Mythos Algorithmus

„Nicht erst Donald Trump zeigt, dass digitale Medien nicht per se demokratisch sind; die Gefahren der digitalen Wende wurden durch diesen Irrglauben lang genug verniedlicht. Mit Facebook, Google oder anderen Social-Media-Giganten kann man keine Allianzen schließen; man kann sie nur bekämpfen oder sich ihnen unterwerfen.  Ich bezweifle die von TV-Moderator Armin Wolf aufgestellte These, sie ließen sich ‚mit Journalismus unterwandern‘. Einerseits ist Journalismus das Gegenteil von Social Media: Er besteht aus erprobten Verfahren, die idealerweise wechselseitige Kontrolle und Reflexion des zu Veröffentlichenden garantieren. Fünftens: statt Allianzen mit Facebook braucht es die politische Forderung, dass digitale Plattformen öffentlich-rechtlich sein müssen. Mit transparenten Algorithmen! Die Kommunikation aller mit allen dient der öffentlichen Grundversorgung. Sie ist nichts, was sich für privaten Profit eignet. Wo sind hier die Initiativen des ORF?“ 

Das sprach Armin Thurnher anläßlich der Verleihung eines Preises für sein Gesamtwerk am 22. März 2017 …

Ein Sonntag ist wohl der ideale Tag, darauf zurückzukommen.

Erster Satz von Armin Thurnher, daß „digitale Medien nicht per se demokratisch“ seien …

Donald Trump zwitschert. Armin Wolf zwitschert. Florian Klenk zwitschert. Vielleicht zwitschert auch Armin Thurnher. Christian Kern zwitschert. Robert Misik zwitschert. Marcus Franz zwitschert. Es ist ein Gezwitschere von … bis …

Demokratischer kann es nicht mehr zugehen.

Nur jene, die ihre Inhalte nicht in einer Totalität verbreitet finden, wie sie es für ihre Inhalte als berechtigt und naturgegeben ansehen, verwechseln menschgemäß das Produkt Plattform mit den mittels Produkt Plattform verbreiteten Inhalten.

Zweiter Satz von dem Nichtschließen von „Allianzen“, von dem „Bekämpfen“ und dem „Unterwerfen“ …

Es müssen mit „Facebook, Google und anderen Social-Media-Giganten“ keine „Allianzen“ geschlossen werden. Wer schließt mit seiner Waschmaschinenmarke oder ihrer Automarke eine „Allianz“? Niemand. Bügeleisenunternehmen stellen Bügeleisen her, die von Menschen gekauft und genutzt werden. Nichts anderes machen „Facebook, Google und andere Social-Media-Giganten“: sie stellen Produkte her, sie stellen das Produkt Plattform her, das von Menschen nicht einmal gekauft, sondern nur genutzt zu werden braucht. Wie schäbig von den Menschen, es nicht ausschließlich für thurnhersche Inhalte zu nutzen. Ist es nicht der Masse Sinn und Existenz, der Lenker und Lenkerinnen Wort zu verkünden?

Bekämpfen, wen? Es sind die Menschen, die diese Plattformen nutzen. Armin Thurnher schlägt also vor, auch die Leser und Leserinnen seines Täubchen Falter zu bekämpfen, denn auch diese pflastern reichlich die Plattformen. Nein, die will er nicht bekämpfen. Denn. Die schreiben auf den Plattformen, wie er, ach so demokratisch, ach so lieb, ach so frei von Haß, und sie verbreiten auf diesen Plattformen brav das in seinem Täubchen Geschriebene.

Unterwerfen, wen? Es will kein Bild dazu einfallen, wie ein Mensch sich einem Produkt,  etwa einem Pürierstab unterwerfen kann. Die Plattformen sind so etwas wie gigantische Pürierstäbe, auf den Plattformen wird alles zu einem Megabrei püriert, die Zutaten für diesen Brei liefern die sogenannten klassischen Medien, also auch sein Falter, zumindest in Österreich, vor allem in Wien, besonders wohl für den Neubaubrei.

Dritter Satz von der These des Armin Wolf …

Kein anderes Produkt, also kein Bügeleisen, kein Auto, keine Waschmaschine, kein Pürierstab ist so von „Journalismus unterwandert“. Welches Medium nutzt nicht extensiv diese Plattformen. Ist nicht Armin Wolf ein exemplarischer Unterwanderungsmeisternachrichtensprecher? Und sein Falter? Na ja, ein Täubchen der Unterwanderung.

