerbaron“ zur Aufführung gelangen wird, und nachher, in der Premierenfeier, was für wunderbare Gespräche es geben wird, getragen von den zwei Hauptwörtern der Stellungnahme der Direktion Meyer: „Aufklärung und Humanismus“ …

Eine Premierenfeier, in der vielleicht das eine oder andere Mal darauf angestoßen werden wird, daß in Österreich der „schreckliche Rechtsruck“ jetzt vorüber sei, mit den Grünen in der Bundesregierung, unter einem Bundeskanzler …

… „die Art und Weise, wie man mit Fremden umgeht.“ Das regte Robert Meyer auf, der gerne Gedichte von Brecht lese, für den Homo faber von Frisch der beste Roman aller Zeiten sei, und der weitermachen will, als Direktor der Volksoper zu Wien in Österreich …

Wie anders hingegen der Umgang in der Volksoper unter Meyer mit Menschen, die für viele nach wie vor „Fremde“ zu sein haben, etwa für den Innenminister, der auf den Beistand des Bundeskanzlers sich verlassen kann, in der Volksoper sind sie in „besten, höchst umsichtigen Händen“

„Der schreckliche Rechtsruck.“ Das regte Robert Meyer auf. Als ob es in Österreich je eines „schrecklichen Rechtsrucks“ bedurft hätte. Nun, welch ein Glück, ist es mit diesem Ruck vorbei. Die Grünen sind in der Bundesregierung, unter einem Bundeskanzler, angetreten, den Kompaß der Rechtssprechung zu polen …

Es hat schrecklich geruckelt, nun aber kein Ruck mehr, nur mehr ein einwandfreier, gemütlicher ruhiger Flug mit dem Österreich, dessen von Frivolität wieder gereinigter Treibstoff nur noch Aufklärung, Humanismus, Bildungbürgerinnentum …

Wunderbar wird es nun wieder sein, in diesem Österreich, mit dem wieder alle zur Premiere fliegen werden, am Letzten dieses Monats 20, wie einst – lang oder kurz vor dem „schrecklichen Rechtsruck“ – nach Mörbisch in das Land des Lächelns …

Robert Meyer, der immer irgendein Buch in Hirnarbeit habe, wird den berühmten Ruf „Nach Moskau!“ kennen. In Österreich lautet dieser Ruf, und jetzt nach dem „schrecklichen Rechtsruck“ wohl wieder so laut wie zuvor, von den sogenannten Hohen und Höchsten in diesem Staate, von der sogenannten Staatsspitze je nach Standplatz abwärts oder aufwärts: „Nach Mörbisch!“

Österreich hat also diesen „schrecklichen Rechtsruck“ überstanden. Er kam in diese Turbulenzen, ganz ohne eigenes Zutun. Er flog nur, wie stets, seine gemütliche österreichische Route, als plötzlich ganz unversehen, ganz unverschuldet es recht heftig in ihm zu ruckeln begann. Aber tapfer schnallten sich wieder alle an, wieder brachten sich und alles in Sicherheit, harrten wieder aus, wußten wieder mit Zuversicht, es wird vorübergehen, alles geht einmal vorüber, und es wird wieder die geliebte unvulgarisierte Zeit kommen, in der weitergemacht werden kann, wie zuvor, in der Österreich wieder von den besten, höchst umsichtigen Händen gelenkt werden wird …

Frage an Radio Strandbad

„Nach 2 Unabhängigen Expertenkreisen zu #Antisemitismus, setzt die deutsche Bundesregierung 2019 eine Expertenkommission zu #Antiziganismus ein. @sebastiankurz, übernimmt auch Österreich eine Vorreiterrolle zur Bekämpfung von Antiziganismus? @EU2018AT“

Diese Frage stellte der Zentralrat deutscher Sinti und Roma am 27. November 18.

Zu einer Zeit also, als die österreichische Regierung eine Regierung der Jagdfliegerfreunde war, er, Kurz, das beste Einvernehmen hatte mit den Kameraderie aus dem Bündnis mit dem Roma-Frage-Innenministers.

Es gibt keine Antwort von Radio Burgenland.

