Dem Reiche ein Sparvolk

Es wird in diesen Tagen viel von Neuem gesprochen, von Veränderungen.

Was wird das Neue sein? Was werden die Veränderungen sein?

Souvenir Österreich - Norbert Hofer bringt zur Angelobung ein Antrittsgeschenk mitVielleicht wird es als das Neue, als das Veränderte nun Antrittsgeschenke geben. Was könnte etwa Norbert Hofer dem Herrn Bundespräsidenten zur Angelobung der ach so neuen Bundesregierung als Antrittsgeschenk mitbringen?

Vielleicht einen Kelch. Zum gemeinsamen Schwelgen in Erinnerungen an den Wahlkampf 2016, wie das war, als Norbert Hofer Alexander Van der Bellen einen „faschistischen grünen Diktator“ und Peter als Leibarzt des „faschistischen Diktators“ eine besorgniserregende Diagnose …

Und nach der Angelobung und den Erinnerungen an gemeinsame Zeiten als das weitere Neue und als das weitere Veränderte hinaus auf den Balkon mit dem Kelch gen Himmel gestreckt den Menschen zu bringen die frohe Botschaft, dies ist der Euch hingegebene Kelch, trinket alle daraus …

Und unten auf dem Platze – auch das könnte das Neue, die Veränderung sein – verpflegt das Militär mit seinen Gulaschkanonen die Menschen, aber nicht mit Gulasch und Fleisch darin, sondern mit Brennsuppn und Erdäpfeln getreu dem neuen altersher bekannten Spruche: Dem Reiche ein Sparvolk ..

Eric Frey kann nicht rechnen

„Die neue Regierung kann bereits in wenigen Tagen stehen: die Koalition zwischen ÖVP und FPÖ. Eine andere Regierung darf es nicht geben, denn nur diese entspricht dem Wählerwillen. Selten zuvor war eine Koalition demokratisch so stark legitimiert. Jeder Wähler, der sein Kreuzerl bei ÖVP oder FPÖ gemacht hat – und das war eine große Mehrheit -, hat gewusst, dass Schwarz-Blau die wahrscheinlichste Variante ist. Jede andere Kombination – sei es Schwarz-Rot oder Rot-Blau – wäre das Resultat taktischer Spielchen und letztlich Betrug am Wähler.“

Das schreibt Eric Frey am 20. Oktober 2017 in der Qualitätszeitung österreichischen Zuschnitts. Und überschreibt das Ganze mit: „Keine Alternative zu Schwarz-Blau“.

Eric Frey kann nicht rechnen. Denn. Nach den nackten Zahlen des Ergebnisses der Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 entspricht es nicht dem „Wählerwillen“, wie Eric Frey meint …

Es soll ihm daher einmal vorgerechnet werden. ÖVP und FPÖ kommen gemeinsam auf 57,5%. Hingegen kommen ÖVP und SPÖ gemeinsam auf 58,4%. SPÖ, FPÖ und Neos kommen gemeinsam auf 58,2%. ÖVP, SPÖ, Neos und Liste Pilz kommen gemeinsam auf 68,1%. SPÖ, ÖVP und Liste Pilz kommen gemeinsam auf 62,6%.

Bei diesen Ergebnissen also wagt Eric Frey zu behaupten, eine andere Regierung als eine von ÖVP und FPÖ dürfe es nicht geben, weil nur diese dem „Wählerwillen“ entsprechen würde. Nach dem Wahlergebnis haben ÖVP und FPÖ mit 57,5% für eine Koalition die geringste Zustimmung. Eric Frey dürfte den „Wählerwillen“ mit seiner äußerst geringen Vorstellungskraft verwechseln, die ihn nur bis zu einer Koalition von zwei Parteien denken läßt, während Wählerinnen und Wähler nach den nackten Wahlergebniszahlen durchaus für mehrere Koalitionsvarianten offen zu sein scheinen, und auch die Voraussetzungen dafür wählten. Die Koalitionsvariante von Eric Frey hat aber von allen Koalitionsvarianten den geringsten prozentualen Zuspruch.

Eric Frey kann nicht rechnen, und er, um eine moderne, also häßliche Formulierung zu verwenden, kann nicht Geschichte.