Vierter Satz: „Journalismus“ sei das „Gegenteil von Social Media“ …

Journalismus ist nicht das Gegenteil von „Social Media“, sondern die Grundlage von „Social Media“. Und das ist die große Verwechslung. Es wird irrtümlich angenommen, es hat etwas mit Medien zu tun, weil wie in den sogenannten klassischen Medien eben Schrift zum Einsatz kommt. Die Plattformen wären leer, gäbe es nicht den Journalismus. Nein, nicht ganz. Dann gäbe es nur die Bildchen vom pürierten Sonntagseintopf, mit ein paar Zeilen dazu, ach wie gut der Pürierstab wieder funktioniert habe und wie gut der Mansch, die Smoothies wieder mundeten.

Woran dachte er, Thurnher, bei der Aufzählung der Vorteile des Journalismus: „erprobte Verfahren, idealerweise wechselseitige Kontrolle und Reflexion? An die erprobten Verfahren, wechselseitige Kontrollen und Reflexionen bei Preiszuerkennungen?

Fünfter Satz, siebenter und achter Satz von der „politischen Forderung, statt Allianzen mit Facebook brauche es digitale Plattformen, die öffentlich-rechtlich … von der öffentlichen Grundversorgung … vom privaten Profit und den Initiativen …“

Kann es eine größere Grundversorgung noch geben, als etwa durch das Unternehmen Facebook, das das Produkt Plattform herstellt und zur Verfügung stellt, die von Milliarden von Menschen genutzt wird? Dafür müßte Österreich ein Weltreich sein. Eine öffentlich-rechtliche Grundversorgung ist national gedacht. Weshalb gibt es nicht ein österreichisches Unternehmen, die dermaßen erfolgreich das Produkt Plattform herzustellen und zu verkaufen weiß? Das auch einem Armin Thurnher gefiele und genehm wäre. Es reichte halt bloß zur Grundversorgung in Neubau, und müßte wohl bald zum Insolvenzgericht. Weshalb ist sein Täubchen nicht öffentlich-rechtlich? Weshalb eignet sich der Journalismus vom Falter für privaten Profit, oder macht sein Täubchen keinen Profit für seine Stiftungen?

Sechster Satz von den „transparenten Algorithmen“ …

Der Algorithmus mausert sich zum Mythos der ach, so modernen Zeit. Es heißt etwa, das Unternehmen Google liefere ausgewählte und also bestimmte Suchergebnisse. Informationen werden nach bestimmten Algorithmen gefiltert, Suchende werden einseitig und tendenziös … Nun. Gehen Sie einmal in ein Computergeschäft, wählen Sie nach dem Zufallsprinzip einen eingeschalteten Computer aus. Sie werden kein anderes Suchergebnis erhalten, als Sie auf ihrem Heim- oder Arbeitsplatzcomputer erhalten haben.

Oder. Achten Sie auf der Plattform des Unternehmens Facebook, was Ihnen empfohlen wird, welche Informationen Sie erhalten. Es sind auf irgendeine Art und auf unterschiedliche Weise jene Menschen involviert, mit denen Sie eine „Freundschaft eingegangen“ sind … eine Freundschaft eingegangen sind, ist in den allermeisten Fällen zu hoch gegriffen, genauer: mit den Sie eine „Freundschaft“ geklickt haben.

Abschließend bleibt nur eines, das gesagt werden kann.

Schrieben alle, beispielsweise auf der Plattform des Unternehmens Facebook oder des Unternehmens Twitter wie Armin Thurnher oder Armin Wolf, dann wäre alles gut, und Facebook wäre der gelobte Kontinent, Twitter das versprochene Land, und Armin Thurnher schritte voran und verkündete: Folget mir in das gelobte Land, wahrlich, ich hole Euch ab, kommet heraus, ich bringe Euch heim auf den versprochenen Kontinent in das gelobte Land! Dem gegeben ward vom Propheten Karl-Friedrich der heilige Name Nordkorea.

Auf in das gelobte Land - Twitter

Hat der Geehrte, Armin Thurnher, sich selbst geehrt?

Bedankt sich der Geehrte Armin Thurnher bei sich selbst.jpg

Hat der Geehrte, Armin Thurnher, sich selbst geehrt? Und die Frage ist hinzuzufügen: Hat der Geehrte, Armin Thurnher, sich dann auch noch bei sich selbst bedankt, daß er mit sich selbst geehrt hat?