Aber eine solche Frage Sebastian Kurz zu stellen, ist wie eine Frage an — — in einem anderen Land wäre es eine Frage beispielsweise an Radio Eriwan, in Österreich an Radio Strandbad

Frage an Radio Strandbad:
„Ist es wahr, daß Österreich eine Vorreiterrolle übernimmt?“
Antwort:
„Im Prinzip ja. Wenn es ein Pferd gibt.“

Selbstverständlich übernimmt ein von Sebastian Kurz geführtes Österreich eine „Vorreiterrolle“, auch in der Bekämpfung des Antiziganismus.

Und es ist eine Vorreiterrolle, die weit über eine Vorreiterrolle hinausgeht. Denn. Es wird dermaßen vorgereitet, daß „Antiziganismus“ nicht mehr gesagt und geschrieben werden muß, wie das aktuelle Programm der nunmehr kurzigen Regierung belegt.

Richtungsweisend in dieser Hinsicht auch, wie die kurzige Regierung überhaupt richtungsweisend ist, vor siebzehn Jahren …

Abraham a Sancta Clara: „Zigeuner seynd des Judä Iscarioths nahe Brüder und Anverwandte“

„Dergleichen Lumpen-Gesind auch die Zigeuner seynd, welche nicht ohne großen Schaden und Diebstahl alle Länder ausreisen mit dem gedichten Vorwand, als kommen sie aus Egypten, und müssen 7 Jahr lang hin und her wandern zu einer Buß, weilen sie der seligsten Jungfrauen Mariä mit ihrem göttlichen Kind, als sie in Egypten geflohen, einmal die Herberg geweigert haben. Es ist aber solches ein lauteres Gedicht und bloße Schalkheit; dann diese Leut haben das Egpytenland ihr Lebenlang nie gesehen, sondern ist ein solches zusamm gerottes Lottersgesind von allerlei müssigen Leuten, welche denen armen Bauers-Leuten mehresten Theils sehr überlästig, mit Klauben und Rauben ihren Unterhalt suchen, und mit ihrem Wahrsagen den einfältigen Pöbel bethören. Wessenthalben gar wohl die Satzungen Kaisers Caroli V. zu Augsburg auf dem Reichstag Anno 1549 geboten, daß man dergleichen Müssiggeher in Deutschland auf keine Weis‘ gedulden solle. Diese und alle Müssiggeher ins gemein seynd des Judä Iscarioths des Erz-Schelm nahe Brüder und Anverwandte.“

„Du aber erbarmest dich seiner nit, sondern zählest ihn noch unter die liederlichsten Zigeuner-Bursch, als sey er ein Ordinari-Landbettler und wisse gar stattlich die Leut auf der Straße, wann sie allein gehen, zu schröpfen.“

„Was für ein Elend ist es, wann einer wie ein ausgezogener Frosch im Bett liegt, wenn er krumme Finger machet, wie ein Schuster-Kneip wenn ihm die Backen schlampen wie die Schrotbeutel, wenn er die Arm ganz saftlos, kraftlos, haftlos hangen läßt, wenn er wie Duck-Enten mit dem Kopf wacklet, wenn er sich zusammenkrümmt wie ein Taschenmesser, wenns ihm im Bauch schneidet, als hätte er junge Feder-Fechter darin, wenn er den ganzen Tag pfeift wie ein Erd-Zeisel, wenn er ganze Nächt‘ jugetzt wie ein junger Wolf, wenn er sich mit Lumpen und Fetzen einfätschet wie die Zigeuner-Kinder, wenn ihm die Gall in alle Glieder marschiret, ja endlich die blühende Jahr‘ der unverhoffte Tod abschneidet: wer ist daran schuldig, als allein der unbändige Zorn?“

So weit und weiter reicht die Vorgeschichte zurück, die, kurz ist es her, der österreichische Bundespräsident zu bedenken empfahl, wobei gefragt werden könnte, ob er tatsächlich so weit in die Vorgeschichte zu gehen …