Selten zuvor, schreibt Eric Frey, sei eine Koalition demokratisch so stark legitimiert gewesen. Zur Erinnerung: 1970 kamen SPÖ und ÖVP gemeinsam auf 93,1%, 1966 auf 90,91%, 1986 auf 84,4%, 1990 auf 74,9%, 1994 auf 62,6%, 1999 auf 60,06%, 2006 auf 69,67%, 2002 auf 78,81% …

Es ist nie zu spät, die Bedeutung von so einem einfachen Wort wie „Selten“ doch noch zu lernen. Vielleicht hat Eric Frey das Lernen schon aufgegeben. Er hätte doch viel zu lernen. Wie allein an diesem Satz abgelesen werden kann. Neben „Selten“ müßte er sich auch kundig machen, was heißt „stark“, was heißt „legitimiert“ und was heißt gar die Kombination „so stark legitimiert“ …

Jede andere Kombination als „Schwarz-Blau“ wäre, schreibt Eric Frey, „letztlich Betrug am Wähler“. An welchem „Wähler“? Er kann hierbei wohl nur von sich selbst als „Wähler“ schreiben. Nach den obigen nackten Wahlergebniszahlen ist ein „Betrug“ nicht ablesbar … Was aber aus dem von Eric Frey Geschriebenen gelesen werden kann, ist das gänzlich fehlende Vorstellungsvermögen, das über die Zahl 2 hinausgeht. Vielleicht ist Eric Frey bereits von seinen Eltern unverantwortlich darauf konditioniert worden, sich auf die Zwei zu beschränken … es kann fatale Folgen zeitigen, eine ganze Kindheit hindurch nur Bonbons mit der Aufforderung Nimm nicht mehr als 2 …

Es könnte auch noch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, Eric Frey kann rechnen und Eric Frey kann Geschichte. Eine Möglichkeit aber, die ebenso wenig schmeichelhaft für ihn wäre: das Herr-Karl-Syndrom kann an Eric Frey …

Abschließend kann nur einmal noch bekräftigt werden, es gibt nach den nackten Wahlergebniszahlen Alternativen zu „Schwarz-Blau“ …

Und was es wohl endlich braucht in Österreich sind breite Alternativen zu Qualitätszeitungen österreichischen Zuschnitts …

Nationalratswahl Österreich - Eric Frey kann nicht rechnen

 

 

„Fahne für Österreich“, datiert 15. Oktober 2017: Ein Leichengedicht

Österreich

Was je zu erwarten ist, wird gewählt.

Die Wahl am 15. Oktober 2017 bestätigte bloß eines, daß die Flagge von Österreich seit langem schon keine rot/ich/weiß/rot ist, sondern eine schwarz/ich weiß rot/im gsicht/vor lauter blau …

Vielleicht war rot/ich weiß/rot von Ernst Jandl aus dem Jahre 1969, um den vielen Interpretationen noch eine hinzuzufügen, ein Gedicht des ungeduldigen Herbeischreibens einer Gegenwart, auf die nicht länger mehr gewartet werden wollte, endlich aus der so fern, fern empfundenen Zukunft ausgegraben wird, für das Hier und Jetzt … Und diese von der Zukunft ersehnten Gegenwart ist dann ja auch bald, zwar nicht zur Gänze, aber doch …

Wäre die Fahne für Österreich nicht aus dem Jahre 1969, hätte Ernst Jandl seine Vier-Wörter-Fahne erst Jahre später geschrieben, dann freilich bliebe nur eine Interpretation im Sinne von Gesellschaft und Politik übrig: melancholisch vorausschauender Abgesang. Und in welchem Jahr hätte Ernst Jandl seinen Abgesang rot/ich weiß/rot schreiben können? Favorit dafür wäre wohl das Jahr 1997, als die Hoffnungen und Erwartungen schrumpften, erfüllt schon gesehen wurden mit einem Ausflug nach Maria Taferl  …

Und hätte Ernst Jandl seine Fahne für Österreich mit 15. Oktober 2017 datiert, eine Leichenrede …

Was in Österreich bloß noch zu erwarten ist, wird gemacht.

Und wenn jetzt nach der Wahl am 15. Oktober 2017 das Feilschen und das Berichten über das Feilschen um eine Regierung beginnt — schwarz/ich weiß rot/im gsicht/ vor lauter blau — identitär …

Wenn die Wirklichkeit in Österreich nichts mehr hergibt, als das Erwartbare, ist die Zeit gekommen, für Gedichte, oder wenigstens das Nachdenken über Gedichte, die nichts zu tun haben mit … Und das wird, mag es paradox klingen, vielleicht das Politischste werden, wenn Österreich in Kulturlosigkeit untergeht …