Es hätte durchaus nachgefragt werden können, ob das Jury-Mitglied Armin Thurnher mitstimmte oder gar nicht daran teilnahm, als es darum ging, ihm, Thurnher, den Bruno-Kreisky-Preis für das publizistische Gesamtwerk …

Nun, wie das tatsächlich war, wie der geehrte Juror sich dabei wirklich verhielt, das ist nicht weiter wichtig, das wird auch nicht bemäkelt. Es will bloß dieses Farbfleckerl aufbewahrt gewußt werden.

Dieses Farbfleckerl auf dem Sittenbild. Und was zu diesem Sittenbild des Landes so alles einfällt beim Lesen, auch beim Lesen der Preisrede des Geehrten, des „Doyen des österreichischen Journalismus“ … was für ein Glück, ihn, Thurnher, als aktiven Journalisten zu haben, was für ein wohltuender Gegensatz zum „bürgerlichen Gewissen der österreichischen Publizistik“

Zuerst fiel dazu ein, ob nicht alle diese Farbpatzer zusammen ein Gesamtbild der Sitten in diesem Land malen, der Sitten, die das Erstarken der identitären Kraftlackerln so recht begünstigten und weiter begünstigen

Und dann beim Lesen der Preisrede drängte sich die Erinnerung an eine Betriebsrätin auf, die in einem ihrer jährlichen Leistungsberichte in der Belegschaftsversammlung nicht vom eigenen Betrieb, nicht von der eigenen Betriebsratsarbeit sprach, sondern eine Rede zur Lage der Welt hielt. Der Geehrte spricht viel von der Welt, von der Sozialdemokratie, von der Sozialdemokratie in anderen Ländern, und dabei von den Männern der Vergangenheit, und der österreichischen Sozialdemokratie rechnet er es wohl hoch an, nicht diesen fatalen Willen eines Schröders, eines Blairs … Dieses Verdienst ist wohl mehr einem Land geschuldet, in dem es nicht so offen und klar die Gemeinheit, aber unter der Tuchent … gefederter Neoliberalismus, wie es eben gemeiniglich so gemütlich gefällt auf österreichische Bauernart … In einem Land, in dem sich sogar ein Führender aus der Industriellenvereinigung beispielsweise in der Pressestunde streckenweise anhören kann, als wäre er ein Sozialdemokrat oder gar noch …

Der Doyen spricht von Bruno Kreisky, von seinen sozialdemokratischen Nachfolgern im Kanzleramt nicht, nein, doch, er sagt: „… lieber Alfred Gusenbauer, ich habe zu danken.“ Er spricht viel etwa von Donald Trump, er weiß viel Konkretes zu berichten, aus anderen Ländern, er bleibt sehr im Allgemeinen, mit dem Österreich gemeint sein könnte … ein Doyen ist eben zu interpretieren, wie ein Kardinal, der von seiner Kanzel herab spricht, oder eine Kammerschauspielerin, die das Käthchen von Heilbronn gibt … Konkret spricht er etwa an die von Donald Trump geplanten Streichungen von Subventionen für Kultur und Medien … Konkretes, das aus Österreich zu berichten wäre, zu Kultur und Medien … ein Doyen ist auch ein vornehmer Mensch, er läßt die anderen das Konkrete sprechen, die haben schließlich einen Plan, gar einen sozialdemokratischen Plan A: Kunst und Kultur machen keine Arbeit mehr. Endlich.

Zu den Medien fällt ihm doch etwas Konkretes ein, das mit Österreich zu tun hat, die Familie Dichand und die „Krone und ihre noch widerlicheren Enkel“ … Ein Doyen ist kein Marktschreier, und das macht es verständlich, daß er hier nicht lobend erwähnte, den sozialdemokratischen Plan der Förderung, ach, wie löblich, nicht nur im Vergleich mit Trump: Österreich heute: Krone der Kultur

Der Geehrte fragt: „Warum scheint Politik nach Art Bruno Kreisky aus einer anderen Epoche zu stammen?“ Er fragt nicht, aus welcher Epoche stammt die Parteipolitik von Christian Kern … aus der Zeit, als es „Ostarbeiter“ … er hätte auch fragen können, wie bastelt sich der derzeitige sozialdemokratische Kanzler seine Welt? Dann könnte eine Antwort lauten: Die kronenreale Welt des Christian Kern … und ein bißchen imperialgelbliches Holz gehört auch zum Weltbasteln dazu, das aber wird beim gemeinschaftlichen Basteln von der sozialdemokratischen und christschwarzen Regierung eingesetzt: 300 Jahre Ahnherrin der Integration in Österreich