So lange wirkt Geschichte nach. Sie wirkte etwa auf die Nationalsozialistinnen, die beim Morden keinen Unterschied machten zwischen „Juden und Zigeuner“, die nur eines gesinnungsheiß begehrten, ein „juden- und zigeunerfreies“ —- schon für Abraham a Sancta Clara waren sie „Brüder und Anverwandte“ …

In der Predigtliteratur „Judas, der Erzschelm“ von Johann Ulrich Megerle, der dann Clara genannt wurde, kommen immer wieder die „Zigeuner“ vor, wie oben beispielhaft zitiert, auf eine Art, nun, wer kennt nicht diese Ergüsse, diese Ausgüsse über Menschen aus seiner Gegenwart, aus ihrem modernen 21. Jahrhundert.

So lange wirkt Vergangenes, das vergangen gemeint, nach, bleibt Vergangenes Gegenwart, und es wird auch sehr viel dafür getan, daß es Gegenwart bleibt, das Vergangene, etwa die Predigten von Clara, mit denen er sich verging. Wie viele Jahre beispielsweise wurden vom österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Predigten des Clara im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ausgestrahlt? Es waren etliche Jahre. Wohl ein Jahrzehnt in etwa, an Feiertagen, an christlichen Feiertagen, zur höchsten Erbauung und Erhebung des in Nächstenliebe ertränkten Christenvolkes. Vorgetragen mit Furor von Romuald Pekny, von einer Kanzel herab hinunter in die Zimmer mit Latexwohnlandschaft und beleuchteter Jesus-Christus-Schneekugel …

So viel wird dafür getan, daß Vergangenes aus der Vergangenheit weiter wirkt, Gegenwart bleibt, zum Vergehen in der Gegenwart, zum Versteigen in der Gegenwart. Straßenbezeichnungen gehören dazu, Denkmäler, Tonwerke

Und alles greift stets ineinander, um das Vergangene weiterzurollen, durch die Gegenwart zu ziehen. Hans Schwathe etwa schuf das Denkmal für Clara, er schuf aber auch ein Denkmal für den sogenannten Turnvater, für den ebenfalls „Juden und Zigeuner“ …

Strauß-Schnitzer – Ihre Dienste werden noch gebraucht

Es hat sich die Direktion von Robert Meyer und die Dramaturgie der Volksoper zu Wien bemüßigt, eine Stellungnahme auf ihre Website zu stellen, warum sie wann und wann nicht Zigeuner in Anführungszeichen setzen.

Eine Stellungnahme, zu der im Grunde nur der Hinweis etwa auf die Arbeit „So elend und so treu …“ über die Wiener Operette von Liefhold genügt, um diese volksoperetterliche Stellungnahme als das zu bestimmen, was sie ist, bloß ein Rettungsversuch der Eigenwahrnehmung als ach so aufgeklärte …

Liefhold hat in seiner Analyse auch des „Zigeunerbarons“ im Grunde bereits alles ausgeführt, und vor allem offengelegt, warum gerade „Der Zigeunerbaron“ nicht zu retten ist. Denn. Mit jeder seiner Aufführungen wird weiter ein Bild von den Menschen verbreitet, die von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft nach wie vor brutal wie kurz als „Zigeuner“ bezeichnet werden,

Einige Anmerkungen sind zu dieser volksoperetterlichen Stellungnahme dennoch unumgänglich.

1

Die Stellungnahme der Volksoper ist das Libretto des „Zigeunerbarons“ in musikloser Prosa.

2

Die Direktion der Volksoper eröffnet ihre Stellungnahme mit dem Couplet:

„Im Bereich des Musiktheaters stößt man bemerkenswerterweise immer wieder auf Sujets und Themen, welche die Kultur der Sinti und Roma thematisieren oder zitieren.“

Hierzu reicht ein Satz von Liefhold:

„Zeitgleich feierten die Väter der Wiener Operetten bedeutende Erfolge mit dem Zigeunerbaron, dem Zigeunerprimas, der Gräfin Mariza oder Frasquita. Auf der Bühne erschien dem Publikum ein anderer Zigeuner als vor dem Theater.“