Unzensuriert.at ist nicht aus dem „FPÖ Umfeld“, sondern ist FPÖ unzensuriert

Unzensuriertes Umfeld

In der dieswöchigen Ausgabe des Falters schreibt Nina Horaczek,

„Die Onlinesite unzensuriert.at ist eine extrem rechte Hetzseite aus dem FPÖ Umfeld, auf der besonders gerne gegen Flüchtlinge und den Islam gewettert wird.“

und sie zitiert Richard Schmitt, der hier ebenfalls schon, wie gelesen werden kann, zitiert wurde unter Berücksichtigung einiger Aspekte, die von ihr nicht angesprochen wurden.

„Wir sind da in einer Auseinandersetzung mit Medien, die der rechte Rand installiert hat, mit unzensuriert.at und anderen Seiten.“

Bei dieser Schwammigkeit – über dessen Beweggründe gar nicht nachgedacht werden will, weil es nur zur Verzweiflung führen kann – muß wieder einmal daran erinnert und klar ausgesprochen werden, daß es sich bei Unzensuriert nicht um eine Website aus dem „FPÖ Umfeld“ handelt, sondern um eine aus dem Zentrum der FPÖ.

„Umfeld“ würde nur dann stimmen, wenn „Umfeld“ ein Synonym für „Zentrum“ wäre, oder die nachfolgend zur Erinnerung genannten Personen bloß als „FPÖ Umfeld“ eingestuft werden.

Installiert wurde FPÖ unzensuriert von Dr. Martin Graf. Als er dritter Nationalratspräsident war. Das ist der „rechte Rand“, um Richard Schmitt zu zitieren, in Österreich.

Norbert Hofer - VogelfreiEine Zeitlang wurde Norbert Hofer als Autor von FPÖ unzensuriert geführt. Er ist dritter Nationalratspräsident. Das ist der „rechte Rand“ in Österreich. Zu dem mit einer dritten Chance richterlich Beschenkten stellt sich eine, zwar nicht wichtige, aber doch eine Frage. Wann wurde wohl von FPÖ unzensuriert entschieden, seinen Namen nicht mehr prominent gleich beim Titel „Vogelfrei?“ aufscheinen zu lassen? Wie in der Collage zum Vergleich gelesen werden kann. Als er seine Verteidigung für Martin Graf schrieb, wie hier nachgelesen werden kann.

Auch Andreas Mölzer war einmal als Autor von FPÖ unzensuriert geführt. Zu dieser Zeit war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Das ist der „rechte Rand“ in Österreich. Als er nicht mehr Abgeordneter war, war er auch nicht mehr Autor von FPÖ unzensuriert, dafür kam Martin Lichtmesz hinzu

Erst vor kurzem ein Gastkommentar von Johann Gudenus. Er ist Vizebürgermeister in Wien. Und in der FPÖ selbst ist er ja bloß „Umfeld“. Das ist der „rechte Rand“ in Österreich.

Nationalratsabgeordnete Barbara Rosenkranz als die ausgewiesene „Kolumnistin“ der FPÖ unzensuriert. Das ist der „rechte Rand“ in Österreich. Harald Vilimsky, Abgeordneter im Europäischen Parlament, schreibt über den „Brexit“ auf FPÖ unzensuriert. Das ist der „rechte Rand“ in Österreich.

Und die jährlichen Wünsche zum Weihnachtsfeste und für ein erfolgreiches neues Jahr – ach, alles bloß der „rechte Rand“ in Österreich …

Und so weiter und so fort.

Aber das alles mußte erst vor kurzem dargelegt werden, als eine andere Wochenzeitung sich ebenfalls dieser Schwammigkeit verpflichtet fühlte, wie gelesen werden kann, wobei auch auf die wirtschaftlichen Verflechtungen eingegangen wurde:

FPÖ unzensuriert: Die angemessenste Website für eine identitäre Parlamentspartei, seit es Websites gibt.

Die österreichische Lebenslüge – Udo Jürgens war einer ihrer Schlager und Sänger

Es wurde gestern doch etwas harsch über einen Artikel in der Tagezeitung „Die Presse“ geschrieben, der von Udo Jürgens und dem Tanzcafé Lerch handelt. Das war berechtigt, aber es muß diesem Artikel doch positiv angerechnet werden, die Geschichte mit den Auftritten von Udo Jürgens im Tanzcafé Lerch nicht unter der Tuchent gelassen zu haben, weil es, wie nun manche meinen, pietätlos sei, einem Toten die Geschichte mit den Massenmördern

Es ist diesem Artikel das einerseits also positiv anzurechnen, weil ohne diesen Artikel nichts je zu Udo Jürgens hier geschrieben worden wäre, wobei allerdings weder Udo Jürgens noch Ernst Lerch noch das Café der Nazis und Nazissen Mittelpunkt der Überlegungen waren, sondern „Die Presse“ selbst. Andererseits wird es – ausgelöst durch diesen Artikel – für den letzten Tag des Jahres 2014 als unangenehm empfunden, sich mit der österreichischen Lebenslüge zu befassen, feststellen zu müssen, daß diese nach wie vor prächtig gedeiht und verbreitet wird …

Udo Jürgens und die österreichische GeschichtslügeWie in der Collage gesehen werden kann, haben sehr viele Medien in Österreich – „Profil“, „ORF“, „Vorarlberger Nachrichten“, „Wiener Zeitung“, „Heute“, „Kurier“, „Die Presse“ in ihrer ersten Reaktion auf den Tod, „Tiroler Tageszeitung“ – die biographischen Angaben bereitwillig aufgenommen und verbreitet, die auf der Website des Managements von Udo Jürgens veröffentlicht sind. Wer noch alles diesen schmeichelnden „Steckbrief“ veröffentlicht hat, wurde nicht weiter recherchiert, aber, das kann gesagt werden, es haben diesen auch Medien beispielsweise in Deutschland übernommen.

Und es ist ein zurechtgerückter und schmeichelnder Steckbrief. Denn keine Rede davon, daß sein Vater ein NS-Bürgermeister war, keine Rede von den Auftritten im Tanzcafé Lerch. Dafür aber findet der Gasthof Valzachi für den ersten Auftritt Erwähnung; ist doch schmeichelhafter als das Café der Nazis und Nazissen. Dafür aber auch die Angabe, daß der Onkel Bürgermeister war, selbstverständlich nach 1945, höchstwahrscheinlich deshalb, weil es nach 1945 war. Der Vater also plötzlich so unwichtig, daß sein Beruf nicht erwähnenswert ist. Nicht einmal, daß er auch nach 1945 noch einmal Bürgermeister war … Es ist ja die große Tradition, die Berufe der Onkels anzugeben, aber nicht die der Väter. Dafür aber die Angabe, daß Hans Arp, ein berühmter Dadaist, ein Onkel ist, auch der Beruf des Großvaters darf nicht verschwiegen werden … Wenigstens die „Neue Kronen Zeitung“ vergißt nicht auf den Beruf des Vaters: „25 Jahre Bürgermeister“ – auch Medien differenzieren nicht, es wird zusammengezählt, was zusammengehört, aber gesagt soll es nicht werden. Wie allerdings die Kronen-Zeitung auf 25 Jahre kommt, ist ihr Rätsel. Das erste Mal war Rudolf Bockelmann Bürgermeister von 1938 bis 1945 in der nationalistischen Massenmorddiktatur des deutschen reiches … Und das zweite Mal von 1954 bis 1958. Es waren doch schwere Jahre, jene von 1938 bis 1945; vielleicht zählen diese für die Kronen-Zeitung doppelt oder gar dreifach … Oder war Rudolf Bockelmann als Großgrundbesitzer für viele Jahre der heimliche Bürgermeister, weil eben Gutbesitzer die wahren Herren im Land sind?