3

„Alleine die Tatsache, dass wir dieses Werk, welches immerhin ein Meilenstein der Wiener Operette ist, auf den Spielplan gesetzt haben, könnte Irritationen hervorrufen – das war der Direktion der Volksoper und allen künstlerisch Verantwortlichen der Produktion von vornherein bewusst. Denn es ist allgemein bekannt: Die Volksgruppe der Sinti und Roma selbst lehnt die Fremdbezeichnung ‚Zigeuner‘ wegen stigmatisierender und rassistischer Konnotationen größtenteils ab. Auch gesamtgesellschaftlich hat sich deren Eigenbezeichnung – zum Glück! – im Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt.“

Ach, wie großzügig, auf sie zu hören, ach, was für ein Glück, daß es im heutigen Sprachgebrauch weitgehend zur Durchsetzung kam von: „Alles Zigeuner“ …

Oh, und wie viele „Meilensteine“ in der Geschichte … Einen setzte beispielsweise auch Joseph Maria Theresia Habsburg. Mit dem Meilenstein „ethnische Eliminierung“. Einen auch der Mann aus dem Burgenland mit seiner „Zigeunerfrage“, die er und seine Kameradinnen an einem von der Vorsehung für sie erwählten Ort … Gerade in Österreich vulgo Portschyland sollte nicht die „Volksgruppe der Sinti und Roma die Bezeichnung ‚Zigeuner‘ ablehnen, sondern jene, die mit dieser Bezeichnung das Land von den Menschen vor dem Theater …

Und wenn es die Menschen vor dem Theater nicht mehr gibt, dann kann im Theater die Weihefeier von Humanismus und Aufklärung prachtvoller denn je zelebriert werden, können die Figuren mit Zuversicht und höchstem Vertrauen ihr Leben in die besten und umsichtigsten Hände

4

„Mit der Entscheidung, Johann Strauß‘ fantastischer Musik, die er für seine späte Operette Der Zigeunerbaron geschrieben hat, eine Bühne zu bieten, ging für uns und für das gesamte Kreativteam der Produktion selbstverständlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sinti und Roma einher. Aus dieser Reflexion und zahlreichen internen Gesprächen zum Thema resultierend haben wir uns zu folgendem Umgang mit dem Begriff ‚Zigeuner‘ im Zuge der Neuproduktion des Zigeunerbarons entschieden: Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen. In allen anderen – kommentierenden oder weiterführenden – Texten verwenden wir den Begriff jedoch selbstverständlich unter Anführungszeichen gesetzt.“

Die „Zigeuner“, so die volksoperetterliche Dramaturgie, würden selbst ihre Bezeichnung auf den Lippen tragen, also kann nicht von einer Fremdbezeichnung gesprochen werden. Was für komische Menschen das doch sind, die „Zigeuner“. Geben sie sich selbst die Bezeichnung „Zigeuner“, also eine Eigenbezeichnung, und nun lehnen sie größtenteils die Eigenbezeichnung als Fremdbezeichnung ab. Würden Strauß und Schnitzer heute noch leben, diese elend treuen Zigeuner, sie würden mit Rückgrat und Stolz verkünden, sie seien Zigeuner, wie es etwa schon Martin Luther tat, dieser aufrechte und schöpferfürchtige Führer der Zigeunerinnen

5

„Zudem setzt auch Peter Lunds Inszenierung ein Statement und lässt die beiden Protagonistinnen der ‚Zigeuner‘ einige Sätze auf Romani, der Sprache der Sinti und Roma, sprechen.“

Clint Eastwood soll sich sehr darüber ärgern, Peter Lund nicht für seinen Film „Letters of Iwo Jima“ engagiert zu haben. Denn. Mit Peter Lund wäre es ein Meilenstein der Filmgeschichte geworden. Lund hätte die Japaner einige Sätze auf japanisch sprechen lassen. Er soll ausgerufen haben: Was für ein genialer Einfall, gepaart mit genialischer Großzügigkeit! Eastwood soll heute noch darunter leiden, seinen Film vollkommen aus japanischer Sicht und vollkommen in japanischer Sprache …