Das wäre alles nicht erwähnenswert, würde Udo Jürgens nicht ein Buch vorgelegt haben, das von nicht wenigen als ein Buch der „NS-Bewältigung“ … Damit hat Udo Jürgens selbst vorgegeben, wie er zu messen ist. Ein derartiger „Steckbrief“ ist dann nicht mehr zu akzeptieren. Wie viele Medien aber in diesem Land nach wie vor eine derart geschönte Biographie bereitwillig verbreiten, ist wohl dem Umstand geschuldet, daß in Österreich nach wie vor die Lebenslüge bevorzugt wird, es sei niemand dabei gewesen, niemand aus der Familie hätte irgend etwas damit zu tun gehabt, und auch nach 1945 hätte nie einer aus der Familie weiter mit denen etwas zu tun gehabt, oder ihnen gar geholfen, sich ihrer Verantwortung und ihrer Verurteilung entziehen zu können … Eine Empfehlung: „Schlagersänger differenzieren nicht“ von Berndt Rieger …

Aber genug, das ist genug. Positiv daran ist, einen Vorsatz für das neue Jahr doch noch zu haben, nämlich nichts mehr zu Udo Jürgens zu schreiben. Dabei fiele jetzt schon viel ein, worüber geschrieben werden könnte. Beispielsweise über die Standesdünkel eines Schloßbesitzersohnes, wird etwa an die Verfilmung von „Der Mann mit dem Fagott“ gedacht. Wie in diesem Film ein sogenannter kleiner Mann aus dem Volk ohne Großgrundbesitz als bösartiger und gehässiger Nazi dargestellt wird, während der Schloßgroßgrundbesitzervater als feinnerviger und edler Mann portraitiert wird, der auch als Bürgermeister anständig bleibt … Jedoch, auch für Heinrich Himmler war Anständigkeit höchster Wert – beim Morden anständig geblieben zu sein

PS Zum 80. Geburtstag von Udo Jürgens im September 2014 wurde ein Atlantikbuch herausgebracht: „Udo Jürgens – Sein Leben, Seine Erfolge“, im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. Auf Seite 19 beginnt die „Chronologie eines Lebens“ … Was Sie hier an Angaben lesen könnten, würden Sie dieses Buch eines doch sehr angesehenen Verlages kaufen, ist, deshalb müssen Sie es gar nicht mehr kaufen, nämlich genau das, was im oben genannten Steckbrief …

Sebastian Fasthuber singt für Udo Jürgens das Lied vom makellosen Steckbrief

Sebastian Fasthuber singt für Udo Jürgens das Lied von der makellosen Falterweste.

PPS Und auch die Wochenzeitung „Falter“ brachte bereits in ihrer Ausgabe 39/2014 eine Huldigung an die österreichische Lebenslüge durch Herrn Fasthuber ein … Vater Bockelmann wird als Bürgermeister erwähnt, aber ohne Hinweis in welchen Jahren, Onkel Bockelmann wird als Bürgermeister erwähnt, jedoch mit Angabe der Jahre, die sind schließlich unverdächtig und gereichen der Familie Bockelmann zur Ehre, da nach 1945 … Und selbstverständlich darf Onkel Hans Arp nicht fehlen, um Udo Jürgens auch in einem intellektuell derart über den Nebeln schwebenden Magazin, wie der „Falter“ eines ist, höchste Würdigung mit einer makellosen österreichischen Weste der Marke Falter … Dabei weist schon der „Falter“-Titel „Unterm Bademantel Gänsehaut“ auf „Unterm Smoking Gänsehaut“ hin, aber vielleicht kannte Sebastian Fasthuber bloß den Titel, oder, er las bloß sabbernd die geilen Stellen über den „Lumpenhund“ … Gerade diese erste Biographie war in bezug auf seinen Vater ein forcierter Versuch der besonderen Geschichtsdarstellung, damit auch Vater wohl gut zu dieser Familie paßt mit dem weltberühmten Hans Arp, und damit auch zum „Falter“, die später von Udo Jürgens doch etwas korrigiert wurde – war doch zu viel Schminke aufgetragen: Vater sogar …

Der Falter, der aus der Krone schlüpfte

Auch andere Überschriften paßten durchaus zu diesem Exemplar:

Stefan Apfl erschreibt sich einen Terroristen

Stefan Apfl erschreibt sich einen Mustergardisten

Terrorismus macht jeden Falter schiach

Österreich will kein Stiefkind des Terrors sein

Stefan Apfl verwechselt Propaganda mit Aufklärung

Bei diesem apflschen Aufmacher ist die Versuchung groß, den Artikel Satz für Satz durchzugehen, aber, um es nicht ausufern zu lassen, sollen lediglich ein paar Teile zur Vorstellung dieses Mustertextes näher betrachtet werden.

Stefan Apfl schreibt bereits in seinem zweiten Absatz,

Maqsood L. war ein strenggläubiger Mustergardist. Mehr noch, er war Soldatenvertreter, also das „Verbindungsorgan“ zwischen Heer und Muslimen“.