6

„Als Theatermenschen sind auch wir den Idealen von Humanismus und Aufklärung verpflichtet, und daher sind Johann Strauß‘ Operette Der Zigeunerbaron sowie die darin auftretenden Figuren bei uns in besten, höchst umsichtigen Händen.“

Das wird die Menschen vor dem Theater freuen zu hören

7

Was für eine

umsichtige Bebilderung des „Zigeunerbarons“ … Idylle der Wirklichkeit, gemütlich am Lagerfeuer, der Mann fiedelt, die Frau mit einem Kind, vielleicht das Pflegekind Saffi, das „kein Zigeuner“ ist, das grasende Pferd, ein Planwagen, ein brutzelndes Huhn … glückliche und zufriedene Menschen, denn sie wissen, sie sind im Hause der besten und umsichtigsten …

„Der Zigeunerbaron“ hat ja viel auch mit Ungarn zu tun, nicht nur, weil das Libretto von einem Mann aus Ungarn, also von Schnitzer, daß es wundert, warum die Operette noch keinen anderen Titel bekommen hat, das fällt dazu noch ein, mit Blick auf das Huhn auf dem Spieß … also statt „Der Zigeunerbaron“ könnte die Operette mit einem in Ungarn verwendeten Synonym auch „Baron der Hühnerdiebe“ …

8

Clint Eastwood soll von der Strauß‘ Musik derart begeistert sein, daß er sich dazu entschlossen haben soll, aus der Operette „Der Zigeunerbaron“ einen Film zu machen. Das Libretto von Schnitzer habe er, wird erzählt, gleich gehäckselt und die Librettoschnitzel in den Altpapiereimer … Er wolle vom „Baron der Hühnerdiebe“ lediglich die Komposition von Strauß für seinen Musikfilm nehmen. Er habe eine Drehbuchautorin beauftragt, ihm zu dieser Musik ein ganz neue und gänzlich andere Geschichte zu schreiben, es soll ein Film weder in deutscher noch englischer Sprache werden.

Als möglichen Titel für den Film mit der Musik von Johann Strauß soll er vorgeschlagen haben, der dann freilich, wie immer dieser lauten wird, in die Originalfilmsprache zu übersetzen wäre:

„Your services are still needed“ …

Der Arbeitstitel sei ihm, soll er auf eine Frage der Drehbuchautorin geantwortet haben, eingefallen sein, als er den Titel „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ …

Die Drehbuchautorin, überhaupt das gesamte Kreativteam der Produktion soll Clint Eastwood verpflichtet haben, hierfür soll er eine Anregung der Dramaturgie der Volksoper zu Wien aufgenommen haben, zur intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte der …

Bejubelte Premiere von „Der Zigeunerbaron“ in der Volksoper zu Wien, Begeisterungsstürme für Saffis Lied „Die Zigeuner sind da – Weib, gib Acht auf Dein Kind“

Es wurde bereits allgemein berichtet, mit welch einem Jubel „Der Zigeunerbaron“ in Wien aufgenommen wurde, von Publikum und Kritik …

Zu ermessen aber, was für ein durchschlagender Erfolg diese Premiere war, ist es auch an den Beifallsstürmen für die Saffi, von der immer wieder verlangt wurde, sie müsse das Lied vom „Feind“ immer wieder singen.

„So elend und treu ist Keiner
Auf Erden, wie der Zigeuner,
O habet Acht –
Habet Acht –
Vor den Kindern der Nacht!
Wo vom Zigeuner Ihr nur hört,
Wo Zigeunerinnen sind,
Mann – gib Acht auf dein Pferd!
Weib – gib Acht auf dein Kind!
Dschingrah – dschingrah –
Dschingrah – dschingrah –
Die Zigeuner sind da, –
Dschingrah – dschingrah –
Die Zigeuner sind da! –
Flieh‘ wie du kannst
Und fürchte den Zigeuner
Wo er ersch int,
Ist er ein grimmiger Feind‘
Trian – triandavar
Trian – triandavar,
Flieh‘ wie du kannst
Und fürchte den Zigeuner –
Wo er erscheint,
Da – heija! – kommt er als Feind!“

Nach etlichen Wiederholungen wollten Publikum und Kritik nicht mehr nur Publikum und Kritik sein, sondern Teil der Aufführung, Mitwirkende, so sang Saffi immer wieder das Lied „Und fürchte den Zigeuner“ und Kritik und Publikum antworteten ihr stehend und singend als „Zigeuner-Chor“:

„O habet Acht, –
Habet Acht –
Vor den Kindern der Nacht!
Wenn von Zigeunern Ihr hört,
Wo Zigeunerinnen sind –
Mann – gib Acht auf Dein Pferd
Weib – gib Acht auf Dein Kind!
Dschingrah – dschingrah!
Dschingrah dschingrah!
Die Zigeuner sind da!
Dieses Lied
Sprüht und glüht!
Es durchzieht
Das Gemüth
Treu und wahr,
Hell und klar
Klingt’s fürwahr
Immerdar!“

Die Zuversicht von Direktion und Dramaturgie der Volksoper, daß „von einem aufgeklärten Publikum – aus unserer Sicht – erwartet werden [kann], eigenverantwortlich daraus entsprechende Zusammenhänge herzustellen“, wurde …

Zur vollkommenen Übereinstimmung von Publikum, Kritik, Direktion und Dramaturgie, wie es auch das Schreiben der Volksoper so eindrücklich belegt. Die Aufführung des „Zigeunerbarons“ als Stelldichein der Aufklärung: aufgeklärte Direktion, aufgeklärte Dramaturgie, aufgeklärtes Publikum, aufgeklärte Kritik …

Ein untrügliches Zeichen für Aufklärung, mehr, das Qualitätssiegel für Aufklärung ist das Ausblenden von …

Um auf Ihren Kommentar Bezug [9. Februar 2020] zu nehmen gibt es folgende Stellungnahme auf unserer Webseite: https://volksoper.at/volksoper_wien/
information/news_neuigkeiten/
Anmerkungen_zur_Neuproduktion
Der_Zigeunerbaron_.de.php [13. Februar 2020]

Liebes Publikum!
Sehr geehrte Damen und Herren! 

Im Bereich des Musiktheaters stößt man bemerkenswerterweise immer wieder auf Sujets und Themen, welche die Kultur der Sinti und Roma thematisieren oder zitieren. (Davon ist etwa im Vorwort zur aktuellen Ausgabe unserer Volksopernzeitung zu lesen.) Unsere aktuelle Premiere, Johann Strauß‘ Operette Der Zigeunerbaron, trägt den Begriff ‚Zigeuner‘ sogar im Titel. Alleine die Tatsache, dass wir dieses Werk, welches immerhin ein Meilenstein der Wiener Operette ist, auf den Spielplan gesetzt haben, könnte Irritationen hervorrufen – das war der Direktion der Volksoper und allen künstlerisch Verantwortlichen der Produktion von vornherein bewusst. Denn es ist allgemein bekannt: Die Volksgruppe der Sinti und Roma selbst lehnt die Fremdbezeichnung ‚Zigeuner‘ wegen stigmatisierender und rassistischer Konnotationen größtenteils ab. Auch gesamtgesellschaftlich hat sich deren Eigenbezeichnung – zum Glück! – im Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt. Mit der Entscheidung, Johann Strauß‘ fantastischer Musik, die er für seine späte Operette Der Zigeunerbaron geschrieben hat, eine Bühne zu bieten, ging für uns und für das gesamte Kreativteam der Produktion selbstverständlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sinti und Roma einher. Aus dieser Reflexion und zahlreichen internen Gesprächen zum Thema resultierend haben wir uns zu folgendem Umgang mit dem Begriff ‚Zigeuner‘ im Zuge der Neuproduktion des Zigeunerbarons entschieden: Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen. In allen anderen – kommentierenden oder weiterführenden – Texten verwenden wir den Begriff jedoch selbstverständlich unter Anführungszeichen gesetzt.