Wird den gesetzlichen Bestimmungen (Wehrgesetz § 44) gefolgt, und es darf angenommen werden, das österreichische Bundesheer befolgt strikt österreichische Gesetze, kann Maqsood L. höchstens Soldatenvertreter seiner Einheit gewesen sein, also nicht das „Verbindungsorgan“ zwischen „Heer“ … Die Rechte von einem Soldatenvertreter sind in diesem Paragraphen aufgezählt, die Religionen werden nicht angesprochen.

Ein Aufmacher im Konjunktiv ist kein Aufmacher, wird Stefan Apfl sich wohl gedacht haben, und hat sich allmählich zu Tatbeständen vorgearbeitet, die einen Aufmacher rechtfertigen:

Von der Möglichkeit

Bevor Maqsood L. ein afghanisches Terrorcamp absolviert und gegen Nato-Truppen gekämpft haben soll […]

in der Schlagzeile zu seiner Gewißheit im Text:

[D]ass der Wiener damals nach Afghanistan gereist war, wo er eine Ausbildung in einem Terrorcamp absolviert hat […]

Was für einen hohen Stellenwert Maqsood L. seinerzeit besaß, als Soldat der Garde, kann auch abgelesen werden, welchen Stellenwert er in diesen Medienberichten einnahm.

Sie alle ließen sich den Alltag muslimischer Gardisten ausgerechnet von L. erklären. „Wenn wir als Muslime hier vertreten werden, ist das super. Darauf haben wir lange gewartet“, erzählte L., damals 19 Jahre alt, etwa dem Standard. Der deutschen Zeit wiederum verriet er: „Mein Vater sagt. Erst das Militär macht dich zum Mann.“

Wer den Artikel im Standard vom 7. Februar 2008 aufruft, wird vergeblich nach diesem zitierten Satz suchen. Das ist der einzige Artikel, auf den der Standard selbst am 28. Juni 2011 in diesem Zusammenhang verweist. Der Satz wurde tatsächlich geschrieben, aber von einer anderen Zeitung, den betreffenden Artikel hat die Süddeutsche bereits archiviert, freilich im Internet zu finden. Stefan Apfl hat diesen also nicht erfunden

Für Stefan Apfl ist die Garde eine Vorzeigetruppe, es gibt auch andere Meinungen – Strafkompanie, wie etwa in dem vom ihn selbst angesprochenen Zeit-Artikel vom 31. Oktober 2008. Und auch in diesem Artikel kommt wieder diese Wichtigkeit von …

Stefan Apfl erwähnt in seinem Aufmacher auch Thomas Al-J., der verdächtigt wird, einen Anschlag geplant haben zu sollen, dafür bereits trainiert haben zu sollen. Aber mit diesem Verdacht wird als Anschlagsziel kein Ort in Österreich genannt, sondern ein Gebäude in Deutschland. Das ist bitter, nicht einmal ein österreichischer „homegrown terrorist“ … Allerdings wäre das auch die große Chance für einen breiten, gelassenen, umfassenden Diskurs, fern von der sich medial und parteipolitisch gut verkaufenden Reduzierung auf Sicherheit. Aber das Gefährdetseinwollen bringt sogar einen Falter dazu, zur Larve zu werden.

Damit endlich zu einem Ende gekommen wird, ohne auch noch hinterfragen zu wollen, ob mittlerweile tatsächlich jeder zweite bei der Garde an Allah glaubt, wie Stefan Apfl schreibt, wenn ja, dann wäre das eine enorme Steigerung (denn 50 waren es nur laut dem Standard vom 7. Februar 2008) von 2008 bis zur ersten Jahreshälfte 2011, ein Zitat noch von Stefan Apfl,

Wenn sich eine Lehre aus den Fällen Thomas Al-J. und Maqsood L. ziehen läßt, dann die, dass Österreich sich nicht mehr in Sicherheit wiegen kann. Die Frage, wo die Grenze zwischen postpubertärer Wichtigtuerei […]

das für die Frage an Stefan Apfl benötigt wird, wie schätzt er seine Schreibe ein, liest er es selbst, von hinten beginnend mit dem Interview?

Den Ort des Treffens verrät der Sprecher des Verfassungsschutzes erst zwei Stunden vorher. Der Weg führt hinaus aus Wien, an den Rand eines verschlafenen Dorfes.