Im Vorfeld zur Produktion war unsere Dramaturgie, welche die Produktion inhaltlich begleitet, mit verschiedenen Sinti- und Roma-Initiativen in Kontakt, unter anderem mit Frau Dr. Anja Titze, der kulturpolitischen Referentin des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Mit Frau Dr. Titze haben wir uns einerseits über die beschriebene Begrifflichkeit und die mit ihr in Verbindung stehende Problematik ausgetauscht, andererseits haben wir uns mit ihr aber auch über eine notwendige kritische Haltung in der zentralen Publikation zur Produktion – dem Programmheft – verständigt. Zudem setzt auch Peter Lunds Inszenierung ein Statement und lässt die beiden Protagonistinnen der ‚Zigeuner‘ einige Sätze auf Romani, der Sprache der Sinti und Roma, sprechen. Zu diesem Zweck waren wir mit Vertretern des burgenländischen Vereins Roma Service in Kontakt, die sich der Übersetzung, aber auch Supervision der erwähnten Szenen annahmen. Die Regie von Peter Lund macht den historischen Kontext des Werkes zudem hinreichend erfahrbar, und so kann von einem aufgeklärten Publikum – aus unserer Sicht – erwartet werden, eigenverantwortlich daraus entsprechende Zusammenhänge herzustellen. Als Theatermenschen sind auch wir den Idealen von Humanismus und Aufklärung verpflichtet, und daher sind Johann Strauß‘ Operette Der Zigeunerbaron sowie die darin auftretenden Figuren bei uns in besten, höchst umsichtigen Händen. 

Auf Ihren Besuch in der Volksoper, Ihre differenzierte Betrachtungsweise, Ihre Lektüre des Programmhefts und Ihre etwaige Kontaktaufnahme im Sinne einer konstruktiven Diskussion freuen sich 

Direktion und Dramaturgie der Volksoper Wien“

Premierenjubel für den „Zigeunerbaron“ in der Volksoper zu Wien

„Der Zigeunerbaron“ war ein durchschlagender Erfolg, bei Publikum und Kritik. Immer wieder wieder mußte die Aufführung unterbrochen werden, weil Publikum und Kritik lautstark die Wiederholung dieses und jenes Liedes verlangten. Sängerinnen und singende Darsteller kamen diesen zahlreichen Aufforderungen gerne nach. Denn. Sie lieben ihr Publikum. Immer wieder stellten sie sich vorne an der Rampe auf, um zu wiederholen, was Publikum und Kritik wieder und wieder zu hören frenetisch wünschten. Kritik und Publikum lauschten den an der Rampe zahlreich vorgetragenen Da capos und blickten beseelt und verklärt auf das Bühnenbild dahinter.

Spät in der Nacht noch war vor allem das Bühnenbild erstes Thema in der gemeinsamen Premierenfeier von Publik, Kritik und der Operettentruppe. Das Bühnenbild wurde als ein weiterer darstellender Sänger des „Zigeunerbarons“ gefeiert, gelobt, besonders herausgehoben, Immer wieder wurde auf das Bühnenbild angestoßen. Wie echt, wie wahr, wie wirklich, das Bühnenbild. Ja, so leben sie wirklich. Publikum und Kritik einig darin, sie wären nicht in einem Theater gesessen, sondern, so wirklich das Bühnenbild, in einem Lager, am offenen Feuer bei diesen Menschen, unter freiem Himmel, ach, diese armen und doch so fröhlichen Menschen, wie sie zu leben zu verstehen, auch heute noch, ein ordentliches Stück Fleisch am Spieß, mit Pferd und Wagen durch …

Noch auf dem Weg nach Hause nach der ausgelassenen Premierenfeier, der nächste Tag brach schon an, der dreißigste dieses Monats, war kein Ende, dabei aber ganz und gar nicht leise wie Diebe, des Lobes für das wie aus dem wirklichen Leben gegriffene Bühnenbild, besonders das auf dem Spieß brutzelnde Huhn fand noch reichliche Bewunderung, weil das Huhn allein, so die lautstarke gegenseitige Versicherung auf der Straße, schon das Ansehen dieser Menschen zum Ausdruck bringt, ohne ein einziges Wort noch hinzufügen zu müssen.